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"Die moderne Soziologie"

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REZENSION

Blaise Pascal
Über die Religion und über einige andere Gegenstände (Pensées)
übertragen und herausgegeben von E. Wasmuth

Lambert Schneider; Heidelberg 1946


Mit Blaise Pascal (1623-1662) erscheint die dritte Variante vom >Herzen<, und sie war eine folgenschwere. Hatten schon Descartes und Hobbes (siehe Rezensionen) verschiedene Ansichten, so fügte Pascal eine weitere Version hinzu: das >Herz< befindet sich in der Mitte, es verbindet Füße und Gehirn, Leidenschaft und Vernunft, Körper und Seele, Ich und Du usw. Da mag gedacht sein, was interessieren denn solche antiquarischen Ansichten, aber bei genauem Hinsehen ist leicht zu bemerken, dass die Tragweite des Fragmentarischen selbst heute noch nicht angemessen bearbeitet ist.

Begonnen sei damit, dass Pascal u.a. ein so berühmter Mathematiker war, dass auch heutige Schüler bzw. Schülerinnen nicht an ihm vorbeikommen. Wie wichtig er für die Wissenschaft vom Menschen wurde, lässt sich daran erkennen, dass sie ohne Grundlagen der Wahrscheinlichkeit und ohne Pascalsches Dreieck schwerlich auskommt. Ersteres ist z.B. für die empirische Erfassung wesentlich, letzteres für die Systemtheorie. Nicht unerwähnt sei, dass er 1642 eine erste Rechenmaschine erfand. 1654 jedoch ändert sich schlagartig das Verhalten von Pascal, nachzulesen im Buch unter >Das Memorial<, und er schreibt zunächst die >Briefe aus der Provinz<. Nach seinem Tode 1662 erscheint eine >Apologie (Verteidigungsrede) des Christentums< und eben >Pensées – Gedanken über die Religion<.

Zwar wird oft darauf hingewiesen, dass bei Pascal >die Logik des Herzens< das Hauptthema ist, doch da wird allzu leicht vergessen, dass sich bei ihm auch der >Weg des Hasses< findet. Dieser Weg zeigt sich nicht nur bei Pascal gegen das eigene Ich, indem er sich kasteite, sondern auch gegen Descartes, gegen Nicht-Christliche Religionen, gegen >Gelüste< usw. Anscheinend beginnt Pascal das Fragment 1 mit einem Paukenschlag, nämlich mit dem >Unterschied zwischen dem Geist der Geometrie und dem Geist des Feinsinns<. Etwas später heißt es: >Und so ist selten, dass die Mathematiker feinsinnig und die feinsinnigen Köpfe Mathematiker sind ...<. Kurz vor dem Ende des Fragments 1 ist zu lesen: >Aber die Wirrköpfe sind weder feinsinnig noch Mathematiker.< Für die einen ist alles klar, denn sie vermuten, dass sich hier Pascal gegen Descartes wendet, diese aber vergessen, dass Pascal selbst Mathematiker war. Für die anderen ist auch alles klar, denn sie meinen, Pascal habe sich von der Mathematik lösen können und sei nun Feinsinniger geworden. Diese übersehen Pascals >Gürtel der Kasteiung<, und dieser muss nicht unbedingt zur Feinsinnigkeit führen. Da bleibt noch die dritte Möglichkeit, vorausgesetzt es wird ernstgenommen, dass sich Pascal dem Konkreten zuwandte: der vermeintliche >Wirrkopf< hatte viel zu erzählen.

Pascal hat ca. seit seinem 20. Lebensjahr mit Schmerzen zu kämpfen gehabt, er kommt über familiäre Bande in Kontakt mit dem Kloster Port-Royal, wird in den Kampf zwischen den Janseniten und Jesuiten eingebunden, und eventuell später von einem Arzt vergiftet. Pascal wird nach seinem Tode zum Verteidiger des Christentums ausgerufen, aber möglicherweise steigert sich seine Leidenschaft auch nur bis zum Wahn. Geblieben aber ist in den >Pensées< etwas, dass nicht vergessen wurde, nämlich seine bedingungslose Bereitschaft, für >die wahre Nächstenliebe< einzutreten. Dies macht das Buch so unvergleichlich schön.

Aber wie passt dies zusammen? Wenn man bzw. frau sich der >Vergleichstabelle der Fragmentfolge< zuwendet, ist festzustellen, dass im Manuskript etwas ganz anderes auf der ersten Seite zu finden war, dort war u.a. Fragment 412 zu lesen: >Bürgerkrieg im Menschen zwischen der Vernunft und den Leidenschaften. ...< Tatsächlich passierte folgendes, die Gelehrten versuchten in den posthumen Schriften zu rekonstruieren, was Pascal wohl erkannt haben müsste oder erfassen wollte oder verstehen konnte. Wenn Pascal genial war, dürfte wohl auch gefragt sein, was weniger Geniale sich dabei dachten.

Über Jahrhunderte hinweg wurde Pascal gelesen und als heimliche oder stille Quelle angesehen. Sätze wurde herausgegriffen und für eigene Reflexionen benutzt; eventuell auch jener: >Wenn sich alle der Zügellosigkeit hingeben, scheint es keiner zu tun ...<. Aber dann änderte sich etwas schlagartig, als Friedrich Nietzsche in >Unzeitgemäße Betrachtungen< auf Pascal stößt. Über die Schmerzen, die auch Nietzsche seit seiner Jugend plagten, findet dieser einen besonderen Zugang zu Pascal. Pascal, wie erwähnt, wurde zum Vorzeigechristen und Nietzsche schrieb >Der Antichrist<. Während dies noch relativ leicht den Schriften zu entnehmen ist, passiert dann aber auch das Unvorstellbare. Es meinen nun auch Gelehrte posthum von Nietzsche etwas zu erstellen, was vorher schon einmal bei Pascal gemacht wurde. Sie meinen nämlich mit dem Namen von Nietzsche ein Buch herausgegeben zu müssen, wie er wohl gedacht hätte, die Fälschung des Buches >Der Wille zur Macht< wurde ausführt.

Jetzt allerdings kommt der Unterschied, den der >Feinsinn< von Pascal ausmacht. Keiner, der sich mit Pascal beschäftigte, bezweifelte dessen >Logik des Herzens<, deshalb wurde er in der Wissenschaft vom Menschen so wichtig, und deshalb wurde er bewundert. Pascals Entgleisungen wurden traurig zur Kenntnis genommen, eben als >Größe und Elend des Menschen<. Das Buch >Der Wille zur Macht< jedoch wurde von einem oder von mehreren verfasst, die Nietzsche hassten. Um mit Pascal zu sprechen, es waren weder >Feinsinnige< oder >Mathematiker< noch >Wirrköpfe<, es waren kranke Personen.

Wenn etwas dieses Buch von Blaise Pascal ausmacht, so ist es vielleicht die >Mathematik<, das >Feinsinnige<, die >Wirrköpfe<, aber ganz bestimmt die Tatsache, dass es das >Herz< in die Mitte gerückt hat. Rousseau, Kierkegaard, Durkheim, Parsons usw. irrten sich nicht, es ist ein menschliches Buch, eben mit Höhen und Tiefen. Aber vor allem ein Buch, das der Zukunft noch einiges abverlangt, wie der Herausgeber zu Recht bemerkt.

noz

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