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REZENSION
Norbert Elias Über die Zeit
Arbeiten zur Wissenssoziologie II
herausgegeben von M. Schröter
Suhrkamp; Frankfurt a.M. 1988
Die Zeit ist schon so ein Ding, bei dem es auch blitzen kann (Einstein vgl. Rezension). >Das Originalmanuskript [An Essay on Time] entstand nicht in einem Zuge<, worauf dann humorvoll mit Einstein gefragt werden könnte: Stand Norbert Elias deshalb logischerweise auf einem Gleis?
Tatsächlich ist damit gemeint, dass sich der hier vorliegende Gesamttext, bestehend aus 46 Abschnitten, auf eine Spanne von 10 Jahren erstreckt. Die Abschnitte 127 wurden 1974 geschrieben, die Abschnitte 3046 wurden 1984 neu verfasst, umgearbeitet wurden die Abschnitte 28 und 29, das Vorwort wurde 1984 >auf deutsch geschrieben<.
Im Abschnitt 19 ist zu lesen: >Eine Untersuchung der Zeit ist, wie man vielleicht bemerkt hat, ein nützlicher Ausgangspunkt für ein Großreinemachen, das schon lange überfällig ist<. Dies ist ein erklärtes Ziel der Schrift, es fällt 1984 nicht zufälligerweise mit Starks Band V zusammen, und es zeigt sich somit ein weiterer Schritt in Richtung der modernen Soziologie. >Zeit< ist für Elias >Ausdruck einer menschlichen Syntheseleistung< und ein >Symbol für eine Beziehung<.
Stellte Stark die «Sozialstruktur (AGIL-System)» von Parsons vom Kopf auf die Soziologie, so schafft es Elias nun, «das Mediensystem (agil-System)» von Parsons vom Kopf auf die Soziologie zu wenden. >Interaktionen< z.B. zwischen Person 1 und Person 2 können als «soziale Systeme» (Luhmann) aufgefasst werden. Ob sie allerdings auf Integration (I) oder Nicht-I zielen, ist ein soziologisches Problem. Elias erweitert nun die Sichtweise dahingehend, dass er zu bedenken gibt, dass >Interaktionen< immer in der >Zeit< erfolgen oder >Zeit< benötigen. Anfang und Ende einer Interaktion verweisen auf unterschiedliche Zeiten, d.h. dazwischen liegt eine Zeitspanne.
>«Zeitbestimmen» ist, wie gesagt, eine Tätigkeit, bei der Menschen Nacheinander-Aspekte von mindestens zwei Geschehensabläufen in Beziehung zueinander setzen<. Das Problem dabei könnte sein, dass jenseits von der Soziologie nicht unbedingt alles Mögliche mitbedacht wird. Alles kann auch die Soziologie nicht einbeziehen, aber schließlich ist es doch diesseits der Soziologie so, dass eine Zeitbestimmung nicht einfach ignoriert ist, denn sie wird >zu einer kontinuierlichen Form, sozusagen rund um die Uhr<. Wie immer Zeit im Erleben wirkt, es ist schon wahr, >dass unser Jahr mit den Bewegungen der Sonne und unser Monat mit der Bewegung des Mondes zusammenhängen<. Alte Kulturen und neue Kulturen sind in dieser Erkenntnis nicht so weit entfernt. Jedoch ist >der Übergang von einem alten zu einem neuen Syntheseniveau< schon gewaltig. Wer kam früher schon flink auf Einsteins Beispiel mit Zug und Gleis?
Wer immer noch Schwierigkeiten hat, sich in Richtung der modernen Soziologie (Praxis) zu bewegen, dem verrät Elias folgendes: >Doch können Menschen sich selbst und die Möglichkeiten ihrer offenen Zukunft nicht verstehen, wenn sie es versäumen, die Kenntnis der Entwicklung, die von der Vergangenheit zur Gegenwart führte, in ihrem Wissensfundus einzubeziehen<.
Im Zuge z.B. des mit Fußball durchzogenen Jahres wird schon mal nach einer Niederlage vernommen, dass nach vorne geschaut werden sollte. Nur, und dies ist das Problem, in der Gegenwart ist Meister, der früher nicht nach vorne schauen musste und später alles gewinnen könnte, sondern diejenige Mannschaft, die in der Vergangenheit auch etwas dafür tun wollte. Da nun im Jahre 2004 wieder eine Olympiade stattfindet, lässt sich auch sagen, dass nicht die Person z.B. den 100-Meter-Lauf gewinnt, die am frühesten den Sieg wollte, sondern meistens die, die später das konnte, was sie musste, nämlich unter bestimmten Konzessionen und mit spezifischen Gewohnheiten die schnellste Person sein. Womit dann auch schon gesagt ist, dass Norbert Elias bemerkt, dass die >Zeit< mit Regelmäßigkeiten und Regeln zu verknüpfen ist. Weder Doping oder Pakte (Nicht-Regelmäßigkeit) noch Frühstart oder Komplotte (Nicht-Regel) tragen dazu bei, olympische Ideen zu bewahren. Einzig «reine» Leistungen zu und in einer bestimmten >Zeit< gilt es auszuzeichnen, aber nicht immer gelingt es.
Im zivilisatorischen Kreis läuft in der >Zeit< von der Geburt bis zum Tod alles ohne Wiederholung ab. Die >Zeit< schreitet ohne Unterbrechungen voran. Es gibt kein erneutes Datum 9.9.99, es gibt auch keine Möglichkeit, Jugend im Alter noch einmal so oder anders zu durchleben. Noch nicht einmal ist es möglich, wenn man|frau einsichtig wurde, die ureigenste Verknüpfung von Same und Eizelle zu verändern. Die genetische Uhr wird mit der ersten Assoziation weiterticken.
Da Elias beim >Großreinemachen< ist, fragt sich auch, ob die deutsche akademische Soziologie genetisch mit Weber verbunden ist, z.B. wegen des Skatspiels, oder ob sie die herausgegebenen Schriften von ihm auch lesen kann, um ihn zu beurteilen. Ob so oder so, wieder trifft man|frau auf die >Zeit<. Das erste (Zeitspanne gegen Null) verrät schneller einen «Trabanten ihres Herrn» (Rousseau), das zweite (Zeitspanne größer als Null) weist auf >Disziplin, Anstrengung, Arbeit<.
Wird dann bei der Arbeit der >Kalender< bemüht, um zu sehen, wie viel Zeit z.B. wegen der >Kommunikation< mit Weber verstrichen ist, zeigt sich gar noch, dass dabei Wechsel zu beobachten sind, nämlich >Sommerzeit< und >Winterzeit<. Da ist schon verständlicher, dass die >Zeit< nur oberflächlich als nicht-soziales Phänomen angesehen werden kann. Ist demnach die >Zeit< eine «soziale Tatsache», dann dürfte sie wohl kaum in der Soziologie ignoriert werden. Das braucht in der akademischen Soziologie nicht bedacht zu werden, denn nach Nietzsche oder Weber ist es besser, die Vergangenheit zu vergessen, worauf Elias zu sagen hat: >Wenn man sich [der Vergangenheit] erinnert, entdeckt man sich selbst<. Klar scheint da nur, dass Elias hier doch eher Freud («Nachttraum») denn «Tagtraum» (Bloch) zuwinkt.
Auf alle Probleme, auf alle Ideen und auf alle Entdeckungen usw. schien die akademische Soziologie Antworten parat zu haben, unabhängig davon, dass im Zuge der >Zeit< auch viel Blödsinn und Wahnsinn entlarvt werden konnte. Elias schrieb 1984 ein Buch. Mit ihm >kann man mancherlei über Menschen und so auch über sich selbst lernen<. Das >Großreinemachen< ist ein Gebiet, das die akademische Soziologie betrifft. Hierzu sei bemerkt, dass dies zu verstehen ist, wenn Sieger (Parsons), Täter (Weber) und Opfer (Elias, Stark) berücksichtigt werden können.
Unabhängig davon ist das Büchlein interessant für «jeden verantwortungsvollen Bürger», denn es stellt an den Anfang: >Warum frage ich<? Wer ist schon so vermessen und behauptet, dass diese Frage nutzlos oder dumm ist? Elias nimmt diese Frage sehr ernst. Er versucht eine Hilfe zu geben >Über die Zeit<.
noz
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