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REZENSION
Charles Darwin
Die Entstehung der Arten
Phillip Reclam jun.; Stuttgart 1998
Charles Robert Darwin (1809-1882) zweifelte aufgrund von Beobachtungen an, dass jede Lebensart einzeln geschaffen sei und er vertrat die Ansicht, verschiedene, einander ähnliche Arten könnten aus einer gemeinsamen Stammform hervorgegangen sein. Das Konzept der Evolutionstheorie erschien zum ersten Mal 1859, es wurde für die Wissenschaften zum Wendepunkt und für das Christentum zum Prüfstein. Auch heute noch ist diese Ambivalenz nicht verschwunden, finden sich doch bei Darwin und Gregor Johann Mendel (1822-1884) Anfänge der Genetik, die im Jahre 2000 mit der «Entschlüsselung des Genoms» bis in den Alltag für Furore sorgte.
Einer der ersten Wissenschaftler jenseits von den Naturwissenschaften der sich auf Darwin berief, war Marx (Kapital I), um es gleich zu sagen: «Aber Darwin lehnte Marx ab». Was wiederum kein Wunder ist, fand Darwin doch wichtige Anregungen u.a. bei Thomas Robert Malthus (1766-1834) und Herbert Spencer (1820-1903); den ersten verdammte Marx, den zweiten nahm er gar nicht erst zur Kenntnis. 1937 lautet der Anfang von Parsons (The Structure of Social Action) wie folgt: «Wer liest noch Spencer? Spencer ist tot». Ja, wer wohl Parsons, selbst als er ein Buch «The Evolution of Societies» nennen ließ, merkten es nur einige immer noch nicht. 1986 schreibt Stark (The Social Bond, Bd. VI) an seinem letzten Werk und er beginnt es u.a. mit Malthus und Spencer. So entfernt ist es nun auch nicht zu vermuten, dass solche Probleme sich einschleichen, wenn wichtige Grundlagen von Theorien nicht gekannt werden, sondern willkürliche Selektionen bei der Bearbeitung vorgenommen werden. Es braucht dann immer etwas Zeit, um Wichtiges doch noch zu erfassen.
Bei Darwin dreht es sich nicht um Willkür, wie schon der Titel der 1. Auflage verrät: >Über die Entstehung der Arten durch natürliche Auslese oder das Erhaltenbleiben der begünstigten Rassen im Ringen um die Existenz<. Dass mit Nietzsches Zynismus der zweite Teil zu einer gefährlichen Waffe wurde, ist der Geschichte zu entnehmen. Wahr ist, dass Darwin durchaus sah: «Die Theorie stand gegen das Schöpfungsdogma gegen die Teleologie, dass dieses Buch zu den wesentlichen Schöpfungen des menschlichen Geistes gehört».
Zu Beginn weist Darwin darauf hin, >dass die Arten veränderlich und die heute lebenden Formen regelrechte Nachkommen früher vorhandener Formen seien<. In diesem Zusammenhang wird >eine dunkle Ahnung des Prinzips< bei Empedokles (490-430 v.Chr.) erwähnt, d.h. auch ein Verweis auf die vorsokratische Philosophie wird gleich mitgeliefert. Weit mehr prägte im Zuge der wissenschaftlichen Entwicklungen eine andere Bemerkung so manche Entscheidungen. Darwin weist auf eine Arbeit aus dem Jahre 1852, >dass die Arten von der Natur in derselben Weise gebildet würden, wie die Varietäten durch die Kultur; den letzteren Vorgang schreibt [M. Naudin] der von Menschen ausgeübten Zuchtwahl zu<. Das brisante Thema ist nun, dass nach Darwin der Mensch nicht mehr als eine eigenständige Art der Schöpfung (Bibel, Buch Genesis) und auch nicht mehr als «Krone der Schöpfung» (Kant) angesehen werden muss. Dazu wird schlicht bemerkt: >Die große Verschiedenheit der Arten erklärt [Schaaffhausen] durch das Aussterben der Zwischenstufen<. Es war dann Nietzsche, der mittels Finalitätsprinzip vom Affen über die höheren Menschen zum Übermenschen seinen «philosophischen Hammer» kreisen ließ und nach seinem Zusammenbruch dieses Prinzip von seinen ihn hassenden «Freunden» ausgeweidet wurde.
In der >Einleitung< bemerkt Darwin, er halte >es für irrig, dass nämlich jede Art selbständig erschaffen sein soll. Ich bin fest überzeugt, dass die Arten nicht unveränderlich, sondern dass die zu einer Gattung gehörenden die Nachkommen anderer, meist schon erloschener Arten, und dass die anerkannten Varietäten einer bestimmten Art Nachkommen dieser sind. Und ebenso fest bin ich überzeugt, dass die natürliche Zuchtwahl das wichtigste, wenn auch nicht einzige Mittel der Abänderung war<. Mit diesen Vorreden, behandelt Darwin dann die einzelnen Kapitel: >Abänderung im Zustande der Domestikation; Abänderung im Naturzustand; Kampf ums Dasein; Überleben des Tüchtigsten; Gesetze der Abänderung; Schwierigkeiten der Theorie; Einwände; Instinkt; Bastardbildung; Lückenhaftigkeit der geologischen Urkunden; geologische Aufeinanderfolge; geographische Verbreitung; gegenseitige Verwandtschaft der Lebewesen; allgemeine und besondere Tatsachen<.
In seinen Schlusskapiteln fügt Darwin an: >Ich sehe keinen vernünftigen Grund, warum die in diesem Werke entwickelten Ansichten irgendwie religiöse Gefühle verletzen sollten<. Was Darwin übersah, war, dass es unzählige nicht-vernünftige Gründe gab, denn mit seinem >prophetischen Blick< reizte er die gar sehr, indem er schrieb, er könne sich >die Erzeugung immer höherer und vollkommenerer Wesen< vorstellen. Die >Genealogie< von Darwin ist eine Sache, die Finalitätsprinzipien nach Darwin wurden ein ganz anderes Problem, zumal Darwin auch noch über >eine vom Menschen gezüchtete neue Varietät< redet.
Als sich Darwin >als Naturforscher an Bord des Beagle< befand und über >das Geheimnis aller Geheimnisse< brütete, ahnte er weder, dass mit der 6.Auflage seines Buches 1872 Nietzsche mit seinem Erstwerk (Geburt der Tragödie) das «dionysische und apollinische» in den Wissenschaften wach küsste, womit auch nicht verschwiegen werden braucht, dass dabei Bayreuth und Kokain (vgl. Nietzsche, Freud) unrühmliche Rollen spielten, noch dass 2000 nach der Entschlüsselung des Genoms über «Die Zweite Schöpfung» (Der Spiegel, Nr. 26; 26.6.2000) gegrübelt wird. Dies könnte vielleicht dazu anregen zu bemerken, dass so manche es mit der >Gewissenhaftigkeit< nicht so genau nahmen, wenigstens nach Kant (siehe Rezensionen) nicht immer «das Schöne» bzw. «das Erhabenste» suchten. Wieder einige brauchten Darwin, um eine «klassenlose Gesellschaft» zu propagieren, andere demgegenüber schauten bei ihm nach, um «Herrschaftsgebilde» zu sichern. Schon diese sich widersprechenden Ansichten scheinen dazu aufzufordern, Darwin zu lesen, damit manfrau nicht einfach von späteren Darstellungen überrollt wird.
Was lässt sich dabei feststellen? Ein Problem war, dass mit Darwins Theorien verhältnismäßig schnell die Verlockung entstand, eine Übertragung von der Natur auf die Kultur vorzunehmen, ein weiteres Problem ergab sich, da mit Darwin >Schöpfungsakte< solche von Theorien jenseits von Religion und Moral bearbeitbar wurden. Was findet man|frau so in der Anpassung mit der Evolutionstheorie? Klar, gefunden wurden >Kampf, Wettbewerb, Divergenz, Konvergenz< usw. Ganz wenige schauten weiter bis auf die >Blendlinge<, reichte den meisten doch, >dass der Kräftigste, Gesündeste und Glücklichste die andern überlebt und sich fortpflanzt<. Dies allerdings hat seine Tücken, denn >ein allgemeines Naturgesetz wolle, dass kein organisches Wesen sich für eine Ewigkeit von Generationen selbst befruchte, sondern dass von Zeit zu Zeit, vielleicht nach langen Zeiträumen, die Kreuzung mit einem anderen Individuum unerlässlich sei<. Da wird es schon komplizierter, denn ein >Hermaphrodit< gliedert sich >nach dem Prinzip der Arbeitsteilung< in Yang und Yin (Lao-Tse; Konfuzius siehe Rezensionen).
Aber das ist noch nicht alles; >wenn neue Formen entstehen, müssen alte aussterben<, womit dann zwar über eine «Schöpfung» kritisch nachgedacht werden kann, aber offensichtlich am anderen Ende, nämlich dort wo die «Unsterblichkeit» auftaucht, beachtliche Fragen auftreten. Es mag sein, dass für einige «die ewige Wiederkunft» (Nietzsche) eine Lösung zu sein schien, aber was kommt zuerst wieder: der Tyrannosaurus, der Homo erectus, oder?
Für Darwin war weder der Anfang noch das Ende wichtig, er beginnt den Prozess mit den >Buchstaben A bis L [die Arten einer in ihrer Heimat großen Gattung]< und nach ein paar >tausend Generationen< gibt es >gut ausgeprägte Varietäten< a bis z. Was war vor den Großbuchstaben: Nichts, Eins, Vieles oder Alles? Was ist nach den Kleinbuchstaben: Chaos, Ordnung, System oder Globalisierung? Erwähnt sei auch, dass Darwin >die Wichtigkeit des Prinzips der Divergenz< betonte, >die Konvergenz< war für ihn nicht so überzeugend. Dies ist nicht weiter seltsam, denn heißt es doch, dass er >es ebenso wenig mit dem Ursprung der geistigen Tätigkeiten zu tun habe wie mit dem Ursprung des Lebens selbst<. Für Darwin hat sich die Evolution durch die Beobachtung erschlossen, >als Folgen eines allgemeinen Gesetzes, das zur Vervollkommnung aller organischen Wesen führt, nämlich: Vermehrung und Abänderung die Stärksten siegen, die Schwächeren gehen zugrunde<.
Darwin meint damit, >dass jede Form, die nicht irgendwie abgeändert und verbessert wird, aussterben muss<, aber er geht noch weiter: >Das Erscheinen neuer Formen und das Verschwinden alter hängt also bei der natürlichen wie bei der künstlichen Züchtung eng zusammen<. Um dies genauer zu erforschen, erfasst er die lebenden Arten und ausgestorbenen Arten in einem Schema, >als wenn wir beide zu einem allgemeinen System verbinden<. Etwas weiter ist dann zu lesen: >Der Embryo ist also gewissermaßen ein von der Natur bewahrtes Abbild des früheren, weniger abgeänderten Zustandes der Art<. Was sich bei Darwin zeigt, ist also eine >genealogische Anordnung, nicht nur hinsichtlich der Jetztzeit, sondern auch aller vorhergehenden Perioden<.
Damit sei festgehalten, dass die Zeitspanne von der Vergangenheit zur Gegenwart mit >Genealogie< oder >genealogisches System< umschrieben ist, und später (1978) die Zeitspanne zwischen Gegenwart und Zukunft mit «Telik» oder «telisches System» benannt ist. >Die gemeinsame Abstammung ist das geheime Band, das die Naturforscher als natürliches System suchen<. Ästhetisch bzw. teleologisch sind durchaus beide Arten von Systemen, obwohl solche Prädikate kaum weiterhelfen. >Dieses ganze Werk ist eine lange Kette von Beweisen<, es setzt lange Zeiträume voraus, und dabei zeigt sich, >warum die Natur so verschwenderisch ist in Abänderungen und so geizig in Neuerungen<. Für Darwin ist bei allem >die Beziehung zwischen Organismus und Organismus die wichtigste von allen<.
Die Forschungen nach Darwin endeten nicht, und nicht selten sind giftige Übernahmen mit theoretischen oder empirischen Schwerpunkten zu verzeichnen. Wie ich eingangs schon andeutete, manche kümmerten sich weder um einen >Schöpfungsplan< noch um eine >Evolution<, sie wollten lieber Schöpfer sein. Es ist nichts Neues, dass Wissen vergraben oder verloren oder zerstört werden soll, wenn einfach nur ein paar Teile übertragen werden müssen, um Geistern keine Gelegenheiten zur Kritik zu ermöglichen.
Wenn früher z.B. Vögel einige Samen weitertransportierten und damit Entwicklungen beeinflussen konnten, so ist dies nicht dasselbe, als wenn Flugzeuge etwas transportieren. Das erste hat u.a. mit Langsamkeit und Evolution, das zweite u.a. mit Schnelligkeit und Involution zu tun. Genetik ist heute z.B. mit Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Ethik verknüpft, ein Schelm der meint, dass damit philosophisch, soziologisch, psychologisch und physiologisch alles klar ist. Gar manche Person hat keinen Moment frei, Darwin zu lesen, na dann sollte auch nicht kurz über die lange Evolution gequasselt werden, die nun einmal sehr viele Generationen benötigt.
noz
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