|
|
REZENSION
Norbert Elias
Humana conditio
Beobachtungen zur Entwicklung der Menschheit am 40.Jahrestag eines Kriegsendes (8. Mai 1985)
edition suhrkamp; Frankfurt a.M. 1985
Elias (1897-1990) war bereits 88 Jahre alt, als er diesen Vortrag hielt, noch waren Mauerfall und Auflösung der Sowjetunion nicht abzusehen. Vorschnell könnten einige meinen, dass diese >Beobachtungen< doch längst überholt seien, dem ist aber nicht so. Die Tragweite dessen, was er sagte, wird im vollen Umfang leider erst heute bewusst, bei entsprechenden Änderungen der Entwicklungen bis zur Jetztzeit.
Norbert Elias war einer der namhaftesten Soziologen im In- und Ausland, dessen Hauptgebiet der interdisziplinären Erforschung langfristiger sozialer Prozesse galt. In dieser Schrift geht es um seine >Diagnose< mit dem Titel Humana conditio, das Los der Menschen. Dieses Thema verpuffte ganz bestimmt nicht in Bielefeld, dort wurde der Vortrag gehalten, sondern ging um die ganze Welt. Es ist das dritte Mal, dass ein solcher Titel in den Humanwissenschaften auftaucht: 1958 Arendt The Human Condition, 1978 Parsons A Paradigm of the Human Condition und eben 1985 Elias Humana conditio. Aber nur Elias spricht als Soziologe, was seinen Ausführungen eine besondere Schärfe verleiht: "Ich (Elias) sprach und ich (Elias) spreche zu Ihnen als Soziologe, der Probleme der menschlichen Gesellschaft untersucht in der gleichen Art und mit der gleichen Haltung, mit der ein Arzt Diagnosen über den Gesundheitszustand eines Menschen zu stellen sucht."
Klar, es hat sich eingeschlichen, dass solange ein Mensch in einer Rolle gewechselt wird, bis jemand gefunden werden konnte, der eine angenehme Diagnose mitzuteilen vermochte. Nur, und das ist hier das Problem, es hilft einer deutschen Soziologie wenig, wenn sie diese Schrift nicht liest, denn andere Soziologien haben die Diagnose vernommen.
Ich habe nun recht lange darüber nachgedacht, was bei einer Rezension einer solchen Schrift, die Deutschland betrifft, eigentlich wichtig ist. Einerseits kann kurz umrissen werden, was der Inhalt des Buches ist, anderseits ist es aber auch nicht verkehrt, soziologische Hilfen zu geben, weshalb dieser Vortrag bedeutend ist. Da der Grundtenor von Elias auf die Solidaritätsarten von Durkheim und auf dessen unvollendete Schrift Die Moral verweist (siehe Sammelrezension Durkheim), habe ich zum Inhalt nur noch eine Kleinigkeit anzumerken. Mit dem Hintergrund seiner Verknüpfungsarten (Figurationen) erweitert Elias über affektive (z.B. Familien), staatliche (z.B. Nationen), berufliche (z.B. Rollen) und religiöse (z.B. Weltreligionen) Verschlingungen die Betrachtungen der Soziabilität, um etwas zu beantworten: "Die Frage ist eigentlich nur, ob eine ... Veränderung des Verhaltens, eine Zähmung der Staaten im Verkehr miteinander ohne die erschütternde Erfahrung eines Krieges erreichbar ist."
Doch das ist ganz bestimmt nicht das Brisante bei Elias, sondern es ist sein Verweis auf den >Mythos der Herrenrasse in der Hitlerzeit<. Weiter heißt es: "Die Deutschen hatten sich bei ihrer Besetzung anderer Länder, ganz besonders im Hitlerkrieg, wenig Freunde und viele Feinde gemacht." Es ist dies ein Hinweis auf Aischylos: "Wenn die Sieger Tempel und Götter der Besiegten achten, dann erliegen sie nicht dem eigenen Sieg." Sind diese Hinweise schon schlimm genug, so äußert Elias einen Satz, der die Soziologie erschüttert: "Die Erinnerung an Hitler und das große Morden ist über die ganze Erde in vielen Menschengruppen als Symbol für etwas sehr Übles noch höchst lebendig, und es besteht wenig Aussicht dafür, dass die Erinnerung an die Herrschaft Hitlers und die vielen Millionen von Menschen, die auf allen Seiten aufgrund seiner Entscheidungen ihr Leben lassen mussten, in der überschaubaren Zukunft aus dem Gedächtnis der Menschen verschwinden wird." Es ist eine besondere Ignoranz in der Soziologie, nicht zu verstehen, was mit dem Begriff >Symbol< überhaupt gemeint ist, deshalb sei auch noch einmal auf die soziologisch bedeutsamste Schrift von Durkheim (1912) hingewiesen.
Doch damit nicht genug, der Begriff >Herrenrasse< wird deutlich im Buch Der Wille zur Macht formuliert, dass mit Sinn den Namen von Nietzsche missbraucht, obwohl gewusst werden kann, dass dieser schon lange tot war, als es erschien. Bis heute hält man es in Deutschland nicht für nötig zu klären, welche Person oder welche Personen sich für dieses Verbrechen zu verantworten haben, obwohl in Bezug auf das Los der Menschen sowohl Arendt als auch Parsons vor diesem >Willen< warnten. Elias sagte es stellvertretend eindeutig, wenn die Wurzel nicht gefunden wird, bleibt >Angst, die Furcht<. Sicherlich gibt es viele Übel in den Gesellschaften, aber die sind nicht mit dem >Symbol< verbunden.
Normalerweise ist es nicht bekannt, aber Professionals sollten es wissen, es gibt zwei soziologische Versionen, die Zeit in Deutschland zwischen 1933-1945 zu erklären. Die eine stammt u.a. von Parsons (1969), der auf >Hitlers Charisma< verweist, die andere u.a. von Elias (Humana conditio), der den >Mythos der Herrenrasse< thematisiert. Elias vergleicht sich mit dem Arzt und berührt damit Durkheim (1897), Parsons (1964) jedoch kommt zum Verglich mit den Berufen >des Psychiaters und des Seelsorgers<, er möchte aus persönlichen Gründen nicht so ohne weiteres auf Weber verzichten. Elias als Soziologe weist redlich darauf hin, dass es einem Patienten nicht hilft, wenn ein Arzt wegen persönlicher Probleme keine Diagnosen stellt, diese dann aber später nach und nach im Sinne des Patienten angenehm formuliert, um von seinen eigenen Schwächen abzulenken. Besonders problematisch findet es Elias, wenn es dann noch dem Patienten überlassen bleibt, irgendjemanden zu finden, der ihm mitteilt, was denn andere als wahre Diagnose festgestellt haben. Mag man oder frau sich denken >Wo sind wir? ... wir sind keine Kinder mehr<. Mögen die einen mit Webers Sinn beginnen, Elias jedoch stellt an den Anfang die >Sinnlosigkeit<.
Für Parsons ist Deutschland nur die Verarbeitung seiner eigenen Vergangenheit und er geht dann über zur >Hegemonialmacht< USA, Elias ist hier in dieser Schrift viel genauer und konkreter. Zwar ist die Sowjetunion verschwunden, aber damit wird das zum Problem, was er auch schon anspricht, nämlich die >Präsidialdiktatur<. Probleme verschwinden nicht einfach, sondern diese Übel sind erst über eine sinnvolle Erziehung von Studenten und Schülern zu beseitigen. Da taucht die Bildung wieder auf, wobei das große Problem zu lernen ist, >mit einer Stimme sprechen können<.
Zum Schluss kann ich nur noch erstaunt fragen, wie es dieser damals 88jährige geschafft hat, eine derartige Kraft zu erzeugen, dass sie noch einen Weg zu zeigen in der Lage war.
noz
|