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"Die moderne Soziologie"

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REZENSION

Jean-Jacques Rousseau
Bekenntnisse

Insel Verlag; Frankfurt a.M. / Leipzig 1985


Das Meiste, was die Meisten meistens über Rousseau wissen, haben sie bewusst, nicht-gewusst oder geschickt verschwiegen dem Buch >Bekenntnisse< zu verdanken. Deshalb mein Wink, das Buch selbst lesen, um sich einen freien Blick zu gönnen. Ich umschreibe einmal die zwölf Kapitel, damit leichter erkannt werden kann, worum es geht: 1. Umwandlungen
2. Musik
3. Herz und Verstand
4. Reisejahr
5. Übergänge
6. Aufbruch
7. Zerwürfnisse
8. Philosophie
9. Veränderungen
10. Trennungen
11. Flucht
12. Elend der Größe.

Jean-Jacques Rousseau wurde Juni 1712 geboren und starb Juli 1778, es starb in diesem Jahr kurz vorher auch Voltaire. 1794 wurden die sterblichen Überreste von Rousseau ins Panthéon von Paris überführt, Voltaires Leichnam traf dort etwas früher ein, aber 1814 wurden dessen Gebeine von diesem Ort entfernt und irgendwo verstreut. Selbst nach ihrem Tode sollten die erbitterten Feinde nicht gemeinsam an einen Ort weilen. Mit diesem Hintergrund seien einmal drei Besonderheiten angeführt: 1) Nach dem letzten Zusammentreffen mit Richard Wagner veröffentlichte Nietzsche das Buch >Menschliches, Allzumenschliches<, wobei zu Beginn auf Voltaire verwiesen wird. 2) Bei den Vorarbeiten zum unvollendeten Buch >Die Moral< greift Durkheim verstärkt auf Rousseau zurück, genauer auf dessen Zeitraum, der hier im 11. und 12. Kapitel behandelt wird. 3) Hannah Arendt (1906-1975) schreibt in ihrem Buch >Vita activa<: "Wie immer man sich zu der Person Rousseaus, über den wir leider so ausgezeichnet unterrichtet sind, stellen mag, die Echtheit seiner Entdeckungen ist von so vielen, die nach ihm kamen, bestätigt worden, dass sie außer Zweifel steht."

Das Buch >Bekenntnisse< umfasst zwei Teile. Der erste Teil behandelt den Zeitraum 1712 bis 1741, der zweite den von 1741 bis 1765. Tatsächlich jedoch vollendet Rousseau 1770 sein Buch, d.h. der erste Teil reicht von der Geburt bis zum 29. Lebensjahr, der zweite vom 29. bis zum 58. Lebensjahr. Nach 1770 wird es stiller um Rousseau, man nimmt an, dass er mehr und mehr unter Verfolgungswahn litt. Erst 1776, als er mit den >Träumereien eines einsamen Spaziergängers< beginnt, schien sich sein Zustand gebessert zu haben. Sowohl die >Bekenntnisse<, die mit Rousseaus 53. Lebensjahr enden, als auch die >Träumereien<, die mit dem 10. Spaziergang enden, weil er starb, gelten als unvollendet. Nach seinen >Bekenntnissen< erscheinen die >Zwiegespräche - Rousseau als Richter über Jean-Jacques<, in dem am klarsten sein Wahn und seine Depression zum Ausdruck kommen soll. Nun höre ich noch einmal kurz auf Arendt: "Der erste bewusste Entdecker und gewissermaßen auch Theoretiker des Intimen war Jean-Jacques Rousseau, der bemerkenswerterweise immer noch der einzige unter den großen Autoren ist, der häufig nur bei seinem Vornamen zitiert wird." Nun sei weiter angefügt, dass 1745 Rousseau auf Thérèse Levasseur traf, seine spätere Ehefrau, 1750 erscheint die Schrift >Über Kunst und Wissenschaft<, die ihn berühmt machte, 1755 die Abhandlung >Über den Ursprung der Ungleichheit unter Menschen<, 1761 >Julie oder Die neue Héloise<, 1762 >Gesellschaftsvertrag< und >Émile<, 1766 beginnt er dann in England als Gast von David Hume mit der Niederschrift der >Bekenntnisse<.

Auffällig dürfte sein, dass Rousseaus eigentliches Wirken als Philosoph in den zweiten Teil der >Bekenntnisse< fällt. Personen, die das Buch >Julie< studierten, fiel auf, dass hier die Zeit von 1732 bis 1745 angesprochen ist. Im Buch >Bekenntnisse< wären dies aus dem ersten Teil die Kapitel vier bis sechs und aus dem zweiten Teil das Kapitel sieben. Tatsächlich wäre dies die Zeit vom >>Musiklehrer<< (1732) bis zur Bekanntschaft mit Thérèse (1745), oder in der Niederschrift vom Reisejahr bis zu den Zerwürfnissen. Da bleibt die Frage, warum bei Rousseau der Übergang der >Bekenntnisse< 1741 ist, also der erste Teil endet mit diesem Jahr, der zweite Teil beginnt mit diesem. Es lässt sich da die Bekanntschaft mit Diderot finden. Dieser war dann nicht ganz unbeteiligt an Rousseaus Berühmtheit. Wenn nun noch einmal die beiden Teile der >Bekenntnisse< betrachtet werden, so ergibt sich, dass sich der erste Teil auf den Heranwachsenden und der zweite Teil auf den Erwachsenen Rousseau bezieht. Es ist dann eine Anlehnung an >Émile<, genauer an den Schüler (Jean-Jacques) und an den Erzieher (Rousseau). Damit ergibt sich durchaus die Möglichkeit, dass der Mann (Rousseau) das Kind (Jean-Jacques) beurteilen kann.

Nun zeigt sich eine andere Sichtweise: leider sind ganz wenige über Rousseau unterrichtet, denn Jean-Jacques findet sich nur im ersten Teil, aber auf diesen kann sich nicht berufen werden, denn alle Schriften fallen in den Zeitraum des zweiten Teils. Das Leiden, das Traurige, das Unglückliche usw. versuchte Rousseau, so gut es geht, zu verarbeiten. Einmal in der Hoffnung auf eine nachfolgende Generation (>Émile<) und einmal im Elend bezüglich seiner Situation (>Zwiegespräche<), d.h. die >Bekenntnisse< selbst sind u.a. als Bindeglied zu verstehen. Da bleibt die Frage, warum Rousseau fünf Kinder von Thérèse an ein Findelhaus abgab. Rousseau bemerkt dazu wehmütig, dass er dabei zu sehr auf Platons >Der Staat< vertraut hat. Er glaubte an den Staat oder anders gesprochen, Rousseau lebte schon für sich in der >>Kinder- und Frauengemeinschaft der Wächter<<, über den Sokrates sprach. Andere behaupten, dass Thérèse ihn betrogen hat, somit also die Kinder gar nicht von ihm waren. Einige jedenfalls meinen weiter, dass Rousseau vor allem wegen seiner >Bekenntnisse< und >Zwiegespräche< wahnsinnig war, aber bestätigt hat dies so kein Arzt und keine Ärztin. Demgegenüber meinten aber andere wieder zu wissen, dass Rousseau erschossen wurde, weil er kurz vor seinem Tode vom Nachtopf gefallen war und eine Platzwunde am Kopf hatte. Manche werden aber verstehen, wie sehr Rousseau darunter litt, dass seine Mutter kurz nach seiner Geburt starb. Rousseau, vielleicht war er wirklich redlich, ehrlich und aufrichtig, beendete seine >Bekenntnisse< bitter: man|frau "schwieg wie alle anderen. Das war die Frucht, die ich aus meiner Vorlesung und aus meiner Erklärung erntete".

Viele, viele Jahre später schwieg Nietzsche (>Götterdämmerung<) nicht, denn er äußerte sich: "Ich hasse Rousseau". Wie eingangs erwähnt, mochte er aber Voltaire. Da erscheint plötzlich ein Aufsatz von Tönnies (1912) und er sagt: "Voltaire vertritt eine Denkungsart, die man als eine einseitig männliche bezeichnen kann, eben weil sie gegen die Ansprüche des Gefühls verhältnismäßig gleichgültig ist."

Rousseau ist, man kann sagen in vieler Hinsicht, eine weibliche Natur; er ist Anwalt der Frauen. Unabhängig davon, dass sich hieraus schon einiges ergibt, sei daran erinnert, dass bei Tönnies der Wesenwille weiblich und der Kürwille männlich ist. Aber so einfach ist das nun auch wieder nicht, lediglich werden so >Selbstdarstellungen< (Freud), >persönliche Geschichten< (Parsons), >Philosophische Autobiographie< (Jaspers) usw. mit dem Wesenwillen und der Gemeinschaft in Verbindung gebracht. Jedoch die >Bekenntnisse< gehören in den Bereich des Kürwillens und damit zur Gesellschaft. Irgendwie scheint das alles merkwürdig, deshalb sei einmal daran erinnert, was Durkheim sagte. Sind die Grenzen auch hell (Yang), so bleibt doch deren Verknüpfung dunkel (Yin). Die Grenzen sind bei Durkheim die positiven Solidaritätsarten, die Verknüpfung ist bei ihm die >Moral< und genau diese verweist ihn auf Rousseau.

Freud (>Selbstdarstellung<) kam auf die Idee, alle persönlichen Erlebnisse zu vertuschen und viele Wissenschaftler bzw. Wissenschaftlerinnen sind ihm gefolgt. Heute (2003) meinen nicht gerade wenige Personen, ihre Memoiren, Autobiografien, Lebensgeschichten usw. schreiben zu müssen oder schreiben zu lassen. Es sind dies, worüber wir ja leider wirklich gut unterrichtet sind, Relikte der Gemeinschaft oder nicht-normale Ausprägungen des Wesenwillens. Das erste verleitet mich dazu anzumerken, dass Freud selbst darauf hinwies, dass auch im Verschweigen geredet wird, das zweite führt zu Lao Tse, der nämlich sprach es und verschwand, manchmal ist es besser zu leben als zu lesen.

Wenige haben zur Kenntnis genommen, dass Rousseau mit seinem Buch >Bekenntnisse< nicht einen Bestseller schreiben wollte, sondern einen Kampf mit sich selbst ausgetragen hat. Er wehrte sich gegen die >dunklen Emotionen<, ähnlich wie Blaise Pascal. Nietzsche demgegenüber versuchte mit ihnen zu leben und zu kämpfen. Der eine (Rousseau) wird nach seinen >Bekenntnissen< mit dem Stigma Wahnsinn belegt, der andere (Nietzsche) weilte nach seinem >Ecce homo< nicht mehr unter den Normalen. Lange Rede, kurzer Sinn: die >Bekenntnisse< sind kein Beispiel einer wahnsinnigen, erfolgsorientierten und gewinnsüchtigen Person, sondern die Erkenntnisse einer einsamen, gedemütigten und weisen Persönlichkeit. Welche der drei eingangs angeführten Bemerkungen helfen weiter? - Keine. Alle drei scheuen die >Bekenntnisse<. Rousseau schreibt, dass er auf Toleranz, Redlichkeit, Wahrheit und Beziehungen gehofft hatte, aber er wurde herb enttäuscht. Wenn es stimmt, dass mit dem Buch >Bekenntnisse< Rousseau "zum Ahnherrn der modernen Tiefenpsychologie geworden" ist, dann ist auch verständlich, dass dieses Buch lieber nicht so oft genannt wird. So manche kamen da auf die Idee, dann doch eher den Ahnherrn der Höhenpsychologie (Nietzsche - >Also sprach Zarathustra<) zu benutzen, denn dort wird bekanntlich versprochen, dass keine Normalsterblichen dahin gelangen. Was wäre Rousseau wert, wenn es mit ihm nicht gelänge, von unten nach oben zu spazieren? Bei diesem Gang fällt dann auf, dass viele in Mittelmäßigkeiten und Gewohnheiten verharren. Diese missbrauchen lieber den >>Willen zur Macht<< als sich einzugestehen, dass sie ganz schlecht über Rousseau unterrichtet sind. Die >Bekenntnisse< füllen ein dickes Buch, aber wer sich nicht scheut, es zu lesen, wird nicht enttäuscht. Mit ihm ist viel leichter zu verstehen, warum die alte akademische Wissenschaftlichkeit mit ihren Ausklammerungen, Verheimlichungen, Ausgrenzungen ihrem Ende entgegenstrebt. Wissenschaft gehört zur Gesellschaft und kann ihre positiven Kräfte durch die organische Solidarität entfalten. Dazu bedarf es sicherlich nicht nur der Akzeptanz des Wesenwillens (Rousseau >Bekenntnisse<), sondern auch der Ausbildung des Kürwillens (Nietzsche >Ecce homo<). Der Haken an der Geschichte ist, ohne Körper kein Geist und ohne Geist nur Körper. Um es auch zu sagen, der Sinn der >Bekenntnisse< liegt ganz bestimmt nicht darin, dass Rousseau sich vor aller Welt zur Canaille oder zum Wahnsinnigen machen wollte. Aber beim Lesen wird schon ersichtlich, dass für Rousseau selbst >Émile< sein bestes Werk war, aber die >Bekenntnisse< gestalten sich zu einem Werk, das nicht das unwichtigste von Rousseau ist. Wer meint, damit nur gut über Rousseau unterrichtet zu werden, der versteht zumindest ganz wenig von Soziologie.

noz

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