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REZENSION
Immanuel Kant
Die drei Kritiken
Band 1; Kritik der reinen Vernunft
Parkland Verlag; Köln 1999
Kant, Immanuel, eigentlich Immanuel Cant (1724-1804) war der Professor aus Königsberg, heute Kaliningrad, dessen 200. Todestag (12.02. 2004) für viele Denker/Denkerinnen ein Anlass ist, ihn zu ehren. Gibt es bei einer so langen Dauer des Interesses überhaupt noch etwas, das nicht doch schon gesagt wurde? Ganz sicher wird es mit jedem neuen Kant-Leser oder jeder neuen Kant-Leserin immer wieder Aspekte geben, die vorher so noch nicht bedacht wurden, aber zu diesem besonderen Termin sei dann doch auch erwähnt, was eigentlich seit ca. 25 Jahren bekannt sein könnte: Mit Kant befreite 1978 Parsons (Ein Paradigma der menschlichen Bedingtheit-siehe Rezension) die Soziologie von den Makeln der Fälschungen.
Wie so oft beginnt etwas Wichtiges am Anfang, im hier vorliegenden Buch mit der >Vorrede zur ersten Auflage< und der Hauptfrage: >was und wie viel kann Verstand und Vernunft, frei von aller Erfahrung, erkennen<? U.a. mit einem Verweis auf die Geduld an die Leser tippt Kant dann auch sogleich Themen an: Synthese und Analyse ->welches alles leicht und mehr Unterhaltung als Arbeit ist<, These und Antithese ->damit Satz und Gegensatz desto leichter mit einander verglichen werden könnte<. Die Erkenntnis lässt sich nun nach Kant bestimmen und wirklich machen: >Die erste ist theoretische, die andere praktische Erkenntnis der Vernunft ... Mathematik und Physik sind die beiden theoretischen Erkenntnisse der Vernunft<. Zeitlich später findet sich u.a. bei Comte (siehe Rezension) ein solcher Hinweis. Aber bei Kant geht es noch weiter, denn mit >den Aufgaben der Metaphysik< dreht sich nicht mehr alles um das War (Vergangenheit) und Ist (Gegenwart), sondern vor allem das Wird (Zukunft) gilt es zu beachten.
In diesem Zusammenhang fällt nun eine Bemerkung von Kant, die sehr viel später bei Parsons eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen sollte, dabei wird über Gegenstände gesprochen, >ehe sie uns gegeben werden<, was Parsons (1978) mit «telisch» umschreibt. >Es ist hiermit eben so, als mit den ersten Gedanken des Copernikus bewandt, der, nachdem es mit der Erklärung der Himmelsbewegungen nicht gut fort wollte, wenn er annahm, das ganze Sternheer drehe sich um den Zuschauer, versuchte, ob es nicht besser gelingen möchte, wenn er den Zuschauer sich drehen und dagegen die Sterne in Ruhe ließ<.
In der >Einleitung< verdichtet Kant diese Aussage: >Erfahrung lehrt uns zwar, dass etwas so oder so beschaffen sei, aber nicht, dass es nicht anders sein könne<. >Urteile über alle Grenzen, welche über die Sinnenwelt hinausgehen, wobei wir sogar auf die Gefahr zu irren eher alles wagen< sind für Kant von Interesse. >Diese unvermeidlichen Aufgaben der reinen Vernunft selbst sind Gott, Freiheit und Unsterblichkeit. Die Wissenschaft aber, deren Endabsicht mit allen ihren Zurüstungen eigentlich nur auf die Auflösung derselben gerichtet ist, heißt Metaphysik<. Wenn Kant dann ganz zum Schluss bemerkt: >Der kritische Weg ist allein noch offen<, so braucht nicht vergessen zu werden, dass er ca. 700 Seiten vorher bemerkte, >dass es zwei Stämme der menschlichen Erkenntnis gebe, die vielleicht aus einer gemeinschaftlichen, aber uns unbekannten Wurzel entspringen, nämlich Sinnlichkeit und Verstand, durch deren ersteren uns Gegenstände gegeben, durch den zweiten aber gedacht werden<.
Auch wenn Kant >als einer der größten Philosophen der europäischen Denkgeschichte< (Back Cover) gilt, ist z.B. nicht zu vergessen, dass vor und nach Kant Wurzeln schon immer in der Integration (z.B. I Ging, Upanishaden, Pascal, Rousseau, Tönnies, Durkheim usw. -siehe Rezensionen) erblickt wurden. Mit Rousseau taucht hier ein Name auf, der gerne mit dem von Kant verknüpft wird, aber erwähnt sei, dass Rousseau in diesem Buch nicht oft erscheint, sichtbarer sind allerdings u.a. die Namen Plato, Descartes, Hobbes, Locke (1632-1704), Leibniz (1646-1716) und Hume (1711-1776). Über Platon und Hume mit Rousseau zu verknüpfen, ist allerdings kein Kunststück.
Erwähnt sei, dass Nietzsche auch seine Scherze mit Cant (Kant) trieb, indem er den Namen klein schrieb und so auf das englische Wort 'cant' aufmerksam machte; es heißt übersetzt u.a. 'Gewäsch, scheinheiliges Gerede, Scheinheiligkeit'. Eine Folge davon war, dass Weber (Wirtschaft und Gesellschaft) immerhin einmal auf Kant hinweist, um auf eine «irrationale Rechtsfindung» aufmerksam zu machen. Wie sich aber zeigt, kann u.a. auch versteckt mit dem Begriff >a priori< auf Kant verwiesen werden, wovon Weber auch Gebrauch machte, d.h. nachzuweisen ist immerhin, dass er mindestens zweimal auf Kant verwiesen hatte.
Insgesamt betrachtet schien oder scheint es einfacher, auf ein paar Sätze von Kant hinzuweisen, z.B. auf den >kategorischen Imperativ<, die dann neuerdings auch in Globalisierungs- und Genetik-Debatten bemüht wurden und werden. Kreuz und quer wird da a priori (Erkenntnis von Erfahrung und Sinne unabhängig) bzw. a posteriori (empirisch, in der Erfahrung) gelobt und getadelt, doch meist wird dabei a poteriori (vom Starken, Wichtigen) «jenseits von Gut und Böse» verfahren.
Da lässt sich auch fragen, muss oder soll oder kann man|frau Kant lesen? Klar, können Personen Kant lesen. Dies hat aber spitzfindig gesprochen die Beeinträchtigung, dass damit die Quelle Kant a posteriori wird, womit aber >Raum und Zeit< durchaus a priori bleiben oder nicht (Einstein - siehe Rezension).
Will man|frau so einfach Kant lesen, dann sollte nicht vergessen werden, dass im Mittelpunkt kein Troubadour, kein heroischer Manager, kein pubertätsfreies Kerlchen, kein lümmeliges Sternchen erscheint, sondern im Zentrum befindet sich eine Königin. Diese Königin ist keine Person, sondern die Metaphysik, die der pünktliche Junggeselle Kant mit einer transzendentalen Elementarlehre, transzendentalen Analytik, transzendentalen Dialektik und transzendentalen Methodenlehre zu erkennen trachtet, um sie >zur völligen Befriedigung zu bringen<. Mit Platon (Parmenides) gesprochen, kann dabei überlegt werden: 'Ich denke Nichts, Nicht-Eins, Eins, Vieles'. Das Problem ist nicht, dass hier das 'Ich' leicht mit Kant in Verbindung zu bringen ist, sondern ob ein anderes 'Ich' als Kant überhaupt das >System der Metaphysik< in vier Hauptteile gliedern will, nämlich in: Ontologie, rationale Physiologie, rationale Kosmologie und rationale Theologie. Augenscheinlich arbeitete aber Parsons (siehe Rezensionen) mit einem System und seinen vier Teilen (bekannt geworden als AGIL-System).
Damit komme ich zur Beantwortung der Frage, ob Kant gelesen werden muss. Da sind zwei Antworten: jedenfalls nach Talcott Parsons und Werner Stark in der Soziologie. Wenn dies auch nur wahr sein könnte, dann hat dies erhebliche Folgen für die Soziologie. Da aber bereits wahr ist, was früher einmal hätte werden können oder nicht, ist Parsons' (1937-The Structure of Social Action) erste Unterscheidung zwischen «positivistischer und idealistischer Tradition» so zu verändern, dass beim 'Positivismus' u.a. Einstein hinzuzufügen ist und beim 'Idealismus' mit Kant zu beginnen ist.
Die gute Nachricht zuerst, Parsons entledigte sich mit Kant, der bekanntlich viele Jahre, um nicht zu sagen fast hundert, vor Nietzsche wirkte, wirkungsvoll den Fälschungen nach Nietzsche. Die schlechte Nachricht für einige hinterher: Nach 1976 oder 1978 konnte erkannt werden, dass anstelle von Weber (der gemochte, der halbe oder auserlesene) bei Parsons der Name Kant zu erscheinen hat, was besagt, dass für die Soziologie wenigstens «Die drei Kritiken» ganz zu lesen sind. Dies ist durchaus nicht einfach, aber normalerweise auch kein unüberwindbares Hindernis für Soziologen/Soziologinnen. So ergibt sich, dass ab 1978 zwar immer noch so manche gerne auf Weber zurückgreifen mussten, dies aber dann nicht mehr so ohne weiteres zur Soziologie zählt, sondern allenfalls zu einer soziologischen Untersuchung anregen kann oder nicht.
Etwa in der Mitte der Kritik der reinen Vernunft befindet sich eine Stelle, auf die sich Werner Stark (1976-The Social Bond, Vol. I) und Talcott Parsons (1978-Menschliche Bedingtheit-siehe Rezension), die sich gut kannten, einigten, sie lautet: >das absolut Ganze aller Erscheinungen ist nur eine Idee, denn da wir dergleichen niemals im Bilde entwerfen können, so bleibt es ein Problem ohne alle Auflösung< . Werner Stark (1976), unisono mit Talcott Parsons, äußerte dann folgenden Satz: «[Parsons'] Geist richtet sich zum Abstrakten, [Starks] zum Konkreten.» Die «analytische Kernfamilie» (I Ging-siehe Rezension) war erreicht, denn Parsons hatte ein binäres Fundament (Yin oder die «positivistische Tradition» und Yang oder die «idealistische Tradition») und Stark sechs Analyseschritte (The Social Bond, Band I-Band VI).
Jetzt lässt sich auch einmal darauf schauen, wie sich Parsons' Soziologie langsam aber stetig von Weber trennte, und was sich daraus ergibt. In seinem Erstwerk meint Parsons (1937): «Für den Zweck dieser Studie [The Structure of Social Action] ist es unnötig, die idealistische Tradition zur Periode früher denn die von Kant zurückzuverfolgen.» Dies klingt plausibel, sobald aber die «positivistische Tradition» wegen Durkheim auf Rousseau zu sprechen kommt, ist es nötig, die Periode vor Kant einzubeziehen, vor allem um Platon nicht zu vergessen. Nach Kant erscheinen dann bei Parsons u.a. Hegel, Marx und schließlich Webers «Protestantismus und Kapitalismus».
Doch dann passiert etwas Denkwürdiges, «Schritt für Schritt» entfernte sich Parsons von Weber, denn «Durkheim und Freud wurden [Parsons'] wesentliche Rollenmodelle» (Sozialsystemtheorie-siehe Rezension). Weber, «verknüpft mit der Rolle des Genius», war nur noch eine Art Vorbild für die Person Parsons. Um im Bilde zu bleiben, die «Wissenschaft von der Moral» (Durkheim-siehe Rezension) gehört nach Parsons zum «objektiven Standpunkt», das heißt übertragen 'das Rollenmodell von Durkheim'; die «Psychoanalyse» zum «subjektiven Standpunkt», in der Übertragung 'das Rollenmodell von Freud'. Da bleiben für die «Rolle des Genius» nicht mehr viele Namen übrig, letztlich bleiben zwei: Weber und Parsons.
Das dicke Ende erscheint dann in der Menschlichen Bedingtheit, denn dort heißt es: «Die Tatsache, dass Weber durchgängig im kantischen Denken versenkt ist, hilft in dieser Hinsicht, Webers Ideen verständlich zu machen.» Für den konkreten Weber stimmt es nicht, aber für die 'Rolle Weber', eben für Parsons, ist dies nicht abwegig anzunehmen, es ist sogar die einzige Möglichkeit, Parsons' Theorien zu verstehen, um es nur bezüglich Luhmann (siehe Rezension) zu sagen.
Nun kommen >Raum und Zeit< a posteriori in der «positivistischen Tradition» zu stehen (z.B. Einstein) und a priori in der «idealistischen Tradition» (z.B. Kant). Soziologisch gewendet stehen sich aber Durkheim (soziales Milieu) und Tönnies (reine Begriffe) gegenüber. Bei der Integration der beiden wird Freud ins Spiel gebracht, aber schon alleine wegen der Erwähnung der «Rolle des Genius» sollte dies nicht übersehen lassen, Rousseau (Emile) und Nietzsche (Zarathustra) zu beachten.
Zum 200. Todestag von Kant sei damit auch gesagt, dass sich mit ihm in der Tat die brisante, fragwürdige und fehlerhafte Einteilung von Parsons 1937 später 1978 in eine wissenschaftlich fundierte einreihte. Hier nun scheint mir ein wenig Humor angebracht: Nach dem Lesen der Kritik der reinen Vernunft schadet es nicht, wenn man|frau sich nach Hilfen umschaut, um 'vom Kopf auf die Füße' gestellt zu werden.
Noch etwas zur Chronologie: 1781 wird das Buch zum ersten Mal veröffentlicht, 1787 erschien eine veränderte zweite Auflage, 1788 taucht die Kritik der praktischen Vernunft auf und 1790 die Kritik der Urteilskraft. Im ersten Buch ist die Logik wichtig, deshalb nicht gleich verzagen und sich verwirren lassen. Nehme man|frau sich Zeit für dieses Werk, und sich erinnern: als z.B. der junge Parsons (1928) zweckrational mit Weber hantierte, erlitt er selbst einen Schiffbruch, deshalb bemühte sich der alte Parsons (1978) mit Vernunft zu erklären, dass Kant für die Menschenwissenschaften unverzichtbar ist. Nun 50 Jahre sollten in der Soziologie nicht mehr gebraucht werden, um kleinlaut zu bemerken, dass eine soziologische Theorie u.a. mit Kant zu beginnen hat. Das befreit davon, tagsüber als Eule herumzuflattern und im Nachtflug als Adler Weber auszuhorchen.
Es gibt Bücher, darunter zählen auch Die drei Kritiken, für die man|frau nicht nur Lesefähigkeit benötigt, sondern vor allem gute Lehrer. Es spricht a priori wenig dagegen, bereits im Kindergarten mit Kant zu beginnen, a posteriori allerdings ist zu bedenken, dass Kant 57 Jahre war, als dieses Buch erschien. Denke man|frau da nicht, es ist in viel jüngeren Jahren leicht zu verkraften. So leicht geht das Werk nicht verloren oder anders gesprochen: Religion, Hoffnung, Sterblichkeit und Vernunft sind nicht so schnell weg, wie das flotte Geld.
Was folgt daraus? Zum 200. Todestag das schönste Geschenk für die Jugend, nämlich eine neue wissenschaftliche Phase. Die klassische Soziologie ist geprägt mit Durkheim und Tönnies, die akademische Soziologie wurde geprägt von Parsons und Stark, und nach der Korrektur der Fehler durch Kant kann nun die von Parsons erhoffte «neue Phase» beginnen-ohne List und Tücke. Wie immer andere Wissenschaften verfahren, sei dahingestellt. Seitdem für eine Serie im Fernsehen, die im März 2004 anlaufen soll, mit dem Slogan «Opium für das Volk» (Marx) geworben wird, lässt sich auch sagen, so manche sind für nichts fies, 'unkaputtbar' sind Ideen.
Die neue Welle 'Ich sehe nichts', aber man|frau kann es ja auch einmal mit dem offenen Auge versuchen. Der erste der Drei Affen (Nicht-Sehen, Nicht-Hören, Nicht-Sprechen) hat sich gemeldet, da kann wohl geahnt werden, worauf sich die beiden anderen Kritiken beziehen lassen.
noz
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