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REZENSION
Platon
Symposion
in: Platon
Die großen Dialoge
Artemis und Winkler Verlag
München 1991: 435 - 515
Platon
Das Gastmahl
Schuler-Verlag
Stuttgart 1950
Mit diesen Gesprächen von Platon verschiebt sich der Blick von der Rationalität zur affektiven Komponente, denn es geht auch um die >Eros-Rede des Sokrates<. Bevor es richtig losgeht, wird schnell darauf hingewiesen: >Eros meint im Griechischen sowohl den Liebesgott wie auch die Liebe selber, insbesondere das Liebesverlangen<. Zweifeln sollte man|frau zunächst einmal nicht daran, dass in einem seiner letzten Texte Freud (Abriss der Psychoanalyse) bemerkte: >Nach langem Zögern und Schwanken haben wir uns entschlossen, nur zwei Grundtriebe anzunehmen, den Eros und den Destruktionstrieb>.
Da mag noch ein verständnisvolles Nicken zu verzeichnen sein, aber Platons Text ist noch gar nicht gelesen, da wird im Vorfeld auch erwähnt, hier geht es um >Männerliebe<, um die reine, ideale Vergeistigung der Knabenliebe<, um diese Sphären des >absoluten Schönen<. Die Gespräche bei Platon, dem >Schöpfer des Idealismus<, verhalten sich >wie Weltverneinung und Diesseitsbejahung, oder wie Tragödie und Komödie<. Da, so dürfte wohl geahnt sein, tun sich einmal tiefe Abgründe zwischen dem Eros von Platon und dem Eros von Freud auf.
Mehr noch, wer ein wenig in der Philosophie bewandert ist, wird unmittelbar auf Nietzsches Erstwerk Geburt der Tragödie gestoßen und damit auf dessen Beziehung zu Richard Wagner. Aber dann ist ja da auch noch der Verweis auf den Idealismus, der so ganz und gar nicht auf Freud, jedoch auf andere Personen passt, auf Hegel, Weber usw. Wer hier ferner gleich vorschnell dieses Werk mit einem bestimmten Typ der Sexualität etikettiert, vergisst dabei allzu leichtfertig die sogenannte >platonische Liebe<.
Es ist zwar wahr, dass Rousseau vornehmlich auf das Werk >Der Staat< liebäugelnd mit der Heterosexualität schaute, normalerweise sprach man (z.B. Comte) von Ehe, und Freud das Werk >Symposion< mit Blick auf die Homosexualität betrachtete, normalerweise sprach man (z.B. Tönnies) von Freundschaft, jedoch kann nicht unbedingt behauptet werden, dass Nietzsches Hass gegen Rousseau so einfach aufzulösen wäre. Ich erwähne dies, weil eigentlich früher immer gedacht wurde, hinter dieser affektiven Komponente von Nietzsche verbirgt sich ein Konflikt zwischen dem 'männlichen Voltaire' und dem 'weiblichen Rousseau'. Bei genauer Betrachtung allerdings stellt sich heraus, dass man|frau für dieses Problem von Nietzsche schon Emil oder Über die Erziehung lesen kann. So lässt sich sogar Freud (Die Traumdeutung) positiv wenden, denn nun erscheint mit diesem Werk von Platon der Übergang von der Katharsis zur Psychoanalyse schlüssiger.
Das Werk >Symposion< von Platon gehört zu den Schriften, die einen unvergleichbaren >Grad von Bekanntheit, ja Beliebtheit< zu verzeichnen haben. Gelesen haben es wohl recht viele, erstaunlich ist aber wohl, dass es in den Wissenschaften eigentlich erst von Freud hoffähig gemacht wurde. Bei Platon fängt das Problem damit an, dass ein Teilnehmer am Gastmahl meint: >auf den Eros aber, der doch so ein mächtiger und großer Gott ist, hat noch nie unter all den vielen Dichtern auch nur einer ein Loblied gesungen<. Jeder der Gefährten sollte nun >eine Lobrede auf den Eros halten<. Die Erwiderung von Sokrates erfolgt prompt, denn er unterstützt den Vorschlag, u.a. weil er von sich behauptet, sich >auf nichts anderes zu verstehen, wie auf die Dinge der Liebe<.
Der Beginn der Reden findet sich bei Phaidros und er bemerkt: die einen behaupten, am Anfang war Eros, andere jedoch meinen, am Anfang >sei das Chaos entstanden<. Damit steht man|frau schon vor dem Dilemma zwischen Montesquieu und Hobbes. Nun könnte es ja auch sein, dass da gedacht wird, was interessiert schon dieser Eingangsredner. Da allerdings gilt es zu bedenken, dass es bei Platon noch mehr Dialoge gibt, u.a. >Phaidros >Die Liebe zum Schönen und die Möglichkeit vom Wissen<. Es wird, um es zu sagen, >für das früheste Werk< von Platon gehalten. Sind solche Verknüpfungen schon erstaunlich genug, so birgt nach den Reden der Schluss wohl noch mehr Überraschungen.
Im neueren Werk heißt es: > und er [Sokrates] blieb wirklich stehen, bis es Morgen wurde<. Im älteren Werk ist zu finden: >Er [Sokrates] aber stand, bis die Morgenröte heraufzog und die Sonne aufging. Dann erst ging er fort, nachdem er vorher zur Sonne gebetet hatte<. Richtig, der Buchtitel von Nietzsche Morgenröte springt ins Auge. Aber auch Nietzsche selbst, denn zum Schluss ist im älteren Werk zu lesen: >Sokrates habe sie gezwungen zuzugeben, dass ein und derselbe Mann die Fähigkeit haben könnte, eine Tragödie und eine Komödie zu dichten<.Im neueren Werk ist zu finden: >In der Hauptsache aber sei es darum gegangen, sagte er [Aristodemos], dass Sokrates sie [die Teilnehmer am Gastmahl] zuzugeben genötigt habe, ein und derselbe Mann müsse sich darauf verstehen, eine Tragödie und Komödie zu schreiben, und der kunstgerechte Tragödiendichter sei auch Komödiendichter<.
Es ist so, wie es am Anfang klang, Freud stellte fest, dass der erste Unterschied zwischen Rousseau und Nietzsche mindestens so groß ist wie >Der Staat< und >Symposion<. Das Problem, was selbst Freud übersah, ist, dass beide Dialoge Platon zugeschrieben werden. Stelle man|frau sich die Frage anders: Warum sollte der Sokrates vom >Symposion< den Sokrates vom >Staat< hassen? Die doch wohl verzwickte Frage, die nicht dadurch gelöst wird, dass bestimmte Werke von Platon nicht gelesen werden, harrt ihrer Beantwortung.
noz
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