philosophers today-Besprechungsservice

"Die moderne Soziologie"

* zur Überblicksseite «Moderne Soziologie»
. .



cover

REZENSION

Popol Vuh – Das Buch des Rates
Upanishaden – Die Geheimlehre der Inder
übertragen und eingeleitet von A. Hillebrand

Eugen Diedrichs Verlag; Köln 1988



Die Upanishaden entstammen einer Kultur und einer Zeit, die Angaben erstrecken sich von 600 v. Chr. bis 400 n.Chr., oder einem sozialen Milieu, die mit dem Geist der späteren Übertragungen ins Hochdeutsche kaum in Einklang gebracht werden können. Insofern ist es hilfreich, nicht nur eine Übertragung zur Kenntnis zu nehmen, sondern auch neuere Bücher über die Upanishaden heranzuziehen. Jedenfalls dann, wenn ein Interesse daran besteht, sich mit Anfängen der Philosophie und Dichtkunst zu beschäftigen. Die Upanishaden, die u.a. das Absolute, das Selbst, die Weltseele, die Einzelseele, den Pfad, die Erkenntnis und die Kontemplation ansprechen, erscheinen aber eher als Mittler zwischen Ursprung (Veden) und Vollendung (Vedanta). In etwa wird damit ein Weg vom Wissen über die Lehre (Upanishaden) zur Einsicht erzeugt. Deren Tragweite, das gebe ich zu, ganz bestimmt nicht durch das Lesen und die Kenntnis der Texte erkannt werden kann. Damit ist dann auch gesagt, dass die eigentliche Übersetzung für die Upanishaden besagt, dass es auf >das-Sich-in-der-Nähe-Niedersetzen< ankommt.

Die Upanishaden sind eine über Generationen gesammelte heilige Lehre. Sie dienen wahren Lehrern (Gurus) bei ihren guten Schülern als Grundlage. Lehrer kann man nicht einfach durch ein Studium werden, sondern dazu bedarf es Kontemplation, Askese, Meditation, Yoga, Einsamkeit u.v.m. Letztlich ist die Basis das Selbst. Dies behandeln die Upanishaden als eine Seite, die andere Seite erfasst die Schüler und Schülerinnen. Sie wiederum haben sich durch Reinigung, Studium und Unterricht zu bewähren. Erst nach Überprüfung der Reinigungen und Kenntnisse der Dialoge von Teilen der Upanishaden wird ihnen z.B. gewährt, eine Frage zu stellen. Die Beantwortung kann für ihren Pfad zum Selbst hilfreich sein.

Um etwas die Komplexität zu vereinfachen, sei der Anfang der Prashna-Upanishad des hier vorliegenden Buches zitiert: >Sechs Weise nahen sich als Schüler dem heiligen Pippalada ...< Die insgesamt sieben Personen verweisen auf eine Zahlensymbolik. Gleichzeitig sind die Weisen nicht als normale Schüler (6-19jährige) zu verstehen; der Lehrer, dem sie sich nähern, ist durch sein Attribut in die Nähe eines Brahmanen gerückt. Damit ist auch das Kastensystem von Bedeutung. Ferner ist mit der Einführung angedeutet, dass hier zwei Prinzipien aufeinandertreffen, nämlich Sonne (Prána) und Mond (Rayi). Im folgenden können nun die sechs Weisen jeweils eine Frage stellen. Nachdem diese namentlich aufgeführt wurden, stellt der zuletzt Genannte die erste Frage und der zuerst Genannte die sechste Frage. Die Beantwortung der letzten Frage berührt dann den ewigen Kreislauf (Samsara).

Das Besondere ist nun, dass jeder einzelne Schüler mit seiner Antwort seine Funktion finden und erfüllen kann. Die Weisen aber können die sechs Antworten verknüpfen, und letztlich hat der Brahmane die Teile in ein Ganzes, das wieder ein Teil von einem größeren Ganzen ist, zusammengefügt. Die Prashna-Upanishad ist also wieder ein Teil der Upanishaden. Um nur diesen Lehrteil aufzugreifen, sei angemerkt, dass es sich lohnt, nicht nur neuere Übersetzungen zusätzlich zu lesen, sondern hilfreich ist es, Übertragungen aus anderen Sprachen zu lesen. Dann ist durchaus zu spüren, welch eine Tiefe oder Höhe die Upanishaden erreichen und wie viel davon verloren geht, wenn lediglich ein bestimmter Text gelesen wird. Die vierte Frage, also die der dritten Person (er, sie, es &Mac246; Singular; sie &Mac246; Plural), berührt das Wachen, Träumen und den Tiefschlaf. Wer wüsste nicht, wie das Wachen die Empirie und das Träumen die Psychoanalyse beschäftigt hat. Der Tiefschlaf, ein wichtiges Thema in den Upanishaden, ist bei den westlichen Wissenschaftlern ausgespart worden.

Wie dem auch sei, die Prashna-Upanishad gehört zur mittleren Phase der Upanishaden, was bedeutet, dass davor die ältesten und danach die jüngeren Upanishaden erscheinen. Insgesamt gibt es 108 anerkannte Upanishaden, und nicht alle finden sich in dem hier vorliegenden Buch. Weder sind die Übersetzungen in ihm immer gelungen, noch sind alle einführenden Bemerkungen, einleitenden Zusammenfassungen und erklärenden Zusätze angemessen. Nichtsdestotrotz ist dieses Buch ein ausführbarer Einstieg in wesentliche Grundlagen für die Menschenwissenschaften.

Diesen Gedankenkreis kannten u.a. Hegel und Schlegel. Durch Schopenhauer (1788-1860) wurde er den Welten von Richard Wagner und Friedrich Nietzsche einverleibt. Georg Simmel (1858-1918) trug mit diesen einige Ideen weiter. Mit Max Webers Religionssoziologie (Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie II) wurde dann alles verwässert. Bezeichnenderweise war es Talcott Parsons (1902-1979), der mit seinem Hinweis auf den Guru (The American Academic Profession - A Pilot Study), kurz nachdem die Beatles (eine Popgruppe) aus Indien zurückkehrten, wieder auf diese Lehren verwies. Im Werk >Die amerikanische Universität< (Original 1973; deutsch 1990) hat Parsons in seinem Grundverhältnis Dozent-Student seine Erkenntnisse integriert. Womit ich nicht behaupte, dass die Knabenliebe von Parsons zu Weber die tolle Idee ist, sondern meine, dass das Lesen und die Kenntnis der Upanishaden einen rechten Weg ermöglichen kann.

noz

*

*