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"Die moderne Soziologie"

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REZENSION

Thomas Hobbes
Leviathan

Reclam; Stuttgart 1998Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt; 1988


Obwohl dieses Buch von Hobbes (1588-1679) weder eine unstrittige noch eine vollständige Übersetzung ist, sind die zwei Teile des >biblischen Seeungeheuers< auch heute noch wichtig. Vor allem für jene, die z.B. Interesse zeigen, den Unterschied zwischen der Herrschaftstheorie von Weber und der Soziologie von Tönnies zu verstehen. Noch nach über 350 Jahren findet sich in diesem Buch ein Schlüssel, um zu bemerken, dass sich das Denken von Tönnies um das >Wohl des Volkes< drehte, das von Weber um die >Macht< des Leviathan. Das erste kann zur Soziologie führen, das zweite driftete ab in einen sehr gefährlichen Mythos (siehe Rezension Elias). Besonders Tönnies hat darauf hingewiesen, dass vor allem die deutsche Wissenschaft in ein grausames Fahrwasser gerät, wenn sie exakte Studien von Hobbes unterlässt.

Leviathan war für Hobbes eine >künstliche Person<, aber mit Nietzsches >Übermenschen< wollten bestimmte Personen ihn konkret erschaffen. Es in Deutschland 1933 leider gelungen, wie selbst der amerikanische Wissenschaftler Parsons (siehe Rezensionen Parsons) traurig zugestehen musste. Parsons, um es auch zu sagen, hätte besser zu Gesicht gestanden, Hobbes zu studieren, anstatt sich hinter Weber zu verstecken. Nun, auch die deutschen Soziologen haben Zeit gehabt zu bemerken, dass die Verdammung des Nachdenkens (vita contemplativa) von Weber irgendwie nicht zur Wissenschaft passt. Ja hätte man bzw. frau doch wenigstens nach 1945 bei Tönnies, der wohl einer der anerkanntesten Hobbes-Forscher war, vorbeigeschaut.

Leviathan wurde 1651 von Hobbes in englischer Sprache veröffentlicht. Das hier angegebene Buch übersetzt eine spätere lateinische Fassung der ersten zwei Teile: >Vom Menschen< und >Vom Staat<. Die beiden folgenden Teile >ein christlicher Staat< oder das Gute und >das Reich der Finsternis< oder das Böse fehlen. Jenseits von Gut und Böse, so ein Buchtitel von Nietzsche, beginnt der symbolische Mythos (Elias). Im hier vorliegenden Buch kann dies nicht gefunden werden, aber es reicht, um zu sehen, das Tönnies auf den ersten Teil >der natürliche Mensch< Wert legte und Weber auf den zweiten Teil >die höchste Macht< schielte.

Hobbes sagt nun im Unterschied zu Descartes (siehe Rezension Descartes), ein Druck geht >sofort innerlich auf das Gehirn und von da aus aufs Herz<. Für Descartes ist das Ich die Seele, für Hobbes die höchste Gewalt. Diese ist kein konkreter Mensch, sondern ein >künstlicher Mensch<, eben der >große Leviathan (so nennen wir den Staat)<. Um zu verstehen, wie dieser Leviathan entstehen kann, beginnt Hobbes mit einer Vorstellung, wie sich Menschen im Naturzustand verhalten könnten.

Es sei angenommen, dass zwei Individuen dasselbe wollen oder wünschen, aber beide können es nicht zugleich haben. Ohne >einschränkende Macht< würden sie um das begehrte Gut kämpfen und schließlich käme es zum >Krieg aller gegen alle<. Nur die Vernunft scheint in der Lage, diesen Krieg zu verhindern. Dies führt dahin, dass es schließlich einen Hirten und eine Herde gibt. Hierbei gilt es, eine >Furcht vor Mächten< zu installieren. Mit den Religionen wird sie auf das Jenseits bezogen, mit der >bürgerlichen Gesellschaft< auf das Diesseits. Ein Ausscheren aus der Herde >stört den Frieden und veranlasst Krieg<. Früher sorgten Familien für ein sicheres Verhältnis, doch im Laufe der Zeit kann nur noch die Gesellschaft dafür sorgen.

Die erste Eintracht, um >aus dem elenden Zustande eines Krieges aller gegen alle gerettet zu werden<, ist >Werk der Natur<, dann jedoch >Werk der Kunst<. Für den letzten Fall wird >Macht< benötigt, und diese kann nur dem Staat zugesprochen werden. In dem Sinne, dass >der sterbliche Gott ... unter dem ewigen Gott< betrachtet wird.

Dann wird der Leviathan mit dem menschlichen Organismus verglichen. Um dieses Bild zu verstehen, fügt Hobbes an, ist >Urteilskraft< und >Nachdenken< erforderlich. Er kommt zu dem Schluss, dass >Fallsucht< (z.B. Besessenheit) und >Fresssucht< (z.B. Unterdrückung) solche Übel sind, die ganz und gar nicht das Wohl eines Kollektivs, dann Gemeinschaft, oder das >Wohl aller<, dann Gesellschaft, achten. Um das >Herz des Volkes< zu fesseln, sollten Menschenrechte, Völkerrechte und Naturrechte nicht missachtet werden. Vergesst nicht, so Hobbes, >Gott: er ist<.

Mit Leviathan berührt Hobbes die >Ordnung<, aber die verspricht noch lange keine >Freiheit<. Tönnies (siehe Rezension Tönnies) war einer der ganz wenigen Wissenschaftler, der es verstand, darauf hinzuweisen, dass mit Hobbes vor dem Missbrauch der Macht zu warnen ist, aber damals wollten es nur wenige hören. Der Staat oder Leviathan wird zum Ungeheuer, wenn die Ratio die Bürger und Bürgerinnen instrumentalisiert. Hobbes, u.a. bekannt mit Galileo Galilei und René Descartes, hat 1651 eine denkwürdige Schrift verfasst, aber außer das Schlagwort >Krieg aller gegen alle< scheinen sehr viele diese Schrift nicht zu kennen. Wenn aber dieses Buch anstatt nur angegeben auch einmal gelesen ist, so ist selbst der Weg von der Maske zur Person begehbar. Doch da allerdings gibt es auch die Scheidung, die einen möchten sich lieber dem Leviathan gefügig erweisen (z.B. Weber), die anderen kämpfen für das Wohl der Menschen (z.B. Tönnies).

Man bzw. frau täusche sich nicht, Macht ist ohne den >Kampf aller gegen alle< nicht zu haben. Erst Rousseau (siehe Rezension Rousseau) erkannte, dass der Naturzustand von Hobbes eine These ist, die fatale Folgen haben kann. Zum Wohle der Menschen kann auch mit einer anderen These über den Naturzustand viel mehr erreicht werden. Aber die hörten weder Tönnies noch Weber, in der Folge auch nicht Parsons und somit blieb sie dann für viele verborgen. Weber zu bejubeln, ohne wenigstens den halben Hobbes zu kennen, ist nicht gerade ein Beispiel für Vernunft.

noz

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