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REZENSION
Werner Stark
The Social Bond
An Investigation into the Basis of Law-abidingness
Volume III
Safeguards of the Social Bond Custom and Law
Fordham University Press New York 1980
Der dritte Band von Werner Stark beginnt ganz harmlos mit einem Hinweis auf William Graham Sumner (18401910). Weiter ist im >Vorwort< zu lesen, dass dieses Buch vier Kernbereiche umfasst: erstens >die Sprache in der menschlichen Interaktion<, zweitens und drittens >die soziale Disziplin bezüglich Nahrung und Sexualität<, schließlich viertens >die Trennung des Gesetzes vom Brauchtum<. Ferner wird mitgeteilt, dass die Bände 3 und 4 eng zusammengehören und Stark sich entschieden hat, >das Gesetz< in Band 3 und >die Religion< in Band 4 zu behandeln.
Im Band 3 finden sich nach einer Einführung >Die Kreativität der kollektiven Kräfte< die zwei Hauptteile: >1 Der formlose Kodex: Brauchtum [custom] und 2 Der schriftliche Kodex: Gesetz [law]<. Der Paukenschlag erfolgt in der >Einführung< und er sei bereits an folgender Änderung erahnt: nannte Parsons das L-System >latente Strukturerhaltung [latent pattern-maintenance]<, so heißt es nun nach Stark: «latente Vielfalt».
Abgesehen davon, dass Stark mit seinen Bänden 3 und 4 die Einfalt mit Weber für die moderne Soziologie überwindet, ändert er gar für diese noch mehr. Nicht mehr wie nach Parsons ist die kontrollierende Hierarchie die Buchstabenreihe LIGA, sondern die >soziale Kontrolle< oder >die soziologische Theorie< erscheint als Systemfolge AGLI. Das I-System (>Integration<) ist Gegenstand der Bände 5 und 6, das L-System erscheint in den Bänden 3 und 4, das G-System taucht in Band 2 und das A-System in Band 1 auf. Zum krönenden Abschluss zeigt Stark sogar noch, dass die Systeme A, G und L zwar als Quadrate symbolisiert werden können, allerdings ist das Symbol für das I-System >der Kreis<.
Da die wichtige Entdeckung von Parsons (1953) die >Integration von Mikrokosmos und Makrokosmos< oder das «Paradigma 4» war, ergibt sich ein Problem. Parsons symbolisierte seine Analyse mit mehreren (mindestens acht) Quadraten, aber so geht es mit Stark nun nicht mehr. An den obigen Systemfolgen kann der Unterschied zwischen Parsons und Stark leicht erkannt werden: für Parsons gilt die theoretische Verknüpfung zwischen I und G, für Stark ist für die soziologische Theorie G und L wichtig; bzw. für Parsons ergibt sich die empirische Assoziation über G und I, für Stark hat die soziologische Anwendung auf L und G zu achten. Die allgemeinen Hinweise mögen ausreichen, um verständlich zu machen, dass sich mit der modernen Soziologie von Stark einiges beim Übergang von der akademischen Soziologie zu verändern hat.
Lesenswert sind nun die Abhandlungen der Wirkungen von Brauchtum, Sitte und Gewohnheit (1. Hauptteil) sowie die Darstellungen der Entwicklungen von Gesetzen (2. Hauptteil) schon alleine deshalb, weil lange Zeit die Beziehungen zwischen diesen «sozialen Tatsachen» vernachlässigt wurden. Hier sei aber mehr berücksichtigt zu klären, was die Besonderheit dieses Buches ausmacht. Erst im drittletzten Abschnitt (109.) klärt Stark darüber auf, wie er letztlich vorgeht, was aber wiederum mit seiner >Einführung< zusammenhängt. Doch zunächst zum Schluss des Buches.
Stark sagt dort: >Die Begriffe «Gemeinschaft» und «Gesellschaft», die benutzt werden, sind im Sinne von Ferdinand Tönnies zu verstehen. Es kann auch mit Emile Durkheim gesagt werden, dass die «mechanische Solidarität» von der «organischen gegenseitigen Abhängigkeit» ersetzt wurde<. Diese Ansichten sind nicht falsch, aber bei Durkheim ist zu finden «organische Solidarität», d.h. Stark verändert aus irgendeinem Grunde den Begriff von Durkheim. Dieser Grund findet sich dann schließlich am Anfang des Buches. Mit dieser begrifflichen Änderung ist aber eine kurz darauf folgende Aussage verbunden: Jede soziale Tatsache >verändert sich von der Gemeinschaft zur Vereinigung, vom mechanischen zum organischen Zusammenhang<. Nun zeigen sich sowohl Änderungen bezüglich Tönnies als auch Durkheim, also weder finden sich hier die reinen Theorien von Tönnies noch die reinen von Durkheim, womit das soziologische Problem nicht einfacher wird.
Für die moderne Soziologie sei deshalb die Entschlüsselung kurz präsentiert. Stark geht davon aus, das jede «soziale Tatsache» sowohl unter dem Aspekt der «Gemeinschaft» als auch unter dem der «Gesellschaft» zu betrachten ist. In Band 3 geschieht dies mit dem Hintergrund der «organischen Solidarität» und im Band 4 mit dem der «mechanischen Solidarität». Im ersten Fall (Band 3) steht der «Kürwille» und im zweiten Fall (Band 4) der «Wesenwille» im Vordergrund. Es reicht eben nicht, wie Stark sagt, dass nur der Intellekt gefordert ist, >das Herz< ist in der «latenten Vielfalt» ebenfalls zu erreichen. Wenn das Zentrum der >Integration< das Wesen der Soziologie bestimmt, ist der Weg dorthin weder einfach noch leicht, denn nach Durkheim befindet sich im Zentrum «Die Moral».
Doch so verständlich dies auch ist, am Anfang des Buches stößt Stark auf ein Problem der klassischen Soziologie, dass ihn selbst erstaunt. Wie im Zusammenhang mit Saint-Exupéry (siehe Rezension) erwähnt, war schon relativ früh (ab 1964) bewusst, dass das Grundkonzept der akademischen Soziologie, eben «die Konvergenz», abgelöst oder aufgegeben werden sollte. Weiter gültig blieb aber das Konzept der klassischen Soziologie, eben die «effervescence [Aufschäumung]» nach Durkheim.
Erstaunlicherweise beginnt dieser Band III mit folgendem Satz: >Eine der interessantesten Detektivgeschichten der Weltliteratur ist die Suche nach dem «wahren Homer»<. In den Betrachtungen dazu folgert Stark, dass die wahre Geschichte >auf die anonymen, kollektiven Kräfte des sozialen Lebens< deutet. Mit diesen >Kräften< berührt er Durkheims >Schlüsselkonzept «effervescence»<. Dieses Konzept bringt Durkheim wiederum öfters mit der >Französischen Revolution< in Verbindung und Stark formuliert daraufhin die Bemerkung: >die Handlungen sind so entweder mit «übermenschlichem Heldentum» oder mit «blutiger Barbarei» erfüllt<. Mit einem solchen Verweis ist das >Schlüsselkonzept< der klassischen Soziologie nicht mehr haltbar. Als Alternative aus der akademischen Soziologie erscheint deshalb zum Schluss des Buches eine Art der «Konvergenz» zwischen Tönnies und Durkheim.
Aber wie schon in der «Konvergenz» zwischen Durkheim und Weber bei Parsons (1937) festzustellen, müssen auch in Starks Version Fehler und Umbenennungen vorgenommen werden. Nur so kann in etwa, obschon seit 1964 obsolet, die «Konvergenz» in der akademischen Soziologie erhalten bleiben. Was nun? Stark verweist mit der Zurückweisung der >effervescence< auf den Ersten und Zweiten Weltkrieg sowie auf die Zeit zwischen 19331945. Er weiß als Betroffener, wovon er redet, was sowohl in diesem Buch als auch im Gesamtwerk leicht zu überprüfen ist. Zusätzlich ist auch wahr, dass Stark damit die Soziologie weder mit Nietzsche («Übermensch») noch mit Weber («Charisma») besetzen kann. Es lässt sich lange suchen, was genau denn Stark festgestellt hat. Der Weg, leider verschweigt er ihn, über Nietzsche enträtselt diesen Einstieg.
Der Titel der Antrittsvorlesung von Nietzsche in Basel 1869 lautete: >Homer und die klassische Philologie< (Nietzsche, Sämtliche Werke, 1955, Bd. 70: 125). Nietzsche bemerkt dort auch das wichtigste Problem: «die Frage nach der Persönlichkeit Homers». Für Nietzsche gehört zu Homer «ein Individuum». Nach den Worten Starks wird damit für die Nicht-Soziologie >Homer< ein Teil der Natur wegen der Individualität, jedoch für die Soziologie müsste er zur Kultur zählen wegen der Verknüpfung mit den >sozialen Kräften<.
Mit der «Antrittsvorlesung von 1869» beginnt Nietzsches Philosophie und von dort aus kann dann mehr oder weniger konsequent verfolgt werden, was weiter geschah. Stark erkannte wohl als einer der ersten Soziologen, dass die moderne Soziologie sich letztlich auf Tönnies und Durkheim zu berufen hat, aber weder Nietzsche noch Freud ignoriert werden können. Welche Konsequenzen dies heraufbeschwört, blieb Werner Stark verborgen. Dafür gibt es wenigstens zwei Gründe: 1) Stark konnte sich nicht wirklich vom Konzept der «Konvergenz» befreien, und 2) er erkannte nicht, dass es schwerwiegende Probleme mit dem Buch >Der Wille zur Macht< gibt. Es sei noch bemerkt, dass ich mich aufgrund des Bandes III von Stark entschieden habe, für die neuzeitliche oder moderne Soziologie den Begriff >effervescence< wegen dessen Missbräuche sowohl in der klassischen als auch in der akademischen Soziologie aufzugeben. Im Sinne von Parsons und Stark spreche ich von der «Tönnies-Übertragung».
Mit welcher Ernsthaftigkeit Stark die moderne Soziologie vorantreibt, kann daran erkannt werden, dass er Nietzsches «Übermensch» und Webers «Charisma» in Verbindung bringt. Allerdings wollte Stark noch nicht wissen, dass es mit Nietzsche (>Also sprach Zarathustra<) und mit X (>Der Wille zur Macht<) ein soziales Problem (>Der Nietzsche-Kultus<) gibt.
Wenn lange Zeit geschwiegen wurde, dann war ganz bestimmt nicht Ziel der Soziologie, zur Unkenntnis und Lüge Ja zu sagen, sondern es brauchte halt eine Menge Arbeit, um zum Zentrum vorzudringen. >Moderne Soziologie< hat ohne Zweifel etwas mit den >kollektiven Kräften der Gesellschaft< zu tun, und sie hat zu lernen, «soziale Tatsachen» zu verstehen. Was lange Zeit hatte, sich in sozialen Problemen zu verfangen, kann selten mit einem Wimpernschlag korrigiert werden. Werner Stark hätte ja angeben können, dass er schon auf bestimmte Schriften von Nietzsche schielte, aber wenn er gar kein Werk von Nietzsche angibt, macht er es weder Lesern noch Leserinnen leicht, sowohl Anfang als auch Ende dieses Bandes zu begreifen. Bei allem, was gesagt wurde, sei nochmals erwähnt, dass das Datum 1789 zwar in Europa auf die >Französische Revolution< hinweisen könnte, aber in den USA nicht direkt, und in anderen sozialen Milieus nicht unbedingt oder gar nicht.
noz
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