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Über die Teilung der sozialen Arbeit
Das erste Hauptwerk (1893) von Durkheim ist das wichtigste, um seine Solidaritätsarten kennenzulernen. Er unterscheidet die negative und positive Solidarität, wobei nach ihm die Wirklichkeit durch zwei positive Solidaritätsarten normalisiert wird. Die erste positive Solidarität, entstehend durch Ähnlichkeit, nennt er mechanische Solidarität; die zweite positive Solidarität, sich ergebend aus der Arbeitsteilung, heißt er organische Solidarität. Diese positiven Solidaritäten variieren in einem umgekehrten Verhältnis, d.h. wenn die mechanische Solidarität, vornehmlich in älteren Gesellschaften zu finden, abnimmt, muss die organische Solidarität, prägend für die modernen Gesellschaften, zunehmen. Schafft letztere das nicht, gibt es soziale Unglücke. Notwendigerweise gilt es zu bedenken, dass sich Probleme der sozialen Arbeitsteilung in der organischen Solidarität niederschlagen. So bedeutend dieses Werk auch für die Theorie einer Gesellschaft sein mag, so bildet dieses Buch doch nur den Einstieg in Durkheims >Wissenschaft von der Moral<.
Regeln der soziologischen Methode
Das zweite Hauptwerk (1895) stellt als Lehrbuch Durkheims Methode dar. Er weist u.a. darauf hin, dass für die Soziologie die Unterscheidung des Normalen und Nicht-Normalen von herausragender Bedeutung ist. Für die >Wissenschaft von der Moral<, so Durkheim, ist das Konzept des sozialen Milieus unerlässlich, außerdem unterstreicht er ihren interdisziplinären Charakter. Dieses Buch ist nur am Rande eine Hilfe für statistische Erhebungen, hauptsächlicher ist hier seine Lehre zur Theoriebildung.
Der Selbstmord
Das dritte Hauptwerk (1897) weist auf die sozialen Ursachen von menschlichen Problemen hin. Durkheim veranschaulicht, dass die mechanische Solidarität zwischen den Polen des altruistischen und egoistischen Typs, die organische Solidarität demgegenüber zwischen den Polen des anomischen und fatalistischen Typs variieren kann. Die Untersuchung selbst weist auf Anzeichen von moralischen Miseren und auf die größten Probleme der Gegenwart. Durkheim folgert, dass es in der modernen Gesellschaft notwendig ist, zwischen dem Ganzen (Gesellschaft) und ihren Teilen (Persönlichkeiten), soziale Gruppen (Kollektivitäten) einzurichten, um die soziale Organisation nicht zu gefährden. Für die >Wissenschaft von der Moral< ist hier von Bedeutung, dass Durkheim auf der Grundlage von empirischen Studien nach Möglichkeiten forscht, um Lösungshilfen für soziale Probleme anbieten zu können.
Die elementaren Formen des religiösen Lebens
Das vierte Hauptwerk (1912) hat das Kollektivbewusstsein zum Inhalt. Dies entwickelt sich nach Durkheim am deutlichsten aus den Religionen und er untersucht in diesem Werk die Einheit dieses Aspekts der Menschheit. Zu diesem Zweck stützt er sich auf die älteste und bekannteste Religion, um das Prinzip der positiven Solidarität zu erklären. Dazu betrachtet er den australischen Totemismus und ergänzt diesen mit Gesichtspunkten des altamerikanischen Totemismus. Durkheim stellt fest, dass die Gesellschaft ein System von handelnden Kräften ist, wobei dieses System in einen sakralen und einen profanen Bereichs zu trennen ist. Hier nun steht der sakrale Bereich oder die mechanische Solidarität im Vordergrund. Die >Wissenschaft von der Moral< jedoch ist das Bindeglied zwischen Kollektivbewusstsein (mechanische Solidarität) und dem Individualbewusstsein (organische Solidarität). Das wohl erstaunlichste Ergebnis liefert Durkheim gleich mit: der profane Bereich kann zwar veranschaulichen, wie groß oder wie klein die mechanische Solidarität ist, aber sie kann so überhaupt nicht feststellen, ob oder ob nicht organische Solidarität vorliegt. Auf die individuelle Lebensspanne bezogen, wird deutlich, dass Durkheim hier auf symbolische Beziehungen Wert legt, nämlich auf Geburt (mechanische Solidarität), Übergang (Beruf bzw. Moral) und Tod (organische Solidarität).
Introduction to Ethics / Einführung in die Moral
Das fünfte Hauptwerk (1917) bleibt unvollendet. <Die Moral> existiert lediglich als einführende Bemerkungen und blieb bei Durkheims Tod (1917) auf seinem Schreibtisch zurück. Hier ist lediglich ersichtlich, dass Durkheim die modernen und komplexen Gesellschaften in Augenschein nehmen wollte. Dazu bedurfte es neben den Erwägungen, was war und was ist auch solchen, was sein sollte. Insgesamt ist damit offensichtlich, dass Durkheims >Wissenschaft von der Moral< unvollständig ist. Für die vielen Soziologie-Kenner war das Nicht-Vollenden Grund genug, genau zu wissen, was denn dieser Klassiker alles falsch gemacht hatte. Bei der Lektüre der wenigen Schriften von Durkheim jedoch erscheint nicht mehr aber auch nicht weniger als das manche schon am Ende der Leiter angelangt sind, bevor sie überhaupt nur die erste Sprosse gesehen haben.
Die zwei bedeutendsten Lösungen zur >Wissenschaft von der Moral< finden sich 1964, indem Durkheim mit Weber und Freud (Parsons) konvergiert wurde, und 1987, wobei Durkheim mit Tönnies und Nietzsche (Stark) ergänzt wurde. Die erste Lösung krankt daran, dass der sakrale Bereich (4. Hauptwerk) mit dem Charisma gleichgesetzt wird und der fatalistische Typ (3. Hauptwerk) eliminiert werden musste. Die zweite Lösung hat ebenso ihre Tücken, denn sie setzt die organische Solidarität (1. Hauptwerk) mit der Gesellschaft von Tönnies gleich und fügt in das elementare soziale Milieu (2. Hauptwerk) den Genius ein. Daneben gibt es unzählige Varianten, die aus Teilen von Durkheims Einzelwerken (weit über 100) Spezialgebiete und spezielle Sätze herausfiltern. Zur akademischen Gewohnheit ist es geworden, Teile für das Ganze zu erklären, ungeachtet der Tatsache, was Durkheim lehrte: >das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile<.
Wer in der heutigen Schnelllebigkeit einmal eine Zeitverzögerung in Kauf nimmt, dem wird nach dem Lesen von Durkheim bewusst, dass es noch weiße Felder in der >Wissenschaft von der Moral< gibt. Erstaunlicherweise bemerkte als einer der ersten Freud (Totem und Tabu) die Bedeutung von Durkheim. Etwas später ahnte Tönnies (Soziologische Studien und Kritiken) den Zusammenhang der Werke von Durkheim. Nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg veränderte sich in Deutschland einiges. Als 1970 Durkheims >Soziologie und Philosophie< erschien, wurde anscheinend alles klar, denn Adorno äußerte sich Für Jürgen Habermas: >Weder wahr noch bloß unwahr ist Durkheims Soziologie ...<. Im 21. Jahrhundert wird wie in einer Glosse bemerkt: "Wenn man Zeit hätte, ließe sich auch Durkheim einmal lesen".
Wem die Menschenwissenschaften etwas bedeuten, wird vielleicht beim Lesen von Durkheim bemerken, dass die >Wissenschaft von der Moral< doch wichtig werden kann. Diejenigen, die in der heutigen Internet-Welt nicht blauäugig dem akademischen Geleise huldigen, werden schon recht bald merken, dass die >Wissenschaft von der Moral< nicht für bestimmte Ansichten von Soziologen oder Soziologinnen geschrieben wurde. Wenn auch die akademische Soziologie wenig mit Durkheim anzufangen wusste und weiß oder über ihn zu klären in der Lage ist, ob er überhaupt relevant sein darf, nur weil sie öffentlich mehr auf «ergötzliche Unangreifbarkeiten» oder «phantasievolle Zerlegungen» setzt, heißt dies noch lange nicht, dass damit irgendjemand irgendeinen Nagel irgendwo getroffen hat.
Ein Soziologe (Werner Stark) hat es drastischer formuliert, meistens wurden Diskurse oder Argumente gegen Durkheim benutzt, um vernünftige Personen mundtot zu machen. Wie dem auch sei, Durkheim ist ein unbeliebter Wissenschaftler geworden, weil man oder frau ihn erst lesen musste, bevor er beurteilt werden konnte. Wer nun nicht gleich ins «weiße Feld» der >Wissenschaft von der Moral< stürzen möchte, der sei auch darauf hingewiesen, dass es eine Homepage über Durkheim gibt. Hier kann einmal gesehen werden, was dieser Mann so alles machte. Da bleibt mir noch anzumerken, dass Durkheim nicht nur Philosoph und Soziologe war, sondern auch ein anerkannter Pädagoge. Er war und ist bis heute die einzige Person, der Professor für Soziologie und Pädagogik war. Da könnte doch glatt den Soziologen und Soziologinnen, die so stolz auf ihre philosophischen Kenntnisse und ökonomischen Ausbildungen sind, ein Zacken aus ihren Kronen brechen.
Jedes Werk von Durkheim hat seine Besonderheiten, aber es einmal so wie hier zur Kenntnis zu nehmen, nämlich als eine Ganzheit, birgt seinen besonderen Reiz. Mache ich das Maß voll, so sei erwähnt, dass Durkheim die Betrachtung der organischen Solidarität mit >Emile< von Jean-Jacques Rousseau beginnt. Bezüglich >Emile< fragte Nietzsche, den Durkheim studierte: wer erzieht den Erzieher? Die eine Lösung besagt nun, dass es die mechanische Solidarität (Parsons), die andere dass es die organische Solidarität (Stark) ist. Neuere schauen auf die Aussprache (Habermas) oder auf abenteuerlichere Begriffe, wenige nur tippen die Moral an. Dies ist aber auch kein Wunder, wer vermutete schon hinter der mechanischen und organischen Solidarität Rousseau und Nietzsche? Rousseau wurde von Nichtfachmännern als Wahnsinniger, Nietzsche wurde von Fachmännern als Wahnsinniger eingestuft. Wäre das alles, könnte ich enden, aber da gibt es noch etwas. Schreibt der eine (Tönnies) über Kommunismus und Sozialismus, so der andere (Durkheim) über Sozialismus und Kommunismus. Wen wundert es da, dass sich die einen lieber auf Webers Vieldeutigkeit, in schöner deutscher Einfachheit, berufen möchten, andere da doch eher auf ganz andere Schulungen.
Einerlei welches Buch von Durkheim gelesen wird, es sind die oben genannten fünf, die ein wenig die >Wissenschaft von der Moral< erhellen. Diese Wissenschaft ist noch lange nicht erreicht. In der «klassischen Soziologie» wurde sie durch den Ersten Weltkrieg unmöglich gemacht, in der «akademischen Soziologie» durch Unwissenheit vergessen, und die «moderne Soziologie» ist überhaupt noch nicht ins Blickfeld gerückt.
Die Einheit der vier oder fünf Werke von Durkheim zu betrachten, ist nicht mehr aber auch nicht weniger als sich von der Philosophie der Vergangenheit in Richtung Philosophie der Gegenwart zu bewegen. Ich gebe zu, dass Durkheim damit nicht wenig verlangt hat. Es sind ca. 1900 Seiten, die erst einmal gelesen sein wollen. Wie man mir geschrieben und gesagt hat, ist dies ein unmögliches Ding, denn Professoren, Professorinnen und überhaupt Personen müssen so viel Wichtiges lesen, dass sie dafür ganz bestimmt keine Zeit haben. Na dann, förderliche Nacht.
noz
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