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REZENSION
Montesquieu
Vom Geist der Gesetze 2
J.C.B. Mohr (Paul Siebeck)
Tübingen 1992
Montesquieus zweiter Band reicht vom 20. Kapitel >Von den Gesetzen in ihrer Beziehung zum Handel unter Berücksichtigung seiner Natur und seiner Unterschiede< bis zum >Nachwort< von Ernst Forsthoff. Das letzte sei zuerst erwähnt. Lange Zeit, so findet sich dort, war «Montesquieus Hauptwerk dem deutschen Leser nicht zugänglich und erst 1951 änderte sich dies, weil von da an das Werk wieder vollständig» veröffentlicht wurde. Mit der verworfenen Einführung in den zweiten Band, wo u.a. zu lesen war, dass Montesquieu >zu dem Verstande spreche<, kann ja ruhig einmal darauf hingewiesen werden, dass vor 1951 also nicht besonders viele Personen eine gute deutsche Übertragung haben lesen können. Im Nachwort wird dann auch gesagt: <Jede Kürzung ist unvermeidbar subjektiv, sie tastet die geistige Individualität des Werkes an und hebt die wissenschaftliche Brauchbarkeit der Ausgabe auf<. Dies hätte man|frau schon vor über 50 Jahren wissen können. Wer nun meint, frei nach dem Motto «Problem erkannt, Problem gebannt» verfahren zu können, der sieht sich bereits 10 Jahre später eines Besseren belehrt. 1961 erscheint das gewaltige Werk Theories of Society von Parsons u.a. Nicht nur, dass z.B. Montesquieu, Nietzsche usw. keine Erwähnung dort finden, sondern als Theorien der Gesellschaft werden kurze Auszüge aus Originalwerken angeboten oder anders gesprochen, es werden jede Menge Kürzungen vorgenommen.
Da taucht ein Problem auf, war es vor 1951 nicht leicht, sich über Montesquieu zu informieren, so wird er nach 1961 ausgerechnet vom bedeutenden Gesellschaftswissenschaftler vollständig gekürzt. Als Parsons zur Korrektur immer wieder betonte, man|frau solle die Originalliteratur studieren und dieses Werk Theorien der Gesellschaft von 1961 lediglich als «Eselsbrücke» verstehen, wurde er schon nicht mehr gehört. So kam es nicht zu einer «Theoriekrise», wie z.B. Luhmann meinte, sondern die Wege zur Theorie waren durch die Kürzungen abhanden gekommen. Warum? Weil es für einige schöner, leichter und bequemer war, denn immerhin brauchten sie so über ca. 1000 Seiten von Montesquieu nicht nachzudenken. Konnten solche Personen dann aber noch z.B. Rousseau, Comte verstehen? Nein, aber das machte nichts, man|frau griff auf die Auszüge von Parsons u.a. (1961) zurück, kritisierte den Inhalt, der in den Kürzungen zu finden war und schenkte sich den Rest.
Das besondere am 2. Band von Montesquieu ist nun, dass er >Vom Handel< spricht, dies ist eine soziale Tatsache, die 2004 im Zuge der Globalisierung eine enorme Bedeutung hat. Daneben erwähnt er sowohl >das Geld< als auch verschiedene >Sanktionsformen<. Das erste wurde zum Prototyp eines «Mediums der Kommunikation», das zweite wurde dazu benutzt, «Solidaritätsarten» zu untersuchen.
Montesquieu beginnt mit folgendem Hinweis: >Der Handel hat bewirkt, dass die Kenntnis der Sitten aller Völker überall hingedrungen ist; man hat sie miteinander verglichen, und daraus ist viel Gutes entstanden<. Weiter ist zu lesen: >Der Handel verdirbt die reinen Sitten selbst die kleinsten Dinge, die die Menschlichkeit gebietet, werden dort nur gegen Geld getan oder gewährt<. Mit ein wenig mehr Voraussetzungen kommt er dann zu einer allgemeinen Regel: >bei einem geknechteten Volk arbeitet man mehr, um zu bewahren, als um zu erwerben, bei einem freien Volk dagegen mehr, um zu erwerben, als um zu bewahren<. Die Übergange sind umso leichter, wenn es gelingt >sich gleichzeitig drei große Dinge nutzbar zu machen: die Religion, den Handel und die Freiheit<.
Etwas vorher sagt Montesquieu: >Dieser Handel ist eine Art Lotterie und jeder wird verführt durch die Hoffnung auf ein Glückslos<. Damit ist auch schon angedeutet, worauf der Begriff >Freiheit< zielt, eben auf Hoffnungen, Wünsche, Visionen (Ernst Bloch; Das Prinzip Hoffnung), und was es mit der Nutzbarmachung oder Instrumentalisierung der >Freiheit< auf sich hat (Joachim Koch; Megaphilosophien). Sie muss in Bahnen gelenkt werden, die in der >allgemeinen Regel< von Montesquieu erwähnt werden: Knechtschaft = Bewahren; Freiheit = Erwerben. Am meisten verlieren dabei nicht die, >die gar nichts nötig haben, sondern die, welche alles nötig haben<. Da Montesquieu bemerkt, >man wird nur einmal volljährig<, kann in etwa erahnt werden, wie Rousseau (Emil oder Über die Erziehung) dies interpretierte. Nämlich am meisten leidet darunter die «Kindheit» (Comte) oder «Die Unschuld des Werdens» (Nietzsche).
Aber: >Der Handel durcheilt die ganze Erde< oder prägt die Zivilisation bis zur Globalisierung und darüber hinaus bis zu Fahrten ins Weltall und Durchblicken im Mikrokosmos usw. Dachte Montesquieu auch nur an >eine Verbindung zu den entferntesten Gebieten des Morgen- und Abendlandes<, so dachte Weber schon an das alles beherrschende «Zeit ist Geld», nun jedoch wird in anderen Sphären via Internet-Handel und -Wandel gedacht. Früher schon wurde da entdeckt, dass >Macht durch seinen Reichtum und Reichtum durch seine Macht< vermehrt wird. Weber wollte diesen Kreis rational, Marx emotional durchdringen, gelungen ist es beiden nicht. Denn viel zu sehr waren sie in ihren eigenen sozialen Milieus verstrickt und haben übersehen, was Montesquieu schon 1748 bemerkte, nämlich, dass >Amerika den Reichtum aller anderen Länder entwertet zu haben scheint<. Der «schlaue Fuchs» Parsons, der die europäische Art des Denkens genauer studierte als manche andere in seiner Arbeitszeit (1928-1979), erkannte: >Der Ehrgeiz, die Eifersucht, die Religion, der Hass, die Sitten trennten sie völlig<. Parsons machte schlicht aus Amerika Das System moderner Gesellschaften und jedwede Diskussion um «Notwendigkeit» (Arendt) und >Tauschhandel< (Montesquieu) verstummte. >Das Geld< oder Kosten-Nutzen-Kalküle oder Spieltheorien oder Abstraktionswerte traten ins Leben. Montesquieu sagte dazu klar: >Nichts muss einer Veränderung so entzogen werden wie der allgemeine Wertmesser für alle Sachen<.
Da denke man|frau doch noch einmal an Montesquieus >allgemeine Regel<. Was blieb, war die Hoffnung >auf der einen Seite nur auf Treu und Glauben und auf der anderen auf die Sicherheit der Verträge<. Doch auch dies reichte nicht, nur noch >allgemeine Belohnungen und allgemeine Strafen< schienen auf eine >allgemeine Gesinnung< zu zielen. Zuerst litten darunter >Greise, Kranke und Waise<, später noch ganz andere Menschen. Dies alles mit Hilfe von Religion, die Menschen nicht mehr zum Glück ins Jenseits führen wollte, sondern >zu ihrem Glück im diesseitigen Leben>, da nahmen die Völker des Nordens die protestantische an, während die des Südens die katholische bewahrten<.
Wenn es nicht bei Montesquieu zu lesen wäre, könnte es schlecht hier zitiert werden: >Menschliche Gesetze, gemacht, um zum Verstande zu sprechen, müssen Gebote enthalten und nicht Lehren erteilen: die Religion aber, geschaffen, um zum Herzen zu sprechen, darf viele Lehren, aber wenig Gebote geben<. Angefügt sei, Theorien sind keine Gesetze, keine Religionen, keine Gewohnheiten und keine Geistesblitze, sie gründen in der Vernunft. Theorien sind individuelle Harmonieleistungen, die sich immer dann gegen irgendeine Kollektivität wenden, wenn auch nur ein Typ der oben genannten Typen hervorgehoben wird. Wird Montesquieu vom Anfang zum Schluss gelesen, so findet sich: Es kann nicht Sinn und Zweck der Wissenschaften sein, >Verwirrung, Bedenken und Zweifel< bei Menschen zu schüren, um Despotie zu entschuldigen.
Montesquieu hat mit seinem Hauptwerk viel dazu beigetragen, die Zivilisationsentwicklungen verständlich zu machen. Aber wenn er so einfach, mehrfach wegen «Müßiggangs», aus der Philosophie und konkret aus der akademischen Soziologie verbannt wird, sollte man|frau sich auch nicht wundern, dass auch so viele Krisen künstlich geschaffen werden können.
Ein Tipp: Immer dann, wenn eine Person einen spezifischen Autor oder eine spezifische Autorin besonders hervorhebt, sollte gerade wegen Montesquieu nicht die subjektive Komponente, der affektive Sinn, der Person unterschätzt oder ignoriert werden. In der Zeit nach Freud braucht nicht vergessen zu werden, dass es «Liebe oder Hass» sein können. Es gibt aber einen bestimmten Weg von Descartes, Pascal, Montesquieu, Rousseau, Saint-Simon, Comte zu Durkheim, der weder mit dem deutschen Idealismus zu verwechseln ist, noch mit Luhmanns Funktionalismus oder mit Parsons Konvergenz der Traditionen. Dieser ist gar von den Fälschungen um den Willen zur Macht frei, andere Pfade haben da schon mehr mit Konflikt und Geometrie zu kämpfen.
Zum Ende sei auf den Anfang verwiesen. Entweder man|frau sagt sich «meine Güte, was waren die Leute um 1748 einfältig», oder man|frau nimmt zur Kenntnis, was Durkheim sagte: «die Übertragung kann bei sorgfältigen Studien gelingen». Die zweite Lösung ist nicht die schlechteste.
noz
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