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REZENSION
Albert Einstein
Über die spezielle und die allgemeine Relativitätstheorie
Fried, Vieweg & Sohn Verlagsgesellschaft mbH
Braunschweig / Wiesbaden 1977
Einstein (1879-1955), der Physiker, ist vielleicht für interessierte Laien und Fachleute nicht gerade die erste Adresse, worauf sie sich mit Blick auf die Philosophie zu stürzen wünschen. Aber dieser berühmte Naturwissenschaftler hat ein Büchlein hinterlassen, in dem er selbst einmal mehr den philosophischen Standpunkt seiner Relativitätstheorien ins Zentrum rücken möchte. "Möge das Büchlein manchem einige frohe Stunden der Anregung bringen!", so beschließt Albert Einstein 1916 sein Vorwort. Nicht wenigen in den Humanwissenschaften hat es geholfen, und selbst heute ist es eine nicht versiegende Quelle.
Einstein beginnt mit der speziellen Relativitätstheorie, wendet sich dann der allgemeinen Relativitätstheorie zu und schließt mit den Betrachtungen über die Welt als Ganzes. Im Anhang finden sich einige mathematische Ableitungen sowie Ergänzungen zum Raumproblem.
Nachdem Einstein auf die Welt, in der wir leben, hinweist, kommt er auf die einfachen Sätze (Axiome) zu sprechen und stellt die Frage nach der Wahrheit der Axiome. Die Wahrheit kann einmal vorausgesetzt sein, aber sie kann auch ihre Grenzen haben. Mit dem einfachen Koordinatensystem beginnt dann Einstein die Einführung in die spezielle Relativitätstheorie. Hier zeigt er: "Jede räumliche Beschreibung von Geschehnissen bedient sich eines starren Körpers." Aber das reicht nicht, es ist anzugeben, "wie der Körper seinen Ort mit der Zeit ändert." Dazu wird eine Vorstellung über absolut ruhende Systeme, aber gleichzeitig bewegt benötigt. Hier greift nun Einsteins bekannteres Beispiel vom Bahndamm und Zug, das sich um die Vervollständigung mit der Definition der Zeit dreht. Eigentlich ist das Beispiel leicht nachzuvollziehen: "Wir denken uns zwei genau gleich beschaffene Uhren; die eine hat der Mann am Eisenbahnwagenfenster, die andere der Mann auf dem Fußwege in der Hand." Ja und dann schlagen die Blitze ein, gleichzeitig liebe Leser. Wenn auf einer Strecke zwei Blitzschläge in bezug auf den Bahndamm gleichzeitig sind, sind sie in bezug auf den Zug nicht gleichzeitig und umgekehrt (Relativität der Gleichzeitigkeit).
Orte und Zeiten in unterschiedlichen Systemen benötigen ein "Verwandlungsgesetz ... beim Übergang von einem Bezugskörper zu einem anderen". Solche Verwandlungen werden allgemein mit Transformation übersetzt und spielen in den verschiedenen Wissenschaftsbereichen eine Rolle. Die spezielle Relativitätstheorie priorisiert nun die Bezugskörper nicht, "sondern über ihre Richtigkeit oder Unrichtigkeit kann nur die Erfahrung entscheiden". Das allgemeine Relativitätsprinzip fragt weiter mit der Annahme, alle Bezugskörper seien gleichwertig. Mit dieser Annahme wird man oder frau nicht so leicht übereinstimmen wollen, so wird weiter nach der Bevorzugung gefragt. Letztlich verliert noch der aufrechte Gang seine Wichtigkeit. "Man benutzt daher nichtstarre Bezugskörper". Mit diesen Überlegungen betrachtet Einstein schließlich "die Möglichkeit einer endlichen und doch nicht begrenzten Welt". Damit wiederum verweist er schließlich auf "den wahren Kern von Descartes Idee: es gibt keinen 'feld-leeren' Raum".
Es sei zugegeben, dass dieses Büchlein schon einiges abverlangt, aber ohne es zu kennen, ist schwerlich nachzuvollziehen, warum selbst in den Humanwissenschaften Systeme zunächst Inertialsysteme oder Raum-Zeit-Phänomene sind und die gegenseitigen Beeinflussungen von Elementen in Systemen nur unvollständig gelöst ist. Es sei in diesem Zusammenhang auch nicht verschwiegen, dass Einstein sich mit der Quantentheorie wenig anfreunden konnte und er auch mit dem Abwurf der ersten Atombomben in Verbindung gebracht wird. Das erste zeigt, wie selbst solche Größen der Wissenschaft überholt werden, das zweite bereute Einstein sehr.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Einstein zum Vorbild des Pazifismus, er selbst unterstütze, wie zu lesen ist, >internationale Abrüstung und eine Weltregierung<. Nach der Machtergreifung von Hitler (1933) blieb Einstein in den USA und wurde zum Vorbild eines Weltbürgers, es verblasste dort zwar sein Stern als Physiker, aber seine philosophischen Standpunkte waren mehr und mehr gefragt. Diese philosophische Berühmtheit ist nicht unwesentlich damit verbunden, dass 1932 ein Briefwechsel zwischen Einstein und Freud erfolgte, gemeinhin bekannt unter dem Titel "Warum Krieg?" Freud schrieb dazu: "Er (Einstein) versteht von Psychologie soviel wie ich (Freud) von Physik, und so haben wir uns gut besprochen." Sicherlich, so sei von mir angefügt, wäre es nicht unvorteilhaft gewesen, wenn der eine (Freud) etwas mehr vom Inertialsystem und der andere (Einstein) etwas mehr vom Traum zur Kenntnis genommen hätte. Möge dies ein wenig dazu ermuntern, das Büchlein doch noch irgendwann zu ergreifen.
Schließen jedoch möchte ich mit einer ernsten Sache. Viele Jahre später (1978) beginnt Parsons sein "Paradigma der menschlichen Bedingtheit" mit Einstein. Dabei geht es um nichts Geringeres als um die Konvergenz zwischen Kultur und Gen. Es mag sein, dass manche Versionen ethisch vertretbar scheinen. Aber wie auch Parsons den Fehler von Freud nicht wiederholen mochte, sei hier bemerkt, dass es den Menschenwissenschaften nicht hilft, ein schönes Bild von Einstein zu betrachten. Wenigstens dieses >Büchlein< könnte sich gegönnt sein.
noz
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