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REZENSION
William James
Der Pragmatismus
Ein neuer Name für alte Denkmethoden
übersetzt von W. Jerusalem
herausgegeben von K. Oehler
Felix Meiner Verlag; Hamburg 1994
Der Harvard-Professor für Philosophie und Psychologie William James (1842-1910) wurde von Durkheim (>Pragmatismus und Soziologie<) geachtet und von Freud (>Selbstdarstellung<) bewundert. Einige halten da erst einmal inne, andere merken auch nach 66 Jahren nichts. Ein späterer Harvard-Professor, Parsons, veröffentlichte mit seinem Erstwerk 1937 (>The Structure of Social Action<) als Antwort auf die positivistische Theorie und der idealistischen Tradition eine voluntaristische Theorie. Für andere war dies z.B. lediglich eine «Konvergenz» zwischen Durkheim und Weber, aber einige wussten schon, dass die bekanntesten Namen des Pragmatismus u.a. Humanismus und Voluntarismus waren. Wer dann etwas genauer das Erstwerk von Parsons liest, wird gar feststellen, dass dort zwei Extreme gegenübergestellt werden. Zum einen europäische Wissenschaftler ohne die deutschen, und zum anderen deutsche Wissenschaftler und vornehmlich Weber. Warum dies 1937 besonders in den USA von Interesse war, lässt sich u.a. an den sogenannten «Kriegsschriften» von Durkheim (>Über Deutschland<) studieren. Jedenfalls ist das Ergebnis von Parsons («der Stimme von Amerika») in den Worten von James: >In der Mitte zwischen den beiden Extremen findet sich der pragmatische oder melioristische Typ<. Die Soziologie von Parsons beginnt dann etwas später (1951-1964) mit der «theoretischen Effervescence von Freud und Durkheim».
Der Pragmatismus entstand u.a. in einer Auseinandersetzung mit Kant, vor allem dessen Bemerkung über die «kopernikanische Wende» sollte dabei eine besondere Rolle zukommen. Des weiteren entlehnte James Begriffe aus der Entwicklungstheorie von Darwin, aber auch Descartes, Hobbes und Pascal sind nicht unwichtig, um die Grundlagen von James zu verstehen. Die Frage nach der Wahrheit bleibt die vorrangige für James, und er ist jener, für den der Geist da ist, >wo es um die Wahl von Mitteln zur Erreichung von Zwecken geht<.
1908 beginnt mit einem Treffen in Heidelberg auch der voluntaristische Wahrheitsbegriff in Deutschland seine Runde zu machen, aber der Ausbruch des Ersten Weltkrieges unterbrach jäh die vielversprechenden Ansätze. Anschließend wurde diese Richtung in Deutschland nicht weiterverfolgt. Für diese Versäumnisse wird u.a. die Frankfurter Schule (Horkheimer, Adorno usw.) verantwortlich gemacht. Wie dem auch sei, der Pragmatismus ist jene Denkungsart, die den Menschen als handelndes Wesen ins Zentrum rückt. Um es auch gleich mitzuteilen, um 1908 betätigte sich Weber als Empirist, er gehörte demnach nach James zu den >Grobkörnigen<. Warum ihn aber Parsons zu den Idealisten zählte und ihn somit nach James zu den >Zartfühlenden< rechnete, das ist das dunkle Rätsel von Parsons, dass bis heute die akademische Soziologie umschifft.
James stellt in diesem Buch seine Vorlesungen von 1906/1907 vor. Für ihn >berühren Ergebnisse der Philosophie den tiefen Kern des Lebens ... Philosophie bäckt kein Brot, ... aber sie kann unsere Seele mit Mut erfüllen<. Für ihn gibt es zunächst zwei Arten von Philosophie: die >weich-veranlagte (zartfühlend)< und die >hart-veranlagte (grobkörnig)<. Wer nun nicht gleich «mit dem Hammer philosophiert» (Nietzsche), könnte bemerken, dass James über Entwicklungsprozesse die Unterscheidung anstrebte. Die oben erwähnte Wende trennt die beiden Klassen und so findet sich bei den >Zartfühlenden< z.B. Platon und bei den >Grobkörnigen< z.B. Descartes. Von der einen Seite aus betrachtet, erscheinen die >Zarten< als >sentimentale Weichlinge<, von der anderen Seite aus gesehen scheinen die >Harten< wie folgt zu sein: >ungebildet, gefühllos und brutal<. Wäre dann z.B. die Person, die Parsons 1937 als Idealist vorstellte und auch Empirist war, ein Vorbild für einen melioristischen Typ? Weder nach Parsons noch nach James ist dies zutreffend. Eine solche Person ist im Nebeneinander verstrickt und in ihr offenbart sich ein Dilemma. >Der Lösungsversuch aus diesem Dilemma beginnt mit dem Namen Pragmatismus<, dies war selbst Parsons schon vor 66 Jahren bewusst.
Weber war für Parsons ein Mittel, um in seiner grauen Urzeit die eigenen Probleme zu verstecken. Erst sehr viel später, wie es Parsons Gewohnheit war, deutete er dann auch an, dass ihn zwar manches Amerikanische an Weber verführt hatte, aber selbstverständlich die «Reinheit» von Weber (Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie I) >Zeit ist Geld< erschreckt habe. Nicht nur vorher, sondern auch seit Einstein wusste man bzw. frau, dass «Zeit in der Welt auch anders zu betrachten ist. James hatte da bereits schon gesagt: Ausgeschlossen werden kann wenig, aber nicht unbedingt von Vorteil ist es, sich immer wieder auf Irrtümer einzulassen.
Was will der Pragmatismus? Er will den Streit umgehen, der durch ein mythisches «Eichhörnchen» bekannt wurde (>Die Edda<). In der Sage wird von einem Boten berichtet, der von der Wurzel, wo die Schlange hauste, zur Krone, wo der Adler saß, hin und her lief. Der Bote sagte der Schlange, dass der Adler gesagt hätte, sie wäre zu grob, um zu fliegen. Dem Adler sagte der Bote, die Schlange hätte gesagt, er wäre zu fein, um die Wahrheit zu erkennen. Darauf entbrannte zwischen Unterwelt und Himmel ein Krieg, worauf Stamm und Erde untergingen.
Wenn der Pragmatismus eine Mittelposition einnehmen will, dann so James, hat er sich an Wahrheit, Gerechtigkeit und Redlichkeit zu orientieren. Aber diese Position ist nicht nur für das Oben und Unten von Bedeutung, sondern vor allem auch zwischen dem Alten und Neuen. Wenn alles schon vollkommen war und ist, wer möchte wünschen, dass es in der Zukunft anders zugehen sollte. Der Pragmatismus geht dazu über, die Vollendung des Guten nicht an den Anfang zu setzen, sondern er erblickt sie als Letztes, d.h. seine Zeitperspektiven verkehren sich. Trotzdem bleibt wahr, dass die fundamentalen Ergebnisse aus der Vergangenheit in der Gegenwart wirken und für die Zukunft nicht unbedeutend werden.
Für praktische Zwecke möge der >gesunde Menschenverstand< ausreichen, aber für die Philosophie werden Denkmethoden benötigt, denn sie >ist theoretischer, nicht praktischer Art<. Die Vereinbarkeit von früheren Wahrheiten und neuen Tatsachen ist der Hauptgesichtspunkt des Pragmatismus, aber >Wahrheit wird im Lauf der Erfahrung erzeugt<. Wahrheit kann ein System oder ein Symbol sein, und leben die Menschen auch vorwärts, so verstehen sie doch erst durch die Vergangenheit. >Kurz, die Welt ist voll Plastizität<.
James hat stets den Pragmatismus als Vermittlung oder als Medium angesehen, z.B. zwischen >zart< und >hart< oder alt und neu. Nicht immer kann man bzw. frau zu allem Ja und Amen sagen. >Es muss in unsern Beziehungen zur Möglichkeit ein Nein geben<. Mag das Ideal ein Letztes sein, so ist es doch damit weder Anfang noch Ende. Auch wenn in Deutschland >Der Pragmatismus< umgangen wurde, wird er vielleicht doch einmal gelesen, eventuell vom >Geist<, der vom Wirrwarr der niedrigsten Stufe weitergehen will. Eben von jenem, der nicht von brutalen Weichlingen übertönt werden kann oder der von gefühllosen Typen belogen werden muss.
noz
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