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REZENSION
Sigmund Freud
Abriss der Psychoanalyse
Einführende Darstellungen
Einleitung von F.-W. Eickhoff
Fischer Taschenbuch Verlag; Frankfurt a.M. 1994: 39-103
Sigmund Freud
Gesammelte Werke, Band XVII
Schriften aus dem Nachlass 1892-1938
Fischer Taschenbuch Verlag; Frankfurt a.M. 1999: 63-138
Die letzten Arbeitsjahre und vornehmlich das Jahr 1938 von Freud sind vor allem durch zwei Werke geprägt: >Der Mann Moses und die monotheistische Religion: Drei Abhandlungen< und >Abriss der Psychoanalyse<. Das letztere liefert aber zunächst nur Verwirrendes. Die erste Mitherausgeberin der >Gesammelten Werke< (Anna Freud) lässt verkünden: «Der >Abriss der Psychoanalyse< entstand aus der Bemühung, eine Darstellung der Psychoanalyse zu geben, die knapper und elementarer sein sollte als die bis dahin vorhandenen. Der Versuch schien Freud nicht gelungen». Die letzte Mitherausgeberin (Ilse Grubrich-Simitis) demgegenüber schreibt unter Einbeziehung des eben zuerst genannten Werkes: «Die lange Zeit an [>Der Mann Moses<] vier Jahre oder mehr &Mac246;, während welcher es ständig revidiert wurde, und die akuten äußeren Belastungen in der Schlussphase seiner Entstehung durch die politischen Wirren in Österreich, die in der Nazi-Besetzung Wiens und Freuds erzwungener Emigration nach England gipfelten. Dass die Störungen sich nur auf dieses eine Buch auswirkten, beweist überzeugend das Werk, das unmittelbar danach entstand: der >Abriss der Psychoanalyse<, eine der prägnantesten und am klarsten aufgebauten Schriften Freuds». Nun, wenn zwei sich zu streiten scheinen, freut sich über Freud eine drittes (F.-W. Eickhoff), und dann sieht es so aus: «1938 hatte der greise Schriftsteller sich im Londoner Exil an eine letzte so komplexe wie einfache Summe seines Lebenswerks gesetzt». Da u.a. Parsons mit Freud arbeitete, kann erahnt werden, dass es aufgrund dessen AGIL-Schemas noch mindestens eine vierte Auffassung gibt, die ich hier nun vertrete. Negativ formuliert, ist keine der vorherigen Bemerkungen über Freud absolut richtig; positiv formuliert, alle Ausführungen beinhalten ein Fünkchen Wahrheit.
In den >Gesammelten Werken< wird behauptet, der >Abriss< sei >unfertig geblieben. Die Arbeit bricht im III. Teil ab<, ferner wurde das 3. Kapitel im I. Teil >zu Sätzen ergänzt<. Die Ansicht wird vertreten, dass Freud später mit einer zweiten Fassung (>Some Elementary Lessons in Psycho-Analysis<) begonnen hatte, womit der Wert dieser Schrift abgeschwächt wurde. Die drei Teile des >Abrisses< lauten: >I. Teil Die Natur des Psychischen; II. Teil Die praktische Aufgabe; III. Teil Der theoretische Gewinn<. Schon der Anfang der vermeintlichen «zweiten oder späteren Fassung» zeigt, dass es sinnvoll ist, diese mit dem >Abriss< zu verknüpfen, wie es funktioniert, zeige ich später. Wichtig ist, dass die am Schluss in den >Gesammelten Werken< angeführte «lange Reihe von Gedankenstrichen» im Originaltext fehlt, d.h. die These von Anna Freud u.a. scheint unwahr zu sein.
Eickhoff (>Einführende Darstellungen<) wiederum bemerkt selbst, dass der >Abriss< «fundamental Neues» enthält, insofern dürfte diese Schrift kaum als «Summe», sondern eher als Entwicklung betrachtet werden. Da fragt sich nur, wovon? Wie nicht unschwer zu ermitteln und in Anbetracht der Benennungen seiner drei Teile, wenigstens die Entwicklungen von >Schriften über Kokain< (1884) bis >Der Mann Moses< (1939) sind zu bedenken. Selbst mit dem >Nachtragsband, Texte aus den Jahren 1885-1938< wird die Spanne mit den >Gesammelten Werken< nicht erfasst, und so kann das Urteil von Grubrich-Simitis durchaus dazu führen, andere Werke von Freud, die von anderen zu seinen wichtigeren Schriften gerechnet werden, zu übersehen. Vor allem braucht man|frau nicht zu vergessen, dass Freuds Hauptwerk >Die Traumdeutung< in gewisser Weise unvollendet, seine konzentrierte Schrift und Lebensarbeit ist. Dies lässt sich z.B. daran erkennen, dass es von 1900 bis 1938 in vielen Sprachen immer wieder zu Lebzeiten von Freud veröffentlicht wurde. Warum dies so ist, kann auch leicht verstanden werden, denn die Besonderheiten des >Es< beschreibt Freud über die Traumdeutungen.
Bis zum >Abriss< galt nun bei ihm, dass ein Konflikt zwischen «Ich und Es» als Neurose bzw. ein «Konflikt zwischen Ich und Außenwelt» als Psychose angesehen werden kann. Freuds Beiträge sind dann zum überwiegenden Teil um Lösungshilfen des ersten Konflikts zentriert. Ob die Psychoanalyse für Wissenschaftler interessant ist, die sich mit Progressio, Prognosen, Visionen, Spekulationen beschäftigen, ist eine andere Frage. Fakt ist nun einmal, dass z.B. Bloch über Weber dachte, es ist mit Freud nicht möglich, ins «Prinzip Hoffnung» einzutauchen, im Unterschied dazu lässt sich z.B. Whitehead über Platon lesen.
Doch nun sei der Text bedacht. Im >Vorwort< sagt Freud, dass er >die Lehrsätze der Psychoanalyse< präsentieren möchte, und dies unternimmt er hier >dogmatisch<. In der folgenden Schrift >Some Elementary Lessons in Psycho-Analysis< unterscheidet Freud eingangs die >genetische< und >dogmatische< Methode, d.h. u.a. Anna Freud ist zuzustimmen, dass beim >Abriss< etwas fehlte, denn zumindest sollten diese Methoden bekannt sein. Nach der folgenden Schrift heißt >genetisch<: die Methode >wiederholt den Weg, den vorher der Forscher selbst gegangen ist<; demgegenüber bedeutet >dogmatisch<: die Methode >stellt ihre Ergebnisse voran, verlangt Aufmerksamkeit und Glauben<.
Ja, und dann folgt der Satz von Freud, weshalb es den Interpreten von Freud so schwer gemacht wurde: >Ich [Freud] werde mich in meiner Darstellung keiner der Methoden ausschließlich bedienen, vielmehr bald die eine, bald die andere befolgen<. Ich stimme Anna Freud bei, ohne diese Passage ist der >Abriss< unvollständig. Eine Möglichkeit war, dass das Vorwort ausgelassen wird, wie in den >Gesammelten Werken, Band XVII<, dann aber musste die Schrift auf jeden Fall als fragmentarisch gelten. Eine andere Alternative war, dass das Vorwort hinzugefügt wird, dann aber ist das Problem, dass >Some Elementary Lessons< nicht unterschlagen werden sollten, wie dies leider in dem Buch >Einführende Darstellungen< geschah. Ist das schon problematisch genug, so ist noch weitreichender, dass Freud wegen der >genetischen Methode< nicht erst mit den >Studien über Hysterie< (1895) einsetzen konnte. Ich favorisiere also die These der Tochter von Freud, eher den >Abriss< als «unfertig» ansehen, als etwas Heimtückisches zu unterstützen. Freud mit seinen >Beobachtungen und Erfahrungen< wusste, wovon ersprach, Personen die Freud nach 1939 benutzten (z.B. Bloch, Parsons, Habermas usw.) nahmen sich von ihm, wie es für sie passte. Der «Nietzsche-Kultus» lässt grüßen, und soweit die neun Zeilen >Vorwort<.
Der erste Teil von Freud umfasst fünf Kapitel: >1. Der psychische Apparat; 2. Trieblehre; 3. Die Entwicklung der Sexualfunktion; 4. Psychische Qualitäten; 5. Erläuterung an der Traumdeutung<. Im zweiten Teil finden sich zwei Kapitel: >6. Die psychoanalytische Technik; 7. Eine Probe psychoanalytischer Arbeit<. Zwei Kapitel sind auch im dritten Teil zu finden: >8. Der psychische Apparat und die Außenwelt; 9. Die Innenwelt<.
Das sechste Kapitel hat es in sich, denn dort bemerkt Freud im Fluss seines Schreibens, dass er eigentlich nicht nur darauf hörte, was jemand weiß, sondern vor allem bemerkte er, >was er nicht weiß<. Dazu seien ein paar Beispiele präsentiert. Wenn ein Soziologe auf Webers «Definition» aufbaut, weiß er nichts über die «eigentliche Konvergenz von Tönnies und Freud». Wenn ein Philosoph positiv Weber und negativ Freud in einer Schrift behandelt, weiß er wenig von Freuds >Selbstdarstellung<. Wenn ein Naturwissenschaftler sich mit Freud unterhält, weiß er noch lange nichts über das >Es<. Wenn ein Politiker über Krieg und Frieden spricht, weiß er nicht unbedingt etwas über die >destruktive Energie< usw.
Mit dem letzten Verweis überfliege ich nun kurz den >Abriss<, denn so ist es nun einmal, er ist trotz und alledem eine unvollendete, inhaltsreiche, vieldeutige und verdichtete Schrift.
>Von dem, was wir Psyche (Seelenleben) nennen, ist uns zweierlei bekannt, erstens das körperliche Organ und Schauplatz desselben, das Gehirn (Nervensystem), andererseits unsere Bewusstseinsakte< (1. Kapitel). >Nach langem Zögern und Schwanken haben wir uns entschlossen, nur zwei Grundtriebe anzunehmen, den Eros und den Destruktionstrieb< (2. Kapitel). >Das Sexualleben beginnt nicht erst mit der Pubertät, sondern setzt bald nach der Geburt mit deutlichen Änderungen ein< (3. Kapitel). >Wir haben also den psychischen Vorgängen drei Qualitäten zugeschrieben, sie sind entweder bewusst, vorbewusst oder unbewusst< (4. Kapitel). >Der Traum ist also ein regelmäßiges Vorkommnis im Leben normaler Menschen< (5 Kapitel).
>Der Traum ist also eine Psychose< (6. Kapitel). >Die Neurosen haben nicht wie z.B. die Infektionskrankheiten spezifische Krankheitsursachen< (7. Kapitel). In diesem Abschnitt bemerkt Freud u.a.: >Der Name «William Shakespeare» ist sehr wahrscheinlich ein Pseudonym, hinter dem sich ein großer Unbekannter verbirgt<. Dies ist insofern interessant, weil so einfach u.a. auch nicht Heraklit, Homer und Sokrates personifiziert werden können, was besagt, dass sowohl individuelle als auch kollektive Kräfte auftreten.
Einsichten und Voraussetzungen sind >durch die mühselige und geduldige Einzelarbeit gewonnen worden< (8. Kapitel). >Wir haben keinen anderen Weg, von einem komplizierten Nebeneinander Kenntnis zu geben als durch das Nacheinander der Beschreibung, und darum sündigen alle unsere Darstellungen zunächst durch einseitige Vereinfachung und warten darauf, ergänzt, überbaut und dabei berichtigt zu werden< (9. Kapitel).
Wer nun akzeptiert, dass es Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in der >Neuzeit< (Tönnies) gibt, der erfährt von Freud im >Abriss< folgendes: >In der Einsetzung des Über-Ichs erlebt man gleichsam ein Beispiel davon, wie Gegenwart in Vergangenheit umgesetzt wird<. Frei nach den vielen TV-Quizsendungen darf man|frau raten, wie und wo das >Es< umgesetzt wird.
Nachdem Anna Freud, Ilse Grubrich-Simitis und F.-W. Eickhoff schon ihre Ansichten kundtaten, sei nun die vierte hinzugefügt: wer nach 1939-1945 Freuds >Abriss< grob fahrlässig ignoriert, interessiert sich nicht notwendigerweise für die menschlichen Wissenschaften. Um es nicht zu verbergen, 1938 schrieb Freud noch einen denkwürdigen Text >Ein Wort zum Antisemitismus<.
Es gibt in der akademischen Soziologie Personen, die reden mal so leicht und locker mit Blick auf Nettogewinne über «schöpferische Zerstörung», aber ausschließen sollte man|frau dabei nicht, dass sie versuchen, alles zu ruinieren, was mit ihrem Über-Ich und Es nicht übereinstimmt. Weder ist die >Energie des Eros< noch die >Energie des Destruktionstriebes< wissenschaftlich zu eliminieren, womit bemerkt sei, dass noch lange nicht als gesichert gilt, dass jemand, der auf einen «subjektiven Sinn» schielt, per Freibrief das Gute tun muss, will oder kann.
Lange Rede, kurzer Sinn: Jede Arbeit, die Freud irgendwie redlich zu bearbeiten gedenkt, braucht sich nicht zu zieren, >Die Traumdeutung< und >Abriss der Psychoanalyse< aufzunehmen. Für die moderne Soziologie ist der >Abriss< mit all seinen Konsequenzen wichtig. Ohne Kenntnis des Buches ist es schwer, die Soziologie ab 1953 zu verstehen. In diesem Jahr veröffentlichte Parsons sein AGIL-Schema mit der «theoretischen Effervescence von Freud und Durkheim» sowie mit der «empirischen Konvergenz von Tönnies und Freud». Aber das interessierte Weber-Fans nicht.
noz
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