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REZENSION
Friedrich Nietzsche
Ecce homo
Wie man wird, was man ist
in: F. Nietzsche; Kritische Studienausgabe, Bd. 6
herausgegeben von G. Colli und M. Montinari
Deutscher Taschenbuch Verlag München 1999
255-374 [KS]
Friedrich Nietzsche
Ecce homo
in: Kommentar zu Band 1 - 13
Kritische Studienausgabe, Bd. 14
herausgegeben von G. Colli und M. Montinari
Deutscher Taschenbuch Verlag München 1999
454-512 [KS]
Friedrich Nietzsche
Ecce homo Wie man wird, was man ist
in: Sämtliche Werke
mit einem Nachwort von W. Gebhard
Alfred Kröner Verlag; Stuttgart 1990
291-409 [SW]
Friedrich Nietzsche
Chronik zu Nietzsches Leben
Konkordanz, Verzeichnis der Gedichte, Gesamtregister
Kritische Studienausgabe, Bd. 15
herausgegeben von G. Colli und M. Montinari; Deutscher
Taschenbuch Verlag München 1999 [KS]
Die Geschichte von Nietzsches >Ecce homo [Eh]< ist verworren und letztlich nicht mehr ganz zu entschlüsseln. Begonnen sei mit Nietzsches Schlussphase. Seine Schwester, Elisabeth Förster-Nietzsche (>Der einsame Nietzsche<), gibt an, dass «von Mitte Juni bis Mitte Oktober [1888]» folgende Werke vorlagen: >Der Fall Wagner. Ein Musikanten-Problem [FW]<, >Götzen-Dämmerung oder wie man mit dem Hammer philosophiert [GD]<, >Der Antichrist. Fluch auf das Christentum [AC]< und die >Dionysos-Dithyramben [DD]<; Eh beginnt Nietzsche «am 15. Oktober [1888]». Die Schwester sagt weiter: «Ecce homo schließt die letztere Reihe krönend ab». Mitte Dezember 1888, so Colli und Montinari, taucht noch die Idee zur Schrift >Nietzsche contra Wagner. Aktenstücke eines Psychologen [NW]< auf. Folgt man|frau diesen Angaben, ergibt sich folgende Reihenfolge: FW, GD, AC, DD, Eh, NW. In den beiden Werken, KS bzw. SW finden sich folgende Reihenfolgen: FW, GD, AC, Eh, DD, NW (KS, Bd. 6) bzw. FW, NW, GD, AC, Eh, Gedichte (SW, Bd. 77).
Für Nietzsche selbst galt folgendes: FW wurde Ende 1888 veröffentlicht, NW wurde zurückgezogen, DD war noch nicht beendet, eine erwähnte Reihenfolge sollte sein: GD, Eh, AC. Angefügt sei, dass die Schwester 1890 in Naumburg auftaucht, «um noch rechtzeitig [1891] die Auslieferung von Zarathustra IV (wegen des blasphemischen «Eselsfestes») zu verhindern». Tatsächlich ist nun wie folgt veröffentlicht worden: 1888 FW, 1889 GD, 1889 NW, 1892 statt 1891 >Also sprach Zarathustra, Teil IV [Za IV]< und DD, 1895 AC, 1901 >Der Wille zur Macht 483 [WM 1]<, 1906 >Der Wille zur Macht 1067 [WM 2]<, 1908 Eh, 1911 >Der Wille zur Macht [WM 2 = WzM]<. Auffällig dürfte wohl die Reihenfolge WM 1, WM 2, Eh, WzM sein.
Ohne Probleme kann FW passieren, da Nietzsche diese Schrift noch selbst veröffentlichte. Die zweite Schrift, die keinen weiteren Probleme zu bereiten scheint, könnte GD sein, zumal bemerkt wird: «Nietzsche erhält [November 1888] die ersten Exemplare der >Götzen-Dämmerung< (die jedoch erst im Jahre 1889 vertrieben werden soll)» (KS, Bd. 15:186). Allerdings gibt es in GD ein >Vorwort<, dessen Schluss lautet: «Turin, am 30. September 1888, am Tage, da das erste Buch der Umwertung aller Werte zu Ende kam. Friedrich Nietzsche<.
Wer, so frage man|frau einmal, denkt sich dabei direkt etwas? Nun, am 30. September 1888 schrieb Nietzsche ein «Gesetz wider das Christentum< (KS, Bd. 6:254). Es ist zwar chronologisch nicht falsch, dieses am Ende von AC zu platzieren (vgl. KS, Bd. 6), aber es gehört zum Anfang von GD. Wenn diese Seite ganz verschwiegen oder unterschlagen wird (vgl. SW, Bd. 77), wird es nicht leicht, den besonderen Eingang von GD zu verstehen. Wie man|frau sich dreht und wendet, nach FW wimmeln alle Schriften von Nietzsche von Problemen.
Hier geht es darum, Eh kurz zu erläutern, dafür sei auf die tatsächlich veröffentlichte Reihenfolge geschaut. Es ist hier ohne weiteres ersichtlich, dass Eh benutzt wird, um WzM vorzubereiten. >Ecce homo< heißt übersetzt «Siehe, welch ein Mensch», es soll Pontius Pilatus bei der Verurteilung von Jesus Christus gesagt haben; aber es ist auch eine Bezeichnung «für Christus als Schmerzensmann». Dies bedenkend, ist vielleicht einfacher nachzuvollziehen, dass mit Eh Nietzsche als besonderer und leidender Mensch angesehen wurde, er sich gar selbst so sah, was er mit seinem Schluss von Eh dokumentiert: >Hat man mich verstanden? - Dionysos gegen den Gekreuzigten<. Klar, dies bezieht sich einerseits auf die Moralvorstellungen (vgl. GD, AC), andererseits aber auf Nietzsches Person (Eh), und genau so wurde es auch verstanden, als die sogenannten «Wahnsinnszettel» ab dem 3. Januar 1889 auftauchten. Am 10. Januar 1889 erfolgte die Einlieferung in die Nervenklinik und ab dem 8. Januar 1889 erinnerte sich Nietzsche nur noch an das «Gondellied» (Eh; KS, Bd. 6:291), aber auch das Lied verblasste bei ihm relativ schnell.
«Der Nietzsche-Kultus» (Tönnies) betrachtete nach dem Zusammenbruch und spätestens ab 1892 >Also sprach Zarathustra< als eine Art «Botschaft» und die Lehre dieser sozialen Gruppe wurde «Der Wille zur Macht [WzM]». Solange Nietzsche selbst veröffentlichte (bis FW), sind seine Schriften rational zugänglich, als er jedoch erkrankte und widerstandslos lebte, bemächtigte sich sofort die Irrationalität seiner Schriften. Eh ist in der wissenschaftlichen Geschichte um Nietzsche ein Beispiel, wie nicht-normale Personen bedenkenlos einen schwer kranken Mann für ihre Zwecke missbrauchten.
Wer nicht einfach den Fälschungen obliegen möchte, der sei darauf hingewiesen, dass Nietzsches Zerfall im letzten Viertel seiner Aktivität auftrat, also in etwa ab Oktober 1888. Eine veröffentlichte Schrift hat das Potential der Zeitlosigkeit (Whitehead), deshalb ist es auch müßig darüber zu streiten, ob oder ob nicht Nietzsche in Vergessenheit geraten wäre, wenn es einen «Nietzsche-Kultus» nicht gegeben hätte. Fakt ist, dass über die Betrügereien um Nietzsche genau diese Person zur Inkarnation des Bösen wurde. Letztlich werden aber wohl Philosophie, Soziologie und Psychologie in der Lage sein, z.B. Original und Fälschung zu vergleichen. Einerlei welche Aussage Nietzsche machte, >Hörte jemand ihr zu> (Gondellied), als er lebte?
Eh ist der lautlose Schrei eines todkranken Mannes, zu verstehen über Nietzsches späte Vorreden (siehe Rezension). Wenn man|frau genauer hinhört, findet sich auch wieder >der Gegensatz dionysisch und apollinisch<. Wer noch feiner fühlt, hört eventuell auch das Schluchzen, als Nietzsche öfters die Oper «Carmen» verfolgte. Lange Rede, kurzer Sinn: In ein gefährliches Fahrwasser begibt sich, wer Nietzsche erwähnt, aber um die Problematik von Eh nicht weiß. Das ist keine Bagatelle. Den Wert von Nietzsche findet man|frau nicht in den Scheinheiligkeiten, sondern in seinen Originalen, aber letztere sind nicht mehr nach 1888 so leicht zu erreichen. Eh wurde durch seine späte Veröffentlichung zur Brücke zwischen Hass und Ekel, weil in ihm Nietzsches >Hammer grausam [wütet]< mit der >Lust selbst am Vernichten<.
Das, was zur «Ansteckung» (Nietzsche-Vorreden - siehe Rezension) reizte, war der Betrug, und um es nur bezüglich Habermas zu sagen: bevor nicht gewusst ist, wer X bei WzM ist, solange ist auch eine Gefahr nicht gebannt. Nietzsche jedoch kann, wenn auch mit mehr Arbeitsaufwand, sinnvoll studiert werden. Um es auf den Punkt zu bringen: >Ecce homo< beinhaltet den unheilbaren und jammervollen Nietzsche in einer Symbiose mit den tückischen und enthemmten Nachahmungen zwischen 1889 und 1911.
Das soziologische Ergebnis ist das folgende: Ab 1999, also mit dem Erscheinen der Neuausgabe >Kritische Studienausgabe< von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, gilt als gesichert, dass der oder die Verfasser des Buches «Der Wille zur Macht [WzM]» X ist. Alle diesbezüglichen Angaben zu diesem Buch sind entsprechend zu ändern. Ich erwähnte es schon bei Arendt (siehe Rezension), aber es gilt auch für Ernst Bloch und viele andere. Aufgrund der Täuschungen, Schurkereien etc. bei Informationen, die in den Büchern von Nietzsche ab 1889 auftreten, ist es angebracht, auf die >Kritische Studienausgabe< zusätzlich zu verweisen. Jeder Rückgriff auf >Ecce homo< ohne auf den >Kommentar< (KS, Bd. 14) zu verweisen, deutet auf einen Wahn oder auf eine «Ansteckung». Soziologen oder Soziologinnen, die irgendwann einmal in ihren Arbeiten WzM erwähnt haben, empfehle ich, dieses Ergebnis zu berücksichtigen und bei den anderen erwähnten Schriften von Nietzsche ab 1889 Vorsicht walten zu lassen. Da >Also sprach Zarathustra [Za]< wegen seines 4. Teils auch in diesen Bereich der dunklen Emotionen gerät, sei ferner darauf hingewiesen, dass alle Autoren bzw. Autorinnen überempfindlich zu betrachten sind, die ab 1889 von Nietzsche lediglich Za und bzw. oder spätere Werke von ihm aufnehmen. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass dann selbst Sigmund Freud und viele andere dieses Schicksal ereilen. Anderen Wissenschaften sei dies auch angeboten, denn das Ergebnis ist sowohl wahr als auch nicht falsch, um es etwas anders als Adorno zu sagen.
noz
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