|
|
REZENSION
Friedrich Nietzsche
Vorreden 1885-1888
Friedrich Nietzsche
Kritische Studienausgabe
hg. von G. Colli und M. Montinari
Deutscher Taschenbuch Verlag
München 1999; 15 Bde. [KS]
Friedrich Nietzsche
Sämtliche Werke
Alfred Kröner Verlag
Stuttgart 1939 -1996
11 Bde. [SW]
Friedrich Nietzsche
Werke I
herausgegeben von K. Schlechta
Verlag Ullstein
Frankfurt a.M., Berlin, Wien 1972 [W1]
Friedrich Nietzsche
Erkenntnistheoretische Schriften
Nachwort von J. Habermas
Suhrkamp Verlag; Frankfurt a.M. 1968 [ES]
Wer so gelegentlich auf Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844-1900) stößt, der könnte sich wundern, denn er «hat nichts Ansteckendes mehr» (Habermas; ES:337). Liest man|frau mehr von ihm, kommt es wohl zu einem theoretischen Schock. So gut wie nichts schien Nietzsche unbekannt gewesen und alles scheint mit ihm verknüpfbar zu sein. Dies irritierte selbst Tönnies, als er feststellte, dass schon über eine Konvergenz zwischen Goethe (1749-1832), Kierkegaard (1813-1855), Nietzsche und van Gogh (1853-1890) geforscht wurde. So manche ahnten die besondere Stellung dieses Philosophen, so pilgerten gar Adorno (1903-1969) und Herbert Marcuse nach Sils-Maria. Doch endet damit nicht die Überraschung. Ausgerechnet Durkheim (siehe Rezension) wurde 1904 folgendes erzählt: «Nietzsche kannte Schopenhauers Werk nicht». Durkheim hörte es und dachte nach (in: Lukes; Emile Durkheim:624). Denkwürdiges bezüglich Nietzsches gibt es mehr als genug, aber interessant ist auch eine Nietzsche-Ouvertüre der anderen Art. Nietzsche schrieb zwischen 1885 und 1888 Vorreden zu seinen veröffentlichten Büchern und diese seien im Folgenden betrachtet.
Die erste Schrift >Geburt der Tragödie [GT]< entstand in der >Zeit des deutsch-französischen Krieges von 1870/71<. Nietzsche, >der Grübler und Rätselfreund<, setzte sich hin >und schrieb seine Gedanken über die Griechen nieder<. >Was bedeutet gerade bei den Griechen, der besten, stärksten, tapfersten Zeit, der tragische Mythos? Und das ungeheure Phänomen des Dionysischen<? >Und die «griechische Heiterkeit» des späteren Griechentums nur eine Abendröte<? 1886 sagt Nietzsche, >dass es das Problem der Wissenschaft selbst war<, dem er sich mit >übergrünen Selbsterlebnissen< näherte, ein Bruch mit >Artisten-Heimlichkeiten< war es, halt >ein Jugendwerk<. Bestätigt wird von Nietzsche, dass sein Buch einen Erfolg bei einem Künstler aufweist, >an den es sich wie zu einem Zwiegespräch wendete, bei Richard Wagner [1813-1883]<. 16 Jahre später ist das >Erstlingswerk< für Nietzsche >ein unmögliches Buch<. Aber eine Frage tauchte dort schon auf: >was ist dionysisch<? Eine Antwort darauf verbindet Nietzsche mit >Schmerz<, und in diesem Zusammenhang fragt er weiter, ob im Entstehen (Morgenröte) eventuell der >Pessimismus< und in der >Auflösung< (Abendröte) der >Optimismus< überwiegt. Hier schon, so der Autor, >wird die Kunst - und nicht die Moral - als die eigentlich metaphysische Tätigkeit des Menschen hingestellt<. In diesem Buch gibt es >zu der rein ästhetischen Weltauslegung< schließlich >keinen größeren Gegensatz als die christliche Lehre<. Die >Gegenlehre< benannte er dann als >die dionysische<. Sie ist >die Kunst des diesseitigen Trostes<, und mit seinem >dionysischen Unhold< Zarathustra sagt er weiter: >lernt mir - lachen<!
Colli (KS, Bd. 1 - Nachwort) bemerkt, das Erstwerk sei «Nietzsches schwierigstes Werk», weil sich dabei der Mythos in «apollinischen Traumbegriffen» der «dionysischen Passion entzieht». Hier bereits wirkt die «Suggestion» als Art «Mystizismus»: «Sein Ritual ist die Lektüre, und die Übermittlung der neuen Vision vollzieht sich über das geschriebene Wort».
Für Bäumler (SW, Bd. 70 - Nachwort) weist «der geniale Erstling», mit der Aufteilung «Traum und Rausch, Dionysos und Apollo», auf «den Heros: In einem Siege in der Vernichtung besteht für ihn das dionysische Phänomen». Auch zu Nietzsche und Wagner wird etwas bemerkt, nämlich dass es sich dabei «um die wirkliche Freundschaft zweier Männer» drehte, «die Deutschland von Grund auf verändern wollten».
Nun sei kurz erwähnt, was im Original steht (KS, Bd. 1:30): >Wir haben bis jetzt das Apollinische und seinen Gegensatz, das Dionysische, als künstlerische Mächte betrachtet<, liest man|frau weiter, so wird das Apollinische mit der >Bilderwelt des Traumes< verknüpft und das Dionysische >als rauschvolle Wirklichkeit< angesehen. Aus dem Entweder - Oder entsteht, >wie beispielsweise in der griechischen Tragödie - zugleich Rausch- und Traumkünstler<. Es ist ja nur ein kleiner Schritt, um festzustellen, dass Nietzsche von 1872 bis 1886 die eine Seite des Gegensatzes, eben das Apollinische, verschweigt.
In der Vorrede von 1886 zu >Menschliches, Allzumenschliches [MA I]< spricht Nietzsche davon, dass von GT bis zum >Jenseits von Gut und Böse [JGB] >eine beständige unvermerkte Aufforderung zur Umkehrung gewohnter Wertschätzungen und geschätzten Gewohnheiten< bemerkt worden sei. So wie selbstverständlich spricht er davon, dass in diesem Buch auch gesehen werden kann, >warum ich [Nietzsche], wo ich nicht fand, was ich brauchte, es mir künstlich erzwingen, zurecht fälschen, zurecht dichten musste<. Den Typus «freier Geist» benötigte Nietzsche, >um guter Dinge zu bleiben inmitten schlimmer Dinge (Krankheit, Vereinsamung, Fremde, Acedia, Untätigkeit)<. Wieder stellt er eine Frage: >Kann man nicht alle Werte umdrehn? und ist Gut vielleicht Böse<? Diese Fragen sind u.a. verbunden mit Schmerz, Einsamkeit, Loslösung, Hass und Untätigkeit, >genug, der freie Geist weiß nunmehr, welchem «du sollst» er gehorcht hat, und auch, was er jetzt kann, was er jetzt erst - darf<. Nietzsche sieht sich 1886 im >Mittag<, wobei er feststellt: >es ist die Zukunft, die unserm Heute die Regel gibt<. Aber es gesellt sich ein weiterer Grundgedanke hinzu: >eine Rangordnung<. Zum Schluss dieser Vorrede verweist Nietzsche auf ein Sprichwort, es besagt, dass man|frau >nur dadurch Philosoph bleibt, dass man schweigt<.
Colli (KS, Bd. 2 - Nachwort) stellt die «aphoristische oder jedenfalls fragmentarische Form» von MA I an den Anfang und verweist auf die Bedeutung, die «in der Abkühlung (die später zum Bruch werden sollte) der Freundschaft mit Wagner» zu erblicken ist. Das Buch setzt «die Gegensätzlichkeit selbst erlebter Erfahrungen voraus».
Bäumler (SW, Bd. 72 - Nachwort) gibt an, dass der Buchtitel «ein anderes Wort für Psychologie» ist. Bäumler lässt sich weiter dazu hinreißen zu bemerken: «Der vertraute und geliebte Erwin Rohde» meinte, «dass Nietzsche dem Einfluss des Dr. Rée erlegen sei». Bäumler erwähnt daneben auch die «Unterstützung Peter Gasts» und kommt zur Einschätzung: «Das vorliegende Werk kann nur verstanden werden, wenn man es nach rückwärts wie nach vorwärts richtig inmitten der Lebensbahn Nietzsches sieht».
Schaut man|frau ins Original, so sind u.a. zwei Dinge zunächst bemerkenswert: 1) Dieses Buch ist Voltaire gewidmet (KS, Bd. 2:10), und 2) findet sich in ihm eine beachtliche Nähe zu Sigmund Freud (1856-1939): >Der Traum bringt uns in ferne Zustände zurück und gibt ein Mittel an die Hand, sie besser zu verstehen< (W1:455), womit man|frau in die Nähe der «Psychoanalyse» gelangt. Mit dem ersten Punkt erzwingt Nietzsche den konkreten Gegensatz zwischen Voltaire und Rousseau, mit dem zweiten ist später gar die Trennung zwischen Freud und A. Adler (1870-1937) bzw. C.G. Jung (1875-1961) verbunden.
1886 in der Vorrede zu >Menschliches, Allzumenschliches II [MA II]< spricht Nietzsche über >irgend ein eigenes Faktum oder Fatum<, womit er folgendes andeutet: >Insofern sind alle meine Schriften, mit einer einzigen, allerdings wesentlichen Ausnahme zurück zu datieren - sie reden immer von einem «Hinter-mir» - :einige sogar, wie die drei ersten Unzeitgemäßen Betrachtungen [>David Strauss der Bekenner und der Schriftsteller< = DS; >Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben< = HL; >Schopenhauer als Erzieher< = SE - KS, Bd. 1; SW, Bd. 71 - NZ], noch zurück hinter die Entstehungs- und Erlebniszeit eines vorher herausgegebenen Buches (der «Geburt der Tragödie» im gegebenen Falle: wie es einem feinen Beobachter und Vergleicher nicht verborgen bleiben darf)<. Die Ausnahme ist >Also sprach Zarathustra, Teil I bis Teil IV [Za I, Za II, Za III, Za IV]<. In der Zeit von DS, HL und SE entstand auch die Schrift >Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne [WL]<. Die vierte Betrachtung >Richard Wagner in Bayreuth [WB]<, so Nietzsche, war >tatsächlich eine Loslösung, ein Abschiednehmen<. Dieses Buch MA II besteht nun aus zwei Schriften, >zuerst einzeln als Fortsetzungen und Anhänge> von MA I, was, um es gleich zu sagen, dazu führte, dass Nietzsche die Bedeutung von >Der Wanderer und sein Schatten [WS]< ein wenig versteckte. Insgesamt zeigt sich hier ein >einsiedlerisches Reden<, >ein Widerwille gegen alles Festbleiben<, >die Geschichte einer Krankheit und Genesung<, und noch deutlicher: >so zwang ich [Nietzsche] mich, als Arzt und Patient in Einer Person< zu einer Wanderung, >zu einer abziehenden Wanderung in die Fremde<. Genauer meinte er damit: >Hinter einem solchen Willen steht der Mut, der Stolz, das Verlangen nach einem großen Feinde<.
Colli (KS, Bd. 2 - Nachwort) erblickt in MA II «Nietzsches Zeugnis eines Rückzugs auf sich selbst». Hier geht es «um eine unzeitgemäße Vision», um «die Distanz von der Gegenwart». Erstaunlich ist für Colli, dass sich «Nietzsches Kritik am Christentum in kontemplativ zurückhaltenden Bahnen» bewegt.
Bäumler (SW, Bd. 72 - Nachwort) meint bezüglich der ersten Schrift von MA II, «die Anordnung der einzelnen Aphorismen folgt dem Plan des ersten Bandes [MA I]». Weiter merkt er an, dass die zweite Schrift von MA II geschrieben wurde, als Nietzsche «an sein baldiges Ende [glaubte]». Jedoch, so Bäumler, MA II vermittelt «die Stimmung des neuen Aufstiegs», und weiter: «der Stil der >Morgenröte [M]< kündigt sich an».
Nun wieder einige Hinweise aus dem Original (W1:869f), am Ende von >Vermischte Meinungen und Sprüche [VM - MA II, erste Schrift]< verweist Nietzsche auf folgendes: >Vier Paare waren es, welche sich mir, dem Opfernden nicht versagten: Epikur und Montaigne, Goethe und Spinoza, Plato und Rousseau, Pascal und Schopenhauer<. In der zweiten Schrift von MA II, eben WS (W1: 873), spricht Nietzsche u.a. über den >Baum der Erkenntnis< und den >Baum des Lebens<, anschließend kommt er auf die Wissenschaft zu sprechen: >Diese tolle Moral geht von dem Gedanken aus, dass die «Wahrheiten» eigentlich nichts weiter seien, als Turngerätschaften, an denen wir uns wacker müde zu arbeiten hätten, - eine Moral für Athleten und Festturner des Geistes<. Angenommen, wie eingangs erwähnt, der Schüler von Durkheim hätte Recht, dann sind es in der ersten Schrift VM keine vier Paare. In der zweiten Schrift WS ist nicht sonderlich schwer herauszufinden, dass sich Nietzsche u.a. auf seine ihn angeblich Liebenden, Freunde und Kollegen bezieht.
Auch die >Morgenröte [M]< wird 1886 mit einer >Vorrede< versehen. Nun verweist Nietzsche auf einen «Unterirdischen» und auf eine >Arbeit der Tiefe<. Vielleicht, so sagt er weiter, wartet ein solcher Sonderling auf >seine eigene Morgenröte<. Er skizziert kurz seine Situation und stellt fest: >ich [Nietzsche] begann unser Vertrauen zur Moral zu untergraben. Aber ihr versteht mich nicht<? Wer wollte ihn auch verstehen, attackiert er doch nun vor allem das krankhafte Deutsche - konkret an seiner Vergangenheit, und das krankhafte Bayreuth - konkret an Wagner, mit deren Moral und überdehnt dabei seine Aussage: >in der Gegenwart der Moral soll eben, wie angesichts jeder Autorität, nicht gedacht, noch weniger geredet werden: hier wird - gehorcht<! In diesem Zusammenhang erwähnt er die >Teufelei der Überredungskunst<, verweist auf >jene verhängnisvolle Antwort Kants<, auf >die Moral-Tarantel Rousseau<, und auf Hegel, der >dem deutschen Geist zum Sieg über Europa verhalf<. Nietzsche beginnt in der Tat in diesem Buch mit ganz anderen Begriffen und Worten zu reden, für ihn ist nun der >Feminismus (oder Idealismus, wenn mans lieber hört)< der Feind. Zum Schluss der Vorrede sagt Nietzsche etwas, was später noch wichtig werden sollte: >Meine geduldigen Freunde, dies Buch wünscht sich nur vollkommene Leser und Philologen: lernt mich gut lesen<!
Colli (KS, Bd. 3 - Nachwort) meint etwas Wichtiges entdeckt zu haben, indem er sagt: «Aber an Nietzsches Durchforschung seiner Selbst nimmt nicht teil, wer das Buch hintereinander fort als eine Reihe von Betrachtungen liest - diese Annahme wäre naiv». Der Wink ist genauso gut, wie der, der erkennen lässt, dass Nichtleser / Nichtleserinnen gar nicht wissen, was darin steht, aber Leser / Leserinnen dümmer sind, als die vorher einmal erwähnten, eventuell gar gedopten Athleten des Geistes. Colli will das wahrscheinlich so nicht gesagt haben, sondern er möchte, «dass der Leser alles weiß, denn er muss lernen, von Nietzsche zu nehmen, aber auch sich gegen ihn zu wehren». Dies verbessert weder Habermas (siehe Anfang) noch die Ausgangslage von Colli, deshalb übertrage ich einmal die Anmerkungen. Man|frau kann Nietzsche lesen oder nicht. Bei der M ist zu bedenken, dass sein Autor absichtlich bestimmte Anordnungen in seinem Buche vornimmt. Wenn das Buch verstanden werden will, so sollte nicht übersehen werden, dass die Ordnung von Nietzsche auf einen «kleinen Betrug» aufbaut. Letztlich allerdings hat man|frau zu akzeptieren, dass der Autor, eben Nietzsche, diese Anordnung veröffentlichte. Ob über Collis Anspielungen auf Nietzsches Intuitionen bzw. Inspirationen alles für «kluge Köpfe» einfacher wird, bezweifle ich. Wichtig allerdings ist der Hinweis von Colli, dass nun in diesem Werk plötzlich «Napoleon und Paulus» ins Rampenlicht gerückt werden. Die «charismatische Herrschaft», um es zu erwähnen, wirft ihre Schatten voraus.
Gebhardt (SW, Bd. 73 - Nachwort) teilt mit, dass Nietzsche «1879, in dem er sein 35. Lebensjahr abschloss», nunmehr eine besondere Ausrichtung hat, eben «am Vorbild des Epikur». Nietzsche kommt zum «Gefühl der Macht», was später zum «Willen zur Macht» führt. Gebhardt verweist auf Nietzsches «Lues-Infektion» und deren «euphorische Wirkung»; auf die Moral «des paulinischen und lutherischen Christentums» wird hingewiesen; die «Rigveda» wird erwähnt. Gegen Wagner ist die Schrift gerichtet und als Gegenpol erscheint Napoleon: «Nietzsche revidiert seinen Genie-Glauben». Gebhardt sagt weiter: «Kant und Schopenhauer wirken gegen Plato, Spinoza, Pascal, Rousseau und Goethe als Kopfdenker; Nietzsche arbeite eben «genealogisch». Nietzsche, so Gebhardt, «versteht sich als Lehrer des Sehens». Nun ja, Gebhardt hat von den Vier Paaren wenig gehört, zum Rest kann etwas über Nietzsches Biographie gesagt werden.
Um das Original von M zu erwähnen (SW, Bd. 73:11), es beginnt mit >Nachträgliche Vernünftigkeit. - Alle Dinge, die lange leben, werden allmählich so mit Vernunft durchtränkt, dass ihre Abkunft aus der Unvernunft dadurch unwahrscheinlich wird<.
Dem Buche >Die fröhliche Wissenschaft [FW]< ist 1886 nicht nur die >Vorrede zur zweiten Ausgabe< beigegeben, sondern schon etwas mehr im Jahre 1887. Nietzsche beginnt mit einem Zweifel, nämlich >ob Jemand, ohne etwas Ähnliches erlebt zu haben, dem Erlebnisse dieses Buches< folgen kann. >«Fröhliche Wissenschaft»: das bedeutet die Saturnalien eines Geistes<, es ist ein Zeichen >von der Trunkenheit der Genesung<. Hier, so Nietzsche, kündigt sich mit >der wiederkehrenden Kraft, des neu erwachten Glaubens an ein Morgen und Übermorgen< etwas an, nämlich >etwas ausbündig Schlimmes und Boshaftes<. Dies bedenkend, werden die Fragen schon verständlicher, >ob nicht die Krankheit das gewesen ist, was den Philosophen inspiriert hat<. Es gab bei Nietzsche eine >Zeit schweren Siechtums< und nun bricht die >Kunst der Transfiguration< hervor: >bei allem Philosophieren handelt es sich bisher gar nicht um «Wahrheit», sondern um etwas Anderes, sagen wir um Gesundheit, Zukunft, Wachstum, Macht, Leben<. Wie kann da Tiefe erreicht werden? Für Nietzsche ist >der große Schmerz< ein wichtiger >Lehrmeister<, >der letzte Befreier des Geistes<. Wieder einmal gibt er einen Wink: >Diese Griechen waren oberflächlich - aus Tiefe<! Womit dann auch erahnt werden kann, vor welchen Problemen die Interpreten von Nietzsche standen und stehen, geht es von der Oberfläche (lies: Nietzsches Schriften) nach unten (lies: zum Wahnsinn) oder nach oben (lies: zum Genie).
Colli (KS, Bd. 3 - Nachwort) meint: «In der Fröhlichen Wissenschaft lassen sich alle Widersprüche Nietzsches aufspüren». Es ist nach Colli «zentral», u.a. auch weil hier deutlich wird, dass Nietzsche nun beansprucht, «Dichter und Wissenschaftler in einem zu sein». Am Schluss des Vierten Buches der FW erscheinen in der Tat «Gedanken der ewigen Wiederkunft» und eben der Anfang von Zarathustra (Za I). Wen wundert es da nun, dass Nietzsche neben dem Vorwort noch ein Fünftes Buch >Wir Furchtlosen> und die >Lieder des Prinzen Vogelfrei< anfügte.
Gebhardt (SW, Bd. 74 - Nachwort) weist darauf hin, dass die Änderungen in Nietzsches Schreibstil mit dem «biographisch-medizinisch begründeten Zwang» zu tun habe. Aber dies ist eigentlich nur eine Möglichkeit, um auf Nietzsches >amor fati< anzusprechen, denn für Gebhardt ist etwas anderes wichtiger: «Das Macht-Problem wird im Umkreis der Notizen noch als «Gefühl der Macht» reflektiert, nicht als totale Antwort auf alles».
Zunächst wieder ein Blick ins Original (SW, Bd. 74:286): >Das Verlangen nach Zerstörung, Wechsel, Werden kann Ausdruck der übervollen, zukunftsschwangeren Kraft sein (mein terminus ist dafür, wie man weiß, das Wort «dionysisch»), aber es kann auch der Hass des Missratenen, Entbehrenden, Schlechtweggekommenen sein, der zerstört, zerstören muss, weil ihn das Bestehende, ja alles Bestehen, alles Sein selbst empört und aufreizt<.
Aber auch zur Logik des Buches FW sei etwas angemerkt. Der Schluss der ersten Auflage ist gleichzeitig der Beginn von Nietzsches Za I. Mit der zweiten Auflage ist dieses Ende >unzeitgemäß<, denn sie kommt nach JGB heraus. Nietzsche verändert das Buch nun so, dass der neue Schluss gleichzeitig der Anfang der nächsten Schriften wird. In >Wir Furchtlosen< findet sich demnach ein Anfang der nächsten Arbeit >Zur Genealogie der Moral [GM]<. Aber das ist noch nicht alles, denn es gibt ja offensichtlich zwei Aspekte, worauf Nietzsche verweist, also hat er nicht nur auf >Ressentiment< zu verweisen, sondern >dithyrambisch< auf >Dankbarkeit und Liebe<. 1882 beginnt mit den >Idyllen aus Messina [IM] etwas, das mit dem >Anhang: Lieder des Prinzen Vogelfrei> fortgeführt wird, aber eigentlich schon auf die >Dionysos-Dithyramben [DD]< vorbereitet.
Der Beginn der Reigen der späten Vorreden von Nietzsche findet sich 1885 im Buch JGB. Diese Vorrede hat einen besonderen Anfang: >Vorausgesetzt, dass die Wahrheit ein Weib ist -, wie<? Hier gibt Nietzsche zu verstehen, mit welcher Vieldeutigkeit bei ihm das Wort >Weib< behaftet ist. Klar, dies wollten einige gar nicht sehen, war es doch bequemer, es konkret aufzufassen, so konnte dann dazu übergegangen werden, >vom reinen Geiste und vom Guten an sich< zu reden. Nietzsches >Aufgabe [ist] das Wachsein selbst<, und er geht über zum >Kampf gegen den christlich-kirchlichen Druck von Jahrtausenden<. Spätestens hier lässt sich fragen, was sein >Pfeil< treffen will oder wer >das Ziel< sein kann.
Colli (KS, Bd. 5 - Nachwort) stellt fest: «Die Errichtung eines «Systems» des Willens zur Macht beginnt genau in dieser Epoche». Allerdings, so sei eingefügt, gibt es dieses «System» bei Nietzsche nicht, und vor allem lehnt er den Begriff «System» ab. Etwas anderes wurde wichtiger, man bemühte sich nach Nietzsche um Schadensbegrenzung, d.h. es musste von Nietzsches deutschen Zeitgenossen gesichert werden, was der Pfeil nicht treffen und wer das Ziel nicht sein durfte.
Gebhardt (SW, Bd. 76 - Nachwort) wird da schon etwas konkreter, auf die «antisemitisch kolonialistischen Umtriebe» um Bayreuth richtet sich ein Pfeil, und der Kampf gegen deren «Genie» ist ein Ziel. Wenn man|frau nun, so sei weitergesprochen, wie z.B. Simmel und Weber jede Chronologie von Nietzsche auflöst und ihn nur noch in dieser «Epoche» (Colli) gelten lässt, dann genau wird Nietzsche zu einer gefährlichen Waffe, zum Missbrauch freigegeben. Zur «Ansteckung» (Habermas) wird da nicht Nietzsche, sondern etwas ganz anderes, wenn die Fälschungen des Buches «Der Wille zur Macht» [WM 1 von 1901; WM 2 von 1906/1911] ignoriert werden.
Das Original (KS, Bd. 5:15) deutet gleich zu Beginn darauf, um was es geht: >was für Fragen hat dieser Wille zur Wahrheit uns schon vorgelegt! Welche wunderlichen schlimmen fragwürdigen Fragen<! Dann fügt Nietzsche etwas hinzu, was auf jeden Fall bei den Fälschungen ausgeschaltet werden musste: >Was Wunder, wenn wir endlich einmal misstrauisch werden, die Geduld verlieren, uns ungeduldig umdrehn<? Mit dem Zurückschauen, Nietzsche wusste es vielleicht von Darwin (siehe Rezension), berührt er die >Genealogie<, aber der von Nietzsche attackierte >Idealismus< sah es anders. Dieser las ein wenig weiter, und so kommt ein folgender Satz zu einer tragischen Berühmtheit: >Gesetzt, wir wollen Wahrheit: warum nicht lieber Unwahrheit<? Aus dem Umdrehen von Nietzsche wurde für die Fälscher dann schlicht der Anfang ihres Endziels, eben «Der Wille zur Macht [WM 2]».
Den Abschluss der Vorreden bilden zunächst einmal 1887 die einführenden Bemerkungen in GM. Darin kommt Nietzsche u.a. auf >Dr. Paul Rée< zu sprechen und grenzt sich von ihm ab, d.h. er überdenkt seine früheren Arbeiten. Dabei fällt ihm etwas auf: >Ich [Nietzsche] nenne nur Plato, Spinoza, La Rochefoucauld und Kant, vier Geister so verschieden von einander als möglich, aber in einem Eins: in der Geringschätzung des Mitleidens<. Dies ist dann Anlass genug, sich mit dem Wert der Moral zu beschäftigen. Aber er sagt noch mehr, was gerade in Bezug zur Fälschung nachdenklich stimmen kann: >Sie [diese Schrift] ist deutlich genug, vorausgesetzt, das man zuerst meine früheren Schriften gelesen und einige Mühe dabei nicht gespart hat: diese sind in der Tat nicht leicht zugänglich<. Warum soviel Aufwand bei einem weitgehend ungelesenen Autor, dachten sich nicht nur Simmel und Weber, es gibt doch die Fälschung, eben elf Jahre nach Nietzsches Tod eine Schrift. Warum sich also umschauen, wenn sie doch schon vor sich ihr Ziel haben. Nur, das ist das Problem, für Nietzsche selbst war sein >Zarathustra< das Wichtigste.
Colli (KS, Bd. 5 - Nachwort) sagt, dass die «Thematik des Leidens auch die scharfe Antithese zwischen Herrenmoral und Herdenmoral [erhellt]». Mit der Herrenmoral ist «die berühmte These von der &Mac173;blonden Bestie&Mac226;» verknüpft, «die Herdenmoral ihrerseits gründet sich auf Hass und Rache».
Gebhardt (SW, Bd. 76 - Nachwort) verweist ebenfalls auf die Thesen, und bemerkt weiter, dass GM «für die nachfolgenden Zivilisationstheoretiker von Freud bis Foucault erhebliche Bedeutung gewann». Was aber ist da nur falsch gelaufen bei Nietzsche?
Im Original (KS, Bd. 5:412) findet sich eine Antwort: >Und, um es noch zum Schluss zu sagen, was ich [Nietzsche] Anfangs sagte: lieber will noch der Mensch das Nichts wollen, als nicht wollen<. Bezogen auf sein Werk, kann dies ausgerechnet mit WM 2 verknüpft werden.
Die letzte von Nietzsche selbst veröffentlichte Schrift >Der Fall Wagner. Ein Musikanten-Problem [WA]< beschäftigt sich mit dem Anfang. >Wagnern den Rücken kehren war für mich ein Schicksal; irgend Etwas nachher wieder gern zu haben ein Sieg<. Der Sieg, so viel wird 1888 klar, hat mit >Zarathustra< zu tun.
Colli (KS, Bd. 6 - Nachwort) deutet es an: «Im Jahr 1888 stürzt sich Nietzsche in eine Situation ohne Ausweg», was aber so nicht stimmt, denn Nietzsches Zusammenbruch erfolgte etwa Ende 1888, am 9. Januar 1889 ist die Einlieferung in die Nervenklinik, nach Jahren des Siechtums stirbt Nietzsche 1900.
Gebhardt (SW, Bd. 77 - Nachwort) bemerkt, dass der relative Erfolg der Schrift WA «des übersehenen und unverstandenen Philosophen» auf die Bekanntschaft von Wagner zurückzuführen sei. Die Freunde Wagners allerdings «wunderten sich über die heftige und unmotiviert scheinende Absage eines Wagner-Vertreters, der in der >Geburt der Tragödie< so hymnische Töne gefunden hatte».
Im Original (KS, Bd. 6:25) lässt sich leichter finden, was die &Mac173;Idealisten&Mac226; u.a. gegen Nietzsche aufbrachte: >Wandeln wir über Wolken, haranguieren wir das Unendliche, stellen wir die großen Symbole um uns herum! Sursum! Bumbum<!
Alle Schriften, die hier nicht behandelt wurden, sind besonders zu betrachten, da sie nach Nietzsches Zusammenbruch verändert wurden, dazu zählen: >Also sprach Zarathustra (Za I, Za II, Za III, Za IV)<, >Götzen-Dämmerung [GD]<, >Der Antichrist [AC]<, >Dionysos-Dithyramben [DD]<, und >Nietzsche contra Wagner [NW]<. Ein ganz kompliziertes Ding ist die Schrift >Ecce homo [EH]<, denn sie erscheint erst acht Jahre nach Nietzsches Tod und kommt so zwischen WM 2 1906 und WM 2 1911 zu stehen.
Die Schrift WM 1 von 1901 wurde u.a. von Peter Gast [Heinrich Köselitz; >Der Löwe von Venedig<] und Rudolf Steiner (1865-1925) mit 483 Aphorismen zusammengestellt; u.a. darauf stützt sich Martin Heidegger (1889-1979). Die Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche (>Das Lama<) wurde dann ermuntert, 1906 eine Schrift mit 1067 Aphorismen zusammenstellen zu lassen. Diese wurde ab 1911 als «Nietzsches Hauptwerk» geführt.
Die Schrift «Der Wille zur Macht» (SW, Bd. 78) = WM 2 1911 gehört hier nicht hin, sie ist nicht von Nietzsche. Aber das soll nicht nur so gesagt sein, sondern nehme man|frau dazu z.B. folgende Textstellen:
1) «Was bedeutet Nihilismus? - Dass die obersten Werte sich entwerten. Es fehlt das Ziel; es fehlt die Antwort auf das >Warum<?» (SW, Bd. 78:10).
2) «Was bedeutet Nihilismus? - Dass die obersten Werte sich entwerten. Es fehlt das Ziel; es fehlt die Antwort auf das >Wozu<?» (ES:198).
3) «1. Der Nihilismus ein normaler Zustand. Nihilismus: es fehlt das Ziel; es fehlt die Antwort auf das >Warum<? Was bedeutet Nihilismus? - dass die obersten Werte sich entwerten. Er ist zweideutig:» (KS, Bd. 12:350).
Was, so darf wohl gefragt werden, ist das Original, wer sind die Autoren; im dritten Fall ist es Nietzsche, im zweiten Fall u.a. Karl Schlechta, aber im ersten Fall ist der Autor oder sind die Autoren unbekannt, halt ein X.
Wenn man|frau aus wissenschaftlichen Gründen auf Nietzsche zu sprechen kommt, sollte noch bedacht sein, dass das Buch WM 2 nicht die «Aufzeichnung Nietzsches aus den Jahren 1883 bis 1888» (Back Cover; SW, Bd. 78) enthält, schon diese Angabe, wie sich relativ leicht nachprüfen lässt, ist falsch, sie gaukelt aber vor, dass damit die Zeit nach Za III bis Zusammenbruch erfasst ist. Leider ist wahr, dass der Bogen überspannt wurde. In der Soziologie waren an dieser Artistik oder Athletik Simmel und Weber beteiligt (Arendt - siehe Rezension), konsequenterweise distanzierte sich Parsons (siehe Rezensionen) von den Personen in der Sozialsystemtheorie. Auch wenn es einigen schwer fällt, dies zu verstehen, sei es gesagt, es ergibt sich weder mit Simmel noch mit Weber so einfach eine Soziologie, noch nicht einmal lässt sich bedenkenlos auf sie verweisen. Sicherlich wird es sich anders vielleicht leichter mit einem «Charisma» tänzeln lassen, aber es kann auch nicht schaden, einmal &Mac173;vom Kopf auf die Füße&Mac226; zu gelangen, ohne zu befürchten, dass damit Nachträume (Freud) und Tagträume (Bloch) verschwinden.
Habermas (ES:259), um ihn sowohl am Anfang als auch am Schluss erwähnt zu haben, behauptet: «Nietzsche hat die Spannung zwischen Kant und Darwin nicht reflektiert», dass könnte sein, aber noch etwas, Nietzsche hat vor allem nicht «Der Wille zur Macht» gemacht oder hergestellt. Möge damit nach der Diagnose der Nicht-Ansteckung von Habermas nun auch auf die Gefahren der korrupten Fälschung hingewiesen sein.
noz
|