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REZENSION
Joachim Koch
Megaphilosophie
Das Freiheitsversprechen der Ökonomie
Steidl Verlag, Göttingen 2003
WEGE ZU NEUEN UFERN
Joachim Koch veröffentlichte mit seiner Megaphilosophie ein Buch, das ich als Standardwerk für die Weiterbildung einstufe. Vom Titel her scheint verständlich, dass hierbei zunächst nur an eine ganz bestimmte Wissenschaft gedacht wird, aber bei näherer Betrachtung wird schnell deutlich, dass sich Koch auf die sogenannten Menschenwissenschaften (Philosophie, Soziologie, Psychologie, Pädagogik usw.) bezieht. Um es gleich mit Rousseau zu sagen: "Wenn es die Vernunft ist, die das Buch macht, so ist es auch die Empfindung, die uns leitet ... und es erhebt sich dieses vortreffliche Buch". Sollte der Grundton von Kochs Buch umschrieben werden, so sei mir vergönnt zu sagen, dass sein Inhalt eine große Liebe zur Weisheit über das Leben mit Übergängen ausmacht. Im Zuge der PC-Welt sei hinzugefügt, dass Koch eigentlich schon eine Giga-Ausarbeitung vorlegt, also die komplexesten Theorien werden konsequent auf die Hier- und Jetztzeit bezogen.
Schon seit Urzeiten wurde daran gedacht, die Lehre vom richtigen Leben (und dies wäre ein weiterer Aspekt, um den Begriff Megaphilosophie zu füllen) zu finden, zu verbreiten, umzusetzen und zu verankern. Koch stellt nun fest, dass sich solche Megaphilosophien verändert haben. Zunächst war die Religion wichtig, dann waren die Wissenschaften von Bedeutung, aber schließlich wurde in der Neuzeit die Ökonomie zum prägenden Faktor. Solche Übergänge bei Megaphilosophien hinterlassen Spuren, Risse oder Brüche, und entscheidend ist, dass nicht einfach gesagt werden kann, wir leben heute weder mit der Religion noch mit der Wissenschaft. Im Zeitalter der Megaphilosophie der Ökonomie leben wir z.B. sowohl mit der Religion als auch mit der Wissenschaft, aber ganz anders als zu den Zeiten als diese die Megaphilosophien bestimmten. Konkreter gesprochen finden sich die Quellen im Katholizismus, in den Universitäten und im Phänomen der Globalisierung. Koch benennt hier die sozialen Gebilde Kirche, Staat, Markt. Bezogen auf das individuelle Leben gibt Koch zu verstehen, dass diese Entwicklung vom Elternhaus über die Ausbildung zum Berufsmenschen erlebt werden kann und die Megaphilosophie sich dann eigentlich aus dem Alltag mit seinen verschiedenen Gesichtspunkten ergeben könnte. Kochs Antwort auf die Frage nach den Trägern der Megaphilosophie ist damit radikal: weder Mönchtum, Beamtentum noch Unternehmertum sind in der heutigen Zeit Garanten für die Lehre vom richtigen Leben, sondern jede einzelne Person sowohl du als auch ich, sowohl Ego als auch Alter, sowohl man als auch frau, sowohl Erwachsene als auch Kinder sind gefordert, sich diesen Problemen zu stellen. Es ist das Individuum, dass das Freiheitsversprechen der Ökonomie nicht passiv zur Kenntnis nehmen muss, sondern Es kann es auch annehmen wollen oder nicht, somit ist eben zu lernen, dass Menschen damit umgehen können. Dies setzt allerdings voraus, dass eine Person nicht einfach mit einer Pflichtbildung oder tradierten Pflicht meint, genug zu wissen und sich dann z.B. genüsslich im Konsum versteckt, sondern sich um Fortbildung bemüht.
Wird auf die Allgemeinbildung geschaut, so dürfte eigentlich annehmbar sein, dass manche schon einmal über Namen Kontakt mit der Philosophie aufnehmen, dazu seien nur einige wenige berühmte genannt: Hippokrates, Sokrates, Platon, Aristoteles, Descartes, Hobbes, Pascal, Voltaire, Kant, Hegel, Kierkegaard, Comte, Marx, Nietzsche, Adorno, Habermas usw. Die Herausforderung von Koch ist nun nicht, Versprechen der verschiedenen Philosophien auszuloten, sondern er beginnt seine Darstellung über das "Aufkommen neuzeitlicher Megaphilosophie" mit Kierkegaard, Marx und Nietzsche. Bei allen dreien ist neben vielen anderen Dingen auch etwas ganz besonderes angesprochen, nämlich das Problem des Miteinanders. Sowohl vor diesen dreien als auch nach diesen dreien gab es viele verschiedene Philosophien, aber besonders die drei beeinflussten Philosophen nach dem Zweiten Weltkrieg und vor allem auch nach 1968. Mit Kierkegaard, so Koch, begann ein Wandel, als dieser einen Bruch oder eine Trennung thematisierte. Marx beschäftigte sich mit bestimmten Handlungsarten und Nietzsche mit spezifischen Denkungsarten. Kierkegaard kehrte zu seiner Religion zurück, Marx sah in einer kommunistischen Gesellschaft seine Lösung und Nietzsche projizierte ein Denken in seine Zukunft. Manche träumten nun so weiter von und mit solchen Angeboten, letztlich kann aber nicht verborgen werden, dass sich die Ökonomie vor einigen wichtigen Themen nicht verschloss. Das Motto der Ökonomie bringt Koch auf den Punkt: Nicht mehr dem Jenseits, dem Diesseits gilt das Augenmerk. ... Wir können gnadenlos kreativ sein.
Nach Koch findet sich schließlich so auch eine Verknüpfung zur Religion bei der Marke wieder, die Idee einer guten Gesellschaft entspringt damit einer kooperativen Identität, und die Bedeutung des Morgen wird dann vor allem mit der Werbung aufgegriffen: Die Marke ist die größte Erfindung und das Herzstück des Kapitalismus. Während im Glauben noch Verweise auf die Sanktionen im Jenseits eine wichtige Rolle spielen, die Vernunft mehrheitsfähige Modelle für das Diesseits sucht, begann die Ökonomie langsam aber stetig damit, wichtige Erkenntnisse der Philosophen in ihr System einzupassen. Der Markt gestaltete u.a. mithilfe von Philosophie und Psychologie eine Wirklichkeit für Morgen. Die so gestaltete Realität entwickelte sich im Laufe der Zeit von der Nächstenliebe über die Vernunftliebe zur Produktliebe, und dabei entstehen nicht nur positive Phänomene. Koch sagt es drastischer: "Die Schergen der Inquisition und politischen Henker hatte die Ökonomie nie nötig. Da sie keine Wahrheit beansprucht, muss sie auch niemanden im Namen der Wahrheit hinrichten. Sie richtet nicht, sie bleibt sachlich, sie vernichtet Existenzen monetär." Schnell verkündigen da einige, die Philosophie ist am Ende, und genau dieser ungebildeten Willkür stellt sich Megaphilosophie in den Weg.
Ist die Darstellung der Entwicklungen der Megaphilosophien schon originär und bedeutend genug, so gelingt Joachim Koch aber mit seinen Kapiteln VI. Virtuos und virtuell und VII. Idealismus und Ideologie noch mehr. Im sechsten Kapitel liefert er eine beachtliche Grundlage für die Theorie der Mimesis (über die schöpferische Arbeit, z.B. Kunst, Musik). Im siebten Kapitel erweitert er gar die Theorie der Symbole über den Begriff Marke. Bei einer derartigen Verdichtung kann es schon einmal passieren, dass bei dem einen oder anderen manche wesentlichen Teile von Joachim Koch aufgrund einer akademischen Vernunft oder veralterten Philosophie nicht so leicht gefunden werden. Koch sagt es versteckter: "Wer nicht nur schweigt, erkundigt sich nach dem Verbleib der Intellektuellen, die ehedem Missstände aufzeigten und Alternativen formulierten". Hier sei einfach angeführt, wie der Faden der Ariadne sichtbar wird: lesen (einchecken), dem Autor folgen (abheben), mit eigenen Erfahrungen verknüpfen (fliegen) und integrativ überdenken (landen). Zum Schluss möchte ich auch nicht verschweigen, dass nach dem Gang mit Joachim Koch durch die Megaphilosophien den Personen, die sich mit den Menschenwissenschaften auseinandersetzen, zugeflüstert werden kann, sie müssen sich nicht ewig mit Kindereien abgeben. Seine reife und vielschichtige Hinneigung zur Wahrheit spricht mit uns.
noz
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