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REZENSION
Immanuel Kant
Die drei Kritiken Band 2; Kritik der praktischen Vernunft
Parkland Verlag; Köln 1999
Kant ist keine leichte Lektüre, obwohl er einfach gelesen werden kann. Zur Problematik: In dieser zweiten Kritik wird sich wieder schwerlich Rousseau finden lassen, jedoch erscheint u.a. Voltaire bei einem Verweis auf >Liebhaber<. Wenn denn da gemeint wird, in der >praktischen Vernunft< geht es um «5000 Tipps für die Hausfrau | den Hausmann», so könnte mit den Hinweisen auf die Namen schon erahnt sein, dass dies nicht der Inhalt des Buches ist. Einerseits dreht es sich hier um >spekulative Vernunft<, andererseits um >das reine Vermögen selbst<, letztlich um die >Scheidung des Empirischen vom Rationalen< oder darum, >was Lehrern zur Richtschnur dienen soll<. Dies, so sei jetzt schon erwähnt, wirft ein anderes Licht auf den >kategorischen Imperativ<, denn demnach würde er nicht den «Schülern» aufgebürdet, sondern er wäre eine wichtige Richtschnur für «Lehrer». Da die Rolle des Lehrers relativ begrenzt, der Begriff Schüler unbegrenzt ist, muss nicht unbedingt gedacht werden, dass «Schüler» (z.B. Ökonomen, Politiker, Fernseh-, Pop- und Sportstars etc.) überhaupt wissen wollen, was es mit der Rolle des Lehrers auf sich hat.
Es mag sein, dass noch nicht ganz verstanden wird, was sich hier anbahnt, deshalb verweise ich auf zwei Beispiele. Das in der Philosophie berühmteste Beispiel der Relation zwischen Lehrer und Schüler dürfte wohl das Verhältnis von Sokrates und Platon sein. Was ist die Konsequenz: Die Unvernunft erkennen (vgl. Apologie - Platon) oder der Tyrannei helfen (vgl. Briefe - Platon)? Dies konnte doch wohl fast 2000 Jahre nach Platon der Professor Kant nicht ernsthaft angesprochen haben.
Ein zweites Beispiel kann da vielleicht eher ermuntern zu verstehen, worum es geht, und dazu seien die «Kartoffelklöße» bemüht. Wenn man|frau aus gekochten Kartoffeln die Klöße machen will, bedarf es noch zur Vollendung des Garens H2O. Empirisch könnten geformte Kugeln in eisiges, lauwarmes oder gekochtes Wasser gelegt werden. Rational ergibt sich das gewünschte Ergebnis, wenn der zu Kugeln geformte Teig im kochenden Wasser gegart wird. Lange Rede, kurzer Sinn: es hat was, wenn erzählt wird, dass Klöße dann etwas werden, wenn sie eine bestimmte Zeit dort verbringen, ansonsten wird es eine unklare Brühe.
Um ans Ende der >reinen Vernunft< (siehe Rezension) anzuknüpfen, sei bemerkt, dass man|frau es auch nicht Hören muss, will oder kann, was über das Wasser gesagt wurde. Damit nun auch Heraklit und Epikur nicht vergessen werden, sei angefügt, dass zum kochenden Wasser Feuer benötigt wird und die schönen Klöße auch ein Glück bedeuten können. Nun komme ich zum Ernst an dieser Sache: 1) Kants Kritik der praktischen Vernunft lässt sich mehr oder weniger leicht lesen, jedoch zeigt sich, dass er bei seiner Platon Lektüre Lücken in Kauf nimmt, und dass er gerade mit Bezug zum >Liebhaber< wohl doch auf Rousseaus Julie oder Die neue "Heloise - Briefe zweier Liebenden" aus einer kleinen Stadt am Fuße der Alpen hätte zurückgreifen können, anstatt auf Voltaire; 2) wenn es auch Kant nicht gewusst hat, dass Sokrates das «Gefühl der Lust und Unlust» der Vernunft nachordnete, so sollte spätestens seit Freud nicht unbedingt daran gezweifelt werden, dass Vernunft nicht so einfach und leicht und locker zu behandeln ist, es ist eben nicht nur alles bewusst.
Doch nun mehr zum Inhalt des Buches. Das Buch Kritik der praktischen Vernunft gliedert sich von außen betrachtet, etwas merkwürdig, nämlich in Einführungen, >Elementarlehre<, >Dialektik< und dem kurzen zweiten Teil >Methodenlehre<. Das erste umspannt etwa 20 Seiten, das zweite ca. 130, das dritte 60 und das vierte wieder etwa 20 Seiten. Es kam halt, wie es kommen musste, kein namhafter Wissenschaftler nach Kant akzeptierte, dass eine >Elementarlehre< oder eine Grundlagenforschung mit einem derartigen Umfang erledigt ist. Kant konnte nicht alles kennen, und da man|frau nach Kant auch anderes kannte, wurde mit «spekulativem Vermögen» nicht immer die >Elementarlehre< vorangetrieben, sondern schlicht bis heute denkwürdige Auffassungen >von der Befugnis< und dem >Fürwahrhalten<. Es sei gesagt, dass die Kritik der praktischen Vernunft etwas mit >Lehrern< und >Lehren< zu tun hatte, und es übersahen nicht wenige Personen.
Viele Gründe sprechen dafür, warum dieses Buch lesenswert ist, aber wahrscheinlich ist, dass es nicht von der Masse gelesen wurde und wird. Diejenigen, die es mit spezifischen Berufen hätten lesen können, haben es auch eher in Auszügen, denn ganz zur Kenntnis genommen. Ich bin so frei zu bemerken, dass sich die Welt weder anders herum dreht noch still steht, wenn das Buch nicht gelesen wird, aber ist es gelesen, dann lässt sich sowohl der Zynismus der Halbherzigen als auch die Ironie der Unkenntnis über den >kategorischen Imperativ< ein weniger leichter verstehen. Die ersten möchten die «Hebammenkunst» des Sokrates (Theaitetos - Platon), die anderen das Leben des Sokrates (Kriton - Platon) verurteilen. Wenn man|frau gegen Besonnenheit, Wahrheit, Gerechtigkeit oder Vernunft gefehlt hat, wer hätte es nicht im Alltag, dann haue man|frau nicht auf den Putz mit Kants >kategorischem Imperativ<. Letztendlich war Kant eine bestimmte Person, die mit ihren Möglichkeiten etwas zur Anhörung oder zum Nachlesen brachte. Wer mit dem >kategorischen Imperativ< reden möchte, der sollte wenigstens drei Dinge hinterfragen: 1) was ist ein «vernünftiger» Erwachsener; 2) was ist eine normale «Ehe»; und 3) was ist eine «analytische Kernfamilie»?
Da viel schon angedeutet wurde, sei auch angesprochen, was sich im Buch zeigt. Mit der Kritik der praktischen Vernunft rückt der >Begriff Freiheit< in den Mittelpunkt, >diese Idee offenbart sich durchs moralische Gesetz<. Ferner gilt es ein zweites zu beachten: >nämlich die Idee des Ganzen richtig zu erfassen<. Es geht hier also um >das Wollen<, wobei der Weg von den Grundsätzen zu den Sinnen eingeschlagen wird. Die praktischen Prinzipien >sind subjektiv oder Maximen<, wenn sie nur für ein Subjekt gelten, >objektiv aber oder praktische Gesetze<, wenn sie >für den Willen jedes vernünftigen Wesens gültig> sind.
Ein >kategorischer Imperativ< bezieht sich auf das Objektive, womit die Betrachtungen nicht einfach sind, denn erstens wird man|frau eher auf Abweichungen treffen (weil empirisch nicht alle gleich sind), und zweitens auf mehr Konflikte (weil rational Widersprüche zwischen Subjekt und Objekt nicht unwahrscheinlich sind); drittens ist noch schwieriger zu bestimmen, wer oder was «vernünftige Wesen» sind. Das Problem nimmt seinen Lauf, wenn irgendjemand etwas aus Gewohnheit macht, also z.B. gewöhnlich handelt, denn dies bezieht sich nach Kant auf das Subjekt, >heißt der Vernunft das Vermögen absprechen, über den Gegenstand zu urteilen<. Das fatale an dieser Sache ist, dass dieser Irgendjemand zwar jedes vernünftige Wesen an Gültigkeit binden will, er selbst aber da nicht unbedingt dazugehörend, sich davon trennen kann. Damit so etwas nicht allzu oft passiert, wird ein Leitfaden benötigt, und dieser findet sich im >moralischen Gesetz<. >Das moralische Gesetz wird aber nur darum als objektiv notwendig gedacht, weil es für jedermann gelten soll, der Vernunft und Willen hat<.
Nach Kant wird nun der Willen u.a. subjektiv äußerlich durch die Erziehung und objektiv äußerlich durch den Glauben bestimmt. Daraus folgt für Kant, dass >materiale Prinzipien zum obersten Sittengesetz ganz untauglich sind<, also muss ein anderes Prinzip gefunden werden, >welches zu kategorischen Imperativen, d.i. praktischen Gesetzen (welche Handlungen zur Pflicht machen) tauglich ist<. Freiheit wird nun zunächst >zum regulativen Prinzip der Vernunft<, aber immer hat diese >auf Wesen als Intelligenzen, und an diesen auch nur auf das Verhältnis der Vernunft zum Willen, mithin immer nur aufs Praktische Beziehung<. >Die alleinigen Objekte einer praktischen Vernunft sind also die vom Guten und Bösen<. Damit ist man|frau dann auch da angelangt, was Nietzsche mit seinen Büchern Jenseits von Gut und Böse bzw. Genealogie der Moral in ganz andere Dimensionen hineinkatapultierte. Nach Nietzsche war dann nicht mehr die Frage, was ein kategorischer Imperativ ist, sondern wer der Vernunft, eben der >Beurteilung des Verhältnisses der Mittel zu Zwecken< die Pflicht einzutrichtern hat.
Kant stellt nun seine >Kategorien der Freiheit< auf und unterscheidet u.a. >Begehen, Unterlassen und Ausnahmen<. Dies ist ohne Zweifel angemessen, aber dann kommt es viel später bei Webers Definition (Wirtschaft und Gesellschaft, Seite 1) zu einer folgenschweren Änderung, denn bei Weber findet sich: «Tun, Unterlassen oder Dulden». Aus Kants Subjekt und Objekt wurde klammheimlich ein passives Etwas. Wer diesen Spuren (Ernst Bloch) vernünftig folgen möchte, der wird nicht enttäuscht, wenn die Kritik der praktischen Vernunft zu Rate gezogen wird. >Frage dich selbst, ob die Handlung, die du vorhast, wenn sie nach einem Gesetze der Natur, von der du selbst ein Teil wärest, geschehen sollte, sie du wohl als durch deinen Willen möglich ansehen könntest<.
Was bleibt da noch zu sagen? Ach ja, Kant ergänzte die >Liebe zur Weisheit< mit der >Liebe zur Wissenschaft<. Auf den Anfang hier bezogen, sei erwähnt, dass manche in der Wissenschaft nur Kartoffelklöße aus der Packung essen und einige Wissenschaftler noch nicht einmal dies kennen, sie werben und lehren gewöhnlich für Fast Food. Kant ist weder schnell gelesen noch leicht verarbeitet. Für die Hau-Ruck-Zuck-Empiristen dauert Kant zu lange und er ist für sie auch schon nicht mehr verdaubar.
Ich habe gehört, dass sich diese gar nicht mehr um Moral scheren, sie sind «an interessanter Wahrheit also» interessiert. Die Alternativen: «Dulden» oder doch einmal ein paar Blicke in die Kritik der praktischen Vernunft werfen, sowohl der Weisheit als auch der Wissenschaft wird es schon keinen Abbruch tun, der Wahrheit sowieso nicht.
noz
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