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"Die moderne Soziologie"

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REZENSION

Rousseau, Jean-Jacques
Schriften zur Kulturkritik:
Über Kunst und Wissenschaft (1750)
Über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen (1755)
Französisch - Deutsch
eingeleitet, übersetzt und herausgegeben von K. Weigand

Felix Meiner Verlag; Hamburg 1995: 1 - 59


Mit einer Antwort auf die Frage >Ob der Wiederaufstieg der Wissenschaften und Künste zur Läuterung der Sitten beigetragen hat<, wurde Rousseau 1750 berühmt. In diesem Zusammenhang bemerkt K. Weigand: "Dennoch nimmt derselbe Nietzsche in der deutschen Geistesgeschichte eine ähnliche Stelle ein wie Rousseau in der französischen". Mit dem Beginn des Satzes wird Bezug darauf genommen, dass Nietzsche in >Götzen-Dämmerung< Rousseau "als eine >Missgeburt, die sich an die Schwelle der neuen Zeit gelagert hat< abgefertigt hatte". Hier halte ich zunächst einmal inne und weise auf zwei Tatsachen:

1) >Götzen-Dämmerung< ist eines von sieben Nietzsche-Werken und das erste, was nach Nietzsches Zusammenbruch nicht mehr von ihm selbst herausgegeben wurde, insofern bedarf es schon ein paar mehr Überlegungen, wenn aus diesen Büchern zitiert wird;

2) Erwähnt wird Rousseau bereits von Nietzsche in seinem Erstwerk (>Die Geburt der Tragödie<): >Hier muss nun ausgesprochen werden, dass diese von den neueren Menschen so sehnsüchtig angeschaute Harmonie, ja Einheit des Menschen mit der Natur, für die Schiller das Kunstwort «naiv» in Geltung gebracht hat, keinesfalls ein so einfacher, sich von selbst ergebender, gleichsam unvermeidlicher Zustand ist, dem wir an der Pforte jeder Kultur, als einem Paradies der Menschheit begegnen müssten: dies konnte nur eine Zeit glauben, die den Emil des Rousseau sich auch als Künstler zu denken suchte und in Homer einen solchen am Herzen der Natur erzogenen Künstler Emil gefunden zu haben wähnte< (Hervorhebung im Original); insofern dürfte noch einiges mehr von Rousseau gelesen werden, um zu verstehen, was eigentlich Nietzsche in >Götzen-Dämmerung, Streifzüge eines Unzeitgemäßen, Nr. 48< gemeint haben könnte.

Es ist sicher nicht abwegig, Nietzsches Erstwerk >Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik (1872, 1874, 1878) = Die Geburt der Tragödie. Oder: Griechentum und Pessimismus (1886)< mit Rousseaus Erstwerk >Über Kunst und Wissenschaft (1750)< zu verknüpfen, denn es ergibt sich: Kunst - Dionysos - Wagner und Wissenschaft - Apollon - Nietzsche. Doch wie die Änderung des Titels andeutet, irgendetwas hat sich bis 1886 bei Nietzsche getan. In dem letzten von Nietzsche selbst veröffentlichten Buch >Der Fall Wagner< findet sich dann auch eine Lösung, es erfolgte eine Umkehrung: der Schatten - Dionysos - Nietzsche und der Schauspieler - Apollon - Wagner.

Nietzsches Buch >Der Wanderer und sein Schatten (1880) = Menschliches, Allzumenschliches II. Ein Buch für freie Geister (1886)< ist nicht grundlos in Beziehung zu Rousseaus letztem Werk >Träumereien eines einsamen Spaziergängers< gesetzt. Also, Nietzsche kannte schon so einiges von Rousseau, was sich auch durch sein Gesamtwerk zieht. Vor allem aber erschreckten Nietzsche Rousseaus >Bekenntnisse< (siehe Rezension). Zwei weitere Zitate mögen dies verdeutlichen: 1) >So könnte das unbegreiflich Ängstliche, Eitle, Gehässige, Neidische, Eingeschnürte und Einschnürende, welches plötzlich aus ihnen hervorspringt, jenes ganze Allzupersönliche und Unfreie in Naturen, wie denen Rousseaus und Schopenhauers, recht wohl die Folge eines periodischen Herzleidens sein: dies aber die Folge eines Nervenleidens, und dieses endlich die Folge --< (Nietzsche, >Morgenröte<, Fünftes Buch, Nr. 538); 2) >Ich [Nietzsche] würde auch einer Lebensgeschichte Platons, von ihm selber geschrieben, keinen Glauben schenken: so wenig als der Rousseaus oder der vita nuova Dantes< (Nietzsche, >Fröhliche Wissenschaft<, Zweites Buch, Nr. 91). Ja, was glaubt man|frau nun mit Bezug auf neueste und spätere Autobiographien oder Selbstdarstellungen festzustellen? Oder anders gefragt, was meint man|frau, haben Wissenschaftler|innen wohl über Nietzsches Lebensgeschichte (=>Ecce homo<), bereits 1888 fertiggestellt, aber erst 1908, also acht Jahre nach Nietzsches Tod verändert und gefälscht herausgegeben, geglaubt?

Nun, vermuten lässt sich wohl schon, dass einige lieber geglaubt haben, dass es Wahrheit sein muss, was Fälschung war. Ohne auch nur Rousseau gelesen zu haben, war schon Gewissheit, dass dieser Philosoph erledigt ist. Klar, es veränderte sich damit Rousseaus schlichte Differenzierung >Kunst und Wissenschaft< im nächsten Niveau: Kunst, Fälschung, Tücke und Wissenschaft. Da viele immer wieder Weber erwähnen, es aber wenige wissen, sei es auch zitiert: "Und endlich 5. muss a priori es als möglich gelten, dass jene «Erlebnisse» ganz und gar nichts für irgendeine Bevölkerungsschicht oder Kulturepoche Charakteristisches enthielten; dann könnte auch beim Fehlen aller jener Anlässe eines «kulturwissenschaftlichen» Interesses denkbarerweise - ob wirklich, ist hier wiederum gleichgültig - etwa ein an der Psychologie der Erotik interessierter Psychiater sie als «idealtypisches» Beispiel für bestimmte asketische «Verirrungen» unter allerhand «nützlichen» Gesichtspunkten ebenso behandeln, wie zweifellos z.B. Rousseaus Confessions [>Bekenntnisse<] für den Nervenarzt Interesse haben." Ja, man|frau wird es kaum glauben, ein solches Statement wird ausgerechnet in Max Webers >Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftstheorie< (1988: 243) platziert.

Unabhängig davon, dass Weber weder Rousseau mochte noch studiert hatte, beschäftigte sich der auch gemeinte "Psychiater", nämlich Freud, den Weber genauso wenig las wie Durkheim, vor allem mit Nietzsche und so gut wie gar nicht mit Rousseau. Irgendwann musste selbst Parsons (>Sozialsystemtheorie< - siehe Rezension) fragen, ob es nicht besser ist, Weber nicht mehr mit der Soziologie in Verbindung zu bringen. Es mag ja angehen, dass früher viel im «deutschen Idealismus» geschrieben wurde, aber nun ist das Jahr 2004. Es ist an der Zeit, dass sich wenigstens Philosophie und Soziologie einmal um das «Jenseits von Fälschungen und Tücken» oder >Über Kunst und Wissenschaft< mehr Gedanken machen. Oder sollte man|frau z.B. mit Weber fortschreiten und weitermachen mit dem Zusatz: für Holzköpfe?

Rousseaus erster Erfolg ist relativ einfach zu lesen und er erstreckt sich auf 59 Seiten. Am Anfang spricht Rousseau über das >Glück der Menschheit> und über die Freidenker oder Philosophen. Dabei merkt er an: >wenn ich nach rechtem Wissen und Gewissen die Partei der Wahrheit ergreife, kann mir ein Preis nicht entgehen, wie immer auch mein Erfolg sei: ich finde ihn auf dem Grund meines Herzens<. Rousseau hat einen Preis erhalten und auch einen Erfolg gefunden. Wer dann weiter sehen will, warum Nietzsche auf bestimmte Begrifflichkeiten kam, der wird sich wundern, wie viele er bereits in diesem Werk von Rousseau findet. Nach ca. zweidrittel des Textes macht Rousseau eine Anmerkung, die Nietzsche ärgerte, denn dort heißt es: >Ich bin weit davon entfernt zu denken, dieser Aufstieg der Frauen sei ein Übel an sich. Er ist ein Geschenk, das ihnen die Natur zum Glück für das Menschengeschlecht gemacht hat<. Da liefen dann einige «männliche» Philosophen oder ein «Yang» (siehe Rezension >I Ging<) Sturm. Rousseau treibt seine Betrachtungen weiter und fragt: >Für was sollte es gut sein, unser Glück in der Meinung der anderer zu suchen, wenn wir es in uns selbst nicht finden können<? Ja, so war es, Nietzsche (>Also sprach Zarathustra<) fand da etwas anderes als Rousseau (>Bekenntnisse<).

Nach der Lektüre dieses Buches kann es komplexer werden, denn die Fragen sind nun, ob ein «Anti-Yin» bereits ein >Übermensch< (Nietzsche) oder ein «ANTI-Nietzsche» (Weber) ein "Weib" sei. Bei derartigen Fragen dachte dann die "idealistische Tradition" (Parsons - >The Structure of Social Action<) nicht mehr weiter, sondern beleidigte. Man machte aus Voltaire den «männlichen und lachenden Philosophen» und aus Rousseau die «weinende weibliche Missgeburt», ein Fall "für den Nervenarzt".

Was ist da nicht alles zusammengekommen, die einen ließen kein gutes Haar an Rousseau, andere machte man fertig, weil sie Rousseau nicht penibel analysiert hatten und noch welche wurden ausgegrenzt, weil sie überhaupt nur Rousseau erwähnten. So wurde vor allem Durkheim attackiert, aber dass Nietzsche dabei gar nicht zur Sprache kam, wurde stillschweigend übergangen. In Anlehnung an den Text kann da immer noch behauptet werden, dass der eine (Rousseau) weder schön noch schlecht redete und der andere (Nietzsche) weder gut noch böse handelte. Sowohl früher wäre es nicht nutzlos gewesen als auch heute ist es nicht unvorteilhaft, diesen Text zu lesen. Für heute sei bemerkt, dass eine Unkenntnis des Textes, aber Verweise auf Nietzsche, Simmel, Weber, Heidegger usw. schon anzeigt, dass Fälschungen nicht auszuschließen sind. Also, um weiter mit Rousseau zu sprechen, ignoriert die Laster in Kunst und Wissenschaft nicht. Oder sollte es so sein: 1750 wurde noch für eine Kritik ein Preis verliehen, nun aber lässt sich mehr verdienen, wenn List und Tücke zweckrational eingesetzt werden.

Ich will es nicht verschweigen, sprach Pascal (siehe Rezension) von «Feinsinn, Wirrsinn und Grobsinn», so betrachtet Rousseau hier auch «Ernst, Laster und Scherz». Auch Weber war ein kranker Mann und es bedarf schon etwas mehr Leseenergie (z.B. die von Parsons), um dafür Verständnis aufzubringen. Wenn Nietzsche (>Ecce homo<) mit dem Hammer geredet hätte, dann redete man|frau mit und durch Weber, der vermeintlich alles viel besser machte als Nietzsche, als «Blödmannsgehilfe». Nehme man|frau es, wie es ist. Nietzsches Attacken gegen Rousseau haben etwas mit «Sexualität» zu tun, aber dies befreit weder davon, z.B. die Schrift >Über Kunst und Wissenschaft< zu lesen, noch ist dies eine Aufforderung, irgendetwas anderes zu übersehen.

Nicht nur Rousseaus Erstwerk kann oberflächlich zur Kenntnis genommen werden, deshalb scheint es an der Zeit, darauf hinzuweisen, dass überhaupt kein Werk von Rousseau es rechtfertigt, solche Bemerkungen wie sie bei Nietzsche und Weber zu finden sind, herauszuposaunen. Der Unterschied zwischen Nietzsche und Weber ist, dass Nietzsche die Texte von Rousseau studierte und Nietzsche so damit auch scherzen konnte. Weber jedoch, wie nun feststellbar ist, greift u.a. auf eine Aussage aus >Morgenröte< zurück und erweitert seine Ablehnungen auf Philosophie, Psychoanalyse und Soziologie.

Wenn dann gemeint ist, solche Probleme sind im Zuge der Zeit verschwunden, so ist dies ein Irrtum. Luhmann (siehe Rezension) z.B. konnte oder wollte nicht verstehen, dass es einen Unterschied gibt zwischen den Texten von Parsons und der Soziologie von Parsons. Genauso gibt es z.B. eine Differenz zwischen den Sätzen von Rousseau, den Büchern von Rousseau und dem Gesamtwerk von Rousseau. Während Durkheim den Wunsch von Rousseau, >Emile< als Hauptwerk anzusehen, akzeptierte, war für Nietzsche Rousseaus Erstwerk allerdings auch ein Zugang zu seiner Philosophie und zu seinem Erstwerk. Wer dann noch wissen möchte, warum Nietzsche Homer und Emil verknüpft, der sei daran erinnert, dass Nietzsches Antrittsvorlesung in Basel 1869 den Titel trug >Homer und die klassische Philologie<. Darauf reagierte dann Stark 1980 (>The Social Bond, Bd. III<) mit der Suche nach dem >wahren Homer<.

Was so manche dabei übersehen, ist, dass mit dem Jahr 1789 in Europa auf die Französische Revolution angespielt wird, aber in den USA auf den Ersten Präsidenten. Das erste, wenn es abstrakt übertragen wird, gehört zum Yin, das zweite zum Yang. Damit kann man|frau in etwa ahnen, wie unglücklich gar die Einteilungen von Tönnies (siehe Rezension >Bekenntnisse<) waren. Denn mit Whitehead erscheint ein Philosoph in den USA, der mit Platon operiert und Rousseau stützt sich ausdrücklich positiv darauf. Tönnies hatte aber damit Recht, dass die Attacken von Nietzsche gegen Rousseau eigentlich die Nähe der beiden aus sehr vielen Gründen verbergen sollten.

>Über Kunst und Wissenschaft< ist m.E. der wichtigste Text, um überhaupt verstehen zu lernen, mit welchen Mitteln Nietzsche arbeitete. Aber setze man|frau die Spitze: Rousseau ist nach Nietzsche (>Götzen-Dämmerung<) der "Idealist" und er der Gegenpol. Wie armselig erscheint da die in Anlehnung an Parsons (>The Structure of Social Action<, 1937) erfolgte Unterscheidung zwischen Positivismus und Idealismus. Aber sie ist äußerst brisant (siehe Rezension James).

Beschließen möchte ich diese Besprechung tiefgründig: Dies ist kein Scherz.

Angefügt sei der Hinweis, dass die zweite Schrift, die hier nicht besprochene von Rousseau über die Ungleichheit, sogar zeigt, dass Luhmann weder Rousseau noch Durkheim angemessen zu lesen in der Lage war, obwohl er ausgerechnet das Vorwort von Durkheims >Arbeitsteilung< verfasste. Parsons´ Problem als junger Mann war 1937, dass er sowohl Durkheim als auch Tönnies nicht verstehen konnte, deshalb entschloss er sich weder für die Ökonomie noch gegen die Philosophie. Parsons entschied sich für Lüge und Täuschung, wie er es über Weber gelernt hatte. Die Tragödien und Komödien nahmen ihren Lauf.
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noz

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