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REZENSION
Ferdinand Tönnies
Gemeinschaft und Gesellschaft
Grundbegriffe der reinen Soziologie
Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt; 1988
1887 veröffentlichte Tönnies sein Erstwerk. Er lehrte in Kiel und war Präsident der Deutschen Gesellschaft für Soziologie von 1909, Gründung, bis 1933, Auflösung. Er selbst wurde gleichzeitig 1933 von den Nationalsozialisten entlassen und starb, ins Abseits gedrängt, 1936. Erstens wurde er aus dem Abseits nie mehr befreit, denn der ursprüngliche Untertitel des Buches lautete: Abhandlung des Kommunismus und des Sozialismus als empirischer Kulturformen, und zweitens geht es gar nicht nur um Soziologie, denn Tönnies identifizierte sich mehr mit der Philosophie der Gegenwart. Das erste veranlasste den amerikanischen Soziologen Parsons dazu, das Buch um 1950 lieber nicht zu nennen, denn dort ist er gerade noch vom McCarthyismus verschont geblieben. Die Konsequenz war, dass in der Folge in der Sozialsystemtheorie die Werke von Tönnies vergessen wurden. Das zweite veranlasste andere Soziologen, Tönnies schlicht auszugrenzen und andere Wissenschaften verwiesen auf den neueren Untertitel, um ihn ignorieren zu können. Unabhängig davon, dass in Kiel auch Deussen und Rhode, gute Bekannte von Nietzsche, lehrten, war Tönnies mit Rée und Salomé, auch sehr gute Bekannte von Nietzsche, befreundet. Diese Freundschaft brachte die Nietzsche- und Simmel-Anhänger gegen ihn auf, so dass von da aus auch keine Annäherung stattfinden konnte. Aber es geht noch weiter, Salomé lernte bei Freud und wurde die Freundin von Anna Freud, doch aufgrund der positiven Äußerung von Salomé über Tönnies wurde er auch von dieser Seite aus verschwiegen. Wäre das schon alles, könnte ich zum Inhalt übergehen, aber da ist noch etwas, denn Weber konnte nicht Präsident der Deutschen Gesellschaft für Soziologie werden, was ihn ärgerte, und zu allem Überfluss veröffentlichte Tönnies sein Erstwerk (1887) vor Durkheims Erstwerk (1893), so dass Durkheim nicht mehr generell als der Gründungsvater der Soziologie angesehen werden konnte. Was blieb, waren in der Folgezeit durchaus Hinweise auf das Buch, und viele haben Auszüge daraus gelesen, aber der Rest ist Schweigen. Selbstverständlich gibt es neuere Versuche, die Bedeutung von Tönnies für die Soziologie und Philosophie wieder zu beleben, aber diese sind erst dann erfolgversprechend, wenn überhaupt erst einmal erkannt wird, was das Erstwerk von Tönnies eigentlich wirklich beinhaltet. Es enthält die gesamte Basis der Sozialsystemtheorie von Talcott Parsons oder anders gesprochen, es liefert das fehlende vierte Paradigma von Parsons. Der Schlüssel dazu ist, was Tönnies direkt auf der ersten Seite bemerkt, die erste Verbindung begreift er als organisches Leben und die zweite als mechanische Bildung. Durkheim (1893) jedoch hat es anders gemacht, er begriff die erste Verbindung als mechanische Solidarität und die zweite als organische Solidarität. Nun gilt, dass das Organische (Tönnies) gleich das Mechanische (Durkheim) ist, aber das Mechanische (Tönnies) ist nicht das Organische (Durkheim). Tönnies sagte dazu schlicht, dass ihn Durkheim wahrscheinlich gar nicht ganz gelesen hat, sonst wäre er nicht dazu gekommen, die mechanische Bildung abzulehnen. Tönnies hatte oberflächlich recht, denn Durkheim hatte ausgeklammert, dass seine organische Solidarität etwas mit dem Kürwillen zu tun hat.
Damit in etwa gesehen werden kann, mit welchen Inhalten sich das Buch von Tönnies beschäftigt, sei zunächst einmal angemerkt, dass er vier Hauptteile darbietet: Allgemeine Bestimmung der Hauptbegriffe, Wesenwille und Kürwille, Soziologische Gründe des Naturrechts sowie Anhang: Ergebnis und Ausblick. Im ersten Teil befinden sich die Theorien von Gemeinschaft und Gesellschaft, im zweiten Teil werden die Willensformen präsentiert, im dritten Teil erläutert er u.a. das Selbst, das Recht und den Staat, im vierten Teil berührt er u.a. die Moral und die Zeitalter.
Zunächst einmal ist es ein leichtes Unterfangen, die ersten beiden Hauptteile einerseits mit Familie (Gemeinschaft), Wirtschaft (Gesellschaft) und andererseits mit Begierde (Wesenwille) und Verstand (Kürwille) zu übersetzen. Hier nun greifen Zeitgenossen von Tönnies ein. Einer (Nietzsche) konnte es nicht mehr sehen, einer (Simmel) wollte es nicht sehen, denn da war kein Raum mehr für Distanz und Herde. Einer (Freud) achtete es nicht, denn die etwas andere Betrachtung der Begierde passte so gar nicht ins Konzept, einer (Weber) fand die Typen Gemeinschaft und Gesellschaft zu simpel. Genauso wie Weber schien auch Durkheim in die Falle zu gehen, denn auch er konzentrierte sich hauptsächlich auf die Übertragung in Familienleben (Gemeinschaft) und Berufsleben (Gesellschaft). Wie nachzulesen ist, unterscheidet Tönnies aber zwei Typen sozialer Verhältnisse und zwei Typen individueller Willensformen.
Die nachfolgende Generation ging die Sache etwas anders an. Parsons (1951) konzentrierte sich mehr auf den ersten, zweiten und vierten Hauptteil, also es fehlte noch immer etwas. Er sah nun bei Tönnies, dass Kirche (Gemeinschaft), Wissenschaft (Gesellschaft), Privatheit (Wesenwille) und Öffentlichkeit (Kürwille) zu unterscheiden ist. Ferner meinte Parsons, dass die Gemeinschaft (z.B. Kulturen der Mayas oder Aborigines) der Gesellschaft (z.B. Monarchie oder Kapitalismus) bei Tönnies vorangeht. Womit in letzter Beharrlichkeit die USA das System der modernen Gesellschaften am besten repräsentieren müsste. Ungefähr 100 Jahre nach dem Erstwerk von Tönnies stellte ein anderer Soziologe (Stark) fest, dass das doch überhaupt nicht den Inhalt des Buches von Tönnies erfassen kann und stützt sich dabei nun auf alle Hauptteile. Er bemerkt, dass Gemeinschaft für die Religionen steht, Gesellschaft für die Globalisierung, Wesenwille für das Dionysische (Tat) und Kürwille für das Apollinische (Begriff). Die Brücke zum frühen Nietzsche war geschlagen, die auch Tönnies später bestätigte.
Es war allerdings Durkheim (1912), der den Schlüssel zum Erstwerk von Tönnies lieferte. Er hatte, obwohl sich nur auf den ersten Hauptteil stützend, so nebenbei bemerkt, dass weiße Magien noch nicht das Soziale sind. In der Tat bemerkt Tönnies auf der ersten Seite, dass er die Verhältnisse gegenseitiger Bejahung betrachtet. Damit sei dann auch darauf hingewiesen, was das Werk von Tönnies so interessant macht. Tönnies sieht in der Gegenwart eine Spannung zwischen z.B. Alt (Gemeinschaft) und z.B. Neu (Gesellschaft) sowie eine Unterscheidung zwischen Yang (z.B. männlich) und Yin (z.B. weiblich). In der Soziologie benötigt man|frau, um ein Verständnis für soziale Prozesse zu entwickeln, das Studium von bejahenden und verneinenden Beziehungen. Jedenfalls die Sozialsystemtheorie von Parsons ist ohne die bejahenden Beziehungen schwerlich zu verstehen, womit gefolgert werden kann, wie bemerkenswert eigentlich das Buch von Tönnies ist. Abweichungen davon lassen sich durch Dialoge denken oder empirisch nachweisen, aber das erlöst nicht davon zu überlegen, was als böse oder gut angenommen wird.
Jedenfalls mit dem Buch von Tönnies scheint es mir leichter zu sein zu verstehen, dass jenseits davon weder heutige kollektive Fliegenbeintransformationen noch heutige individuelle Wahrheitsberichte Lösungen für soziale Probleme sind. Vielleicht gelingt es beim Lesen des Buches zu ahnen, dass beim Trittbrettfahren mit multimedialen Tatsachen mehr auf schwarze Magie zurückgegriffen wird, als gemusst, gewollt oder gekonnt ist. In der heutigen Zeit ist vieles möglich, aber aus seiner Haut fahren kann derzeit kein Mensch. Wie dem auch sei, das Erstwerk von Tönnies ist ohne Zweifel ein Weg in eine vernünftige und moderne Menschenwissenschaft.
noz
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