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REZENSION
Auguste Comte
Rede über den Geist des Positivismus
übersetzt, eingeleitet und herausgegeben von I. Fetscher
Felix Meiner Verlag
Hamburg 1994
Ohne auch nur eine Zeile von Auguste Comte (1798-1857) gelesen zu haben, trifft man|frau unvermittelt selbst im Jahre 2004 auf ihn. Mit der Schlagzeile «Elite-Universität» (z.B. Rheinische Post 5.1.2004) gerät man mitten ins Zentrum von Comtes Ansichten; mal ehrlich: wer weiß das schon? Aber das ist nicht die einzige Überraschung. Als Nietzsche nach seinem >Also sprach Zarathustra< zum großen Rundumschlag gegen eine besondere Moral ausholte, kannte er unter dem Namen Soziologie nur die Version von Comte. Was 1893 mit Durkheim begann, blieb ihm verborgen, denn am 10.Januar 1889 endete definitiv Nietzsches Philosophie.
Durkheim (>Einführung in die Sozialwissenschaft<) war nun jener, der kundtat, dass u.a. Comte die Grundlagen der Soziologie errichtete und aus diesem Grunde zu dessen Ehre auch seine >Wissenschaft von der Moral< mit dem Namen Soziologie belegte. Der Name wurde dann später weltweit akzeptiert, und diese neue Fachrichtung wurde von Durkheim vertreten. Nun finden sich zwar u.a. Ideen von Comte bei Durkheim, weitaus wichtiger waren bei Durkheims Solidaritätsarten allerdings Montesquieu und Rousseau. Erhalten hat sich jedoch Durkheims Trennung von mechanischer und organischer Solidarität aufgrund von Comte. Wenn dann darüber nachgedacht werden will, warum es gerade bezüglich der klassischen Soziologie (Vertreter z.B. Durkheim, Tönnies) zu einer Umkehrung der Begrifflichkeiten kam, der wird gerade in dem hier vorliegenden Buch eine Lösung finden. Durkheim war beeinflusst von Comte und Tönnies von Hobbes.
Was die klassische Soziologie dann tatsächlich ausmacht, ist nicht, dass sie wie Comte ein fundamentales Element in der >Ehe< oder in der Verknüpfung von Yang und Yin erblickt, sondern zur Basis die sogenannte «analytische Kernfamilie» macht. Bei Durkheim heißt die Basis dann >Solidaritätsarten<, bei Tönnies >die gegenseitigen Bejahungen< und in der akademischen Soziologie (Vertreter z.B. Parsons, Stark) die >AGIL-Systeme<. Comte fällt damit in die vorklassische oder «Noch-nicht»-Soziologie. In dieses riesige Gebiet reihen sich auch Nietzsche, Engels, Marx, Saint-Simon, Kant, Rousseau, Montesquieu u.v.a. ein.
Comte ist, wenn nur einmal die gewöhnlich gelehrte akademische Soziologie betrachtet wird, eigentlich im Studium vergraben und nicht nur zum Vorteil versteckt worden. Es gibt da eine Bemerkung in Nietzsches Nachlass (Kritische Studienausgabe Bd. 12; 1885-1887), die vor allem warum auch immer an Max Weber nicht spurlos vorüberging, aber nichtsdestotrotz von vielen der sogenannten Größen verschwiegen wurde und wird. Nietzsche sagte mit Bezug auf Comte: «Theorie der Herrschaftsgebilde statt: Sociologie». Parsons, der so tat, als ob es Nietzsche nie gegeben hätte, greift in seinem Erstwerk 1937 wieder auf eine von Comte gebrauchte Unterscheidung zwischen Materialismus und Spiritualismus zurück, indem er mit veränderten Begrifflichkeiten ausgerechnet Durkheim und Weber gegenüberstellt. Parsons ahnte zu dieser Zeit überhaupt nicht, wie viele andere auch, dass er sich damit in den Strudel zwischen der klassischen Soziologie und den Fälschungen um Nietzsche begab. Noch weniger bemerkte er, dass er sich mit seinen Begriffen «positivistische Tradition» und «idealistische Tradition» in der Zwickmühle zwischen Katholizismus und Protestantismus bewegte, wobei seine Lösung eigentlich keine war.
Im übertragenen Sinne war sein Ergebnis: Wenn der höchste Repräsentant ein protestantischer Kapitalist wäre, dann könnte er alle Menschen im Diesseits auch das Geld lieben lehren. Wer nun meint, dies sei ein Witz, dem sei anempfohlen zu bedenken, dass es kein Geringerer war als Luhmann (>Soziale Systeme<), der äußerte, es müsse wieder mit einer Veränderung von vorne angefangen werden, um endlich konkret das hinzubiegen, was eine Elite will. Die Elite ist hier nicht mehr auf Charisma oder sonst etwas bezogen, sondern konsequent auf akademische Ämter und Würden. Klar, die akademische Soziologie frohlockte und Comte hätte wahrscheinlich vor Entrüstung gekocht. Aber nun schaue ich auch für kritische Geister kurz auf Comtes >Rede<.
Das Buch selbst ist antik in Vorspiel, Hauptteil und Nachspiel (vgl. Platon) konzipiert. Im Vorspiel gibt es einen Überblick über Comtes Leben, im Nachspiel werden in den >Anmerkungen< Bezüge hergestellt. Der Hauptteil gliedert sich in vier Teile, wobei im ersten Teil das >Dreistadiengesetz< Erwähnung findet, im zweiten Teil überwiegt die >Versöhnung von Ordnung und Fortschritt<, im dritten Teil wird die >Rangordnung< erläutert, und im vierten Teil erscheint in der >Schlussbetrachtung< der Positivismus (oder seine Soziologie) als Endzweck.
Alles kreist nach Comte um Erstursachen und Endursachen. In der ersten Phase (>provisorisch<) war es die Theologie, die Lösungen anstrebte, in der zweiten Phase (>auflösende Abart<) war es die Metaphysik, in der dritten Phase (>normgemäß<) leistet dies der Positivismus. Die Erstursache ist eine Umschreibung der >Vorliebe des menschlichen Geistes für unlösbare Fragen<, die Endursache ist ein >normales Führertum< für Harmonie und Ordnung im Fortschritt. Vom Anfang bis zum Ende sind Entwicklungen der Intelligenz und Soziabilität unentbehrlich. Ein solcher Pfad wird nach Comte begangen von den Fragen über die Negativität zum Positivismus.
Der Positivismus (3. Phase) sucht dabei einen Ausgleich zwischen Mystizismus (1. Phase) und Empirismus (2. Phase). Er ist ein Mittel >zu sehen, um vorauszusehen<. Der Positivismus stützt sich dabei auf die Tatsächlichkeit, Nützlichkeit, Gewissheit, Genauigkeit, Organisation und Relativität, um das Mitfühlende zu erreichen. Er errichtet ein Ideal, um bestimmte Grenzen der Anstrengungen kenntlich zu machen, ohne es jedoch erreichen zu können. Dieses Ideal erklärt die Vergangenheit der Menschheit und veranschaulicht >große Geschichtsepochen als Phasen einer gleichen Entwicklung<. Ist die Vergangenheit so ausreichend erfasst, kann dazu übergegangen werden, die Führung der Zukunft zu bestimmen. Notwendig ist dabei, die Moral von der Theologie und der Metaphysik unabhängig zu machen. So kann eine geistige Elite ihre >intellektuelle Überlegenheit< für die Erziehung der Menge nutzbringend umsetzen. Die neue Philosophie schreitet von den Priestern über die Metaphysiker zu den wahren Machthabern fort. Letztere stützen sich auf zwei fundamentale Forderungen: 1) auf die normale Erziehung, und 2) auf die regelmäßige Arbeit für alle. Wenn die Menge nicht in den Genuss einer universitären Bildung gelangen kann und/oder das Postulat der Vollbeschäftigung verletzt ist, dann gibt es soziale Probleme und keine 3. Phase.
Theorien sind nach Comte also nur sinnvoll, wenn sie auf eine Praxis zielen. Eine solche Richtung ergibt sich, wenn der Beginn der Erziehung in der Mathematik zu finden ist und das Ende der Bildung im Studium des Positivismus. Zwischen diesen Extrempositionen schiebt sich ein mittlerer Zweig (Astronomie, Physik, Chemie, Biologie). Diese Rangfolge besagt, dass sich der Fortschritt wie folgt darstellt: Abstraktion (Mathematik), Beobachtung (Astronomie), Experiment (Physik), Klassifikation (Chemie), Vergleich (Biologie) und historische Methode (Positivismus). Dies wiederum versteht Comte einerseits als >Theorie der Einteilung< und andererseits als >Entwicklungsgesetz<. Sowohl für das Individuelle (>Ich<) als auch für das Kollektive (>Wir<) möchte Comte eine solche >enzyklopädische Formel< als wesentlich annehmen, wenn auch mit unterschiedlichen Anfängen. Es ist wohl kein Geheimnis, dass die Individualerziehung darauf Rücksicht nimmt, dass ein >Ich< im Konkreten (Positivismus) beginnt, und eine Kollektiventwicklung mit einem >Wir< nur im Abstrakten (Mathematik) eingeläutet ist. Da mag sich zum Schluss vielleicht ein kritischer Geist fragen, was es denn bei der >Elite< mit dem positivistischen Endpaar «Genetik» und «Herrschaft» auf sich hat, auf das schon Parsons 1978 verwies.
Den >Hauptmotor der geistigen Umwälzungen< bei >Kopernikus, Kepler und Galilei< zu finden, ist nicht schwer, schon alleine deshalb, weil u.a. sowohl Kant als auch Descartes darauf verwiesen, was Comte sehr wohl wusste. Leicht ist es auch, von Webers >Agrarverhältnisse im Altertum< zur >Elite-Universität< (Parsons 1973) zu gelangen. Wird doch dabei schlicht Comtes >Cours de philosophie positive< statt mit «Theorie der Herrschaftsgebilde» (Nietzsche) mit einer spezifischen Ansicht über ein akademisches Fach gleichgesetzt. Nur, und dies ist das Problem, die Soziologie oder der Weg von der Gemeinschaft zur Gesellschaft (Tönnies) oder das Phänomen der Solidaritätsarten (Durkheim) begründet sich nicht auf >leere Kontroversen<.
Bei allem bleibt, dass Comtes >Rangfolgen< und >Dreistadiengesetze< auf die Analogie Kindheit, Erwachsenheit und Altheit zurückgreifen. Wie es nicht wahr ist, dass z.B. Weber zur Altheit zu zählen ist, so ist auch nicht wahr, dass Comte zur Kindheit gehört. Somit wird man bzw. frau auch nicht soziologisch erwachsen, wenn damit eine >Konvergenz< (akademische Soziologie) postuliert wird.
Für Philosophie-Interessierte ist Comtes >Rede< aber trotzdem interessant, lässt sich daran doch z.B. überlegen, ob zwischen den Extremen der dogmatischen Stufen und der historischen Phasen eventuelle der >Diskurs< (Habermas) eine Mitte sein kann. Wie dem auch sei, lange Zeit waren die großen Gegenspieler Comte oder der Positivismus und Marx oder der Idealismus. Das Büchlein hilft zu verstehen, dass der erste doch mehr zum Idealismus und der zweite doch mehr zum Positivismus neigte. Selbst wahrgenommene oder gelesene Tatsachen (positive Erkenntnisse) sind schon etwas wert, einfach heruntergeleierte Meinungen (siehe Anfang) sind es nicht unbedingt.
noz
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