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REZENSION
Louis Lewin; Phantastica
Die betäubenden und erregenden Genussmittel
Für Ärzte und Nichtärzte
465 S.
Volksverlag ; Linden 1980 / 2000
Vielleicht ist eine erste Frage, was denn so ein Buch mit der Philosophie zu tun hat. Gut, da nun das Rätsel erschienen ist, habe ich mich zunächst um eine Antwort zu bemühen. Spätestens seit 1999 könnte auch den jüngeren Personen aufgefallen sein, dass in den Humanwissenschaften mehr oder weniger offen mit >betäubenden und erregenden Genussmitteln< hantiert wird. Da schadet es doch weder den >Ärzten der Kultur< noch den Nichtärzten der Kultur, wenn sie sich ein wenig näher mit dieser Materie auseinandersetzen. Zweifelsohne ist aber auch das >verächtliche< Alltagsleben nicht frei von diesen Mitteln, lässt sich doch über die einfachen Nachrichten erfahren, dass man im Sport THG verabreichte, Kokain im Fußball, im Gesang und in der Malerei eine Rolle spielte, LSD gar eine berühmte Poppgruppe (Beatles) erreichte, Opium in der Philosophie nicht unbekannt blieb, irgendwo Ecstasy auftauchte, in Cafes nicht nur Kaffe, sondern auch andere Substanzen käuflich sind. Schaue ich auf diese Liste, dann können Zweifel wachgerüttelt werden in Bezug zu dem Denken, dass sich mit musischer und gymnastischer Erziehung (Platon) alles zum Besten wendet. Sicherlich gibt es in der heutigen, arbeitsteilig gestalteten Wissenschaft einige telisch angehauchten Personen, die schon gar nicht mehr wissen wollen, was jenseits ihres Fachbereichs passiert. Aber die können dann auch gar nicht mehr vernünftig mitreden, sondern müssen achselzuckend bemerken, dass es schon immer irgendwelche Miseren gegeben hat.
Louis Lewin ist nicht irgendwer, sondern er gilt als >Begründer der Giftwissenschaft< und wird in einem Atemzug mit Marx und Freud genannt. Lewin wurde vergessen, weil er >sich mit einem Gebiet befasst hat, das weitgehend ein Tabu war und ist<. Damit ist er bestimmt kein Einzelfall, aber etwas könnte doch wenigstens die Philosophinnen und Philosophen stutzig machen, denn es wird angemerkt: "Das meiste, was später über Drogen geschrieben wurde, wurde von Lewin abgeschrieben, und seine Irrtümer zeugten Kinder und Kindeskinder." Da ich nun gerade in Zitierlaune bin, seien noch zwei weiter Sätze angefügt: "Wer sich selbst und andere Menschen geduldig beobachtet, wird in sich drei Mächte erkennen: die rationale der Vernunft, die irrationale des Gefühls und die magische irgendeiner Droge... Zu den Drogen fehlt noch immer jede ehrliche Sichtweise."
Ohne darauf näher einzugehen, komme ich erst einmal dazu aufzuklären, warum ich eingangs auf das Jahr 1999 verwies. Nun, es erschienen da Freuds >Schriften über Kokain< in einer Neuauflage mit dem Hinweis, dass Freud damals gar nicht wissen konnte, wie gefährlich diese Droge ist. Bei Lewin ist demgegenüber zu lesen, dass >um die Mitte des 16. Jahrhunderts< die Gefahren des Kokains erkannt wurden. Im Jahre 2000 lese ich zu meiner Überraschung in einer Tageszeitung, dass ausgerechnet aus der Ecke der Soziologie vermerkt wird, dass Scheidungsraten mit >der sexuellen Revolution der 70er Jahre< erklärt werden. Welche ältere Person könnte da nicht mitreden und sagen: Ach - Sex, Drugs, Rock and Roll? Weiche, harte, alte, synthetische, gestreckte, neue, gemischte Drogen kursierten und es ist dies auch eine Zeit, wo die Kombination von >betäubenden und erregenden Genussmitteln< wieder erfunden wurde. Aber da ist noch etwas, denn 1999 erscheint die Neuauflage >Friedrich Nietzsche - Kritische Studienausgabe<. Auf dem Backcover des ersten Bandes ist zu lesen: "In zwei Zuständen nämlich erreicht der Mensch das Wonnegefühl des Daseins, im Traum und im Rausch". Mögen auch die Philosophen zusammenzucken, aber es ist wahr, dieser Satz findet sich in >Die dionysische Weltanschauung< sowie in >Die Geburt des tragischen Gedankens<, es ist der Einstieg in >Die Geburt der Tragödie<. Doch es gibt noch etwas bei Nietzsche, denn er schreibt nach >Also sprach Zarathustra<: >Heute Abend werde ich soviel Opium nehmen, dass ich die Vernunft verliere ...<
Hier bremse ich erst einmal und frage einfach, was denn die Philosophen denken, was der Begriff >Rausch< ist. Denken sie eventuell, dass er unterschieden werden kann im idealen, normalen, realen oder konkreten Typ? Aber wahrscheinlich ist diese Frage einem teleologischen systemidealistischen analysatorischen schöpferischen Geist zu vulgär. Nehme man oder frau aber zur Kenntnis, dass Möbius (1853-1907), er studierte Theologie, Philosophie, Medizin und spezialisierte sich auf Neurologie, über Fernanalysen u.a. Friedrich Nietzsche und Jean-Jacques Rousseau pathologisierte. Louis Lewin demgegenüber beschäftigte sich mit Drogen und kommt gerade bezüglich Friedrich Nietzsche zu einem ganz anderen Ergebnis. Klar, immer waren es die Ärzte, die den ansonsten guten Patienten ein Problem bescherten. Ein törichter Arzt gab Friedrich Nietzsche >Chloralhydrat< und ein hinterlistiger Zahnarzt machte John Lennon und George Harrison von den Beatles mit LSD vertraut. Nur böse Menschen in Rollen haben die Schönen im Status versaut.
Jetzt sei angemerkt, dass Elisabeth Förster-Nietzsche, die Schwester von Friedrich Nietzsche, sich auch auf dem Feld der Diagnose bewegte. Um im Bild der Philosophie zu bleiben, sei hinzugefügt, dass sie angeblich mit Heinrich Köselitz (Peter Gast) das Buch >Der Wille zur Macht< verbrochen hat. Allerdings ist diese Annahme genauso falsch wie ihre Diagnose. Also Elisabeth Förster-Nietzsche meint zur Krankheit ihres Bruders: "Ein durch Überanstrengung der Augen- und Kopfnerven übermüdeter Geist konnte starken Schlaf- und anderen Mitteln gegenüber nicht mehr den früheren Widerstand leisten und wurde deshalb durch deren Gebrauch gelähmt." In ihrem Buch >Der einsame Nietzsche< gehört zu den anderen Mitteln ein >javanesisches Beruhigungsmittel<.
Wer nun ein wenig in Louis Lewins Buch liest, wird feststellen, dass >Java< Kokain exportierte. Lewin hat ein Buch hinterlassen, dass vielleicht in manchen Teilen als veränderbar, ergänzbar oder streichbar gelten kann. Mit Erkenntnissen lässt es sich aber auch schnell auf einen neuesten Stand bringen. Das Buch nicht zur Kenntnis zu nehmen, erlaubt möglicherweise einigen Schöngeistern, davon zu träumen, dass der Begriff >Rausch< doch noch irgendetwas mit einem Idealtyp zu tun haben könnte, aber da sollte schon aufgepasst werden, dass man sich nicht zum Kamel macht.
Zum Schluss seines Buches sagt Lewin etwas, das wenigstens die Sozialwissenschaften zum Nachdenken anregen könnte: >Aber selbst der von hypersentimentalem Altruismus freie Fatalist wird sich dem Empfinden nicht verschließen können, dass dieses Wachsen des Verbrauches narkotischer Stoffe ... ein Stück Weltunglück darstellen würde, dessen Folgen irgendwie und irgendwann einen jeden angehen<. Wer von den Professionals in den Sozialwissenschaften wüsste da nicht, dass nach Durkheim als Gegenpole nur Zügellosigkeit (Anomie) und Geld (Egoismus) auftauchen? Lewin stemmt sich gegen ein >Fortschreiten des Übels<, aber gehört haben ihn wenige. Wer nun mit ein wenig Interesse das Buch von Lewin ergreift, wird recht bald auf die Ähnlichkeiten zwischen Marx, Freud, Durkheim, Arendt, Elias, Einstein usw. stoßen. Es fördert dann dies nicht unbedingt die Einladungen zu Talk-Shows, jedoch hilft dieses Buch ganz bestimmt, sich einmal mehr mit Wahrheit, Toleranz, Redlichkeit und sozialen Beziehungen zu beschäftigen.
Weil es auch in diesem Buche auftaucht, sei angefügt, dass ich die Idee von Weber (>Wirtschaft und Gesellschaft<), die Gefühle mit der Irrationalität zu umschreiben, als nicht-normal oder pathologisch einstufe. Rationalität möchten ganz gerne einige in vielen Abhandlungen mit dem Verstand gleichsetzen, aber dies ist nicht oft angebracht. Wenn frei nach Webers >Vieldeutigkeit< diese mit Schlitzohrigkeit übersetzt wird, nähert man oder frau sich den Bereichen, wo sich akademisierte Personen gerne als Götzen oder Götter identifizieren möchten. Lewin bemerkt in seinem Vorwort: >Die Zauberkraft der betäubenden und erregenden Mittel versagt nie<. Auch die Humanwissenschaften könnten daran denken, welchem Ziel sie denn bewusst dienen will. Wie ich mich habe überzeugen können, interessieren sich einige Personen gar nicht für >Unkultur und Kultur<, sie schwärmen eher für >Normalsein, Kümmerlichsein oder Nichtsein.<
Mag sein, dass für manche Personen die Hoffnung im >Ichsein< gesucht wird, aber möge es nicht die >Abstumpfung< sein. Lewin beginnt sein Werk mit dem Hinweis auf die >Lebensrätsel<: vergesst die körperfremden und körperheimischen Einflüsse nicht. Wer dann z.B. leichtfertig auf Möbius blickt, hat bezüglich Friedrich Nietzsche und Jean-Jacques Rousseau schon einiges missachtet. Elisabeth Förster-Nietzsche sagt mit Blick auf den Bruder Friedrich Nietzsche: >Ich bitte um Entschuldigung, dass ich mir ohne Ärztin zu sein, eine solche Diagnose erlaube.< Klar, es sei entschuldigt, aber was oder wer ist Urheber des Verbrechens >Der Wille zur Macht<? Nach dem Studium von Louis Lewin bin ich nicht ungebildet und bemerke, dass das Was etwas mit Kokain zu tun hat. Na dann geht es an das Eingemachte: Wer war es?
Das Buch von Lewin ist für Besserwisser vielleicht nur ein Irrtum über Drogen, aber bei genauerem Hinsehen bietet seine Arbeit die Möglichkeit, sich nicht mehr vor einem Tabubereich zu fürchten. Ich erwarte z.B. ganz bestimmt nicht von älteren Soziologen oder Soziologinnen frei nach Rousseaus >Bekenntnissen< eine Schrift darüber, was sie denn wirklich bei >der sexuellen Revolution der 70er Jahre< tatsächlich gemacht haben, aber nach dem Lesen von Lewin sollten solche Professionals auch nicht denken, sie könnten sich ähnlich wie Brahmanen bewegen und letztlich irgendeine Idee unhinterfragt bejubeln. In meinem Alter sei mir vergönnt mit Lewin zu schließen, >ein Stück praktischer, langer Lebenserfahrung< kann nicht so leicht gebeugt werden. Viele werden sich so leicht als Deppen auch nicht mehr versklaven lassen und müssen sich es sich auch nicht bieten lassen, als Herde beschimpft zu werden. Sogar berühmte Philosophen der Neuzeit können mit Lewin lernen, den Balken im eigenen Auge wahrzunehmen. Lewin schreibt gegen >die Gewinnsucht skrupelloser Händler<, möge sein Werk, lange Zeit vergessen, einmal dazu anregen, kreative Kräfte zu beflügeln.
noz
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