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"Die moderne Soziologie"

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REZENSION

Werner Stark
An Investigation into the Bases of Law-abidingness
Volume IV
Safeguards of the Social Bond – Ethos and Religion

Fordham University Press
New York 1983


Mit seinem vierten Band verweist Werner Stark darauf, dass er mit ihm die positiven Abhandlungen (Yang) zur Integration abschließt. Nachher (Bände 5 und 6) ist es für ihn eine >persönliche Pflicht<, die dunklen Seiten (Yin) des sozialen Lebens zu erforschen. Die Bände 2 und 3 werden mit Band 4 ergänzt, Band 1 und Band 4 sind >antithetisch<. Hier geht es nun vordergründig um die >gesellschaftliche Funktion der Religion oder um ihre Rolle im System der gesellschaftlichen Ordnung, der gesellschaftlichen Kontrolle<.

Eingangs werden im >Vorwort< Bezüge zum Gesamtwerk erläutert, dann folgt die >Einführung: Geistige Formen der sozialen Kontrolle<. Im Anschluss daran steht das Hauptkapitel: >1 Die Entwicklung eines gesellschaftlichen Ethos<. Zu weiteren Überlegungen sind zwei Kapitel beigegeben: >2 Die Möglichkeiten eines ethischen Fortschritts< und >3 Statische Religion<. Abgerundet wird die Schrift >nach oben< mit >4 Dynamische Religion<. Der Hauptteil birgt ein kleines Rätsel, das aber Stark in der zweiten Hälfte des Buches aufdeckt: >In der Sphäre der ästhetischen Werte heißen wir solche Systeme «Stil», in der der praktischen Werte «Moral» – in meiner eigenen Terminologie Ethos<. Wie bereits in Band 3 festzustellen, bewegt sich Werner Stark auf die >Integration< zu.

Nannte Parsons das I-System «Integration», so heißt es nach Stark auch so, und es ist dies das Sozialsystem oder das Gebiet der Soziologie. Allerdings ist das I-System nicht mehr wie bei Parsons ein viergeteiltes Quadrat, sondern es besteht aus mindestens drei konzentrischen Kreisen: a) der Mittelbereich (das Normale); b) der Kernbereich (das Innere); und c) der Grenzbereich (das Äußere). Der normale Kreis wird vom >Ethos< erfasst, das Zentrum weist auf die >Moral< und die Grenze auf mögliche Variationen (Band 5). Jenseits des letzten Kreises beginnt die Zerstörung (Band 6) und diesseits im tiefen Inneren finden sich >das Kreuz< (>Dynamische Religion<) oder, methodologisch gesprochen, die «zwei Prinzipien».

Eine Möglichkeit, sich diesen Vorstellungen zu nähern, besteht darin, drei sich umschließende Kreise vorzustellen: ein Mittelpunkt, ein größerer Kreis (Radius r) und ein Mittelkreis (Radius r/2). Nach Durkheim (1895) stelle man|frau sich dann eine Kraft «vom Mittelpunkt fliehend» vor (zentrifugal) und eine «nach dem Mittelpunkt gerichtete» (zentripetal). Die zentrifugale Kraft ist das «erste methodologische Prinzip» und wird «mechanische Solidarität» genannt. Die zentripetale Kraft lässt sich dann als «zweites methodologische Prinzip» verstehen und sei «organische Solidarität» geheißen.

Die Konsequenz für die moderne Soziologie lautet: Wenn ein Sozialsystem verstanden werden will, wird das «zweite Prinzip» benötigt, wenn die Entwicklungen von Sozialsystemen im Vordergrund stehen, ist das «erste Prinzip» wichtig. Um in etwa diese Arbeit leisten zu können, ist ein «Normaltyp» (mittlerer Kreis) hilfreich. Vom Normaltyp zum äußeren Kreis lässt sich vom «Idealtyp» sprechen (z.B. Parsons), vom Normaltyp zum Zentrum ist der Begriff «Realtyp» angebracht (z.B. Stark). Der Kern oder das Zentrum ist aber nicht einfach eine Einheit, sondern er ist ein >Kreuz<: die waagerechte Achse ergebe sich aus Yang und Yin (Stark), die senkrechte Achse aus Alt und Jung (Parsons).

Der Schnittpunkt der beiden Achsen wurde in der klassischen Soziologie nach Durkheim «effervescence» (kollektivistisch) und in der akademischen Soziologie nach Parsons «Konvergenz» (individualistisch) genannt. In der modernen Soziologie sei beachtet, dass der Schnittpunkt eine «Tönnies-Übertragung» erzwingt und bei den Soziologen/Soziologinnen «Knoten» zu untersuchen sind. Empirisch ist dieses Problem nicht ganz so komplex, denn statistische Verfahren, die mehr oder weniger mit der Soziologie verknüpft werden wollen, bewegen sich um einen mittleren Kreis. Von da aus geht es dann mit der Progression (z.B. Weber) zum äußeren Kreis oder mit der Regression (z.B. Freud) zum inneren Kreis.

Mit diesem Band 4 beschließt also Stark das Positive oder die «Bejahung» (Yang) und wendet sich anschließend (Bände 5 und 6) dem Dunklen (Yin) zu. War in Band 3 das Konzept der Progression wichtig (>Gesetze entwickeln sich weiter<), so erlangt nun das Konzept der Regression Bedeutung (der Begriff >Religion< deutet es an). Um in etwa den Gedankengängen von Stark folgen zu können, seien einige Aussagen von ihm zusammengefasst.

[Aus >Geistige Formen der sozialen Kontrolle<] >Der Prozess der Sozialisation erscheint, wenn die Wahrheit erzählt wird, als ein Prozess der Moral<. Da stößt man|frau unweigerlich auf die Religion. Aber dieses Phänomen oder diese «soziale Tatsache» besteht, wie u.a. Henri Bergson (1859–1941) feststellte, aus zwei Dingen. So ergibt sich, dass sowohl >statische Religion und Ethos< als auch >Ethik und dynamische Religion< zu beachten sind.

[Aus >Die Entwicklung eines gesellschaftlichen Ethos<] Ethos beginnt nicht irgendwann, sondern wird bereits in frühen Lebensabschnitten z.B. in Form von >Märchen< vermittelt. Hier ist zu verstehen, dass das >Ethos< und weitere Formen einer «Normalität» bereits mit der Interaktion oder Kommunikation übertragen werden. Herausragend sind aber weder der >Wille zum Glauben< noch der >Wille zum Leben<, sondern der >Wille zur Liebe< spielt für die >Integration< eine besondere Rolle. >Ethnozentrismus erzeugt dabei letztlich nur einen Ethos, der sich auf das Nächste beschränkt<. So etwas schafft nach der Geschichte lediglich >Sprünge, Rivalität, Imperialismus und Krieg<. Bezüglich der >Integration< sind Bezüge zu einer Nation oder einer eigenen Gruppe problematisch. Das >Ethos< lehrt in der Konsequenz die Unterscheidung zwischen >Gut und Böse<, aber wer würde schon so einfach behaupten, dass das Gute nicht angestrebt wurde?

[Aus >Die Möglichkeiten der ethischen Entwicklung<] Ist man|frau darauf vorbereitet worden, wie es sein muss, so berührt die >Ethik< die Ebene, >wie es sein sollte<. Dabei wiederum ist zwischen den besseren und schlechteren Vorstellungen zu wählen. Die wenigsten Theoretiker bedachten dabei allerdings die Kinder (das Neue) und die Kriminalität (die Abweichung). Munter philosophierten und pastoralisierten so manche mit der Welt der normalen männlichen Erwachsenen. Verstanden wurde selten >die Einsicht, dass die sich bewusst formulierte Ethik der [Erwachsenen] so gut wie gar nicht vom sich unbewusst entwickelnden Ethos der sie umgebenden Gesellschaft unterschied<.

Klar, >wenn [Menschen] handeln, handeln [sie] nicht einfach<, sondern komplex. >In jeder Gesellschaft< ist einiges verboten, aber wenn das Verbotene auch Erfolg verspricht, was dann? Hier kann >der Soziologe nicht einfach wertfrei sein, im Unterschied zum Naturwissenschaftler, denn er muss wissen, dass der soziale Zusammenhalt, d.h. das Bestehen des sozialen Lebens, stets in Gefahr ist<. Ethik kann einerseits über >die Tradition, d.h. über die Erziehung< begriffen werden, aber sie ist andererseits nur eine Hilfe für >die sozial-bildenden Kräfte<.

[Aus >Statische Religion<] Am leichtesten lässt sich bei Stark die >statische Religion< mit der Unterscheidung zwischen dem Alten und Neuen Testament verbinden. >Im Alten Testament ist das Neue verborgen; im Neuen Testament ist das Alte offenbart<. Diese Bemerkung setzt eine Menge Erkenntnisse in der Religionssoziologie voraus. Im Bedenken der «fünf Weltreligionen: Hinduismus, Judaismus, Buddhismus, Christentum und Islam» führt Stark hier Weber (>Aufsätze zur Religionssoziologie<) an seine Grenzen. Wie konsequent Stark diesen Fokus verfolgt, kann daran erkannt werden, dass er mit Blick auf Webers «Charisma» >auf die Frage von Hitler und Stalin< zu sprechen kommt. Wenn das >Gesetz< [Säkularisierung] stärker ist als die Liebe [Neues Testament], kann die höchste Ebene nicht erreicht werden<. Immer wird sich so eine Kluft zwischen >«uns» und «ihnen»< ergeben. Lediglich >der Geist der dynamischen Religion< kann helfen, Klüfte zu überwinden.

[Aus >Dynamische Religion<] >Soziologie ist weder Theologie noch Philosophie<, was besagt, dass der Soziologe z.B. keine «Konvergenz» zwischen Kant und Nietzsche anstreben sollte. >Religion ist eine Macht, die den Menschen erniedrigen [statische Religion] oder erhöhen [dynamische Religion] kann<. Es liegt an der Person, was sie daraus macht. Sie kann sich von der Ästhetik und Ethik über die Religion zur Moral bewegen oder irgendwo sich verlieren.

Der Weg bis zur Moral zeigt >die Hierarchie der Liebe über das Gesetz, die Superiorität der dynamischen über die mehr statische Religion<. Tag- und Nachttraum (vgl. Bloch – siehe Rezensionen) sind nicht wirklich eine >Hoffnung<, >das Kreuz ist der Wegweiser für Humanität, für die Suche nach einer guten Gesellschaft<. Orakelhaft sagt Stark kurz vorher: >Eine Hydra ließ sich nicht töten, wenn nur einer ihrer Köpfe abgeschlagen wurde<.

Das Ideal ist >eine Gesellschaft mit Mitgefühl< und keine Gemeinschaft, wegen des Ergebnisses eines Krieges zwischen >schwarz und weiß<.

noz

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