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"Die moderne Soziologie"

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REZENSION

Niklas Luhmann
Soziale Systeme
Grundriss einer allgemeinen Theorie

Suhrkamp; Frankfurt a.M. 1984


Niklas Luhmann (1927-1998) startet mit einer Behauptung: >Die Soziologie steckt in einer Theoriekrise<. Etwas später wird auch verraten, wie sie u.a. behoben werden kann: >Eine soziologische Theorie, die die Fachverhältnisse konsolidieren will, muss nicht nur komplexer, sie muss sehr viel komplexer werden im Vergleich zu dem, was die Klassiker des Fachs und ihre Exegeten und selbst Parsons sich zugemutet hatten<. Nach 654 Seiten möchte Luhmann den Lesern/Leserinnen dann gesagt haben, Nachtvögel können >ihren Nachtflug beginnen. Wir haben Geräte, um ihn zu überwachen ...<. Nun ja, das Buch ist alt und >mit einfacheren Mitteln< ging es damals nicht.

Wer sich nicht gerade für Soziologie interessiert, dem sei zunächst einmal verraten, wie man bzw. frau zu einer >allgemeinen Theorie< kommt, die akademisierte Personen anscheinend hochhielten oder immer noch mögen. Zunächst lese man jede Menge fragmentarisch, manchmal reichen auch schon Wörter. Dann sollten ca. 100 Verweise auf Luhmann erfolgen, etwa die Hälfte auf Parsons, berühre man Unsummen von Hinweisen auf Kolleginnen und Kollegen, würze zwischendurch geschickt mit Anekdoten über Klassiker von A bis W, verweise zum Schluss auf Luhmann und am Anfang auf Paris. Aber man bzw. frau vermeide die Soziologie von Tönnies, Durkheim und Parsons (siehe Rezensionen), dann ist eventuell alles noch in der Philosophie unterzubringen. Jedenfalls war etwas sicher, bei so einem dicken Buch schrieben die guten Kollegen auch etwas mehr, und es antworteten die bösen Kollegen manchmal mit einem noch dickeren Buch. Mehrere möchten da verstehen, dass so das Ende der akademischen Soziologie aufgehalten werden kann.

Bleibt die Frage, wie eine moderne Soziologie dazu steht. Sie liest das Buch ganz und nimmt zur Kenntnis, dass Luhmann nicht viel von der Sozialsystemtheorie wissen wollte. Dies ergibt sich schon daraus, dass das Buch von Parsons >Sozialstruktur und Persönlichkeit< (siehe Rezension) erst gar nicht erwähnt wird. Was ist gut? Manche Fragmente regen möglicherweise >Etablierte< an, wie z.B. >unitas multiplex<, >Verhältnis von System und Umwelt<, >Das ist weder ganz falsch noch ganz richtig>, Adorno immerhin ließ sich zum >Weder wahr noch bloß unwahr ...< hinreißen, >Erwartungen bilden ist eine Primitivtechnik schlechthin.> usw.

Bei einem solchen >Grundriss<, der dann auch noch beansprucht, etwas mit Soziologie zu tun zu haben, kann auch gefragt werden, ob es nicht einfacher ist, sinnvoll konkrete Namen aus einem Telefonbuch der Welt zu verknüpfen bzw. schlicht Seiten aus einem Lexikon zu entfernen und sie dann verändert schöngeistig wiederzugeben.

603 Seiten von Antoine de Saint-Exupéry >Die Stadt in der Wüste (Citadelle)< beinhalten auch Soziologie. Frei nach der akademischen Soziologie (Kosten-Nutzen-Modelle) wären immerhin 51 Seiten gespart.

Lesen kann man aber ohne besondere Schwierigkeiten Luhmann, denn dieses Buch ist in deutscher Sprache verfasst.

noz

Anmerkung des Herausgebers:
Nach der Lektüre der Luhmann-Rezension hatte ich den Eindruck, dass sie dem Werk dieses großen Soziologen nicht ganz gerecht werde. Da ich es mir jedoch verbiete, in die Arbeit Dr. Norbert Zanders inhaltlich einzugreifen, schrieb ich ihm ein paar Zeilen, in denen ich versuchte, auf einen anderen Aspekt der Wertschätzung hinzuweisen. Herr Zander war davon so angesprochen, dass er mich bat, meine Anmerkung seiner Besprechung hinzuzufügen. Ecco – hier ist sie: It´s just another sound!

"Nachdem ich Ihren Brief ein paar Mal gelesen hatte, erinnerte ich mich an eine Analogie, die mir vor vielen Jahren bei der Lektüre Luhmanns in den Sinn kam: Das Interessante an ihm ist dieser andere Sound. Es ist vielleicht wie ein Konzert von "Kraftwerk"; kein Schlagzeug a la Jon Hiseman, keine Gitarre wie Mark Knopfler, kein Bass wie Jack Bruce, keine Organs wie John Lord... – wenn man so will alles Dose, alles synthetisch. Und dennoch: gerade darin, gerade in dieser coolen Reduzierung durchaus ein Beat, ein Rock, ein groove, der einen packt.
Ich weiss nicht, ob Sie diese Analogie nachvollziehen können und wenn ja, ob sie Ihnen akzeptabel erscheint. Rein wissenschaftlich betrachtet bzw. in der Analogie bleibend nur die Virtuosität am Instrument betrachtend, ist Luhmann alias Kraftwerk vielleicht vernachlässigbar. Aber der Sound, diese von Ihnen gerne so genannte Menschenwissenschaft, ist immer auch noch etwas anderes. Es ist immer auch ein Feeling dabei, eine gewisse Freude über das Arrangement, das nicht durch Komposition und Harmonielehre vermittelbar ist.
Dies, wie gesagt, nur als Anmerkung in Erinnerung an mein eigenes Luhmann-Lesen."

jk

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