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"Die moderne Soziologie"

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REZENSION

Montesquieu
Vom Geist der Gesetze 1

J.C.B. Mohr (Paul Siebeck)
Tübingen 1992


Mit Durkheims Schrift über Montesquieu, zu finden in >Der Beitrag Montesquieus zur Begründung der Soziologie< oder in >Frühe Schriften< oder in >Montesquieu and Rousseau Forerunners of Sociology<, ist schon bemerkt, welche Bedeutung dieses Buch von Charles-Louis de Secondat, Baron de la Brède et de Montesquieu (1689-1755) hat. Um es genauer zu sagen, anhand von Montesquieu diskutierte Durkheim die Gründzüge seiner >Regeln der soziologischen Methode< und später auch seine Einsichten bezüglich >Philosophie und Soziologie<. Durkheim sagt nun: "Montesquieu behandelt nicht alle gesellschaftlichen Tatbestände, sondern nur eine einzige Art, eben die Gesetze. Da diese sich aber auf das gesamte gesellschaftliche Leben beziehen, eignet sich die Vorgehensweise zur Übertragung auf andere gesellschaftliche Einrichtungen.” Der englische Buchtitel von Durkheim (siehe oben) deutet an, was lange Zeit übersehen wurde, nämlich "dass die Wissenschaft – mit einem barbarischen Namen, nämlich Soziologie – zuerst in Frankreich entstanden ist". Nun mag nicht gleich verstanden werden, was dies bedeutet, aber bereits am Anfang von Montesquieus Buch findet sich eine Lösung. Montesquieu sagt: >Friede wäre das erste Naturgesetz. Mit Unrecht legt Hobbes den Menschen als erstes den Wunsch bei, einander zu unterjochen.< In etwa kann man|frau erahnen, in welche Schwierigkeiten die klassische Soziologie geriet, denn deren Hauptvertreter starteten unter einem «unglücklichen» Namen von zwei verschiedenen Enden, der eine kam über Hobbes «Krieg» (Tönnies), der andere über Montesquieu «Frieden» (Durkheim) in die Soziologie.

Der akademischen Soziologie gelang es erst 1964 (Parsons >Sozialstruktur und Persönlichkeit<) sich aus diesem Dilemma zu befreien. Damit verbunden ist, dass Soziologie nur noch als Begriff erscheint, der symbolisch als Sozialsystemtheorie bezeichnet oder schlicht als Synonym für das für viele unverständliche Kürzel AGLI-System wurde. In der klassischen Soziologie konnte sich Durkheims Name >Wissenschaft von der Moral< nicht durchsetzen, noch zu frisch waren die Erinnerungen an Nietzsche vor allem in Deutschland. In der akademischen Soziologie sträubten sich die Geister gegen Parsons Versuch den Namen in «Sozioanalyse» umzuändern. Erst mit dem Übergang zur modernen Soziologie (Starks >Social Bond<) wurde es möglich, den Namen «Soziologie» als Etikettierung oder Abgrenzung zu anderen Wissenschaften beizubehalten und mit ihm sowohl die Sozioanalyse als auch Sozialsynthese zu verknüpfen. Der Rest ist Geschichte.

Der Gegenstand der Soziologie ist damit die soziale Integration und Werke, die dies missachten, erfassen eventuell Teilbereiche der Soziologie, aber wie schon oft erwähnt: das Ganze (Soziologie) ist mehr als die Summe seiner Teile. So kommt es eben, dass z.B. sogar der ganze Weber, auch der ganze oder sondierte Luhmann etc. noch lange nicht die Soziologie sind, was aber nicht heißt, dass sie wichtig oder unwichtig für Personen sein können. Jedoch Soziologie und schon gar nicht die moderne sind nicht über vereinzelte Autoren zu erreichen. Zum Trost sei angefügt, dass eine solche Sichtweise ja nicht verbietet, Werke von Weber usw. zu lesen und anhand der Fehler zu lernen.

Doch nun zu Montesquieus Meisterwerk «Vom Geist der Gesetze». "Der Philosoph unterzog darin die drei Staatsformen Republik, Monarchie und Despotie einer kritischen Prüfung" (Microsoft Encarta 2000). Der hier vorliegende erste Band reicht von der >Einführung des Herausgebers< bis zum 19. Buch, 27. Kapitel >Wie die Gesetze dazu beitragen können, die Sitten und Gebräuche und den Charakter eines Volkes zu formen<. 232 Jahre später, eben 1980 taucht dieser Gedanke des 27. Kapitels wieder in der Soziologie auf. Der 3. Band von Starks Werk >Der soziale Bund (The Social Bond)< führt den Titel: >Sitte und Gesetz (Custom and Law)<. Was wurde in der Soziologie übersehen, dass es so lange dauerte, dieses Gebiet mit einer soziologischen Theorie zu integrieren? Genau, es war die Ungleichheit, denn 5’3. Fünf Staatsformen erscheinen in Platons >Der Staat< (Aristokratie, Timokratie, Oligarchie, Demokratie und Tyrannis) und drei hatte Montesquieu. So weit, so gut, aber da gibt es noch von Platon >Nomoi (Gesetze)< und dort wird auf drei Staatsformen verwiesen, auf die athenische, lakonische und kretische. Das Rätsel war gelöst, nun gilt wieder 3=3. Doch was nun, wohin gehören Monarchie, Republik und Despotie<? Jetzt beginnt Montesquieu und dabei ist nicht zu vergessen: der «Grundsatz der Gewaltenteilung ist in erster Linie auf dieses Werk zurückzuführen» (Back-Cover). Mit diesen Vorinformationen sei im Schnelldurchgang Band 1 vorgestellt.

Mit der Annahme des ersten Naturgesetzes (Frieden) werden Montesquieu und Rousseau zusammengerückt. Wieder einmal ist zu bemerken, dass «namhafte deutsche Gelehrte dem >Esprit des Lois< jeden wissenschaftlichen Wert abgesprochen haben». Klar, wie üblich peinlich genug, aber der sogenannte Pragmatismus (James, Peirce usw.) sah dies schon etwas differenzierter. Eine bemerkenswerte Äußerung von Montesquieu, dass >man die Größe der Macht durch die Kürze ihrer Dauer ausgleichen muss<, regte vor allem Durkheim und Parsons zu ihren philosophischen Ideen an. Bedenkend, dass das Werk 1748 erschien, bedarf es wohl keiner besonderen Erwähnung, dass sich im Jahre 2004 einiges anders darstellt. Da aber auf solche Banalitäten öfters z.B. bezüglich Montesquieu mit dem Verweis einer Korrektur durch Max Weber verwiesen wird, sei auch hinzugefügt, dass nach Webers Tod (1920) der Zweite Weltkrieg ausbrach und z.B. nach Simmels, Adornos, Luhmanns, usw. Abkehr vom Diesseits auch «kein Stillstand des Flusses der Zeit» (Elias) zu konstatieren war. Soviel zum Drumherumgerede um Montesquieu, doch was sagte er selbst?

>Was ich Tugend in der Republik nenne, ist "die Liebe zur Gleichheit". Sie ist die Triebfeder "wie die Ehre als Triebfeder die Monarchie bewegt". Denn in allen Ländern der Erde hält man auf Moral<. Hier erspare man sich Typengeplänkel, Globalisierungsdebatten, Elitewünsche usw. und schaue darauf, was folgt: >Ich [Montesquieu] erbitte eine Vergünstigung nicht auf Grund einer flüchtigen Lektüre über ein Werk zu urteilen, das der Ertrag zwanzigjähriger Arbeit ist<. Er bemerkt weiter, hüte man|frau sich davor, >Dinge für ähnlich zu halten, die in Wirklichkeit verschieden sind<. Mit diesen Bemerkungen stellt Montesquieu seine vier Naturgesetze vor: 1. >Frieden<; 2. >Nahrungssuche<; 3. >Verlangen des einen nach dem anderen<; 4. >Drang in Gesellschaft zu leben<.

Nach seinen Einführungen setzt Montesquieu drei Tatbestände an den Anfang: >Die republikanische Regierung ist diejenige, in der das Volk als Ganzes oder auch nur ein Teil des Volkes die oberste Gewalt innehat; die monarchische ist die, bei der ein einzelner, aber nach fest bestimmten Gesetzen regiert, während bei der despotischen ein einzelner ohne Recht und Gesetz alles nach seinem Willen und seinen Launen lenkt.< Mit dieser Definition beginnt die Untersuchung und Montesquieu bemerkt u.a. zu den Staaten: >Ich käme nie zu Ende, wollte ich all das Gute aufzählen, das sie nicht taten, und all das Schlechte, was sie taten<.

Ungefähr in der Mitte des Buches bespricht er dann die >drei Arten von Gewalt<: >gesetzgebende Gewalt, richterliche Gewalt, vollziehende Gewalt< und es wird weiter erforscht, wie sich die Verteilung der Gewalten in den Staaten zeigt. Den ersten Band beschließt Montesquieu u.a. mit einigen Hinweisen: >In einem freien Volk ist es sehr häufig ganz gleichgültig, ob die einzelnen Gutes oder Schlechtes reden; es genügt, dass sie reden: hieraus entspringt die Freiheit, die vor den Folgen solcher Reden selbst schützt. In einer despotischen Regierung ist es dagegen gleich verderblich, Gut oder Schlecht zu reden; es genügt, dass überhaupt geredet wird, um gegen den Grundsatz der Regierung zu verstoßen<.

Wenn Montesquieu dann noch den >Verrat an der Wahrheit< antippt, so schließt sich ein Kreis schon im ersten Band: >Es kommt darauf an, nicht zum Lesen, sondern zum Denken anzuregen<. Damit ist ganz bestimmt nicht gemeint, dass das Lesen oder die Kommunikation zu unterlassen ist, sondern er wendet sich gegen die Gewohnheiten, nur >einzelne Formulierungen< zu betrachten oder >auf Grund einer flüchtigen Lektüre über ein Werk zu urteilen< oder manchmal gar nur aufgrund von Meinungen etwas zu behaupten. Aber dazu sei auch Kant (>Kritik der Urteilskraft<) erwähnt: «Um zu unterscheiden, ob etwas schön sei oder nicht, beziehen wir die Vorstellung nicht durch den Verstand auf das Objekt zum Erkenntnisse, sondern durch die Einbildungskraft (vielleicht mit dem Verstand verbunden) auf das Subjekt und das Gefühl der Lust oder Unlust desselben. Das Geschmacksurteil ist also kein Erkenntnisurteil, mithin nicht logisch, sondern ästhetisch, worunter man dasjenige versteht, dessen Bestimmungsgrund nicht anders als subjektiv sein kann».

Durkheim (siehe Anfang) veröffentlichte über Montesquieu ein Erkenntnisurteil. Es schadet in den Menschenwissenschaften wenig, wenn Lese- und/oder Denklücken nicht mit Geschmacksurteilen übertönt werden, sondern diese auch einmal vom Subjekt hinterfragt werden. Jedenfalls vom Geschmack her ist es manchmal angemessen sich einzugestehen, dass man|frau Montesquieu nicht gelesen hat, als über ihn ungelesen zu äußern, dass er förderlich oder schlecht, böse oder gut sei. Wie schon Sokrates bemerkte, Aufrichtigkeit vor allem gegen sich selbst hat schon etwas.

noz

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