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REZENSION
Karl Marx
Das Kapital
Kritik der politischen Ökonomie
Erster Band, Buch I: Der Produktionsprozess des Kapitals
Karl Marx, Friedrich Engels, Band 23
Dietz Verlag; Berlin 1979
Von Karl Heinrich Marx (1818-1883) gibt es Schriften ab 1837, nach 1883 erschienen weitere Werke in der Bearbeitung von Friedrich Engels (1820-1895), Marxens Freund seit 1842, dann wurden zusätzliche Fragmente von Karl Kautsky (1854-1938) und schließlich 1932 gar ein bis dahin unbekanntes Manuskript von 1844 >Philosophie und Nationalökonomie< publiziert (MEW, Bd. 40). Kapital I wurde 1867 von Marx veröffentlicht, Kapital II (1885) und Kapital III (1894) von Engels, ein geplantes und unvollständiges Kapital IV (1905/1910) von Kautsky.
Da es in der Gegenwart auf Plakaten steht, sei zunächst bemerkt, dass der Satz «Sie [die Religion] ist das Opium des Volks» in der Schrift >Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie< (in: Die Frühschriften, 208) fällt; es lohnt sich, einmal ins Original zu schauen und anstelle von «Religion» auch andere Begriffe einzusetzen. Sodann möchte ich auf das Ende von Kapital III zu sprechen kommen. Dort sagt Marx (Kapital III, 52. Kapitel): >Lohnarbeiter, Kapitalisten und Grundeigentümer, bilden die drei großen Klassen der modernen, auf der kapitalistischen Produktionsweise beruhenden Gesellschaft<.
Die Klassen treten >nicht rein hervor<, und so stellt Marx weiter die Frage: >Was bildet eine Klasse<? Oder >Was macht Lohnarbeiter, Kapitalisten, Grundeigentümer zu Bildnern der gesellschaftlichen Klassen<? In den folgenden Ausführungen stellt Marx fest, dass >z.B. Ärzte und Beamte auch zwei Klassen bilden, denn sie gehören zwei unterschiednen gesellschaftlichen Gruppen an<. >Dasselbe gälte für die unendliche Zersplitterung der Interessen und Stellungen, worin die Teilung der gesellschaftlichen Arbeit die Arbeiter wie die Kapitalisten und Grundeigentümer - letztre z.B. in Weinbergsbesitzer, Äckerbesitzer, Waldbesitzer, Bergwerksbesitzer, Fischereibesitzer spaltet. [Hier bricht das Ms. ab]<.
Die >Zersplitterung< war dann für viele Marx-Gegner das Schlagwort, aber es ist kein geringerer als Parsons (Economy and Society, 1956; Die amerikanische Universität, 1973), der schlicht die Ökonomie als «soziales System» (AGIL) betrachtete und auf folgende Anordnung verwies: Kapital (A), Arbeit (G), Boden (L) und Organisation (I).
Das, so sei angefügt, ist den Etablierten entgangen, womit dann auch nicht erkannt werden konnte, dass das «Medienkonzept» von Parsons mit dem >Zirkulationskonzept des Kapitals< (Kapital II) verständlicher wird. Wie auch manches, beruht dieses Konzept auf «Geld»: >Geld [G] wird in Ware [W] umgesetzt oder macht den Zirkulationsakt G W durch< (Kapital II, Anfang).
Warum sich dies bei Parsons zeigt, ist nicht sonderlich schwer zu verfolgen, stützt er sich doch bei seinen soziologischen Abhandlungen auf Ferdinand Tönnies. Dieser wiederum war ein eifriger Schüler, Leser oder Student von Marx. Nun gibt es im Leben von Marx zwei Ereignisse, die nicht unerwähnt bleiben sollten, dass erste ist die Freundschaft mit Engels, und das zweite seine Krankheit, die sich nach Engels schon ab 1864 bemerkbar machte. Mit Mühe konnte deshalb Marx 1867 sein Kapital I noch selbst fertig stellen, aber für die anderen Werke reichte seine Kraft nicht mehr. Engels übernahm also viele Arbeiten und wollte auch Kapital IV >die Geschichte der Mehrwertstheorie in Angriff nehmen<. Er verstarb, Kautsky übernahm die Arbeit und dieser erstellte die >Theorien über den Mehrwert<.
Das alles macht eine Marx-Lektüre nicht gerade leicht. Bekannt ist dabei schon, dass >Die Frühschriften< vom >Brief an seinen Vater< (1837) bis zum >Manifest der kommunistischen Partei< (1848) reichen. Anschließend beschäftigt sich Marx mit dem >Kapital< und in der Tat ist glaubwürdig, dass dieses Gebiet eine über 20jährige Arbeitsleistung verrät und in Kapital I seinen Höhepunkt erlebt. Ich möchte es einmal so sagen: die «Marx/Engels: Werke (MEW)» umfassen ca. 36000 Seiten, gerundete 2,7% davon macht >Kapital I< aus, aber trotzdem ist es ein besonderes Werk. >Das zweite und dritte Buch mit dem Titel «Kapital» sollte, wie Marx mir [Engels] sagte, seiner Frau gewidmet werden<. Das erste Buch >Kapital I< ist seinem Freund gewidmet: >Wilhelm Wolff<. 955 Seiten umfasst >Kapital I<, und vor lauter schwarz-weiß Malerei (weißes Papier, schwarze Buchstaben, ein Bild von Marx, zwei schöne Handschriften) ist es wahrlich nicht einfach, diesen Handlungen zu folgen, zumal Marx auch noch in seinen Fußnoten so manche Erhabenheiten hinzusetzt.
Um im Bild zu bleiben, sei erwähnt, dass Marx schon viel bis 1867 veröffentlicht hatte und ab 1864 für die Internationale Arbeiterassoziation arbeitete; er war also kein Anfänger, als er >Kapital I< herausgab. Nun höre man|frau einmal hinein, was Marx in seinem >Vorwort zur ersten Auflage< schreibt: >Aller Anfang ist schwer, gilt in jeder Wissenschaft. Das Verständnis des ersten Kapitels, namentlich des Abschnitts, der die Analyse der Ware enthält, wird daher die meiste Schwierigkeit machen<. Demnach sind es exakt 49 Seiten, die erst einmal verstanden werden wollen, um den Beginn zu überwinden.
Angenommen, man|frau würde mich fragen, worin ein Unterschied zwischen Max Weber und Ferdinand Tönnies besteht, dann könnte ich sagen, Weber machte sich darüber lustig, dass im >Kapital III< das Manuskript plötzlich abbricht, und Tönnies studierte aufmerksam den Einstieg von >Kapital I<. Bevor ich aber auf das erste Kapitel zu sprechen komme, gilt es noch etwas beim Umfang vom >Kapital< zu berücksichtigen. >Kapital I< ist >Buch I: Der Produktionsprozess des Kapitals<, und nun Marx im Original: >Der zweite Band dieser Schrift wird den Zirkulationsprozess des Kapitals (Buch II) und die Gestaltungen des Gesamtprozesses (Buch III), der abschließende dritte (Buch IV) die Geschichte der Theorie behandeln<. Ja, es ist wahr, auch wenn man|frau sich die Augen reiben sollte, Engels und Kautsky sahen dies etwas anders.
Doch nun zum Anfang: >Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktion herrscht, erscheint als eine «ungeheure Warenansammlung», die einzelne Ware als seine Elementarform. Unsere Untersuchung beginnt daher mit der Analyse der Ware<. Hierbei verweist Marx auf seine Schrift von 1859 >Zur Kritik der politischen Ökonomie<, die als Rohfassung oder Grundlage für das >Kapital I< angesehen wird. Im Folgenden werden >Gebrauchswert [worth]< und >Tauschwert [value]< einer Ware erklärt.
>Die Nützlichkeit eines Dings macht es zum Gebrauchswert<. Gebrauchswerte bilden zugleich >die stofflichen Träger des Tauschwerts. Der Tauschwert erscheint zunächst als das quantitative Verhältnis, die Proportion, worin sich Gebrauchswerte einer Art gegen Gebrauchswerte anderer Art austauschen, ein Verhältnis, das beständig mit Zeit und Ort wechselt<. Der Gebrauchswert hat Qualität, der Tauschwert Quantität. Mit dem letzteren wird >die Geldform< verknüpft. Marx stellt dann eine einfache Gleichung auf: >x Ware A = y Ware B oder: x Ware A ist y Ware B wert<.
Diese Hürde sei nun leicht genommen. Kosten sowohl 500g Shrimps als auch 1Kasten Mineralwasser 2,29¤, so gilt schlicht: 500g Ware Nahrung = 8,4l Ware Wasser. Womit das Problem beginnt, z.B.: der Mensch kann länger auf Nahrung als auf Wasser verzichten. Aber es kommt noch schlimmer: >Vermittelst des Wertverhältnisses wird also die Naturalform der Ware B zur Wertform der Ware A oder der Körper der Ware B zum Wertspiegel der Ware A<; d.h. es geht um >die Form des relativen Werts<.
Dies alles ließe sich beschwingt berechnen oder rational kalkulieren, gäbe es da nicht beim zuletzt zitierten Satz eine Fußnote: >In gewisser Weise gehts dem Menschen wie der Ware. Da er weder mit einem Spiegel auf die Welt kommt noch als Fichtescher Philosoph: Ich bin ich, bespiegelt sich der Mensch zuerst in einem anderen Menschen. Erst durch die Beziehung auf den Menschen Paul als seinesgleichen bezieht sich der Mensch Peter auf sich selbst als Mensch. Damit gilt ihm aber auch der Paul mit Haut und Haaren, in seiner paulinischen Leiblichkeit, als Erscheinungsform des Genus Mensch<.
Es bedarf nicht viel Mühe festzustellen, dass Marx auf Petrus, der erste Papst, und auf Paulus, der Saulus war, anspielte. Nicht so leicht zu verdauen ist, warum Nietzsche nach seinem >Also sprach Zarathustra< immer wieder auf den «Spiegel» zu sprechen kommt. Aber ganz verzwickt ist es, weshalb denn Marx überhaupt Mensch und Ware verknüpft. Es ist dies, was >Kapital I< als Geheimnis birgt. Engels verrät 1884 keine Kleinigkeit: >Es dauerte nun nicht lange mehr, bis die große «Wahrheit» entdeckt wurde, dass auch der Mensch eine Ware sein kann< (Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats; MEW, Bd. 21).
Marx sagt es anders: >Was uns allein interessiert, ist das in der neuen Welt von der politischen Ökonomie der alten Welt entdeckte und proklamierte Geheimnis<. Wer es lüften möchte, wird es sich nicht nehmen lassen, >Kapital I< zu lesen. Diejenigen, die sich für >die Geschichte der Theorie< interessierten, haben es zur Kenntnis genommen. >Was sie hierin bestätigt, ist der sonderbare Umstand, dass der Gebrauchswert der Dinge sich für den Menschen ohne Austausch realisiert, also im unmittelbaren Verhältnis zwischen Ding und Mensch, ihr Wert umgekehrt nur im Austausch, d.h. in einem gesellschaftlichen Prozess<. Welche Rolle dabei Feudalismus, Kapitalismus, Sozialismus und Kommunismus spielen, dass konnte selbst den ca. 36000 Seiten nicht entnommen werden, denn wie gesagt am Schluss fehlte es. Zurück blieben nach Marx zwei unversöhnliche Lager, die Sekundanten des Kapitalismus und die Pioniere des Kommunismus. Für viele war diese Divergenz keine Lösung, so versuchten einige, mit den beiden übrigen Begriffen der Situation zu entfliehen. Da erschienen auch die Herolde des Feudalismus und die Advokaten des Sozialismus. Mit einem solchen Wirrwarr eine «Konvergenz» zu postulieren, war von Parsons 1937 schon ein Streich. Er dauerte aber nicht lange an, denn ihm fiel auf, dass Durkheims Konzept des «sozialen Milieus» jedenfalls zur Soziologie passte. Damit war dann auch der Weg frei, sich u.a. angemessen mit den Theorien von Marx zu beschäftigen. So stößt man|frau dann schließlich doch noch auf die >Ideen zu einer kritischen Theorie der Gesellschaft< von Herbert Marcuse (1898-1979). Dieser begann nicht wie Parsons mit Durkheim, dem frühen Freud und Weber (siehe Rezensionen), sondern mit Marx, Hegel und dem späten Freud.
Nur mit Marx scheint es nicht zu klappen, ganz ohne Marx schleichen sich Fallstricke ein.
noz
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