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REZENSION
Werner Stark
The Social Bond
An Investigation into the Basis of Law-abidingness
Volume V
Threats of the Social Bond Contained Lawlessness
Fordham University Press New York 1987
Die Geschichte des fünften Bandes von Werner Stark ist schnell erzählt: 1983 war das Buch fertig gestellt, 1984 wurde das Manuskript an einige Soziologen mit der Bitte um Stellungnahmen vorab verschickt, 1986 verstarb Starb und 1987 erschien es im Buchhandel. Da 1984 das >Vorwort< fehlte und es 1987 von Frau Kate Stark geschrieben wurde, lässt sich eine Eigenheit von ihrem Mann Werner Stark hier schon benennen. Die Vorworte schrieb er erst kurz vor der Veröffentlichung, deshalb ergibt sich auch die Besonderheit, dass sie als «Abrisse» angesehen werden können.
Dieses >Vorwort< beinhaltet nun eine autorisierte Zusammenfassung des 5. Bandes, einen Einblick in den 6. Band und den Verweis darauf, wie sehr es Stark am Herzen lag, das Gesamtwerk zu vollenden. Es kam anders und Frau Stark erinnert an die Worte ihres Mannes aus dem Jahre 1947: >Nichts Menschliches ist perfekt. Das Ideal ist wie der Polarstern: Er führt die Menschen in der Nacht, aber er ist jetzt dieser Erde genauso weit entfernt wie bei der Schöpfung<.
Der fünfte Band beginnt mit der >Einführung: Übertriebene und fehlerhafte Sozialisation<. Es folgt der erste Hauptteil, basierend auf «Gemeinschaft»: >1 Vergängliche Krisen der sozialen Ordnung: Die institutionalisierte Orgie<. Der Schluss oder der zweite Hauptteil, basierend auf «Gesellschaft», lautet: >2 Ständige Verstöße gegen die soziale Ordnung: Ihre reinigenden [katharsischen] Wirkungen<.
Zur Erinnerung: Mit den vorhergehenden vier Bänden entwarf Stark einen Normaltyp des Sozialsystems, welcher sich «von der Gemeinschaft zur Gesellschaft» entwickelt. Notwendigerweise ist dann auch ein Sozialsystem (AGLI) unter beiden Konzepten zu untersuchen. Was das bedeutet, lässt sich einfacher verstehen, wenn gewusst ist, dass z.B. Parsons nur eine bestimmte Integrationsart (>Das System moderner Gesellschaften<) berücksichtigte, und dass z.B. Luhmann überhaupt die Integrationsarten ausklammerte (>Soziale Systeme<). Bei Parsons funktioniert es so nur mit der «Protestantischen Ethik», diese Werte werden zur Superiorität, alle anderen Werte gehören in den Bereich der Inferiorität. Wie sich das mit Religionen, Erziehungen, Bildungen usw. vereinbaren lässt, ist so leicht über Parsons und seinem AGIL-System in der Tat nicht zu klären. Bei Luhmann funktioniert es nur mit «Interaktionen, Organisationen und Gesellschaften». Die Systeme werden logisch maximiert und das Problem ist, die Menschheit oder die Menschen zu finden, die «der Eule Mut zusprechen».
Mit Parsons ist der Pfad «von der logischen Einfalt zum Konzept der schöpferischen Zerstörung» theoretisch nicht weit, mit Luhmann ist der Pfad «von der Maschine zu den psychischen Systemen» abstrakt schon begehbar. Starks Bemühungen bewegen sich auf einem anderen Feld. Nach ihm gibt es >extreme Sozialisation< (Gemeinschaft), die nach Worten von Pascal «aus Engeln Bestien macht», und >ungenügende Sozialisation< (Gesellschaft), die eine Furcht vor der Zukunft heraufbeschwört. Diese Unterscheidung ist nun kein theoretisches Konzept, sondern sie hat reale Hintergründe. Mit dem ersten Pol verweist Stark auf den Ersten Weltkrieg und mit dem zweiten Pol auf den Zweiten Weltkrieg.
Der Mensch oder jedes geborene Individuum gehört >zum Reich der Natur< («Wesenwille») und >zum Reich der Kultur< («Kürwille»). Die Gemeinschaft ist >streng< im Ganzen, der Kürwille >streng< im Einzelnen; die Gesellschaft ist >locker< im Ganzen, der Wesenwille >labil< im Einzelnen. Es lässt sich auch sagen, dass sich die >Integration< («Ich») zwischen den Grenzen >Körper (Natur)< («Es») und >Geist (Kultur< («Über-Ich») befindet. Die Grenzbereiche sind >tyrannisch< und >der normale Alltag< wird mit ihnen nicht existieren können.
Bindeglieder oder die >integrativen kollektiven Kräfte< sind also wenigstens für den Alltag von Bedeutung: >der Soziologe muss versuchen zu verstehen, wie diese Kräfte wirken und es fertig bringen, sich über Krisen zu erheben, um immer wieder den gesellschaftlichen Bund, der kurzzeitig ernsthaft gelockert oder ganz zerbrochen war, zu erneuern<.
Wenn Sozialsysteme mit dem Konzept der «Gemeinschaft» analysiert werden, stößt man|frau auf rhythmische Unterbrechungen der integrativen Tyrannei. Eine Form, die auch heute noch zu finden ist, zeigt sich in der sozialen Tatsache >Karneval<. Stark weist im ersten Hauptteil darauf hin, welche Bedeutung und Funktion überhaupt solche >institutionalisierten Orgien< besaßen. In der Analyse der Sozialsysteme mit dem Konzept «Gesellschaft» wird deutlich, dass solche >Unterbrechungen< kommerzialisiert wurden, somit sowohl theoretisch als auch praktisch >dem freien Markt< nicht mehr helfen können. Da in der «Gesellschaft» jede einzelne Person in verschiedenen und unterschiedlichen sozialen Systemen lebt, zersplittert sich ein früheres Angebot für das Ganze in mehrere Teile. Nicht mehr Alle werden durch eine >institutionalisierte Unterbrechung< erfasst, sondern Einzelne müssen ihre >Unterbrechungen< oder Variationen oder >katharsischen Hilfen< suchen und finden.
Zur Vereinfachung sei der Tag in 24 Stunden (h) eingeteilt und als Typ dann weiter in 8 h Produktivität, 8 h Reproduktivität, 8 h Schlaf wirklich nur zur Vereinfachung. Zunächst lässt sich erkennen, dass «Tagträume» (Bloch) sich auf 16 h beziehen lassen und «Nachtträume» (Freud) weniger Zeit haben. Aber das wollte Stark weder berechnen noch war ihm unbewusst, dass die mathematische Dreiteilung selten als äquivalente soziale Trennung erscheint.
Problematisch ist nun, dass nach Freud das «Es» im Traum am deutlichsten auftritt, in der Produktivität nach Marx die «Entfremdung und Ausbeutung» (Über-Ich) erfahren wird und in der Reproduktivität eigentlich nur eine Befreiung von allen Übeln erfolgen könnte. Die «Gemeinschaft» machte nun folgendes, sie strich diese strikte Ordnung und ermöglichte z.B. Normalität, 24 h Abkehr vom Normalen, 24 h Erholung vom Nicht-Normalen, Normalität. In der «Gesellschaft» bleibt zunächst einmal die strikte Dreiteilung erhalten, womit letztlich die >Unterbrechung der erzwungenen Disziplin< lediglich in den Bereich 8 h Reproduktivität fallen sollten. Ausdehnbar wäre dies auf Kosten der Produktivität oder des Schlafes. Im ersten Fall wird die Zeit für «Tagträume» größer, im zweiten Fall kann selbst bei einer Schlafzeit von unter 1 h der «Nachttraum» nicht ignoriert werden.
Während also in der «Gemeinschaft» alle beteiligten Einheiten gleichzeitig in die Reproduktion geführt werden könnten, ist dies in der «Gesellschaft» nicht mehr möglich. Jede Einheit hat sich selbst um die Reproduktion zu bemühen, wobei hier wie dort sowohl >Hunger< als auch >Liebe< zu berücksichtigen sind. Insgesamt gesehen, verschweigt Stark nicht, dass der Reproduktionsbereich auf >orgiastische Elemente< verweist, was er in seinem ersten Hauptteil erklärt. Wenn dieser Bereich aber nun auch in den Produktionsbereich gezogen wird, verbleibt für die Privatsphäre als Unterbrechung der Schlaf und nicht unbedingt der «Tagtraum» oder der >Polarstern<.
Wird das Sozialsystem eben unter dem Aspekt «Gesellschaft» analysiert, so ergeben sich z.B. folgende Befreiungen vom Produktionsbereich: Ferien, Wochenenden, Feiertage<, >Beichte [Stark], psychoanalytische Sitzung [Parsons]<, >Musik, Steckenpferd, Extravaganz, Verwünschung, Scherz, Mode, Politik, Kunst, Literatur, Groschenroman, Western, Film, Fernsehen, Sport<. Internet und Science-Fiction seien noch hinzugefügt. Dies alles kann zur Katharsis dienen, aber es muss nicht, manche wollen auch nur damit Abweichungen oder >die Kriminalität< erreichen. Der fünfte Band von Stark zeigt hier zunächst einmal, wie sich Integration verändern kann, wie sich in einer toleranten Art und Weise >soziale Variationen< verstehen lassen.
Die ersten vier Bände von Stark sind mit dem Fokus >good will< (Bejahung Tönnies, Normalität Durkheim) nicht falsch umschrieben. Der fünfte Band bestimmt die Grenzen dieser Sichtweise und der Weg führt dann mit dem sechsten Band zum >ill will< (Verneinung Tönnies, Abweichung Durkheim). Das klassische Werk, um >ill will< zu analysieren, lieferte Durkheim (1897). Die Abweichungen werden als «Altruismus, Egoismus, Anomie und Fatalismus» bezeichnet. Nur so nebenbei, «Altruismus» ist nach Durkheim eine «soziale Krankheit» und kein Anzeichen für «Gesundheit», ebenso gilt dies für seine anderen Begriffe. Parsons strich kurzerhand den «Fatalismus», Luhmann bemerkte gar nicht, dass die normalen Erscheinungen soziale Probleme anzeigen, Habermas (1981)verwirrte das.
Stark versucht hier nun zu zeigen, dass Wesenwille (Tönnies) mit Altruismus (Durkheim), Kürwille mit Egoismus, Gemeinschaft mit Fatalismus und Gesellschaft mit Anomie zu verknüpfen sind, um ein Ganzes zu konstruieren, bestehend aus Bejahung (Yang) und Verneinung (Yin). Dies ist sicherlich für die akademische Soziologie innovativ, aber es trifft den Kern der Soziologie weniger. Die Zuordnungen der Bejahungen (Tönnies) und Abweichungen (Durkheim) sind wie folgt: Wesenwille Egoismus, Kürwille Anomie, Gemeinschaft Altruismus, Gesellschaft Fatalismus. Warum erscheint das Problem?
Stark setzt ähnlich wie Parsons die mechanische Solidarität (Durkheim) mit Gemeinschaft (Tönnies) und die organische Solidarität mit Gesellschaft gleich. Diese Idee ist möglich, aber für die moderne Soziologie wenig fruchtbar und noch nicht einmal wahr. Wie bekannt, waren für Tönnies die Begriffe Gemeinschaft und Gesellschaft «Normaltypen» und als Mittelglied wollte er, hat er aber nicht, den Begriff «Samtschaften» einführen. In der soziologischen Forschung zeigt sich auch etwas ganz anderes: Angenommen Gemeinschaft ist der erste Pol und Gesellschaft der andere Pol, dann lautet das Mittelglied «mechanische / organische Solidarität» oder die soziologischen Medien sind «die zwei Gesichter einer Wirklichkeit» (Durkheim).
Starks Zuneigungen für Tönnies und Abneigungen gegen Durkheim (siehe Band III) lassen sich schwerlich verbergen, aber gewusst hat er auch nicht wirklich, dass die nicht-soziologischen Analysen noch immer überschattet werden von Betrug (wichtig dafür >Der Wille zur Macht<) und Lüge (wichtig dafür >Rousseau richtet über Jean-Jacques<). Es gibt keine moderne Soziologie ohne eine neuerliche und intensive Auseinandersetzung mit dem Betrug des «Nietzsche-Kultus» (Gemeinschaft) und der Lüge über Rousseau (Gesellschaft). Nietzsche ist nicht der Autor der angegebenen Schrift und für Rousseaus Gespräche benötigt man|frau schon eine Vorstellung davon, was Dialektik bedeutet. Im ersten Fall ist bedenklich, dass z.B. Parsons und seine Freunde nie kritisch auf Max Weber schauten, im zweiten Fall ist peinlich, dass Luhmann und seine Genossen Platon ignorierten.
Wäre dies schon alles, was sich mit dem fünften Band von Stark sagen ließe, könnte man|frau schon mit einer soziologischen Theorie beginnen. Doch es geschieht noch etwas Unvorstellbares. 144 Seiten bevor Werner Stark sein unvollendetes Gesamtwerk >The Social Bond< zurückließ, schreibt er zwei Sätze, die sowohl die klassische als auch akademische Soziologie bis in ihren Grundfesten oder Kernkonzepten erschütterten. Diese Bebungen lassen diese Soziologien dann auch einstürzen. Weder «effervescence» noch «convergence» waren geeignete Antworten darauf, obwohl noch immer nach 1987 gehofft wird, dass sie es sind. Die Sätze stehen bezeichnenderweise im kürzesten Abschnitt >Politik< und lauten: >Das klassische Beispiel ist die Hasspropaganda gegen die jüdische Minorität, aufgehetzt und progressiv vorangetrieben durch die Tyrannen, die über Deutschland zwischen 1933 und 1945 herrschten. Dies vermag zu zeigen, wie realistisch unsere Analyse ist nicht nur die Analyse in diesem Abschnitt, eben von den ganzen Diskussionen von Seite 1 des Bandes I an<. Was nun?
Nachlesbar ist, dass Stark in diesem Band hier nicht darauf eingeht, denn er untersucht noch >soziale Variationen<. Aber im sechsten Band, obwohl er nur aus wenigen Seiten besteht, so dürfte erahnt sein, wird der «Holocaust» das Hauptthema sein. Gespürt hat es nicht nur Norbert Elias, der das Manuskript von 1984 kannte, auch andere Soziologen haben bereits vor der Veröffentlichung 1987 auf die soziologische Problematik verwiesen. Überhört hat es wie selbstverständlich die akademische Soziologie.
Die moderne Soziologie kann darauf mit der «Tönnies-Übertragung» und mit einer komplexen Methodologie, die aus mindestens «zwei Prinzipien» besteht, reagieren. Um es nach Luhmann so abstrakt wie möglich zu formulieren, sei gesagt, dass das Axiom der Soziologie dann 0 1 0 lautet. Dies wiederum ist leichter zu verstehen, wenn das Pascalsche Dreieck [0] und Platons Dialoge [11] einbezogen werden. Böse Zungen können dann immer noch behaupten, dass die Soziologie Nichts (0) ist und die akademische Soziologie immerhin auf eine fifty-fifty Wahrheit (11) beruht, was schon fast Alles (1) ist. Mit Ignoranz hat auch die moderne Soziologie zu leben, die akademische Soziologie kann nach Wolf Biermann singen: «Das kann doch nicht Alles gewesen sein».
Wenn auch Vieles in der Soziologie mit Weber dahinplätscherte, so sind doch spätestens mit diesem Band von Stark einmal folgende Fragen zu klären: 1) Welche methodologischen Prinzipien finden sich denn tatsächlich bei Tönnies, Durkheim, Parsons und Stark?, 2) Wieso wurde Nietzsche nach >Also sprach Zarathustra< z.B. von Weber beachtet? 3) Weshalb hatte z.B. Hannah Arendt enorme Probleme mit Rousseau und Jean-Jacques? 4) Warum redete z.B. Bloch von einer «glücklichen Insel»? 5) Weswegen öffnete sich Freud der Zukunft von Nietzsche, aber nicht dem Herz von Rousseau? 6) Was für Gründe gibt es dafür, dass sich Nietzsche mit Voltaire verbündete, um Rousseau zu verdammen?
Werner Stark lebte, obwohl er verstand, dass es so nicht funktioniert, in der akademischen Soziologie. Sein fünfter Band ist «Der Schrei» (siehe dazu das Bild von Edvard Munch [18631944]), aber gewusst hat er noch nicht, wie er das soziologische Problem in der Soziologie Unwahrheit, Unredlichkeit, Unwissenschaftlichkeit usw. lösen kann. Er ahnte nur, dass er dafür die Hilfen von Soziologen benötigte, deshalb die Vorab-Veröffentlichung 1984.
In der Tat ist es soziologisch angebracht, nach dem >Normaltyp< (Bände 1 bis 4) zunächst >soziale Variationen< zu berücksichtigen (Band 5) und erst dann zu erforschen, warum sich Sozialsysteme auflösen (Band 6). In der heutigen Zeit der «Gesellschaft» (Stark) oder des «institutionalisierten Individualismus» (Parsons) bedarf es schon einiger Anstrengungen, sich im Strudel von Freundschaft (Yang z.B. Nietzsche) und Familie (Yin z.B. Rousseau) zurechtzufinden. Parsons floh Nietzsche, Stark mochte Rousseau nicht. Mit Ausklammerungen werden jedenfalls soziologische Theorien gerne abstrakter gestaltet, jedoch ein wenig «Engagement» sollte ein Soziologe schon an den Tag legen, vor allem wenn es darum geht, andere oder nicht eigene Theorien zu beurteilen.
Über viele Themen lässt sich auch heute noch sprechen. Die moderne Soziologie ist da nicht falsch beraten, wenn die Bejahungen (>good will<) mithilfe von Grundlagen über Tönnies und die Verneinungen (>ill will<) mithilfe von Grundlagen über Durkheim erforscht werden. Wenn dann gar noch genau verstanden werden will, was Stark mit seiner >Einführung< einleitet, so sei es auch gesagt. Mit der >übermäßigen Sozialisation< verweist er auf den Militarismus (Altruismus), mit der >fehlerhaften Sozialisation< auf den Kapitalismus (Anomie). Da zeigt sich schnell, dass der eine >Alltag< (Reproduktionsbereich Egoismus) und der andere >Alltag< (Produktionsbereich Fatalismus) nicht aus den Augen verschwinden. Mit dem Verständnis für Grenzbereiche (Band 5) verbleibt für Stark noch die Aufgabe zu untersuchen, wie sich normale und faktische Sozialsysteme verhalten. Es geht darum zu verstehen, wie es zu sozialen Zusammenbrüchen kommt (Band 6). Für Parsons ist die Anwendung der Soziologie damit erschöpft, dass der Soziologe mit Bezug auf eine zukünftige «gute Gesellschaft» Empfehlungen formuliert, welche Handlungen zu fördern oder zu unterbinden sind. Andere Personen können sich danach richten oder auch nicht.
Stark bezieht die Anwendung der Soziologie auf die gegenwärtige Gesellschaft. Dazu müsste der Soziologe begreifen, wie integrative Prozesse entstehen, sich erhalten und zusammenbrechen. Erst mit diesem Wissen können überhaupt erst «soziologische Diagnosen» (Elias) erstellt werden. Auf diese Diagnosen hat sich dann auch die Anwendung der Soziologie zu stützen. Es wäre mehr als ein Wunder, wenn man|frau dafür nur die Definition von Weber benötigte, um sich dann einfältig mit veralteten Theorien abfinden müsste. Mindestens sechs theoretische Schritte werden in der Soziologie benötigt, um von der Theorie zur Praxis und umgekehrt zu gelangen. Auch wenn Werner Stark seinen 6. Band nicht mehr vollenden konnte, heißt dies noch lange nicht, dass dieser Teil nun ein für alle Male in der Soziologie erledigt ist.
Sicherlich haben Entwürfe von Weltmacht, Nachtflugplan, Kulturdirektion, Herrschaftsfreiheit, statistischen Richtigkeiten, sozialen Glossen usw. ihre Reize, aber so lernt man|frau weder Soziologie noch ist so sinnvoll, eine solche Disziplin zu lehren. Werner Stark sagt es hier noch härter: wenn der Weg in die moderne Soziologie nicht gefunden wird, reiht sich die akademische Soziologie in den Bereich der >institutionalisierten Orgien< ein: mit >Bildern von Akten, Darlegungen von Gesellschaftsgetratsche, Scheidungen, begangenen und bestraften Verbrechen<.
Noch deutlicher sagt er es seinen Kollegen und Kolleginnen: >schwarz wird weiß, weiß wird schwarz<. Hauptsache wird die Oberfläche Yang und die Hoffnung, dass die jeweils eigenen >darker emotions< niemals ans Licht kommen. Wegen der Furcht vor Yin entschied und entscheidet sich sogar die akademische Soziologie für >gesetzlose Bündnisse<.
Das sind einmal offene Worte aus dem geschlossenen System der akademischen Soziologie. Norbert Elias z.B. reagierte 1984 darauf sofort (>Über die Zeit<), der akademische Rest schwieg lieber, wartete auf Starks Tod und setzte auf das Vergessen.
noz
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