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"Die moderne Soziologie"

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REZENSION

Sigmund Freud
Studienausgabe, Band I
Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse
Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse

Fischer Taschenbuch Verlag; Frankfurt a.M. 1982 [St]


Sigmund Freud
Gesammelte Werke, Band XV
Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse

Fischer Taschenbuch Verlag; Frankfurt a.M. 1999 [GW]


In diesem Buch von Freud lohnt es sich, etwas genauer sein Vorwort zu überdenken. Dort wird darauf verwiesen, dass die Vorlesungen 1-15 >improvisiert und unmittelbar nachher geschrieben< wurden, die Vorlesungen 16-28 entwarf Freud vorher und er hat sie >wortgetreu vorgetragen<, die Vorlesungen 29-35 sind >niemals gehalten worden<. Um zu dokumentieren, dass die Vorlesungen zusammenhängen, nummerierte Freud sie durch, aber die >Neue Folge< umfasst lediglich sieben Vorlesungen (29-35), die ca. 15 Jahre nach den eigentlichen >Vorlesungen< (1-28) veröffentlicht wurden. Während sich dort zeigte, wie Freud sein Wissen von Beginn bis ca. 1916 verdichtete, so erblickt man|frau hier die kritische Auseinandersetzung mit seinen Arbeiten von 1912 bis ca. 1932. Als wichtige Schriften von Freud sind demnach zu berücksichtigen: >Totem und Tabu< (1912/13), >Jenseits des Lustprinzips< (1920), >Massenpsychologie und Ich-Analyse< (1921), >Das Ich und das Es< (1923), >Selbstdarstellung< (1924), >Hemmung, Symptom und Angst< (1925), >Die Zukunft einer Illusion< (1927) und >Das Unbehagen in der Kultur< (1929). Dieses Buch >Neue Folge< von ca. 200 Seiten ist somit viel umfangreicher als es den Anschein hat.

Das erste, was bezüglich Freuds Buch auffällt, ist, das Personen, die warum auch immer u.a. Simmel und Weber nahestanden (z.B. Ernst Bloch), den Bezug zu >Totem und Tabu< eliminieren. Dies ist nicht nur schade, sondern grob fahrlässig, müssen diese doch so die 35. Vorlesung >Über eine Weltanschauung< ignorieren. Wenn diese Schlitzohrigkeit beim Lesen nicht an den Tag gelegt wird, fällt es leichter zu verstehen, was Freud überhaupt vor der Zeit zwischen 1933 und 1945 darbietet. Er arbeitet hier nämlich zum ersten Mal mit einer Assoziation von Nietzsche und Marx. Da die 35. Vorlesung so oft und so lange verschwiegen wurde, werde ich darüber zum Schluss noch ein paar Worte verlieren.

Aber zunächst einmal ist der Anfang von Freud noch nicht angemessen gewürdigt worden, deshalb fasse ich einmal seine Bemerkungen konkreter. Fakt ist ja wohl, dass die Vorlesungen mit der >Neuen Folge< nun drei Teile umfassen. Nun sehe man|frau sie wie folgt: die ersten Vorlesungen (1-15) können so gehört, die zweiten (16-28) müssen so gehalten worden sein, die dritten (29-35) wollen von Freud so veröffentlicht sein. Ich möchte hier nicht auf Max Webers Verfehlungen zu sprechen kommen, denn er verstarb 1920 und somit sind andere Personen für neue wissenschaftliche Vergehen verantwortlich. Anstelle der nicht zu missachtenden wissenschaftlichen Abweichungen seien hier einmal die Hintergründe konkretisiert.

Die ersten Zeilen von Nietzsches >Reden Zarathustras< lauten: >Drei Verwandlungen nenne ich euch des Geistes: wie der Geist zum Kamele [müssen - NZ] wird, und zum Löwen [wollen - NZ] das Kamel, und zum Kinde [können - NZ] zuletzt der Löwe<. Freud und Nietzsche unterscheiden sich und dies lässt sich sogar noch genauer finden: >Zu Eingang der Menschheitsgeschichte war [der Vater der Urhorde] der Übermensch, den Nietzsche erst von der Zukunft erwartete< (Massenpsychologie und Ich-Analyse; GW XIII:138). Aus diesem Konflikt entsteht aber nicht irgendetwas, sondern wie Durkheim bereits 1897 (>Der Selbstmord<) eindrucksvoll erforschte: einerseits Altruismus bzw. Egoismus, und andererseits Fatalismus bzw. Anomie.

Es ist nun besonders bezeichnend, dass ein weiterer Vertreter der akademischen Soziologie der Weber nahestand, nun auch etwas von Durkheim verschwinden lassen musste. Parsons (1937) strich kurzerhand den «fatalistischen Typ». Klar, dass einige frei nach Whiteheads «zeitlosem Gegenstand» und dessen «Brennpunkt» z.B. die Soziologie auf neun Zeilen von Max Weber trimmen; aber eigentlich bräuchten solche auch diese nicht, sie haben ja noch freier nach Whitehead sich selbst. Da fragt sich nur mit Freuds >Vorwort< nun, wo hätten sie sich denn gerne: am Anfang oder am Ende, setzt man|frau ein UnD mutiert die Idee schon alleine wegen Tönnies zum Blödsinn.

Doch nun kurz zum Inhalt der Schrift >Neue Folge<. Freud beginnt mit der >Revision der Traumlehre<, was besagt, dass das Werk >Die Traumdeutung< auf jeden Fall zu berücksichtigen ist, wenn überhaupt, warum auch immer, Freud irgendwie bedacht wird. Parsons (1964) hat dies in bestechender Manier erkannt. Nur so kann überhaupt verstanden werden, warum Durkheim, Whitehead und Freud so viel Wert auf >Symbole< legten.

Mit der 30. Vorlesung >Traum und Okkultismus< berührt Freud >die Zeichen, Wunder, Prophezeiungen und Geistererscheinungen<. Es interessieren hier Gedankenübertragungen und allgemeiner Visionen.

Mit der 31. Vorlesung >Die Zerlegung der psychischen Persönlichkeit< wird zum ersten Mal das Konzept >Es, Über-Ich, Ich< präsentiert. Nun allerdings gibt es auch Verwirrungen, denn in der Studienausgabe (St:515) ist das Bild vertikal präsentiert, in den Gesammelten Werken (GW:85) erscheint es horizontal. Aber, was bei einigen auf Streitigkeiten hinausläuft, ist für andere Anregung zum Nachdenken: was ist unter Es (St) bzw. gibt es auch ein Unter-Ich (GW)? Eigentlich hat sich dies schon ein wenig erhellt, denn unter dem Es erscheint das «phylogenetische Prinzip» (Urhorden) und unter dem Ich taucht das «Noch-nicht-Bewusste» (Visionen) auf. In dieser geschriebenen Vorlesung ist dann von Freud noch folgendes zu lesen: >Gut, so wollen wir «unbewusst» nicht mehr im systematischen Sinn gebrauchen und dem bisher so Bezeichneten einen besseren, nicht mehr missverständlichen Namen geben. In Anlehnung an den Sprachgebrauch bei Nietzsche und infolge einer Anregung G. Groddeck heißen wir es fortan das Es<. Der Sprachgebrauch findet sich relativ am Anfang von Nietzsches >Jenseits von Gut und Böse< (KS, Bd. 5:31).

Die 32. Vorlesung> Angst und Triebleben< hat es sicherlich in sich, wenn bedacht wird, dass Freud hier die Assoziationskette >Kot - Geld - Geschenk - Kind - Penis< anspricht und ausgerechnet Parsons (1956) «das Geld» zum Prototypen seiner «symbolischen Interaktionsmedien» macht. Keiner oder keine, die sich mit Max Weber irgendwie identifizieren oder ihn zu ihrem >Ichideal< erheben, hat dies Freud jemals verziehen.

Die 33. Vorlesung behandelt >die Weiblichkeit<. Da lässt sich mit Freud sagen: >Wollen Sie mehr über die Weiblichkeit wissen, so befragen Sie Ihre eigenen Lebenserfahrungen, oder wenden Sie sich an die Dichter, oder Sie warten, bis die Wissenschaft Ihnen tiefere und besser zusammenhängende Auskünfte geben kann<. Heute lässt sich hinzufügen, dass wohl Freud auch auf Fernsehen, Internet usw. verwiesen hätte.

Die 34. Vorlesung >Aufklärung, Anwendungen, Orientierungen< beinhaltet das Bekenntnis zur Freundschaft mit Georg Brandes (1842-1927). Dieser wiederum war derjenige, der 1888 als erster Nietzsche bekannter machte, um es auch zu sagen, dies geschah vor Nietzsches Zusammenbruch Anfang 1889. Aber nicht nur dieses Bekenntnis ist interessant, sondern auch das, >dass [Freuds] Tochter Anna Freud sich [die Anwendung der Psychoanalyse auf die Pädagogik, der Erziehung der nächsten Generation] zur Lebensaufgabe gesetzt hat<. Die Psychoanalyse ist zwar >an Kranken< gefunden >und durch mehr als dreißig Jahre entwickelt worden<, aber Freud ist insgesamt weder mit der Therapie (Stichwort: Übertragung) noch mit der Theorie (Stichwort: Assoziation) vollständig zufrieden.

Die 35. Vorlesung beginnt u.a. mit Heine, Nietzsche sowie Kant, und dann kommt Freud auf seine Schrift >Totem und Tabu< zu sprechen. Vehement verurteilt Freud die Religion und bekennt sich zur Wissenschaft. In diesem Zusammenhang redet er dann über Marx und Hegel, den Marx vom Kopf auf die Füße zu stellen gedachte. Freud richtet sich nicht gegen Marx selbst, aber er wettert gegen Personen, die Marx >als Quelle einer Offenbarung< ansehen. Mit dieser Stelle trat dann die akademische Soziologie ins Fettnäpfchen des Konflikts, denn was war nur das große Übel: die reine Vernunft (Kant), der Staat (Hegel), die Ware (Marx), der Übermensch (Nietzsche), das Charisma (Weber), die Urhorde (Freud), die Gemeinschaft (Tönnies) oder doch etwas ganz anderes?

Ja, und bei allem übersahen die filigranen Denker und Lenker bei Freud die Bestätigung von Durkheims «Kriegsschriften». Durkheim (1893) wies anfangs in seiner >Arbeitsteilung< darauf hin, dass es >die anormalen Formen< gibt, etwas später (1897) zeigte er dann im Werk >Der Selbstmord< wie sich diese ausbreiten, und dass die Überwindung der Konflikte etwas mit «Vernunft» (Kant) bzw. «Moral» (Durkheim) zu tun hat.

Nun kann man|frau zu Freud stehen, wie es beliebt, aber mit der Schrift >Neue Folge< bemüht er sich mit seinen Mitteln darum, >materielle Not< minimieren zu helfen und >die kulturellen Ansprüche< zu erfüllen. Schon im Jahre des Erscheinens der >Neuen Folge< wurde Freuds Tagtraum oder Utopie von einer menschlicheren Ordnung zunächst einmal vernichtet. Inwieweit die Vernichtung von Freud dann getrieben wurde, lässt sich vor allem an diesem Buch untersuchen. Da Luhmann schon erwähnt wurde, sei auch gesagt, was man|frau von ihm lernen könnte. Nicht Parsons gilt es abstrakter zu händeln, sondern manchmal empfiehlt es sich auch im Gegensatz zu Freud, die Männlichkeit und die Weiblichkeit allgemeiner im Sinne des >Tao Te King< in Yang und Yin zu übertragen.

Eine solche Sichtweise entging Freud, aber dessen Kritiker verstanden dieses Problem noch weniger, sonst hätten sie erkannt dass Weber weder männlich noch weiblich ist, sondern sowohl Yin als auch Yang. Wer es soziologischer mag, dem sei mit Tönnies verraten, dass sich bezüglich Freud und Nietzsche nicht nur die Zeitperspektive verändert, sondern die Betrachtung von Wesenwille und Kürwille (wollen) unterscheidet sich. Findet sich bei Durkheim, Freud und Tönnies die «Gemeinschaft» am Anfang einer sozialen Entwicklung, die in eine menschliche Ordnung «Gesellschaft» mündet, so entpuppt sich die Umkehrung als Personen-Kultus, der auf eine mythische Gemeinschaft zielt. Freud sagt in der 35. Vorlesung: >Die Welt ist keine Kinderstube<. Wenn >das Denkverbot< die Wissenschaften ergreift, wird es bitter: >Der letzte Irrtum heißt dann Wahrheit<. Ein Geheimnis ist es ja nicht, dass die «Globalisierung» vorangetrieben wird, aber was ist mit den >Weltanschauungen<, sollen sie animistisch, religiös oder wissenschaftlich sein? Freud legt sich fest: >Eine auf die Wissenschaft aufgebaute Weltanschauung hat außer der Betonung der realen Außenwelt wesentlich negative Züge, wie die Bescheidung zur Wahrheit, die Ablehnung der Illusionen<.

Von >Totem und Tabu< über >Vorlesungen< zu >Neue Folge< ist es so schwer nun auch nicht mehr zu konkretisieren, welche Namen sich hinter den Weltanschauungen >Animismus, Religion und Wissenschaft< verbergen, nämlich Nietzsche, Marx und Freud. Der Beigeschmack ist, dass sich so die >Illusion< der «Globalisierung» oder die «wirtschaftliche Epoche» auf dem schmalen Pfad zwischen >Zauberei< und >Allmacht der Gedanken< bewegt.

noz

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