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"Die moderne Soziologie"

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REZENSION

Buch 1:
Talcott Parsons
Das System moderner Gesellschaften
mit einem Vorwort von D. Claessens

Juventa Verlag
Weinheim und München 1996 (Original 1971)

Buch 2:
Talcott Parsons
Gesellschaften – Evolutionäre und komparative Perspektiven

Suhrkamp; Frankfurt a.M. 1975 (Original 1966)

Buch 3:
Talcott Parsons
Structure and Process in Modern Societies

The Free Press; Glencoe, Illinois 1960

Buch 4:
Talcott Parsons
The Evolution of Societies
edited and with an Introduction by J. Toby

Prentice-Hall; Englewood-Cliffs, New Jersey 1977

Buch 5:
Victor Lidz / Talcott Parsons eds.
Readings on Premodern Societies

Prentice-Hall, Englewood-Cliffs, New Jersey 1972

Buch 6:
Talcott Parsons
The Early Essays
edited and with an Introduction by C. Camic

The University of Chicago Press
Chicago and London 1991 (Originale 1923 – 1937)

Buch 7:
Talcott Parsons
The Social System

The Free Press
New York, London 1966 (Original 1951)


Es gibt Personen, die kennen Parsons nicht, es gibt solche, die ihn nicht mögen, es gibt auch jene, die ihn verdrehend verwechseln können. Es gibt sogar im 21. Jahrhundert akademisierte Personen, die meinen verkünden zu müssen, dass Talcott Parsons so ab 1962 nicht mehr gelesen zu werden braucht. Das ist ein Ding, entgeht doch letzteren erstens das soziologische Hauptwerk von Parsons (1964), und zweitens werden diese schwerlich verstehen, wie Parsons (1971) die akademische Soziologie weg von der Personenzentrierung hin zur sozialen Arbeitsteilung bewegte. Wenn man|frau gar etwas genauer auf die Werke der Jahre 1964 und 1978 von Parsons schaut, ist es so schwer ja auch nicht festzustellen, dass dessen Soziologie für einige nicht leicht und insgesamt unvollendet bleibt. Was besagt, dass es «Hohlräume» (Bloch) gibt.

Interessant für die heutigen Vorstellungen bezüglich der «Globalisierung» ist >Das System moderner Gesellschaften< schon, daneben findet sich aber noch ein Nebeneffekt. Parsons trennt sich von älteren Vorstellungen der Soziologie, die sich meist in irgendeiner Form mit «Gemeinschaft» verknüpften und entwirft mit dem Hintergrund «der sozialen Arbeitsteilung» (Durkheim 1893) ein «System der Soziologie». Das wesentliche dabei ist, dass z.B. die Definition von Weber hinweggelobt und obsolet wird. Die Grundlage, es war schon 1953 zu erkennen, wird die >Integration<.

Im Zuge der Zeit (Elias) zeigt sich, dass es, abgesehen von der Ästhetik, schon grotesk ist, wenn nach 1971 die Soziologie ohne >Integration< betrieben (z.B. Luhmann) oder nach alter Weber-Tradition im Handel das Handeln als Stein der Weisen gewittert wurde (z.B. Habermas). Bevor das >System< von 1971 ein wenig beleuchtet wird, sei darauf hingewiesen, dass man|frau auch nicht mehr so leichtfertig behauptet, dass die Welt eine Scheibe ist, bzw. dass sich die Sonne immer um die Erde dreht, weil z.B. auf Nikolaus Kopernikus (1473–1543) verwiesen werden kann. Im Internet-Zeitalter oder in der Real-Time-Geschichte wird auch die Soziologie komplexer anzusetzen sein, aber nicht im Abstrakten (vgl. Luhmann), sondern im Konkreten (vgl. Stark).

Parsons und sein Team wussten, was sie machten. Sie betrachteten >Gesellschaften< (Buch 2) als Teil 1 und >Das System moderner Gesellschaften (Buch 1) als Teil 2. Dies wäre nicht besonders kompliziert, gäbe es da nicht noch ein unveröffentlichtes Buch von Parsons >Die amerikanische gesellschaftliche Gemeinschaft<, das als Teil 3 betrachtet wurde. Damit, dies ist das Fatale, zeigt die >Evolution< (Buch 4) eine Entwicklung von der Urzeit (Buch 2) bis zur >Weltmacht USA< auf. Es ist die Idee «Weltmacht», die Weber (>Politische Schriften<) mit Deutschland verband, jedoch diese Idee ließ sich nach den beiden Weltkriegen auf die USA ummünzen. Es träumten noch einige in der 68er Zeit selig von einer «klassenlosen Gesellschaft», da war schon die «Hierarchie der Gesellschaften» installiert. Verwunderlich braucht nicht zu sein, dass mit den Fälschungen um Nietzsche nun gar die «klassenlose Gesellschaft» am untersten Ende eingereiht wurde. Zurückversetzt in die Zeit um 1960 («Kalter Krieg»), wurde der amerikanische Präsident, das Symbol der Freiheit (1789), zum Guten und der Staatssozialismus («die rote Fahne») zum Bösen. >Jenseits von Gut und Böse< ist für einige «Globalisierung».

1960 ist kein uninteressantes Datum, denn der eben erwähnte Teil 3 ist gar nicht so unveröffentlicht, wie es scheint, sondern er geht eben zurück auf das Jahr 1960 >Structure and Process in Modern Societies< (Buch 3). Bei Parsons ist es keine Seltenheit, das etwas Früheres von ihm später noch wichtig werden kann. Doch das ist nicht alles, denn die erste Schrift von Parsons (1928) beschäftigt sich mit dem >Kapitalismus< (Buch 6), und eine angekündigte Schrift kurz vor seinem Tode (1979) sollte Teil 3 sein. Einiges aus der 51jährigen Werkgeschichte von Parsons ist also schon zu berücksichtigen, um zu verstehen, warum er vom >Totemismus< (Buch 2) über >Das System< (Buch 1) zur >Weltmacht< (Buch 3) kommt.

Für die moderne Soziologie ist das keine Kleinigkeit, was Parsons da hervorzauberte. Für die Nicht-Soziologie, also auch z.B. für die Philosophie, ist das Problem einfacher. Es gibt über >Gesellschaften< einen Teil 1 (Buch 2) und einen Teil 2 (Buch1). Was liegt näher, als diese beiden Teile einmal zu verknüpfen (Buch 4). Diese Verknüpfung jedoch erledigte ein Mitarbeiter von Parsons (J. Toby). Naive Personen dachten da eventuell, dass Parsons seine Schriften handhaben kann, wie er will, sie sogar im Zuge der Arbeitsteilung delegieren kann. Aber erstens ging es mit der tatsächlichen Trennung nicht um >Evolution<, sondern um >Perspektiven<, und zweitens sind im Buch 4 alle >theoretischen Orientierungen< entfernt. Das erste ist schon denkwürdig genug, denn nun ist schon ausgemacht, dass der Finalbezug die USA sind, das zweite verwischt Urnatur und Folgenatur (vgl. Whitehead). Aber warum schaut Parsons noch einmal auf Weber, den er doch sowohl 1953 als auch 1964 schon nicht mehr so ohne weiteres mit der Soziologie in Verbindung brachte? Dazu lohnt es sich, die >Lesestücke< (Buch 5) zu beachten.

Wieder beauftragte Parsons einen seiner engsten Mitarbeiter (V. Lidz), spezifische Ansichten diesmal bezüglich >Realfaktoren< und >Idealfaktoren< umzusetzen. Vom kybernetischen Standpunkt (zu finden in Buch 2) ähnelten sich, so Parsons, >Marx und Weber<, denn beide legten Wert auf die >kontrollierende Hierarchie<. Jedoch war es mit Webers >Idealfaktoren< einfacher, >die Prozesse der genetischen Vererbung< mit der >kulturellen Vererbung< zu verbinden. Die Unterscheidung zwischen «Gebrauchswert» (System) und «Tauschwert» (Medium) war schon seit 1956 im Umlauf.

Spätestens seit 1971 steht der Name «Parsons» nicht mehr für eine einzelne Person, sondern für ein «System der Soziologie», eben für viele Personen, die funktional unterschiedliche Bereiche zu bearbeiten hatten. So lange Parsons lebte, war er es, der mit seiner Theorie («theoretische Effervescence» von Freud und Durkheim) auf eine «gute Gesellschaft» zielte. Dies war eine tadellose Leistung, aber nach ihm brach das Gerüst zusammen, u.a. weil die üblichen Erbstreitigkeiten ausbrachen. Interessanterweise mieden die Nachfolger oder solche, die es werden wollten die Verknüpfung von Durkheim und Freud wie die Pest.

In der Zeit nach Parsons (ab 1979) wurden u.a. zwei Besonderheiten ignoriert: 1) es verstanden nicht sehr viele Personen, dass der Name «Parsons» ein Symbol für die akademische Soziologie wurde; und 2) noch weniger wurde begriffen, dass es Parsons nicht darauf ankam, persönlich in den Vordergrund zu treten, sondern er verstand sich, wie anders als Soziologe, als Mitglied einer Kollektivität (Gruppe). Wenn Parsons ganz genau betrachtet wird, so hat er nur eine Monographie alleine geschrieben, 1951 >The Social System< (Buch 7), aber das bemerkte außer Werner Stark gar keine akademische Soziologie.

Damit lässt sich vielleicht schon erahnen, wie problematisch z.B. Luhmann (siehe Rezension) wird. Wogegen schießt er, gegen sich selbst und/oder gegen die Soziologie? Eine Menge Gedanken sind eingeworfen, doch nun zur >Gesamtgesellschaft als einem sozialen System<. In Teil 1 (Buch 2) ist klar ersichtlich, was zu beachten ist. Zunächst einmal Durkheim (1912), also der >Totemismus<, dann zum Schluss >Israel< und >Griechenland<. Dazwischen gibt es mit Abstrichen Webers >Agrarverhältnisse im Altertum<, >Aufsätze zur Religionssoziologie< (I, II, III) und deren Ergänzungen. Teil 1 schließt mit den Worten, es >leiten Durkheim und Weber eine neue Epoche der Sozialwissenschaften ein<. Dies allerdings ist ein Irrtum, denn es wird zwar Weber benutzt, um zur >Weltmacht< zu gelangen, aber im Hintergrund wirkt Tönnies (siehe Rezension). Parsons unterstützt hier lediglich die amerikanischen Träume seiner Schüler und Schülerinnen.

In der Schrift >Das System moderner Gesellschaften< (Buch 1) ist nun Parsons in der Zeit-Ära relativ weit vorangeschritten. Nach den ersten Kapiteln >Einleitung, theoretische Orientierungen und prämoderne Grundlagen moderner Gesellschaften< landet er schon bei der >protestantischen Ethik<, eben zur ersten >Kristallisierung des modernen Systems<. Ein Sturm der Entrüstung entbrannte, vor allem mit Kenntnissen von Freud und wegen der «Bekenntnisse» von Parsons (Buch 6).

Ein paar >Revolutionen< erscheinen noch, dann ist >die neue Führungsgesellschaft und die zeitgenössische Moderne< bereits erreicht und mit der >amerikanischen gesellschaftlichen Gemeinschaft< (Teil 3) identifiziert. Als >Gegenbewegungen< zur «guten Gesellschaft» erscheinen >UdSSR, Europa und nicht-westliche Gesellschaften<. Im abschließenden Teil (Buch 1) vermerkt Parsons, dass dies alles >unter dem geistigen Einfluss der Ansichten Webers zu stehen [scheint]<, aber eigentlich hat dies etwas damit zu tun, dass der Ansatz >zielgerichtet< ist. Das Buch 1 von Parsons schließt mit folgendem Satz: >Auch wenn wir die unleugbare Möglichkeit einer alles vernichtenden Katastrophe in Betracht ziehen, erwarten wir dennoch, dass der Haupttrend des nächsten vielleicht auch übernächsten Jahrhunderts auf die Vollendung jenes Gesellschaftstypus zusteuern wird, den wir «modern» nennen<. Nun gut, man|frau kann ja von 1971 an bis dahin warten, um diese Vorstellungen zu verifizieren oder zu falsifizieren. Bekanntlich wartet aber die USA mindestens seit Ronald Reagan (Präsident der USA von 1981–1989) nicht gerne.

Vor der amerikanischen Soziologie fragte z.B. Bloch (siehe Rezensionen), ob es nicht besser für die «Jugend» sei, einen «Sprung ins Neue» zu wagen. Später überlegte Elias, ob es nicht für die «Alten» angemessener sei, eine «allmähliche Verbesserung» anzustreben. Aber so bösartig braucht Parsons gar nicht angegangen werden, denn er erkennt schon, dass >keine der Problematiken ohne eine gehörige Portion Konflikte «gelöst» werden [wird]<. Die Gemeinschaft (Heimat) löst so ohne weiteres keine gesellschaftlichen Probleme und der >Rationalisierungsprozess< oder die Wirtschaft erzeugt so ohne Weiteres keine Solidarität. Was nun, kommen moderne Gesellschaften zur Ruhe über die >proletarische Revolution<, über die >demokratische Revolution< oder über die >kulturelle Revolution<?

Parsons meint, dass diese Revolutionen Kräfte zu einer besseren Gesellschaft erzeugten, aber die eigentliche Revolution hat die >Jugend< miteinzubeziehen. Weshalb er sich dann auch schon zwischen Teil 1 (Buch 2) und Teil 2 (Buch 1) mit der >Bildungsrevolution< auseinandersetzte. Das große Problem wird die >Integration des Alten und Neuen<. Soziologie ist >Integration<, und irgendwie schimmert nun deutlich Tönnies (siehe Rezensionen) durch.

Was Parsons in diesem Buch 1 entgangen ist, sei auch berichtet. Die «soziale Arbeitsteilung» (Durkheim 1983) kann nicht zur «guten Gesellschaft» gewendet werden, wenn die >Rationalisierung< oder «Willkür» die Oberhand gewinnt. Vom Willen her sind soziologisch immer noch die Unterscheidungen von Tönnies «Wesenwille» und «Kürwille» zu beachten. Eben >die Kluft zwischen Erwartungen und Wirklichkeit< sollte nicht über «Globalisierungen» ins Uferlose wachsen. Sonst bleibt, wie Bloch sagte, nach Voltaire noch der Zuruf an einen Ertrinkenden, dass es ein Ufer nicht mehr gibt. Wenn die Welt ins Finale stürzen will, ist es sinnlos, den Ertrinkenden zuzurufen, dass die alten und tradierten >Normen< von Esoterikern eventuell doch noch gekannt sind. Aber einen Rettungsring ihnen pragmatisch zuzuwerfen, wird nicht gelingen, denn wenn kein Ufer da ist, wo sollten die Retter stehen? Klar, mit dem Witz von Voltaire auf dem Olymp oder wenigstens im >Kapitalismus<, was insgesamt für Humanwissenschaften unpassend werden kann.

Akademisches Wonnegefühl springt schon mal gerne ins Jahr 2171, Science-Fiction noch weiter. Aber man|frau braucht nicht unbedingt davon überzeugt zu sein, dass eine konkrete Person ein biologisches Wunder ist und sich bei solchen Zeitdimensionen noch herumhandeln kann. Normalerweise werden Personen mit 65 Jahren in den Ruhestand versetzt, und es ist kaum anzunehmen, dass es sehr viele gibt, die beim Weitermachen überhaupt noch begreifen, was >Jugend< leisten kann. Sie ist nach Bloch immer ein «In-Möglichkeit-Sein», was die Prognostiker antippen können.

Bei Parsons hat sich mit seinem Werk >Das System der modernen Gesellschaften< letztlich die >Integration< als besonders wichtig für die akademische Soziologie herausgestellt. Mit Durkheim verweist er damit auf die «Solidaritätsarten» und mit Tönnies auf die «bejahenden Beziehungen», der Rest ist Artefakt. Weil Parsons dies in seinen Schriften erhalten hat, wurde er mit seiner >Modernisierungsskala< wichtig. Ob nun >Wurzeln in der eschatologischen Erwartung< letztlich in den USA (Parsons) oder in der UdSSR (Bloch) gefunden wurden, sei nach dem Zusammenbruch der UdSSR einmal nicht so wichtig, denn die konkreten Bezüge stimmten früher sowieso nicht oder wurden verzerrt. Bezüglich der klassischen Soziologie blieben letztlich wegen Buch 1 Durkheim und Tönnies unerlässlich. >Idealfaktoren< waren für das Leben schon wichtig und beachtenswert, so >dass die Variationsmöglichkeiten innerhalb des modernen Gesellschaftstyps sehr groß sind<.

Achte man|frau, so Parsons, darauf, dass sie nicht gewöhnlich wieder eingeschränkt werden, denn dies wäre der Rückschritt. Diejenigen, die Parsons immer zujubelten oder verachteten, haben etwas vergessen. Parsons war in Amerika damals eine geachtete Persönlichkeit, die schon ab 1962 darauf hinwies, dass die >militärische Macht< der USA nicht unterschätzt werden sollte.

Eigentlich ist es kurios, dass intelligente Köpfe von Parsons so schnell die Nase voll hatten und haben, könnten sie doch gerade in der Schrift >Das System der modernen Gesellschaften< einmal erkennen, dass die «Globalisierung» über einen «Hohlraum» zum Mittel für Zwecke mit dem «rationalen Handeln» instrumentalisiert werden kann, aber nicht muss, wohl auch gar nicht gewollt ist.

noz

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