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REZENSION
I Ging Das Buch der Wandlungen
aus dem Chinesischen übertragen und herausgegeben von Richard Wilhelm
Eugen Diederichs Verlag; München 1988
>Das Buch der Wandlungen, chinesisch I Ging, gehört unstreitig zu den wichtigsten Büchern der Weltliteratur<. Wenn eine Schrift so eingeführt wird, dann ist nicht auszuschließen, dass ein und derselbe Leser oder eine und dieselbe Leserin nach Jahren bei einem neuerlichen Lesen plötzlich ganz neue Aspekte darin entdeckt. Vor allem sollte nicht ausgeschlossen werden, dass unterschiedliche Leser bzw. Leserinnen nicht-kongruent sehen oder lesen. Aber warum ist das Buch wichtig? >Fast alles, was in der über 3000 Jahre alten chinesischen Geschichte gedacht wurde<, ist mit diesem Buch verbunden. So denkt es noch Richard Wilhelm 1923, ohne zu ahnen, dass 1934/35 der «Große Marsch» stattfand, 1949, die Volksrepublik China gegründet wurde und ab 1954 Mao Tse-tung noch mehr veränderte. Was anschließend geschah, ist schon mit moderneren Kommunikationsmitteln erfasst und somit für interessierte Personen leichter nachzulesen.
Rechnet man|frau die erstgenannte Zahl zurück, so lässt sich unschwer erkennen, dass Wilhelm auf ca. 1050 v.Chr. anspielen könnte, vor so langer Zeit wird "der Übergang von der mythischen Zeit Chinas zur historischen" angesiedelt. Aber dieses «über 3000 Jahre» geht darüber hinaus, und deshalb sei hier auch der Zeitraum davor ein wenig beachtet. Zunächst ist da festzustellen: ca. 1500 v.Chr. «Entwicklung der frühesten zusammenhängenden Weltliteratur&Mac226; in Ägypten, Babylon und Indien»; ca. 1350 v.Chr. «Keilschrift». Vorher, ca. 3000 v.Chr., um es auch zu erwähnen, schien der >Gilgamesch-Epos< entstanden zu sein, noch früher, ca. 4000 v.Chr., waren schon «Anzeichen für ägyptische Kalender» vorhanden. Ist dies eventuell Beweis genug, dass mit Weber (>Agrarverhältnisse im Altertum<) der Ursprung der gesellschaftlichen Entwicklungen in «1. Mesopotamien» und «2. Ägypten - a) Altes Reich» zu finden ist? So ist es nicht, sagt neuerdings die Archäologie, das sagte aber auch ausgerechnet Talcott Parsons (>Gesellschaften<), der vielleicht beste Schüler von Max Weber, denn Weber (>Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie I<) ist ein Fehler unterlaufen.
Weber (>Konfuzianismus und Taoismus<) übersah, was schon im hier vorliegenden >Buch der Wandlungen< steht, nämlich dass >der Konfuzianismus und der Taoismus, ihre gemeinsamen Wurzeln hier [im I Ging] haben<, und das I Ging hat Weber ausgespart, nicht gekannt, aber auf jeden Fall nicht angegeben. Dies wäre weiter nicht erwähnenswert, und manche, die sich für Größen hielten oder die dafür gehalten wurden, merkten es gar nicht, gäbe es da nicht eine Besonderheit. Es ist nämlich so, dass das I Ging von Konfuzius (Kungtse) >auf unsere Zeit gekommen ist<. Da passiert Weber etwas Konfuses, er vermischt das Tao (siehe Rezension Tao Te King) mit Konfuzius. Wenn etwas nach Lao-Tse nicht ewig ist, jedoch nach Kung-Tse (Konfuzius) dauern kann, so muss nicht unbedingt mit Weber (>Wirtschaft und Gesellschaft<) gefolgert werden, dass dessen Definitionen unzerstörbar Bestand haben, für China lehrt dies Mao Tse-tung.
Aber nun kehre man|frau noch einmal zur eingangs erwähnten Zeitdauer zurück. Grob gerechnet, ist da die Zeit vor dem 1. Jahrtausend vor Christus nicht uninteressant. Was geschah wohl noch? Der Gilgamesch-Epos wurde wahrscheinlich im 12. vorchristlichen Jahrhundert geschaffen; 1200 v.Chr. wurde ein Land von den Israeliten besiedelt. Es erschien in der Folge die Thora oder Das Pentateuch, also die im Christentum ersten Teile des Alten Testaments. Um 1500 v.Chr. lebte wahrscheinlich Zarathustra; die Veden sind ab 1300 v.Chr. entstanden (siehe Rezension Upanishaden); in Ägypten beginnt ca. 1562 v.Chr. das Neue Reich; zu vergessen ist auch nicht, ca. 1500 v.Chr. erscheinen die Olmeken und um diesen Kreis das Popol Vuh (siehe Rezension). Da lässt sich schon staunen, aber es gibt noch mehr, nämlich «Nordeurasien», worüber berichtet wird, dass es so um ca. 9000 v.Chr. wichtig wurde, weil irgendwie Amerika besiedelt wurde. Eigentlich könnte man|frau es damit bewenden lassen, jedoch gibt es noch Afrika, wo von der Paläoanthropologie vor ca. 6. Mio. Jahren der Beginn der Menschheit vermutet wird. Als ob dies nicht schon alles kompliziert genug wäre, erscheint dann noch Durkheim (Die elementaren Formen des religiösen Lebens) und weist auf die enorme Zeit von ca. 40000 v.Chr.: jenseits vom Mythos ist die «Traumzeit», und wer wäre da nicht versucht, an Freud (Die Traumdeutung) zu denken? Es wurde eine Wurzel&Mac226; gefunden, abstrakter wurde das «Ganze», allgemeiner das «Wir» und konkreter die «Gemeinschaft», an den Anfang wurde die Vergangenheit gesetzt, unabhängig davon, ob der Anfang mit Weber in Mesopotamien oder zwischen Euphrat und Tigris gesehen werden will oder muss.
Als Anfang kann ja Vieles angesehen werden, z.B. ein Lottogewinn, ein schönes Datum, der «Codex Hammurabi» (Weber), die «kopernikanische Wende» (Kant), die «Mondlandung» (Parsons) o.ä. Aber ein >Ganzes< zu betrachten, scheint für einige Personen (z.B. Luhmann - siehe Rezension) ein unmögliches Unterfangen zu sein. Wenn das >Ganze<, warum auch immer, die Menschheit werden kann, so hat sich ergeben, dass dabei auf die Thora (Kollektivität) und auf das I Ging (Individualität) verwiesen wird. Ergänzend erschienen dazu die QTraumzeiten» (dreamtime), die QVolksbücher» (Epos) und Residualkategorien (alte Überlieferungen). Wenn überhaupt irgendetwas der bizarren Unterscheidung «positivistische und idealistische Tradition» (Parsons 1937 - The Structure of Social Action) abgerungen werden muss, so ist es die Unterscheidung zwischen «Irrtum und Glauben». Nur bezogen auf Parsons besagt dies, Parsons Irrtümer bezüglich Durkheim sind weniger verwerflich als sein Glaube an Weber. Für Adorno-Kenner sei hinzugefügt, Adornos Glaube, ohne Durkheim gelesen zu haben, zu glauben, was Durkheim geschrieben haben könnte, ist kein geringer Irrtum. Insgesamt sei hier einmal gesagt, wenn ein Buch gelesen ist, gibt es normalerweise anschließend ein paar Dinge zu klären. Soziologisch gewendet, spricht man|frau von den «Prinzipien der mechanischen und organischen Solidarität», einfacher gesprochen, es kommt eventuell zu Problemen der Bejahung und der Verneinung. Mit dem hier zu besprechenden Buch bewegt man|frau sich in dem Feld der Religionen. Ein Wort auch deshalb zu den Religionen. Was immer Religionen oder spezifischer Buchreligionen unterscheiden mag, berührt zum großen Teil «Körper und Seele». Um sich Urteile zu erlauben, lassen sich Thora, Talmud, Bibel, Koran usw. zunächst einmal angemessen lesen. In diesem Zusammenhang sei dann auch einmal darauf hingewiesen, was Weber (>Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie III<) alles nicht gemacht hat. Befreite dieser «Wissenschaftler» schon zu seinen Lebzeiten so manche Personen von exakten Studien, so dankten es ihm in der Nachfolge so einige Jünger, sich vom Nachdenken zu befreien. Wie Arendt (siehe Rezension) so überaus spitz formulierte, der «Niemand» nahm Abschied von der «vita contemplativa» und «heiratete» das «Herstellen».
Im I Ging nun erscheint eine Yin-Yang-Lehre mit der Lehre von den fünf Wandelzuständen. Das erste erscheint eventuell überraschend, weil sie nur marginal in den Wissenschaften aufzutreten scheint, das zweite könnte erstaunen, weil mit Comte (siehe Rezension) eigentlich nur noch drei Passagen des Wandels benannt werden. Zum Zweiten sei zunächst eine Lösung erwähnt. Ein Wandel bezieht sich auf einen pathologischen kollektiven Typ und ein Wandel bezieht sich auf einen individuellen Idealtyp; fünf minus zwei ergibt drei; eine Variante, die schon Montesquieu (siehe Rezension) ins Auge fasste.
Im hier vorliegenden Buch wendet sich R. Wilhelm gegen die Methode der >vergleichenden Mythologie<, aber er kannte weder die Soziologie, die Psychoanalyse noch die modernen Naturwissenschaften, er wendet sich gegen platte Analogien. Um dies auf die Spitze zu treiben, sei bemerkt, dass wohl alle Empiristen oder Empiristinnen die Zahlen 1 bis 49 kennen, aber wer die Geschichte des Lottos betrachtet, wird so gut wie keine Professoren oder Professorinnen unter den großen Gewinnern dieser Lotterie finden. Warum - sind sie mit ihrem Können noch nicht einmal in der Lage sechs Zahlen von den verschwindend geringen 49 zu finden oder interessieren sie sich nicht für das symbolische Interaktionsmedium Geld? Etwas zu treffen, was mit Zufall zu tun hat, ist also nicht ganz so einfach, aber zur Anregung sei gesagt (vor allem mit Blick auf Adornos Statement bezüglich Durkheim), etwas zu beurteilen, was man|frau nicht kennt, muss nicht unbedingt richtig sein.
So manches Ursprüngliche bezieht sich >auf die Antworten Ja und Nein<, was selbst Habermas (Theorie des kommunikativen Handelns) auffiel, weshalb er auch mit einem «Paradigmawechsel» seine Zeitgenossen (z.B. Luhmann) verblüffte. So schön diese Wendung auch für «Etablierte» (Elias) zu sein schien, so sehr ging an diesen doch vorbei, dass James (siehe Rezension) bemerkte: "Liegt nicht die Tatsache des «Nein» im innersten Kern des Lebens?" Ist dies schon streitsüchtig genug, kommt es zu dieser Zeit auch zu einer anderen Aussage. Tönnies (siehe Rezension) verkündete: "Auf die Verhältnisse gegenseitiger Bejahung wird diese Theorie [vom Kommunismus zum Sozialismus bzw. von den reinen Begriffen] als auf die Gegenstände ihrer Untersuchung ausschließlich gerichtet sein". Da staunt der Laie/die Laiin und der Fachmann/die Fachfrau wundert sich.
Noch ist im I Ging gar nichts passiert, lediglich ist kurz erwähnt, dass der Strich für das >Ja< zu zeichnen und ein unterbrochener Strich für das >Nein< zu verwenden ist. Angenommen, ein Strich stünde für ein Individuum, so werden wohl zwei Striche für zwei Individuen benötigt. Da ergeben sich aber schon vier Striche oder urplötzlich sind vier Möglichkeiten da: 1) zwei Striche; 2) zwei unterbrochene Striche; 3) ein Strich, ein unterbrochener Strich; 4) ein unterbrochener Strich, ein Strich. Damit sind dann auch zugleich die Bilder im I Ging eingeführt. Wenn nun eine Ebene (Mensch) - entweder unterbrochener oder durchgehender Strich, mit zwei Ebenen (Erde) - Strich und unterbrochener Strich, und drei Ebenen (Himmel) - weder Strich noch unterbrochener Strich, sondern sowohl Strich als auch unterbrochener Strich differenziert werden, so wird die Betrachtung komplexer.
Mit der letzten Möglichkeit ergeben sich insgesamt acht Strichmöglichkeiten, die auch benannt werden: >Kien, Kun, Dschen, Kann, Gen, Sun, Li, Dui<. Klar, die Worte oder Begriffe sind mehr oder weniger kaum verständlich, aber wer hier schon das fünfte Zeichen >Gen< mit dem neuzeitlichen «Gen» entdeckt, liegt nicht unbedingt falsch. Tatsächlich heißen die Begriffe auch: >Vater, Mutter, 1. Sohn, 2. Sohn, 3. Sohn, 1. Tochter, 2. Tochter, 3. Tochter<. Das Konstrukt der «analytischen Kernfamilie» (z.B. Tönnies, Durkheim, Freud, Parsons, Stark, Elias etc.) erscheint. Im Laufe der Zeit ist im Zuge der «Vollendung» lediglich eine Verkürzung vorgenommen worden, nämlich von Vater, Mutter, Sohn (1.-3. Sohn) und Tochter (1. &Mac246; 3. Tochter), d.h. es erfolgte eine Reduktion von ursprünglichen acht Entitäten auf vier Elemente. Das «kleine» Geheimnis bei Parsons (1953 - Working Papers in the Theory of Action) ist nun, warum er empirisch eine Kleingruppe auf «sieben Personen» beschränkte, er aber theoretisch auf >acht Personentypen< zurückgreifen musste.
Um dem zu folgen, was im hier vorliegenden Buch geschieht, ist zu bedenken, dass im Buch der Wandlungen sowohl Himmel (mindestens drei Ebenen), Erde (mindestens zwei Ebenen) und Mensch (mindestens eine Ebene) kombiniert werden, d.h. es erscheinen wenigstens sechs Ebenen. Werden dabei alle Variationen durchgespielt (Strich, unterbrochener Strich), so ergeben sich 64 Möglichkeiten, und genau diese werden im Buch I Ging behandelt.
Was mit Yang (ein Strich) und Yin (ein unterbrochener Strich oder zwei Striche in der Summe mit der Lücke so lang wie insgesamt der eine Strich des Yang) ausgedrückt wird, sind zunächst einmal Polarisierungen in einem Spannungsverhältnis. Als solche erscheinen Himmel und Erde, Gut und Böse, Mann und Frau, Tag und Nacht usw. Es ist, wie R. Wilhelm erkennt, nicht leicht für manche Personen, sich damit eingehender zu beschäftigen, deshalb gliedert er sein herausgegebenes Buch der Wandlungen in fünf Teile.
Im ersten Teil des I Ging (Einleitung; Seiten 5-21) werden die acht Grundzeichen eingeführt. Im zweiten Teil (Erstes Buch; Seiten 25-236) erscheinen die 64 Zeichen. Dies geschieht so, dass die kombinierten Striche (insgesamt sechs Ebenen) von unten nach oben gelesen (1, 2, 3, 4, 5, 6) getrennt werden, einmal in oben (6, 5, 4) und einmal in unten (3, 2, 1). Im dritten Teil (Zweites Buch; Seiten 239-338) werden die verschieden Möglichkeiten präsentiert, mit diesen Symboliken zu verfahren. Im vierten Teil (Drittes Buch; Seiten 341-632) stehen die Kommentare zu Besprechung an. Hier werden die Zeichen (Strich, unterbrochener Strich) noch einmal aufgeführt (1 steht unten, 6 steht oben) und überlegt, was im Zentrum passiert, d.h. es wird betrachtet, was zwischen dem Oben und Unten geschieht (5, 4, 3 bzw. 4, 3, 2). Hier ist eine Voraussetzung, dass sich oben (6. Stelle) bzw. unten (1.Stelle) ein Strich (neun) oder ein unterbrochener Strich mit einer Lücke (sechs) befinden können. Im fünften Teil (Schema; Seiten 633-644) wird eine Gliederung angeboten.
Es war schon immer eine Schwäche der Handlungstypen, nur einen Teil für das Ganze auszugeben. Konkreter gesprochen, die «Weberianer» (Personen, die nur eine «Soziologie-Definition» annehmen), erkennen selten, dass Weber sich mit der Soziologie gar nicht so auskannte; «Habermesser» (Personen, die einen «Paradigma-Wechsel» mögen) vermeiden oft, Adorno (Ohne Leitbild) zu hinterfragen; «Luhmänner» (Personen, die Luhmann zum «Soziologie-Papst» machen) missachten gerne, dass ein Gerede über Theorien noch lange nicht besagt, dass die Theorien auch gekannt sind; «Parsonianer» (Personen, die meinen, aufgrund von Englischkenntnissen vom Lesen der Schriften von Parsons befreit zu sein), verwechseln nicht selten die USA mit ihrem eigenen sozialen Milieu. Um hier nicht in Überlänge zu verfallen, sei auf Lao-Tse verwiesen, und den bekennenden Bekennern oder Bekennerinnen&Mac226; anempfohlen, dass Kritik wohl selten geschadet hat, aber damit war von Persönlichkeiten nicht gemeint, andere mit dem eigenen Unvermögen in die Pfanne der Phrasen zu hauen, sondern auch einmal den eigenen Standpunkt zu reflektieren.
Ich komme dazu zu bemerken, dass das I Ging in Lao-Tse und Kung-Tse zerfällt. Anders oder mit dem Pascalschen Dreieck gesprochen, nach der Wurzel [1] folgt ein anderes Niveau [1 1] - Lao-Tse; Kung-Tse, dann vermutlich eine dritte Ebene [4 - 1 2 1] usw. Exakter lässt sich da wohl sagen, 64 sind genau 26, die Basis 2 (Yang-Yin) und sechs Abkömmlinge (3 Söhne und 3 Töchter). Eventuell weil so manche erhöhte «Scheidungsraten» konstatieren und empirisch «Großfamilien» so oft nicht mehr vorkommen, scheinen da «Etablierte» zu denken, darüber nachzudenken, lohne sich nicht. Nun gut, solche haben das Wort ergriffen und nicht wenige andere Personen sind darauf hineingefallen. Ich komme zum Lotto-Beispiel (siehe vorne) zurück, obwohl doch ganz wenige Soziologen bzw. Soziologinnen Lottokönige wurden, spielen doch Millionen dieses Spiel. Wieso meinen nun «gebildete» Personen, dass ausgerechnet «Anti-Soziologen» irgendetwas vom sozialen Ursprung und über «das» soziale Leben verstehen müssten? Das soziale Leben, so viel kann man|frau leicht verstehen, hat ganz wenig nur mit einer Person zu tun, denn mindestens beruht sie auf der intergenerationalen Kommunikation. Wenn eine Person z.B. mit Weber das Soziale erfasst zu haben glaubt, so werden empirisch so manche Dinge übersehen: 1) Weber ist tot; 2) es gibt in der intergenerationelen Kommunikation ganz bestimmt nicht nur das Verhältnis zwischen Weber und einigen Beamten; 3) mit einiger Wahrscheinlichkeit kann davon ausgegangen werden, dass eine viel spätere Generation eher Weber nicht mehr kennt, als dass sie ihn überhöhen wird; 4) wenn Weber Wissenschaftler war, dann schadet es insgesamt und auch Personen nicht, an seinen Fehlern zu lernen; und 5) mit einer ungenauen Kenntnis der Schriften von Weber sollte man|frau nicht denken, dass dann die Werke der Weltliteratur exakt beurteilt werden können. Philosophisch gewendet: Mit Platon die Philosophie beginnen zu lassen, ohne ihn zu kennen, ist auch nicht gerade eine feine Art. Angenommen, dass I Ging hat nicht so unrecht mit der Unterscheidung zwischen Yang und Yin (einmal nicht nur gesehen als «Mann» und «Weib»), wieso glaubt eigentlich nach Freud (1900 - Die Traumdeutung) noch irgendeiner daran, dass Alles mit einem >SINN< zu erfassen ist? Milde formuliert, ist es verwegen, da noch von Wissenschaft zu sprechen, Kunst ist es auch nicht.
Ich komme wieder zum I Ging. Vielleicht liest es sich so einfacher: Aus dem Einen [1] entstand Yang und Yin [1 1], so findet es sich im Buch der Wandlungen; «Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde», so findet es sich im Pentateuch. Da mag für Manche die Zukunft sein: Stadt, Handel, Geld, Globalisierung, andere jedoch (z.B. über die Interlinearübersetzung des Alten Testaments) bemerken, dass da auch am Anfang von «Öde und Wüstenei» bezüglich der Erde gesprochen wird. Aber auch Freud (Totem und Tabu) macht auf etwas aufmerksam: «Im Anfang war die Tat». Da ließe sich noch viel erzählen, vor allem wenn noch berücksichtigt wird, dass vor über 3000 Jahren das I Ging auf 64 Bilder zu sprechen kam und neuzeitlich Parsons in seinen letzten Texten (z.B. >Action, Symbols, and Cybernetic Control<) schrieb, dass seine Soziologie mit einem «binären Diagramm zur 64er Zell-Ebene» zu erweitern sei. Bemerkt sei ferner, wenn man weder auf die «Prinzipien der binären Differenzierung» noch auf alte Überlieferungen zurückgreifen wollte, blieb für einige nur noch >Der Wille zur Macht<.
Sicherlich lässt sich nicht leugnen, dass mit Wissen und Unwissenheit Ungerechtigkeit Einzug in das Leben halten kann, aber Theorien von vornherein mit einer Fälschung zu beginnen, ist nicht im Sinne der «Wahrheit». Mit diesem Buch I Ging lässt sich wenigstens erkennen, dass es mit den Begriffen Yang und Yin nicht immer um Mann und Frau geht, sondern um viele Facetten des Lebens. Nicht umsonst stehen im I Ging das Helle und das Dunkle am Anfang sowie die Mitten am Ende. Um es gesagt zu haben, 96 ist nicht nur ein Geheimcode, sondern hier stehen diese Zahlen auch für Bewegung und Ruhe. Im Alltag mag sich einiges als nützlich erweisen, aber in den Menschenwissenschaften kann auch einmal davon ausgegangen werden, dass so verständliche Begriffe wie Weib und Mann nicht unbedingt konkretisiert werden müssen, sondern abstrahiert werden können.
68er Typen&Mac226; können mit der Geschichte verknüpft zu einem Bild der Befreiung führen, mit dem I Ging verbunden, erscheint das Bild vom abgründig Verharrenden. Sollte man|frau Das Buch der Wandlungen kennen? Warum nicht, schaden wird es kaum, einmal genauer zu verstehen, was mit einer «analytischen Kernfamilie» gemeint ist. Selbst Freud wies darauf hin, dass der Mensch das Lichte (Yang) und das Dunkle (Yin) umschließt, glaube man|frau da nicht, dass die 64 Bilder des I Ging wenig weiterhelfen. Auch bei einem immer weiteren Fortschreiten der Säkularisierung ist ganz bestimmt das Spannungsverhältnis zwischen Yang und Yin schwerlich zu beenden. Wäre es irgendwann einmal beendet, gäbe es keine Wandlungen mehr, «Öde und Wüstenei» und «Holz» (Popol Vuh) scheinen da zu warten.
Das I Ging macht Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zum Inhalt, möge es auch dazu anregen, darüber nachzudenken, ob der Einzelne überhaupt ohne «analytische Kernfamilie» zu existieren in der Lage ist. Allenfalls, um es zu erwähnen, kann eine konkrete Person von insgesamt acht Symbolen oder sechs Zeichen in einem Bild maximal zwei mit sich vereinbaren. Eine Position bezieht sich auf die Basis (2 - Yang bzw. Yin) und eine auf die Hochzahl (6 - Söhne bzw. Töchter). Lehrt z.B. Platon Gerechtigkeit, so lehrt das I Ging Besonnenheit und die Thora Vertrauen. Irgendwann steht auch die Frage der Redlichkeit an. Diese beginnt ganz bestimmt nicht damit, dass Das Buch der Wandlungen ignoriert wird. Ist ihm doch mindestens zu entnehmen, dass die Weisheit der Philosophie nicht im Wege steht und ihr auch kein Bein stellt.
Bekannter ist in der Philosophie, dass Platon in Sizilien war, wahrscheinlich könnte es auch sein, dass er vor allem nach seinen bekanntesten Dialogen (siehe Rezensionen) gar nicht so abgeneigt gewesen ist, einmal ins Land des I Ging zu reisen. Sokrates war vermutlich gedanklich eher dort, um nicht gleich von Heraklit (Der Dunkle) zu sprechen.
noz
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