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"Die moderne Soziologie"

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REZENSION

Werner Stark, edited by Kate Stark
The Social Bond
An Investigation into the Basis of Law-abidingness
Volume VI
Threats of the Social Bond – Lawlessness Rampant (Fragments)

Fordham University Press
New York 1987


Kate Stark veröffentlichte im Anschluss von Band 5 im selben Buch die verbliebenen 18 Seiten des sechsten Bandes ihres Mannes. Acht Seiten umfassen Titelblätter, Inhaltsverzeichnis und Vorwort, auf acht Seiten erstreckt sich die unvollständige >Einführung< und zwei Seiten beinhalten >Fragmente<. Die >Einführung< ist mit Abschnittsnummern versehen, d.h. diese Teile gehören zum Gesamtwerk >The Social Bond<. Dies ist vor allem deshalb wichtig zu bemerken, weil somit das Gesamtwerk von Abschnitt 1. bis Abschnitt 172. vorliegt. Der innerste Kern dieses Bandes, soviel kann trotz der unvollendeten Schrift erahnt werden, hat etwas mit der Zeit zwischen 1933 und 1945 zu tun.

Um in etwa nachvollziehen zu können, was Werner Stark mit seinem 6. Band anvisierte, bedarf es schon des Blicks auf das Jahr 1944. In diesem Jahr findet in Amerika eine Konferenz «Deutschland nach dem Krieg» statt. Parsons (1945) steuerte dazu ein Arbeitspapier mit dem Titel >Das Problem des kontrollierten institutionellen Wandels< bei. Diese Schrift wird 1969 von Parsons in seinem Buch >Politics and Social Structure< erneut veröffentlicht und dort mit weiteren Informationen vorgestellt. Interessanterweise finden sich Starks Worte über diese damalige Zeit unter der Überschrift >Politics< (Band 5), womit es angebracht ist, diese Bezüge nicht zu übergehen. Parsons stellt 1969 eine Frage, die letztlich für das Buch >The Social Bond< wichtig wurde: «Was waren die Verantwortlichkeiten der Sieger, zentriert auf die Frage, wie eine Wiederholung des Holocaust zu verhindern ist, das ganze Ausmaß, in Form der «Endlösung», war damals noch nicht umfassend zu begreifen»?

Für Stark konnte dies ab 1969 nicht mehr nur eine Frage «der Sieger» sein, sondern die Frage betraf >jeden verantwortlichen Bürger<, und darüber aufklären musste die Soziologie, denn diese Disziplin ist mit sozialen Kräften, sozialen Problemen, sozialen Kontrollen und sozialen Hilfen verknüpft. Zu lange wurde in der akademischen Soziologie geschwiegen, und Stark entschloss sich, die soziologische Aufklärung voranzutreiben. Um dies leisten zu können, hatte er sich von den bisher gängigen Theorievorstellungen, die er aufgrund seiner Arbeiten über Wissenssoziologie kannte, zu trennen. Er bewegte sich mit dem Entwurf seiner sechs Bände in Richtung der modernen Soziologie. Da der 6. Band unvollständig bleiben wird, fehlt noch etwas, aber es lässt sich mit der auch nicht vollständigen >Einführung< so viel erkennen, dass das, was es noch zu bedenken gilt, schon gefunden werden kann. Die moderne Soziologie wird möglich, d.h. die erscheint am Horizont.

Bemerkt sei, dass dieser Band aus fünf Kapiteln bestehen sollte: >Einführung: Der Kampf ums Dasein; 1 Bewaffneter Konflikt; 2 Evolution und Revolution; 3 Involution; Nachschrift: Soziale Kontrolle in der modernen Gesellschaft<. Es gibt also zunächst keinen direkten Hinweis darauf, dass Stark tatsächlich das geleistet hat, was er wollte, nämlich über die Zeit zwischen 1933 und 1945 aufklären.

Kate Stark verfasste nach dem Tod ihres Mannes 1985 die Vorworte der beiden letzten Bände, womit schon deutlicher wurde, was der Inhalt des 6. Bandes sein sollte. >Die Forschung für den sechsten Band war abgeschlossen. Es war Werner Starks Art, die Titelseite und das Inhaltsverzeichnis zu entwerfen, bevor er den Text zu schreiben begann. Noch eine halbe Stunde bevor er ins Krankenhaus musste, war er an seinem Schreibtisch tätig. Er benutzte das Wort «bedrückend», als er über Band VI im Jahre 1976 sprach, und es ist ein trauriges Werk geworden< (Vorwort, Band V).

Was nun leichter zu erkennen ist, scheint nicht mehr so schwierig zu verstehen, nämlich dass die sechs Bände von Anfang an mit einem Gesamtkonzept entworfen worden sind. Manche lesen da einzelne Bücher, aber tatsächlich gibt es ein Werk von Abschnitt 1. bis Abschnitt 172. Für die moderne Soziologie ist >The Social Bond< wichtig und somit auch die wenigen Seiten aus Band VI, um das eine Werk zu lesen. Im >Vorwort< zu diesem Band bemerkt Frau Stark ferner: >Die bruchstückartigen Absätze nach Abschnitt 172 stellen die Fortführung seiner Schrift während der ersten Tage im Krankenhaus dar<. Dies kann so verstanden werden, dass die Ehefrau einige Anmerkungen auswählte, um zu unterstreichen, was denn 6. Band enthalten sollte.

Weitaus komplizierter ist aber schon, die von ihr im >Vorwort< angesprochenen Themen mit dem Inhaltsverzeichnis ihres Ehemannes in Einklang zu bringen. Relativ einleuchtend ist, dass >Abschnitte über Bevölkerungstheorien< noch zur >Einführung< gehören müssten. Zum Kapitel >Bewaffneter Konflikt< könnten die Studien >Sparta contra Athen< und >Kriege in allen Arten von Gesellschaften und in allen Teilen der Welt< gehören. Zur >Evolution< zählten dann >Welthunger< und >Familienplanung<. Das Thema >Revolution< dürfte komplexer angegangen werden, denn Parsons (1973–siehe Rezension) unterschied bereits «industrielle Revolution, demokratische Revolution und erzieherische Revolution». Die Bemerkung >eine Abhandlung über Kultur und Zivilisation war geplant<, deutet darauf, dass Stark dessen Überlegungen kannte. Zum Kapitel >Involution< gehört ohne Zweifel die Betrachtung des Verfalls von Rom. Im Vorwort zum 5. Band steht dazu: >Erwähnt seien die Gladiatorenkämpfe, die in der spätrömischen Zeit veranstaltet wurden, wenn im Zirkus vor den Augen einer übererregten und blutdürstigen Öffentlichkeit die größten Grausamkeiten begangen wurden<. Zur >Nachschrift< zählt Frau Stark die letzten Abschnitte aus Band 5: >Katharsis: Fluch oder Segen?; Von der Katharsis zur Kriminalität<. Da allerdings im Band VI die >soziale Kontrolle< im Vordergrund steht, ist vor allem auf die >Integration< zu achten, somit auf die Assoziation von >Wertmuster und Normmuster< (Vorwort, Band 1).

Der Hinweis von Kate Stark auf die >Nichtanpassung der Mayas<, wo immer ihr Mann diese Passagen auch hätte platzieren wollen, gibt dem Verständnis für diesen Band eine besondere Wendung. 1) Es ist nicht zu erkennen, dass Werner Stark jemals angemessen das >Popol Vuh< (siehe Rezension) berücksichtigte. Somit ist davon auszugehen, dass er 2) den >bewaffneten Konflikt< oder die «Verneinung (Yin)» nunmehr als Gesamtrahmen setzte. Dies wiederum besagt, dass sich 3) für Sozialsysteme (AGLI) folgende Gegenkonzepte finden lassen: >Evolution< = Nicht-A, >Revolution< = Nicht-G und >Involution< = Nicht-L. Womit steht dann das Nicht-I in Verbindung? Es ist allzu deutlich, dass Stark das Grauen bzw. den Wahnsinn tabuisiert, denn das «Nicht-I» ist für den Einzelnen >bedrückend< und sogar tödlich. Diesem «Schwarzen Loch» kann sich so ohne Weiteres nicht genähert werden.

Da nun der Kern des 6. Bandes umkreist ist, sei auch angegeben, worauf Stark zusätzlich verweist. Die klassische Soziologie wurde vom Ersten Weltkrieg und die akademische Soziologie vom Zweiten Weltkrieg ergriffen. In der klassischen Soziologie unterscheiden sich Durkheim (>Kriegsschriften<) und Weber (>Politische Schriften<) hinsichtlich des Ausbruchsdatums vom Ersten Weltkrieg. Einer von den beiden hat gelogen, und dies ist lückenlos aufzuklären. Soziale Systeme, allgemein das Gebiet der Soziologie, haben nicht nur positive Wirkungen, sie können auch auf Verneinungen zielen. Stark fordert dazu auf, in einer lückenlosen internationalen Arbeitsteilung sich diesen «Zerstörungen» entgegenzustellen. Die Frage ist nun, ob Stark eindeutig darüber Auskunft gibt, was das «Symbol von Nicht-I» ist – er tut es in den wenigen Seiten von Band VI.

Es ist eine Sache, im Rahmen der Bejahung (Bände 1–4) Begriffe zu benutzen, und es ist eine andere Sache, im Rahmen der Verneinung (Band 6) Begriffe zu verwenden. Um dies zu erfassen, benötigt man|frau eine Vorstellung von >Übergängen< (Band 5). Wenn also in Band I die Begriffe >animal and man< benutzt werden, bedeuten sie nicht dasselbe wie in den >Fragmenten< von Band VI. Eine Möglichkeit, dies ein wenig zu unterscheiden, ergibt sich aus der linearen Übersetzung >Tier und Mann<. Alle, die nun um die Problematik zwischen Voltaire und Rousseau wissen, können diese Kombination der Begriffe in der Soziologie schon umdeuten. Bezeichnenderweise beginnt Stark den 6. Band mit Voltaire.

Diese Verweise führen dann weiter zur Übertragung >Bestie und Mann<. Mit solchen Informationen führt der Pfad weiter zur Nietzsches (>Jenseits von Gut und Böse<; >Genealogie der Moral<) «Umkehrung der Werte». Der Pfad zur «blonden Bestie» ist eingeschlagen. Damit wird deutlicher was Stark veröffentlicht. Es ist bestimmt, wann das «negative Symbol» erscheint (1933–1945) und es ist bemerkt, wo es sich befindet (>Nietzsche-Kultus<).

Das «negative Symbol» weist auf >einen Kampf gegen die äußere Natur<, >einen Kampf gegen die innere Natur< und auf >einen niemals endenden Kampf gegen Mitmenschen<. Das «positive Symbol», in der Soziologie die «analytische Kernfamilie, zeigt sich als >Harmonie mit dem Selbst, Harmonie mit dem Mitmenschen und Harmonie mit der Heimat<.

Gebrauchte nun z.B. Bloch (siehe Rezensionen), um sein >Prinzip Hoffnung< zu veranschaulichen, das Bild einer «glücklichen Insel», so bemerkt Stark hier in seiner >Einführung<, dass auch im Bild der >Insel< gilt, dass >ein verstecktes Prinzip in den Tiefen der Realität wirkt<. Dieses Prinzip ist besetzt von >einem dunklen Trieb< (>Fragmente<). An dieser Stelle ist es unangebracht, über Nietzsches «Pessimismus» und/oder «Nihilismus» zu reflektieren, denn das hätte man|frau vor 1914 bzw. 1933 tun sollen.

Relativ leicht ist nun zu verstehen, dass im 6. Band der Begriff >Insel< auf das «negative Symbol» verweist. Zur Zeit als Stark das Werk >The Social Bond< plante, war das Buch von Solschenizyn >Der Archipel Gulag< (Scherz Verlag, Bern 1974) gerade erschienen. Auf den ersten Seiten finden sich dort folgende Sätze: «Kolyma aber war die größte und berühmteste Insel, ein Grausamkeitspol in diesem sonderbaren Land GULAG ... Doch als ob sie auf den Inseln des Archipels die Sprache verloren hätten, hüllten sie sich in Schweigen». Diese >Insel< konnte Stark nicht gemeint haben, weil sie zeitlich und räumlich nicht mit seinen Verweisen übereinstimmte. Aber Stark wird so noch konkreter, vor allem mit deutlicher Kritik an die akademische Soziologie: Die >Insel<, die das «negative Symbol» darstellt, wurde durch «Schweigen» immer gefährlicher, weil sie sich so unbemerkt im «Niemand» (Arendt) überall einnisten kann.

Längere Zeit nun konnte nicht erfasst werden, welche >Insel< Werner Stark denn genau meinte. Mit seinem Anspruch, dass >das Konkrete< (Vorwort, Band 1) auch zu finden ist, lässt sich nicht vereinbaren, dass sie nur gedacht wird. Im September 2000 (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 205, Seite 10) erscheint ein Artikel über >Alle Wege<. Das dazugehörige Bild zeigt eine >Insel<. Auf diese >Insel< wiederum ließen sich die in Starks Band III erwähnten Kernkonzepte der akademischen Soziologie, effervescence, Charisma, Konvergenz etc., nicht mehr in so einfach anwenden. Geschah dies doch, dann wurde deutlich, dass sie infiziert und unbrauchbar wurden (Durkheim 1912). Wurden sie angewendet, dann ließen sie sich sowohl auf «gute Gesellschaften» als auch auf «Nicht-I» beziehen, eben mit >«übermenschlichem Heldentum» oder «blutiger Barbarei».

Für die Soziologie bedeutet dies zunächst einmal, dass auf gar keinen Fall «negative Symbole» in ihren Forschungen ignoriert werden dürfen. Schon seit Beginn der Soziologie war schon zu deutlich, dass sich ohne lebende Menschen soziale Systeme nicht von alleine positiv verwirklichen. Die Dokumentation >Der Auschwitz-Prozess< (H. Langbein, 2 Bde., Verlag Neue Kritik, Frankfurt a.M. 1995) sollte, wenn eine soziologische Theorie erstellt werden muss, gekannt sein.

Mindestens seit Aischylos (525–426 v.Chr.) ist bekannt, dass es Sieger nicht leicht haben. Dies war auch Parsons oder seinen Bekannten bekannt (zu lesen z.B. dazu: Curzio Malaparte; >Die Haut<; 1950). Alles, was sich so leicht und locker jenseits von der Soziologie mit «schöpferischen Zerstörungen» benennen lässt, bedeutet diesseits der Soziologie Nähe zu >Evolution, Revolution, Involution<. Wenn es eine Disziplin nicht versteht, die Sozialisation (Band 2) mit Kopf (Band 3) und Herz (Band 4) zu harmonisieren, schafft es der Mensch (Band 1) leicht, zu den Übergangen (Band 5) zu gelangen. Sind die integrativen Möglichkeiten beseitigt, ist für einige der Trampelpfad zum «Nicht-I» frei.

Das Schweigen der klassischen Soziologie zum Ersten Weltkrieg (es betrifft das Datum), das Schweigen der akademischen Soziologie zum Zweiten Weltkrieg (es betrifft das «negative Symbol»), kann nicht mehr korrigiert werden, so Stark. Solche unverantwortlichen Fehler können nur mit der modernen Soziologie überwunden werden.

Hätte es genutzt, wenn das Werk von Werner Stark nicht unvollendet geblieben wäre?

Nun, denn die Erfahrungen mit dem Gesamtwerk von Parsons zeigen, dass die Schüler von mächtigen Personen erst sehen mussten, was diese wollten. Anschließend konnten sie nur noch viele Teile sehen und sich vergeblich bemühen, sie irgendwie zusammenzufügen. Nun erwarten ehemalige Schüler, dass deren Schüler aus Stückwerken ein Bild erschaffen, dass nach ihrer Ideologie schön sein soll.

Die Erfahrung um Stark lehrt, dass es für einige doch einfacher ist, nur Teile (Abschnitte) aus den Teilen (Kapitel) der Teile (Bände) zu teils zu lesen.

Ja, und was ist mit Tönnies und Durkheim? Hört man|frau da nicht sofort und schnell die «Definition von Weber» erklingen: «Soziologie (im hier verstandenen Sinn dieses sehr vieldeutig gebrauchten Wortes) soll heißen»?

>A theoretical limitation is not necessarily a [sociological] one< (Werner Stark, Band VI, Fragmente), und es heißt weiter: >their culture has instilled in them the desire<.

Weil es Werner Stark bereits zu Beginn und in seinem Band I erwähnte, sei es auch hier zum Schluss noch einmal hervorgehoben: ohne eine soziologische Arbeitsteilung ist das Gebiet um »Nicht-I» >bedrückend<, >traurig< und gefährlich; ohne die Absicherung einer helfenden «Theorie der Bejahung» (Tönnies) ist es nicht zu leisten.

noz

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