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"Die moderne Soziologie"

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REZENSION

Sigmund Freud
Studienausgabe, Band I
Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse
Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse

Fischer Taschenbuch Verlag; Frankfurt a.M. 1982 [St]


Sigmund Freud
Gesammelte Werke, Band XI
Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse

Fischer Taschenbuch Verlag; Frankfurt a.M. 1999 [GW]


Für lobenswert halte ich die Entscheidung, in der Studienausgabe die beiden Vorlesungen von Freud zu vereinen und sie dann als ersten Band zu führen. Unabhängig davon, werde ich sie getrennt besprechen und begonnen sei mit dem Hinweis in der Vorrede [St] von Alexander Mitscherlich (1908-1982): «Lässt man sich mit der Erwartung, mehr über sich zu erfahren, von Freud führen, so wird man mit dem Fortschreiten der Lektüre reicher bedacht, als man es voraussehen kann». Der von Freud anvisierte Inhalt ist die >Elementare Einführung in die Psychoanalyse<, hier die zwischen 1915-1917. Die Vorlesungen umfassen drei Bereiche: >I. Teil: Die Fehlleistungen (1915); II. Teil: Der Traum (1915-16); III. Teil: Allgemeine Neurosenlehre (1916-17)<. Die ersten beiden Teile wurden im Wintersemester 1915-1916 gehalten und erst nach den Vorlesungen niedergeschrieben, der dritte Teil wurde vorher geschrieben und wortgetreu im Wintersemester 1916-17 vorgetragen.

Auffällig dürfte sein, dass diese Vorlesungen während des Ersten Weltkrieges (1914-1918) erscheinen. Zur Zeit der Niederschrift von Freud befinden sich 1915 schon die sogenannten «Kriegsschriften» von Durkheim im Umlauf. Es sind dies die von der akademischen Soziologie verschwiegenen Schriften: >Deutschland über alles. Die deutsche Gesinnung und der Krieg< (Durkheim 1915) sowie >Wer hat den Krieg gewollt? Die Vorgeschichte des Krieges nach den diplomatischen Aktenstücken< (Durkheim, Denis 1915). Bemerkenswert genug ist, dass Durkheim gezielt mit Äußerungen von Nietzsche operiert und Freud diese Schriften entweder gar nicht zur Kenntnis nahm oder lieber schwieg. In Freuds Vorwort wird ersichtlich, dass er, warum auch immer, schwieg: >Es war nicht möglich, in der Darstellung die kühle Ruhe einer wissenschaftlichen Abhandlung zu wahren<. Erst viele Jahre später (1932) mit der Erweiterung >Neue Folge< wird verständlich, wie ihn Durkheims Soziologie, die er mindestens seit >Totem und Tabu< (siehe Rezension) kannte, beschäftigte. Freud entschloss sich, die >Neue Folge< durch die Nummerierung mit den >Vorlesungen< zu vereinen, und so findet sich im Zusammenhang, was die einzelnen Teile verbergen.

Doch nun zu den >Vorlesungen<. Wie nicht unschwer zu erahnen, folge ich den Interpreten darin, dass der späte (bezogen auf die Arbeitsphase) Freud ab ca. 1912 mit der Soziologie verknüpft ist, wobei das herausragende Instrument bei ihm «unter dem Namen «freie Assoziation» bekannt wurde». Dieses Instrument gab es schon früher, aber es lässt eben auch mit den elementaren Einführungen finden. Freud sagt nun eingangs: >Psychoanalyse erlernt man zunächst am eigenen Leib, durch das Studium der eigenen Persönlichkeit<, und weiter: >Ihre Vorbildung hat Ihrer Denkrichtung eine bestimmte Richtung gegeben<. U.a. hierauf bezieht sich die Vorrede von Alexander Mitscherlich, denn >die seelischen Vorgänge [sind] an und für sich unbewusst<.

Nachdem Freud seine >Vorlesungen< mit einer kurzen Einführung einläutet, widmet er sich den >Fehlleistungen<, weist eben auf das >bisher Übersehene<. Diese Untersuchung ist nun so gestaltet, dass sie Freuds Kenntnisse um 1915 zusammenfassen. Hintergrund für diesen Teil ist das 1901 erschienene Buch >Zur Psychopathologie des Alltagslebens< (GW, Bd. IV), das nach 1915 noch stetig erweitert wurde, und das 1905 erschienene Werk >Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten< (GW, Bd. VI). Zu finden ist demnach in Teil I der >Vorlesungen< eine Aufbereitung Freuds früherer Werke, d.h. sie werden hier 1915 aktualisiert und verdichtet.

Im zweiten Teil der >Vorlesungen< wird die Verbindung mit dem 1900 veröffentlichten Hauptwerk von Freud >Die Traumdeutung< (GW, Bd. II/III; St, Bd. II) und der Schrift von 1901 >Über den Traum< (GW, Bd. II/III) ins Zentrum gerückt. Diese beiden Arbeiten (GW, Bd. II/III) dienen dann auch als Brücke zur Erweiterung >Neue Folge< (1932/33). >Die Traumdeutung< wird u.a. deshalb als herausragend eingestuft, weil Freud «die menschliche Seelentätigkeit im Allgemeinen (also sowohl die normale als auch die anormale)» behandelt. In den >Vorlesungen< bemerkt Freud zudem: >Der Traum will niemanden etwas sagen, er ist kein Vehikel der Mitteilung, er ist im Gegenteil darauf angelegt, unverstanden zu bleiben<. Weiter erwähnt er dann >die Ähnlichkeit zwischen Witz und Traum<, womit Teil I und Teil II im Unterschied zur Bibliographie nun umgekehrt wieder verbunden werden.

Mit dem dritten Teil wird es komplexer, denn zunächst ist zu bedenken, dass Freud 1886 «eine Privatpraxis als Facharzt für Nervenleiden [eröffnete]», etwas später erscheint 1891 eine interessante Schrift >Zur Auffassung der Aphasien [Sprachstörungen]<, die er Breuer widmete. Diese Wege führen dann bis 1914 >Zur Einführung des Narzissmus< (GW, Bd. X; St, Bd. III). Damit reicht die Schrift von 1917 von der ersten Vorlesung, in der Freud u.a. sagt: >In der analytischen Behandlung geht nichts anderes vor als ein Austausch von Worten zwischen dem Analysierten und dem Arzt<, bis zu den für viele Jahre vorerst letzten Vorlesungen: 26. Vorlesung >Die Libidotheorie und der Narzissmus<; 27. Vorlesung >Die Übertragung<; 28. Vorlesung >Die analytische Therapie<. Es folgen dann 16 Jahre später die >imaginären< 29.-35. Vorlesungen.

Die erste Vorlesung scheint sich auf einen «Tauschwert» zu beziehen, doch Mitscherlich deutete es an, für Leser / Leserinnen ist es interessanter, wenn der «Gebrauchswert» in den Vordergrund rückt. In der 26. Vorlesung findet sich Freuds Aussage: >diese Behinderung in der Beweglichkeit der Libido wird allerdings pathogen<, welche nicht oft von der akademischen Soziologie verstanden wurde (vgl. z.B. Luhmann – siehe Rezension). Die >Übertragung< in der 27. Vorlesung hat mit >Ersetzung des Unbewussten durch Bewusstes, die Übersetzung des Unbewussten in Bewusstes< zu tun, also weder etwas mit Propaganda noch mit Werbung, aber sowohl etwas mit Erziehung als auch mit Tabu und Moral. In der 28. Vorlesung wird deutlich, dass Freud auf >Vertrauen< aufbaut.

Noch gibt es bei Freud die Konzeption Es, Ich, Über-Ich nicht; er operiert noch mit dem Unbewussten, Bewussten und Ideal-Ich, d.h. die wichtige Schrift dafür erscheint später, genauer 1923 >Das Ich und das Es< (GW, Bd. XIII; St, Bd. III). Was folgt daraus? Unabhängig vom Gebrauchswert der >Vorlesungen< ist diese Schrift eine Brücke oder ein Medium zwischen dem frühen und dem späten Freud, aber sowohl die >Vorlesungen< als auch die >Neue Folge< sind hinzuzuziehen, um zu verstehen, warum z.B. Parsons (siehe Rezensionen) auf die Konvergenz, auf den Knoten oder auf den Schnittpunkt von Durkheim und Freud verwies. Denjenigen, die mit Mitscherlich «mehr über sich zu erfahren» trachten, sei versichert, dass die angegebenen Bezüge zu den weiteren Schriften von Freud nicht unwesentlich sind.

Diejenigen, die bisher immer geglaubt haben, es verstehe sich die Konvergenz von Parsons alleine aus Durkheims (siehe Rezension) letzter Monographie und Freuds erstem Hauptwerk, sei der Zahn gezogen, denn dafür werden die Konzeptionen >Totemismus< und >Es, Ich, Über-Ich< benötigt.

Es ist nicht unschwer zu erahnen, dass das >Über-Ich< mit den >Denksystemen< verknüpft ist, z.B. mit solchen von der Religion bis zur Wirtschaft (vgl. z.B. Koch – siehe Rezension). Korrekterweise wird sowohl von Durkheim als auch von Freud nahegelegt, diese Denksysteme vom >Totemismus< bis zur «Globalisierung» («System moderner Gesellschaften») zu bedenken. Weder Einstein (siehe Rezension) noch Tönnies (siehe Rezension) bezweifelten dies. Letzterer allerdings fand heraus, dass es zusätzlich wichtig ist, nicht nur wie Durkheim die antagonistischen Kräfte zu betrachten, sondern dass es sinnvoll scheint, Kontraste allgemeiner mit «Gemeinschaft und Gesellschaft» zu benennen. Die Konsequenz war dabei, wie Durkheim und Freud sahen, dass das >Über-Ich< so korrekter abstrahiert werden kann, dass dabei das >Ich< in einen Konflikt gerät, und dass das >Es< nur über die Vergangenheit erfasst werden kann.

Parsons stellte fest, dass dies möglicherweise so sein könnte, andere und Ernst Bloch («Das Prinzip Hoffnung»), die auf das Vorbewusste (Tagträume) aufbauten, unterlagen dabei den Fälschungen um Nietzsche. Das Unbewusste kann sich in der Tat auf das Vergangene (Nachtträume) als auch Zukünftige (Tagträume) beziehen, jedoch ist das >Es< ausschließlich mit >Totemismus< verknüpft und das >Über-Ich< mit den Denksystemen. Dies wiederum macht Konflikte im Bewusstsein oder im >Ich< besonders kompliziert.

Wie kommt es nun, wenn man|frau mit Freud beginnt, und nach meiner Einschätzung durchaus angemessen mit den >Vorlesungen<, denn dann sind die Wege zum Anfang und zum Ende nicht so weit, dass Akademiker z.B. meinten, sie müssten auf die «Katharsis» von Breuer (z.B. Werner Stark) oder auf >Die Traumdeutung< von Freud (z.B. Talcott Parsons) verweisen? Wie so üblich sind dies verworrene Geschichten, aber immer noch mit einem menschlichen Hintergrund versehen. Parsons wollte bezüglich der akademischen Soziologie darauf hinweisen, dass es sich die menschlichen Soziologen / Soziologinnen nicht antun sollten, das Unbewusste zu ignorieren. Stark demgegenüber warnte sie davor, nur dem Nützlichen des Idealtyps der «Gesundheit» nachzulaufen, denn u.a. die Soziologie hat sich darum zu bemühen, den Realtyp der «Krankheit» zu heilen oder für soziale Probleme Lösungsmöglichkeiten anzubieten.

Die Geschichte lehrt, was passierte. Die klassische Soziologie wurde durch den Ersten Weltkrieg zerschlagen, die akademische Soziologie stürzte sich wegen dieser Hilflosigkeit blindlings oder blendlings auf die Herrschaftstheorie von Weber. Man|frau konkretisierte nicht selten mit «Trugschluss» (Whitehead) und abstrahierte ohne «Vernunft» (Kant – siehe Rezensionen).

Da es nicht wenige lebende Personen gibt, aber akademisierte Personen immer noch auf Webers Sinn des Duldens schielen, sei auch verraten, was Freud hier veröffentlichte, sogar etwas früher: >Unter Sinn verstehen wir Bedeutung, Absicht, Tendenz und Stellung in einer Reihe psychischer Zusammenhänge<. Also durchaus einmal flugs Freuds >Vorlesungen< lesen, denn >ich [Freud] wollte Ihnen nur Aufklärung und Anregung bringen<.

noz

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