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REZENSION
Whitehead, Alfred N.
Prozess und Realität
Entwurf einer Kosmologie
übersetzt und mit einem Nachwort versehen von H.G. Holl
2. überarbeitete Auflage
Suhrkamp Verlag; Frankfurt a.M. 1984
Alfred North Whitehead (1861-1947) arbeitete von 1924 bis 1936 als Professor für Philosophie an der Harvard Universität, USA. Ein Schüler von ihm war Bertrand Russell (1872-1970) und in seiner Philosophie, die er nach seiner Professur für angewandte Mathematik in London von 1911 bis 1924 lehrte, vertraute er oft auf Platon. In diesem Buch greift er nun auf Platons >Timaios< zurück. Dies alles lässt erahnen, dass Whiteheads >Kosmologie< nicht einfach zu lesen ist, man|frau benötigt schon etwas Geduld, um mit diesem Konzept vertrauter zu werden.
Das Werk ist im eigentlichen Sinne keine Monographie, sondern es beinhaltet >Vorlesungen< oder eine Phase, >die mit Descartes begann und mit Hume endete<. Gehalten wurden die Vorlesungen vor 1929, aber erst 50 Jahre später wurden sie ins Deutsche übersetzt. Aufgrund der Komplexität des Inhalts wird darauf verwiesen, dass dieses Buch auch als das mittlere einer Trilogie angesehen werden kann: >Wissenschaft und moderne Welt< (1925); >Prozess und Realität< (1929); >Abenteuer der Ideen< (1933). Mit dem ersten Buch dieser Bücher meinte man, u.a. Habermas, bereits die Erkenntnistheorie von Parsons zu erblicken. Mit dem zweiten fanden einige gar Berührungspunkte zu «Adornos negativer Dialektik». Mit dem dritten ließ sich bemerken, «dass man neue Ideen nicht mit alten Begriffen ausdrücken könne», was u.a. Luhmann nicht verschmähte. Für die Philosophie sind dies schon erstaunliche Verbindungen, jedoch Fakt ist nun einmal, dass die Erkenntnistheorie von Parsons oder dessen AGIL-Schema vor allem mit dem Buch >Prozess und Realität< verknüpft ist. Zur platten Entschuldigung, warum dies denn der akademischen Soziologie nicht auffiel, lässt sich eventuell vorbringen, dass sie es so nicht wissen konnte, weil die >Vorlesungen< ja erst 1979 bzw. 1984 ins Deutsche übersetzt wurden. Wie die Philosophie mit der Ignoranz von Whitehead umgeht, sei dahingestellt, ich werde einmal kurz demonstrieren, was für die Soziologie aus Whiteheads Arbeit folgt.
In Deutschland 2004 ist ein öffentliches Thema die «Elite-Universitäten», die Elite-Universität seit langem ist die Harvard Universität. An ihr lehrten u.a. William James, Lawrence Henderson (1878-1942), Alfred Whitehead und Talcott Parsons. Das besondere ist nun, dass die letztgenannten Wissenschaftler eng verknüpft waren und alle «europäische Autoren» studierten. Jedoch tat es Parsons nicht irgendwie, sondern unter Hendersons Führung und Whiteheads Einfluss mit außerordentlicher Berücksichtigung von James. Ohne Whitehead ist nun nicht leicht zu verstehen, was denn genau Parsons mit «Konvergenz» (1937) bzw. «Kongruenz» (1979) meinte. Die Antworten finden sich, wie nicht anders zu erwarten, hier bei Whitehead. Ein klein wenig Mengenlehre (Konvergenz) und ein bisschen Geometrie (Kongruenz) machen die wissenschaftlichen Probleme nach dem Ersten Weltkrieg und vor dem Zweiten Weltkrieg schon verständlicher. Hier braucht man|frau keine Angst zu haben, dass Whitehead wenig von der Mathematik verstand, denn er schrieb zusammen mit Russell die Werke >Principia Mathematica<. Aber es kommt noch besser.
Whitehead weist ausdrücklich darauf hin, dass er sich auf Platons >Timaios< stützt. Dies ist insofern wichtig, da Platons späte Phase >Timaios, Kritias, Minos und Nomoi< umfassen. >Minos und Nomoi<, so zeigte sich, waren für Montesquieu interessant. >Timaios und Kritias< verweisen auf etwas Denkwürdiges, nämlich auf Atlantis. Ohne nun hier die Ideen von Whitehead zu sezieren, sei auf dessen >Nexus< (Zusammenhang) zurückgegriffen. Wenn Atlantis in der Gegenwart von Platon mit dem >physischen Empfinden< verknüpft wäre, dann weist dieses Phänomen eine Beziehung zur Vergangenheit auf. Wenn es aber mit dem >begrifflichen Empfinden< verknüpft wäre, dann steht Atlantis mit der Zukunft in Verbindung. Im zweiten Fall kann Atlantis >ein zeitloser Gegenstand< sein, bei dem sich nach James die Zeitperspektiven umkehren. Als ein solcher Gegenstand erscheint dann der ideale Staat, auf den dann Rousseau zurückgriff. Einmal abgesehen davon, dass den Professoren der Elite-Universität Rousseau entschlüpfte, ist aber richtig, dass sich hierüber leicht einmal über >Urnatur< und >Folgenatur< nachdenken lässt.
Nun mag eventuell gedacht sein, was solche Überlegungen bringen, aber da eben Whitehead auch derjenige ist, der auf den >Trugschluss der unangebrachten Konkretisierungen< oder auf den >Trugschluss der unzutreffenden Konkretheit bzw. der einfachen Lokalisierung< hinwies, seien die Überlegungen auch konkretisiert. Zur Zeit von Whiteheads Vorlesungen arbeitete Parsons (1928/1929) in seiner ersten Abhandlung über Sombart, Weber und Marx. Anschließend kam er in Kontakt mit Henderson, der ihn nicht nur auf wichtige Arbeiten der Harvard Universität aufmerksam machte. Mit Hilfe von Henderson, mit dem Whitehead zusammenarbeitete oder umgekehrt, schrieb Parsons (1937) sein Erstwerk und unterschied dort die «positivistische und idealistische Tradition». Die positivistische Tradition wurde zur Grundlage der Soziologie und die idealistische Tradition wurde zum Hintergrund seiner Philosophie. Diese Sichtweise verfeinerte er später (1953) durch das AGIL-Schema. Grundlage dafür ist der soziologisierte Einheitsakt («unit act») von Whiteheads philosophischem >wirklichen Ereignis<. Bei der Übertragung spielte Tönnies die entscheidende Rolle.
Mittels des AGIL-Schemas lässt sich dann ermitteln, dass für die positivistische Tradition für Parsons gilt: G = Freud, L = Durkheim und I = Tönnies. Über Whitehead und weiteren historischen Tatsachen ergibt sich für die idealistische Tradition: A = Platon, G = Rousseau und L = Kant. Wie zu erkennen, fehlen einerseits für die Soziologie oder für die positivistische Tradition das soziale System A, und andererseits für die idealistische Tradition oder für den philosophischen Hintergrund von Parsons das soziale System I. Nun kommen über Whitehead zwei Dinge ins Spiel: 1) begründet er seine >organische Philosophie< so, dass sowohl Einsteins Relativitätstheorie als auch Freuds Psychoanalyse eingebunden werden können; und 2) verfolgt er die Entwicklung der Philosophie von Descartes, Locke, Hume und Kant. Wie jetzt leicht zu erkennen, entgeht ihm nicht nur Rousseau, sondern es fehlen z.B. auch Hobbes und Pascal, vergessen hat er auch u.a. Marx und Nietzsche.
Die einfache Frage lautet, wie sich Parsons auf der Grundlage der >Kosmologie< von Whitehead wohl entschieden hat. Wie füllte also einer der bedeutendsten Vertreter der akademischen Soziologie über die >zeitlosen Gegenstände< (z.B. Bücher) die ihm fehlenden «sozialen Systeme»? Nun, Parsons entschied sich gar nicht, er konnte es u.a. wegen Whiteheads Arbeitsweise nicht, sondern erst Werner Stark lieferte die fehlenden Bausteine der Erkenntnistheorie.
Wenn dieses arbeitslastige Werk von Whitehead genauer studiert wird, also wenn Berücksichtigung findet, dass >eigene Vielheit< und >eigene Einheit< erst entwirren, was so schwer zu sein scheint, nämlich >dass doch ist, was sein kann<, so entfalten sich «neue Ideen». Es gilt dann für idealistische Tradition von Parsons: A = z.B. Platon, G = z.B. Rousseau, L = z.B. Kant und I = z.B. Pascal; und für die positivistische Tradition: I = z.B. Tönnies, L = z.B. Durkheim, G = z.B. Freud und A = z.B. Nietzsche (unverfälscht). Na, da schaue man|frau doch einmal, wer von den «Etablierten» (Elias) für die moderne Soziologie geeignet ist.
Aber das ist ja noch nicht alles, was Whitehead mit seinen Wegen anbahnte. Er verweist eben auch auf das >Neue< über >Kontraste<. Da erschien aber schon am Horizont seine nachfolgende Generation und die zeigte sich wie folgt: I = z.B. Stark, L = z.B. Parsons und G = z.B. Arendt. Was ist aber nun wieder das «Soziale System» A? Dieses kann sich nach Whitehead nicht auf Nachträume, sondern nur auf «Tagträume» oder >Visionen< beziehen, d.h. A = z.B. Ernst Bloch (1885-1977). Nehme man|frau es so, wie es Whitehead anmerkte: >Es ist lediglich «Gewohnheit», die ihn dazu veranlasst, seine früheren Erfahrungen mit den späteren in Zusammenhang [Nexus-NZ] zu bringen<. Mit dem kleinen Seitenhieb auf Könner und Könnerinnen sei noch ein Satz von Whitehead präsentiert: >Die Hauptgefahr für die Philosophie ist die Enge in der Auswahl des Anschauungsmaterials<. Wie Louis Lewin bemerkte, ist auch >Sehnsucht< eine Sucht, deshalb löst sie das Problem zwischen >Fließen< (Heraklit) und >Beständigkeit< (Platon) nicht.
>Unsterblichkeit< gibt es im >ontologischen Prinzip< objektiv selten, auch wenn es Whitehead sehnsüchtig erhoffte, denn wie er selbst feststellte, sind >zeitlose Gegenstände< nach James negativ wichtig, also sie benötigen einen >Brennpunkt<. Mit Elias könnte >Über die Zeit< erkannt werden, dass schon der Weber von Parsons (1928/29) tot war, bevor ihn einige Unverbesserliche gar noch im 21. Jahrhundert für lebend erklärten. So nehme man|frau dann zur Kenntnis, dass es wissenschaftlich sinnvoll ist, sich durch Whiteheads >Prozess und Realität< zu arbeiten, bevor Zeit verschwendet wird, mit «Gewohnheit» der Dummheit zu huldigen. Korrupt ist es, >Prozess und Realität< zu ignorieren, aber so zu tun, als ob man|frau etwas von der Soziologie versteht.
Wegen des >Trugschlusses der unangebrachten Konkretisierungen< kann es auch genauer gesagt werden. Wer Weber erwähnt, ohne Whiteheads >Prozess und Realität< zu besprechen, will in der modernen Soziologie mit äußerster Vorsicht behandelt werden, denn dahinter muss sich wohl «Anomie» (Durkheim) verbergen. Wer immer Weber erwähnt, sollte nicht vergessen anzumerken, dass er dieses Buch von Whitehead kennt, ansonsten gibt es Probleme.
Wer noch nicht so recht weiß, weshalb Whitehead so bedeutend wurde, dem sei zugeflüstert, dass er der Begründer der >spekulativen Philosophie< ist, man|frau kann auch sagen, seine Botschaft war >Das Prinzip Hoffnung< (Bloch).
noz
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