|
|
REZENSION
Sigmund Freud
Totem und Tabu
Gesammelte Werke, Bd. IX
Fischer Taschenbuch Verlag
Frankfurt a.M. 1999
Die Psychoanalyse ist mit Sigmund Freud (1856-1939) verknüpft und bekannt ist vielleicht, dass dieses Verfahren von ihm angewandt wurde, um «Ursprünge von Religion und Sittlichkeit» zu erforschen. Hier in diesem Buch von 1912 / 1913 schreibt er über >Einige Übereinstimmungen im Seelenleben des Wilden und der Neurotiker<. Es ist eine Zusammenstellung von vier Aufsätzen, die nun in >Totem und Tabu< vereinigt werden: >I. Die Inzestscheu; II. Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen; III. Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken; IV. Die infantile Wiederkehr des Totemismus<.
Im ersten Kapitel bemerkt Freud u.a., dass zum Totem auch die >Verhütung des Inzest< gehört, das zweite Kapitel beginnt er mit kurzen Hinweisen: >Unsere Zusammensetzung «heilige Scheu» würde sich oft mit dem Sinn des Tabu decken. Die Tabubeschränkungen sind etwas anderes als die religiösen oder moralischen Verbote<. In der Einleitung von 1913 gibt Freud zu verstehen, dass >Tabu< und der «kategorische Imperativ» Kants in Beziehung stehen. Im dritten Kapitel erläutert Freud >drei große Weltanschauungen<, die sich nach und nach entwickelten: >Die animistische (mythologische), die religiöse und die wissenschaftliche<. Diese Denksysteme setzt er in Beziehung mit der >Rückverfolgung der Entwicklung libidinöser Strebungen im Einzelmenschen, von ihrer Gestaltung in der Reife bis zu den ersten Anfängen der Kindheit<. Gesprochen wird auch über >das neue Stadium das des Narzissmus<. Das vierte Kapitel beginnt mit Darstellungen der nominalistischen, soziologischen (u.a. Durkheim - siehe Rezension) und psychologischen Theorien. Dann geht Freud über zum >Kernproblem< oder zum eigentlich Komplizierten, >welche wir als den «Ödipus-Komplex» bezeichnen<. Der letzte Satz im Buch lautet: >Im Anfang war die Tat<.
Wenn dieses Büchlein (193 Seiten) z.B. ein Kriminalroman wäre, könnte man|frau auf die Idee kommen, dass es gemein sei, wenn schon der Schluss verraten ist. Im übertragenen Sinn könnte es ein solcher Roman sein, aber der eigentliche Knall ist gar nicht das Ende, sondern der Anfang, deshalb verrate ich ihn auch. Mit der ersten Anmerkung im Vorwort kritisiert Freud recht scharf C.G. Jung und fügt etwas später im Text an, dass das Buch sich an >das Interesse eines größeren Kreises von Gebildeten< richtet. Was passiert da, und vor allem wenn bedacht ist, dass Freud kurz vor dem Ersten Weltkrieg dieses Buch schrieb und kurz vor dem Zweiten Weltkrieg nach England fliehen musste, welche «Knoten» fand er bereits hier mit der Psychoanalyse?
Da könnte es erahnt werden, denn das Buch von Freud erscheint relativ kurz nach dem Werk von X «Der Wille zur Macht [WzM]». Aber ich sage erst einmal etwas Erfreuliches. In Amerika, so ist leicht nachzuprüfen, hatte Freud bedeutende Fürsprecher, u.a. William James (siehe Rezension), Alfred N. Whitehead und Talcott Parsons (siehe Rezensionen). Letzterer verwies stets auf Freuds wichtigstes Werk, aber dazu später noch einige Sätze.
Ich erwähne dies, weil Freud in seiner >Selbstdarstellung< über die damalige >deutsche Wissenschaft< spricht. Er charakterisiert sie mit >Ausmaß von Hochmut, gewissenloser Verschmähung der Logik, Rohheit und Geschmacklosigkeit<. In der >Selbstdarstellung<, geschrieben 1924, findet sich im Anschluss der folgende Satz, den Freud selbst auf Bitten nicht mehr streichen wollte: >Jahre später, als während des [Ersten] Weltkrieges ein Chor von Feinden gegen die deutsche Nation den Vorwurf der Barbarei erhob, in dem all das Erwähnte zusammentrifft, schmerzte es doch tief, dass man aus eigener Erfahrung dem nicht widersprechen konnte<.
Nun kennt ja ein Professional der akademischen Soziologie von der gesamten soziologischen Literatur lediglich eine Winzigkeit, was aber doch nicht verbergen kann, wie konkret dies Freud aussprach. Ausgerechnet in Webers >Gesammelte Aufsätze zur Soziologie und Sozialpolitik< im Artikel von 1908-09 (1988:249ff) findet sich das, worauf sich Freud bezieht. Damit nicht genug, Weber richtet dort seine Attacken zusätzlich gegen Durkheim 1897 (siehe Rezension) und gegen Tönnies (siehe Rezension). Mit Freud lässt sich hellhörig werden, deshalb weise ich darauf hin, dass WzM mindestens zwei Komponenten hat Yin (weiblich - dies vermutete Durkheim) und Yang (männlich - dies vermutete Freud). Über >Namen< schreibt Freud auch in >Totem und Tabu<, sie lauten bezüglich WzM weder Peter Gast (Yin) noch Elisabeth Förster-Nietzsche (Yang). Wenn >Totem und Tabu< ein Kriminalroman wäre, dann beginnt das Buch erst jetzt, wobei das Ende spannend und offen ist.
Über Talcott Parsons ließ sich bekanntlich viel erzählen. Fakt ist aber nun einmal, dass Parsons vor allem auf das von Freud selbst so bezeichnete wichtigste Werk >Die Traumdeutung< verweist. Da scheint es, um >Totem und Tabu< ein wenig zu würdigen, angebracht zu sein, näher auf die Publikationsliste von Freud einzugehen. Bei Freud gibt es einen Anfang 1877 >Über den Ursprung der hinteren Nervenwurzeln im Rückenmarke von Ammocoetes (Petromyzon Planeri)< und ein abbrechendes Ende >Abriss der Psychoanalyse<; anschließend gibt es noch bis 1939 zensierte Briefe von Freud zu lesen.
Da nun einmal Freud neben Durkheim zur wichtigen Figur in der klassischen Soziologie wurde, beschränke ich mich darauf festzustellen, dass dazu eben auch dieses Buch gehört. Womit dann gleichzeitig auch gesagt ist, dass die moderne Soziologie in der Bibliographie wenigstens Durkheim (siehe Rezension), Freud und Tönnies (siehe Rezension) erscheinen lassen sollte. Ein mehr von diesen Personen wird schon keinen Schaden anrichten. Unweigerlich wird sich nun feststellen lassen, dass dies selbst bei Talcott Parsons und Werner Stark nicht der Fall ist, für die klassische Soziologie war dies unmöglich; die vorklassische Phase konnte es weder durch Rausch noch Traum wissen.
Es sei wieder der Blick auf >Totem und Tabu< gerichtet. Wie gesagt, es entstand das Buch 1912/13, und die Trennung von A. Adler und C.G. Jung war für Freud damit abgeschlossen. Das alles wäre weniger gravierend, hätte Freud (>Selbstdarstellung<) nicht verlauten lassen, dass er Schopenhauer und Nietzsche gelesen hatte. Es wäre dies eventuell einerlei, aber Durkheim, den ja Freud auch kannte, äußerte sich 1904 ausgerechnet über diese Kombination. Ein Problem ist jetzt, dass Freud von Nietzsche (siehe Rezensionen) lediglich >Also sprach Zarathustra [Za]< und >Jenseits von Gut und Böse [JGB]< angibt. Überempfindlich sollte da geforscht werden, und es trifft sich wie folgt. Freud, es braucht nicht ignoriert zu werden, kannte Nietzsche recht gut, d.h. keine Schrift von Nietzsche ging an ihm vorbei. Dies erahne man|frau daran, dass Lou Andreas-Salomé, jene Frau, die Nietzsche heiraten wollte, die Freundin von Anna Freud war. Warum also gibt Freud nur Za und JGB an? In Za erkennt Freud eine Richtung zur Zukunft, in JGB ist die Richtung in die Vergangenheit eingeschlagen, d.h. es ist nicht abwegig mit diesen Büchern von Nietzsche dessen damalige Gegenwart zu rekonstruieren.
Nun greift die Klasse von Freud. Mit dem Hintergrund JGB tippt Freud in diesem Buch die >Wilden< an, und mit Za die >Neurotiker<. Unabhängig davon klärt er noch über >Totem und Tabu< auf. Im Klartext und zum Ärgernis der akademischen Soziologie sei es erwähnt: Freud redet vieldeutig und vielschichtig, eben exakt über Probleme und deren Lösung. Wer ein wenig die deutsche Geschichte kennt, wird verstehen, dass dieses Buch ab 1913 von bestimmten deutschen Wissenschaftlern weder gelesen noch gehört werden wollte.
Jetzt ist ein wenig Chronologie angesagt. 1880 übersetzt Freud von John Stuart Mill (1806-1873) u.a. «Der Sozialismus». Diese Schrift fand sich auch in Nietzsches Bibliothek. Vier Jahre später und noch bis 1887 beschäftigte sich Freud u.a. mit «Kokain». Im Anschluss schrieb Freud nicht gerade wenig, doch 1895 erscheint wieder ein Buch zum Merken >Studien über Hysterie<, welches er zusammen mit Breuer, einem namhaften Psychiater, veröffentlichte.
Freud sagte über diese Phase, dass hier die «Katharsis im Sinne Breuers» (>Selbstdarstellung<) vorherrschte. 1900 erschien >Die Traumdeutung<. «Ich [Freud] trug der neuen Sachlage Rechnung, indem ich das Verfahren zur Untersuchung und Heilung nicht mehr Katharsis, sondern Psychoanalyse benannte». Aber Freud geht noch weiter, denn er sagt, dass «die Psychoanalyse unbestritten [sein] Werk [ist]». Nach 1900 folgen viele Schriften, aber dann erscheint wie aus heiterem Himmel - zeitlich nicht, inhaltlich wohl - >Totem und Tabu<. Er verweist auf den >Ödipus-Komplex<.
Noch mehr Schriften erscheinen bis 1939, womit verfolgt werden kann, wie Freud das Unbewusste zu entwirren trachtete.
Lässt man|frau einmal beiseite, was bis zu den Studien über die Hysterie geschrieben wurde, so ist es trotzdem dümmlich, wie es Werner Stark (>The Social Bond<) tat, Freud mit der «Katharsis» zu identifizieren, denn Freud ist vorrangig mit der >Psychoanalyse< zu verbinden. Aber solche Fehler seien Stark verziehen, sie lassen sich leicht korrigieren, seine wichtigste Leistung ist die Konkretisierung von Parsons. Bei der Studie über Hysterie von Freud lässt sich aber immerhin erkennen, worauf Stark verweist, dass es sich dabei nicht um Gesundheit, sondern um Krankheit dreht. Freud ist mit der Katharsis und deren Lösungen unzufrieden, er entwickelt im Anschluss daran die >Psychoanalyse<. Das Zentrum dafür wird >Die Traumdeutung<. Parsons erkannte dies wohl, aber er wollte ignorieren, dass manches sich dabei nur verstehen lässt, wenn auch die eigenen Träume in einer Selbstanalyse begriffen werden.
Da z.B. Parsons immer wieder auf >Die Traumdeutung< verweist, sei es erwähnt, es geht nicht darum, dass sie, ihr, wir, es, sie, er, du und ich Träume haben, sondern lediglich erst einmal darum, ob Parsons in der Lage war, eine Selbstanalyse seiner eigenen Träume vorzunehmen. Dies, obwohl Parsons es hätte tun sollen, wollte oder konnte er nicht.
Ich akzeptiere dies, aber dann passiert Parsons eine Freudsche Fehlleistung, d.h. er verweist auf Durkheims Effervescence und Freuds Traumdeutung. Im Klartext heißt dies, dass Parsons auf «Rausch und Traum» aufbaut, dies ist aber die Grundlage von Nietzsches >Geburt der Tragödie [GT]<. Werner Stark (>The Social Bond<) erkannte dies, aber z.B. die Psychoanalyse von Freud zu akzeptieren, fiel ihm schwer. Stark, ohne ihn zu tadeln, griff in seinem Leben mit der akademischen Soziologie zur «Katharsis», um sich von Freud zu befreien, indem er Breuer bevorzugte. Der Rest ist bestimmt keine Spielerei, aber >Totem und Tabu< gibt unmissverständlich zu verstehen, dass der >Ödipus-Komplex< ein nicht zu verachtendes Phänomen ist.
Zwei Dinge seien erwähnt: 1) nach Nietzsche wurde eine Umwertung verfolgt, nach Rousseau kommt es auf die Übertragung an, Freud strebte ganz bestimmt keine Konvergenz mit der >Verschiebung< an; 2) Idealisten mögen eventuell bewusst die Regel von der Zukunft wissen, aber nach Freud wirkt unbewusst die Regel der Vergangenheit.
Die Gegenwart, so Freud, besteht nicht nur aus Wilde und Neurotiker, aber es ist traurig, dass sich wilde Neurotiker oder neurotische Wilde damals der Wissenschaft bemächtigt haben. >Totem und Tabu< ist ein ganz besonderes Buch, aber wen interessierte dies schon in Deutschland. Was hat Deutschland überhaupt mit der Soziologie am Hut, nach Durkheim war sie französisch, nach Parsons gehörte sie zu Amerika. Ja und Tönnies - na den schmiss man doch schon 1936 raus. Es reicht doch wohl zur akademischen Soziologie, dass man Bücher angibt, da ist es doch erhaben, wenn eine Reduktion der Komplexität schon im >animistischen Denksystem< erfolgte.
Mögen auch für die Masse, die für Weber lediglich da war, um Regenschirme oder anderes zu halten, Bücher nach einem Tauschwert beurteilt werden, so ist für die Soziologie mit Freud gesichert, dass sie als Interaktionsmedium erst einmal einen Gebrauchswert haben. Oder ist das Lesen unzeitgemäß, gar schon verboten?
Der akademischen Soziologie (aber nicht nur ihr) kann man|frau einiges vorhalten, nun aber auch noch, dass sie von Marxens (siehe Rezension) Spiegel gar nichts sehen wollte, sondern doch eher in den gefälschten von Nietzsche blickte. Manche wundern sich, dass nur verschwommen etwas erscheint und dieser ihnen nicht zuruft, wer oder was das Schönste auf der Welt ist. Nach Freud, nicht unerheblich auf >Totem und Tabu< zurückzuführen, ist es sicherlich nicht die gewöhnlich hochmütige Zerstörung der Soziologie, und schon gar nicht die von Tönnies, um es gesagt zu haben.
noz
|