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Anton Stengl hat für philosophers today nachfolgendes Feature zur Situation der Philosophie in der Türkei verfaßt. Die Linkhinweise sind ausschließlich in türkischer Sprache, was seine Schilderung noch einmal unterstreicht.
Leser, die Ihre Meinung zu Stengl´s Statement abgeben wollen, sind hierzu gerne eingeladen. Die Einsendungen werden an dieser Stelle (auszugsweise) veröffentlicht.
mailto: philosophers-today@onlinehome.de
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Die heutige, die moderne Türkei ist stolz auf ihren radikalen Bruch mit allem, was mit der osmanischen Tradition zu tun hat oder haben könnte.
Hier liegt bereits eine enorme Problematik. Wie weltlich dieser Staat tatsächlich ist, sei nämlich dahingestellt. Islamischer (d.h. sunnitischer) Religionsunterricht ist Pflichtfach in den Schulen - trotz der Vielfalt an Religionsgemeinschaften in Anatolien, die religiösen Imam-Hatip-Schulen sind staatlich, jedes Neugeborene ist automatisch Moslem, falls kein begründeter Antrag gestellt wird, eine andere oder keine Religionszugehörigkeit festzustellen. (Mein in der Türkei geborener Sohn ist - da ich sofort seine Geburtsurkunde brauchte und nicht die Zeit hatte, einen entsprechenden Antrag zu stellen und die monatelange Bearbeitungszeit abzuwarten - auf diese Weise Mohammedaner geworden).
Die islamistischen Hizbullah-Gruppen im türkischen Kurdistan wurden vom Staat gefördert, als Waffe gegen die PKK - bis sie sich verselbstständigten. Gleichzeitig wurde aber die damalige gemässigt islamistische «Refah»-Regierung vom Obersten Sicherheitsrat (überwiegend aus den Militärs bestehend, der verfassungsgemäss die höchste Instanz darstellen) abgesetzt.
Um sich auf den Bereich der «reinen» Philosophie zu beschränken, ist festzustellen, dass eine positive (und das heisst begründet kritische) Aufarbeitung der Tradition des Islam und der islamischen Philosophie (ohne auf diesen Begriff weiter einzugehen, gemeint sind z.B. die Neu-Aristoteliker Ibn-Sina (Avicenna), Ibn-Rushd (Averroe), Al-Farabi etc.) kaum stattfindet.
Stattdessen haben wir jedoch den offiziellen Widerstand gegen islamistische Strömungen und z.B. das Kopftuch-Verbot für die Frauen im Öffentlichen Dienst und die Studentinnen.
Der türkische Nationalismus (Atatürkismus) als offizielle Staatsideologie lässt jedoch einen ungehemmten Zufluss europäischer Gedankenwelt nicht zu. Nicht nur weil sie «von draussen» kommt. Kosmopolitische wie atheistische Konzepte sind nicht willkommen.
Zudem stellt auch die letzte Verfassungsänderung fest, dass «Aufruf zum Klassenkampf» verboten ist. Marxistische Philosophie zu betreiben, ist daher nicht unproblematisch. Sicher gibt es überall Bücher von Marx und Poster von Che, und es kommt auch mal vor, dass eine Doktorarbeit über die «Frankfurter Schule» abgeliefert (und akzeptiert) wird. Aber es bleibt das unangenehme Gefühl, vielleicht doch eines Tages Schwierigkeiten zu bekommen: vom Militärputsch des 12.Juli 1981 waren in irgendeiner Weise rund 30.000 Schul- und Hochschullehrer betroffen, von der Strafversetzung (bis heute ein beliebtes Mittel zur Disziplinierung) bis zum Berufsverbot oder dem Gefängnis.
Übrigens ist die vorübergehende Machtergreifung der Armee und die Absetzung von gewählten Regierungen verfassungsmässig verankert: die Generäle als Garanten der Republik haben die Plicht, eine Regierung abzusetzen oder im Krisenfall die Macht zu übernehmen, wenn die atatürkischen Prinzipien in Gefahr zu sein scheinen.
Wir haben also weder eine akzeptierte autochtone Denktradition (z.B. sind die türkischen Alevi wie auch der Mystiker Mevlana tabuisiert) noch eine problemlose Akzeptanz westlicher Philosophie.
Der nationalistische (oder besser: chauvinistische) Charakter des Staates ist ein Hindernis.
So wurden z.B. 1942 vom Türk Dil Kurumu (der offiziellen «Türkischen Sprachgesellschaft», die immer noch an der Arbeit ist) rund 1.400 philosophische Begriffe arabischen oder europäischen Ursprungs durch Wörter des «Öz Türkce» (der «ursprünglichen, wahren» türkischen Sprache, letztendlich einer Kunstsprache) ersetzt. Das Ergebnis ist Sprachverarmung und Unklarheit in den Begriffen.
Es geht also keineswegs nur um eine fehlende Tradition philosophischen Denkens (und damit ein allgemeines Desinteresse an Philosophie), sondern um eine latente Problematik zwischen der in der Aufklärung gereiften westlichen Philosophie verschiedenster Richtung und dem rigorosen türkischen Chauvinismus, der auch auf Religiösität als Machtmittel zurückgreift, als Staatsideologie, die die Widersprüchlichkeiten der aktuellen türkischen Gesellschaft annullieren möchte.
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Publikationen
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Vor einiger Zeit wurde die Zeitschrift «Defter» nach über zehnjähriger Erscheinungszeit eingestellt, schon zuvor erlitt die Zeitschrift «felsefelogos» (an der ich fast zwei Jahre lang mitgearbeitet hatte) dasselbe Schicksal. In der Wirtschaftskrise war das Interesse zu gering geworden. Beide Zeitschriften erschienen in Istanbul und wurden von Hochschulprofessoren verschiedener Unis herausgegeben. |
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Im Moment erscheint meines Wissens nur noch eine einzige rein philosophische Zeitschrift, die «Praksis», die von einer Gruppe wissenschaftlicher Assistenten der Ankaraner Universitäten mit dem Ziel einer Erneuerung/Fortführung eines akademischen Marxismus herausgebracht wird.
http://praksis.fisek.com.tr
praksisdergi@yahoo.com
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Kulturzeitschriften mit philosophischen Einschlag
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Güney (3-monatlich, auch in Deutschland erhältlich)
e-mail: guneydergisi@yahoo.com
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