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REZENSION
Immanuel Kant
Die drei Kritiken
Band 3; Kritik der Urteilskraft
Parkland Verlag; Köln 1999
Kant dritte Kritik kreist 1) um die ästhetische, und 2) um die teleologische Urteilskraft. Durch alle drei Kritiken ziehen sich die Namen Epikur (341 - 270 v. Chr.), Platon und Hume, d.h. ein Kontakt zur vorsokratischen Philosophie ist noch schwer auffindbar. Hier in der Kritik der Urteilskraft trifft man|frau allerdings nun auch auf Rousseau, wobei auf ihn am Anfang der ästhetischen Urteilskraft verwiesen wird, am Ende dabei jedoch schielt Kant auf Voltaire.
Ich rede kurz darüber: >Wenn mich [Kant] jemand fragt, ob ich den Palast, den ich vor mir sehe, schön finde, so mag ich zwar sagen: ich liebe dergleichen Dinge nicht, die bloß für das Angaffen gemacht sind, oder, wie jener Irokesische Sachem, ihm gefalle in Paris nichts besser als die Garküchen; ich kann noch über dem auf die Eitelkeit der Großen auf gut Rousseauisch schmälen, welche den Schweiß des Volkes auf so entbehrliche Dinge verwenden; ich kann mich endlich gar leicht überzeugen, dass, wenn ich mich auf einem unbewohnten Eilande ohne Hoffnung jemals wieder zu Menschen zu kommen befände, und ich durch meinen bloßen Wunsch ein solches Prachtgebäude hinzaubern könnte, ich mir auch nicht einmal diese Mühe darum geben würde, wenn ich schon eine Hütte hätte, die mir bequem genug wäre<. Nun, am 1.3.2004 war die Oscar-Verleihung, wie, so kann gefragt werden, gehen nun Freunde von Kant damit um?
Gegen Ende der Ästhetik heißt es dann: >Voltaire sagte, der Himmel habe uns zum Gegengewicht gegen die vielen Mühseligkeiten des Lebens zwei Dinge gegeben: die Hoffnung und den Schlaf<. Dazu sei gesagt, dass im 20. Jahrhundert diese Themen aktueller wurden, u.a. über Ernst Bloch («Das Prinzip Hoffnung») und Sigmund Freud («Die Traumdeutung»).
Es sei auch darüber gesprochen, warum es bei Kants Kritiken gar nicht so bedeutungslos ist, auf Rousseau zu achten. Rousseau ist dort von Kant weder verstanden noch analysiert worden, was bedeutet, wenn sich irgendwer mit einer «idealistischen Tradition» beschäftigen möchte, dieser sich wohl oder übel sowohl Kant als auch Rousseau zu Gemüte führen dürfte. Klar, keiner muss darüber nachdenken, jeder kann weiterträumen. Für die moderne Soziologie kommuniziere ich darüber ganz kurz: Jede Einheit, also auch der Idealismus, besteht nach Parsons aus vier Systemen (A, G, I, L). Der Idealismus oder das «Lehrer - Schüler - Verhältnis» bzw. «Der Fragende - Der Antwortende» (Platon) gliedert sich demnach z.B. in Kant (L) und Rousseau (G). Damit sind die übrigen Systeme (A bzw. I) zwar noch unbestimmt, aber mit den Hinweisen hier auch nicht unmöglich zu bestimmen. Besonders wichtig für die Soziologie ist die Verknüpfung («Ehe», «Konvergenz» o.ä.) zwischen G und L.
Parsons (siehe Rezensionen) hat die Besetzungen für die «idealistische Tradition» nicht mehr finden können, das nenne man|frau schlecht, aber er fand sie für die «positivistische Tradition», das nenne man|frau gut; letztere lauten: Durkheim (L) und Freud (G).
Für Grübler spricht nun Platon (Euthydemos): «Und nur wenn beide etwas Schlechtes wären, in diesem Falle allein hätten sie recht; sonst aber auf keine Weise». Angefügt sei, dass mit den Namen nicht gemeint ist, ein paar interessante Zitate zum Besten zu geben, sondern jedenfalls von Parsons ist gesagt, sich den Originalwerken zu widmen. Ferner gilt für Parsons übrigens, dass es nicht am Abstrakten (Kant) fehlte, sondern am Konkreten, wie aber neben Werner Stark (The Social Bond) nicht sehr viele feststellten.
Sicherlich ist es so, dass philosophisch Interessierte anders arbeiten als so manche in anderen Berufen, was weder verblüffend noch neu sein dürfte. Eines ist es, Kant zu lesen, ein anderes ist es zu überlegen, warum ausgerechnet mit Kant die akademische Soziologie von Parsons überwunden werden sollte. Womit auch einmal kurz dargestellt wird, was denn Kant erzählt.
Kant deutet auf eine >Kluft<, sei diese zwischen >Verstand und Vernunft< oder zwischen >dem Sinnlichen und Übersinnlichen<. Es wird deshalb eine Brücke oder ein >Mittelglied< benötigt, welches nun in der >Urteilskraft< erblickt wird. >Urteilskraft überhaupt ist das Vermögen, das Besondere als enthalten unter dem Allgemeinen zu denken<. Vielheit im Konkreten, kann so >gleichwohl Einheit< im Abstrakten sein. Hier werden >Empfindung< und >Einbildungskraft< eingeführt. Das erste bezieht sich u.a. >auf das Schöne<, das zweite >auf das Erhabene<, womit sich auch die Einteilung in ästhetische und teleologische Urteilskraft begründen lässt. Im ersten Fall könnte gefragt werden, >ob etwas schön ist oder nicht<, im zweiten Fall, ob etwas zweckmäßig ist oder nicht. >Es bleibt hierbei immer sehr merkwürdig: dass unter den drei reinen Vernunftideen, Gott, Freiheit und Unsterblichkeit, die der Freiheit der einzige Begriff des Übersinnlichen ist, welcher < Der z.B. vom Aberglauben befreit, d.h. >Aufklärung<, und somit von der >Maxime des Verstandes< über die Maxime >der Urteilskraft< bis zur Maxime >der Vernunft< führen kann.
Was >den letzten Zweck< angeht, >nämlich der moralischen Bestimmung<, darüber wird >in der Teleologie< gesprochen. In diesem Zusammenhang ist es nicht uninteressant, dass Kant hier auch Kunst und Wissenschaft oder Können und Wissen unterscheidet, was dazu anregen mag, durchaus bei Rousseau (siehe Rezension) vorbeizuschauen, bzw. bei Nietzsche («Also sprach Zarathustra») über dessen «können» nachzudenken. Dabei fällt u.a. auf, dass Kants >Kunst des Genies< allerlei dubiose Personen zu wahren, rechten oder echten Ergüssen verleitete. Da mag eventuell beruhigen, dass das oder ein >Genie< kein Talent zur Wissenschaft hat, was aber auch weniger schmeichelhaft für die Wissenschaft interpretiert wurde. Im Zuge der Zeit war es dann nicht sonderlich schwer, mit Kant ins >Glücksspiel, Tonspiel und Gedankenspiel> abzudriften, um >alle Dinge ganz anders als gewöhnlich< zu probieren. Bei so manchen wurden da schriftliche Darstellungen >nur eine Manier (modus), nicht Lehrart (methodus).
Bei der >teleologischen Urteilskraft> spricht Kant zwei Maximen an: 1) die von den mechanischen Gesetzen oder die physische Erklärungsart, und 2) die von den Endursachen oder die technische Erklärungsart. Die «Technik» wird gegliedert in >Idealismus alle Zweckmäßigkeit der Natur ist unabsichtlich< und >Realismus , dass einige derselben (in organisierten Wesen) absichtlich sei. Wie wichtig dann noch Kant wurde, lässt sich u.a. daran erkennen, dass er auf eine >Evolutionstheorie< und auf eine >Involutionstheorie (oder die der Einschachtelung)< zu sprechen kommt. Diese Theorien wurden fast 200 Jahre später von Stark (The Social Bond, Bd. VI) wieder aufgenommen. Das ist insofern beachtenswert, weil einerseits später noch Darwins Evolutionstheorie («Die Entstehung der Arten») erscheint, und andererseits Starks sechstes Buch unvollendet bleibt.
Was bedeuten wohl all diese Worte und Begriffe, mit denen so viele über nun 200 Jahre arbeiteten? Fällt man|frau mit Kant in eine wissenschaftliche «Steinzeit» zurück oder ist er eventuell doch wichtig in der Neuzeit? Sollten sich ausgerechnet Parsons und Stark so geirrt haben in der Bedeutung von Kant? Nein, dass haben sie nicht, denn sie verweisen darauf, dass es Kant war, dessen drei Kritiken >den Menschen zu einer Herrschaft vor[bereiten kann], in welcher die Vernunft allein Gewalt haben soll<. Dass dies nicht so einfach ist, lehrt die Geschichte, dass wussten und wissen viele. Deshalb fügt man|frau zusätzlich etwas von Kant an: >Kunstverstand für zerstreute Zwecke< bedeutet noch lange nicht >Weisheit für einen Endzweck<. Ohne >moralische Gesetze<, dies betont Kant in den Kritiken immer wieder, wird sich da kaum eine Lösung ergeben.
Nach Kant war es dann die Moral, die vehement von seinen Gegnern attackiert wurde, zuerst leise von Nietzsche, deshalb leise, weil man|frau ihn zu seinen Lebzeiten kaum beachtete. Aber dann, als Nietzsche schon nicht mehr war, stürzten sich die Geier auf seinen «Nachlass» und zimmerten mit ihren Schlüssen, Analogien, Meinungen und Möglichkeiten die Fälschung «Der Wille zur Macht». Neben den schon erwähnten Namen (Arendt - siehe Rezension) gesellten sich auch C.G. Jung und A. Adler (vgl. Bloch - «Das Prinzip Hoffnung»). Bei aller List und Tücke wurde übersehen, worauf Parsons und Stark sowie vorher Tönnies und Durkheim so viel Wert legten, dass es da ja noch den soziologischen Vergleich gibt, und der kann sogar Nietzsche (Original) und Nietzsche (Fälschung) entzaubern. Da ja hier nun mal die wesentlichen Diagonalen in Parsons&Mac226; Traditionssystemen festgelegt sind, kann sich, wer möchte überlegen, was denn bisher von dessen Soziologie verstanden wurde. Ein Bonbon sei hinzugetan: in dem System, wo Durkheim (L) und Freud (G) zu stehen kommen, muss im I-System ein Vertreter der Soziologie erscheinen, sonst wird es nichts, und es ist Ferdinand Tönnies (siehe Rezension) - da blättere man|frau einmal in Literaturlisten einer vermeintlichen «Soziologie».
Sicher, nicht alle wollen es wissen, aber ich sage es zum Schluss doch noch: bei Kant bedeutet >Unsterblichkeit< immer auch >Seelenunsterblichkeit<, er war halt doch ein großer Philosoph und Platon war ihm nicht unbekannt. Noch etwas: bei Kant steht geschrieben >die Welt und der Mensch< und nicht «Idealtyp und Sinn», letzterer Dualismus schaffte es bekanntlich, durch die Medien über «Körperunsterb-lichkeit» oder «schöpferische Zerstörung» zu stammeln.
Der Begriff >Welt<, um es mitzuteilen, ist heute auch mehr als nur geozentrisch zu verstehen, und der Begriff >Mensch< war noch nie ein Individuum, für die Soziologie deutete er schon mit ihrem Anfang auf mindestens vier Kategorien (I Ging - siehe Rezension). Nach dem etwas längeren Gang mit Kant, ist es mir eine Freude, festgestellt zu haben, dass er an seinem 200. Todestag geehrt wurde.
noz
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