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Ernst Bloch Das Prinzip Hoffnung - Zweiter Band
Suhrkamp; Frankfurt a.M. 1979
Der zweite Band von Ernst Bloch sei mit einer Frage eingeläutet: Wenn ein Philosoph ein Mittagsschläfchen hält, gehören dann dessen Psychosen zu den Tagträumen oder Nachtträumen? Auf diese Spitzfindigkeit sei nicht geantwortet, sondern darauf hingewiesen, dass sich >Tagträume< bei Bloch auf genealogische Empirie, z.B. veröffentlichte Bücher, beziehen. Somit ist jetzt noch wenig über Freuds Regression zu sagen. Aus Gründen der Redlichkeit sei ferner erwähnt, dass sich Bloch nicht nur auf spezifische Bücher, sondern allgemeiner auf Tatsachen bezieht, wie z.B. Baukunst, Malerei, Musik usw., um sein >Prinzip Hoffnung< zu verdeutlichen.
Grob gesagt, interessiert hier nicht der Traum, sondern der >Wunsch-Inhalt<. Dieser wiederum ist mit der >klassenlosen Gesellschaft< identifiziert. Erreichbar ist das Ziel nur über die >revolutionäre Praxis< mit dem Träger der Klasse >Arbeit<. Hier macht Bloch ernst damit, dass der Warencharakter der Arbeit überwunden werden muss. Wie kaum ein anderer lehnt er jede Form des >Kapitalismus< ab, denn erst die Zerstörung dieses sozialen Phänomens ermöglicht es, bis zur Humanität vorzudringen.
Der zweite Band ist ein wenig komplexer, als er auf den ersten Blick erscheint, denn weder zeigt er ein Inhaltsverzeichnis (zu finden im ersten Band) noch ein Gesamtregister (angefügt im dritten Band), d.h. der zweite Band ist medial, aber trotzdem eigenständig.
Hier geht es um >die Entwicklungsgeschichte, von Aristoteles bis Hegel<, so sagt es Bloch ungefähr in der Mitte seines Hauptwerkes. Tatsächlich aber wird die vorsokratische Philosophie (z.B. Thales, Anaximander usw.) bis zur Gegenwart von Bloch (>Geist der Utopie<, >Thomas Münzer<) behandelt. Ein Weg wird aus der Vergangenheit bis zum >Prinzip< eingeschlagen. Um dies alles noch einigermaßen einordnen zu können, sei bemerkt, dass Bloch von 19081911 an Simmels Privatveranstaltungen teilnahm, daneben befand er sich auch im Kreis von Max Weber von 19081914, und schließlich lernte er 1926 Adorno kennen. Ganz bestimmt bedeutet dies nicht, dass Bloch nur über diese Traditionen zu verstehen ist, aber einigen gefiel es.
Letztlich wurde Ernst Bloch (18851977) in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts neben Theodor Wiesengrund Adorno (19031969) und Max Horkheimer (18951973) zur «Leitfigur der Studentenbewegung». Wie nicht unschwer zu erkennen, war Bloch der Älteste. Aber in diesem Kreis fehlt noch die vierte Person Herbert Marcuse (18981979), der es auf den Punkt brachte: Theorie und Praxis heißt: Hegel, der frühe Marx und der späte Freud.
Alle vier Personen lebten nun im >Kapitalismus<, aber am zielstrebigsten schöpferisch ihn zu seinen Lebzeiten auflösen, wollte ihn vor allem Bloch. Da standen dann deren Kinder weniger vor >Leitbildern< und mehr vor Fragezeichen. Womit dann einmal ausgesprochen sei, dass die sogenannte «68er Generation» bis heute eigentlich nicht weiß, wem oder was sie damals folgen wollte. Ein Teil aufgrund der Verwirrungen folgte ihrem Karriere-Instinkt, aber das ist ein anderes Thema.
Bekanntermaßen wurde für einige Adornos >Ohne Leitbild< wichtig, für andere stand Blochs >Prinzip< an erster Stelle, manche versuchten Marcuses >Eindimensionalität< zu überwinden, die meisten allerdings hatten nach den Beatles (>All you need is Love<) die Nase voll von Horkheimers >Autorität und Familie<. Am interessantesten mag vielleicht damals Blochs Aufruf zum >revolutionären Handeln< gewesen sein. Dieses Thema, so erkannte selbst Parsons 1968, traf den Nerv der Zeit.
Plötzlich stehen sich also USA (Parsons) und UdSSR (Bloch) gegenüber, und wie nicht unschwer zu erwarten, mit der Auflösung der UdSSR relativiert sich nicht nur bei Bloch einiges, sondern noch mehr «Paradigmawechsel» (Habermas) ereignen sich. Der erste (Parsons) schaute auf >Das System moderner Gesellschaften<, der zweite (Bloch) auf den >Geist der Utopie<. Parsons glaubte, dass soziale Systeme auf Dauer Probleme eliminieren (irgendwie lässt sich Luhmann vernehmen), Bloch meinte, dass nur herrschaftsfreies Handeln die Probleme löst (ein wenig Habermas klingt an). Bloch hoffte, dass das Proletariat letztlich die Triebfeder zur klassenlosen Gesellschaft sein müsste; Parsons hoffte, dass die Bildung letztlich zur besseren Gesellschaft führen könnte.
Fragen blieben bestehen: Ist die klassenlose Gesellschaft die utopisch beste, bzw. Sind die Wissenschaften Garant für die gute Gesellschaft? Bei Bloch dreht sich letztlich alles um die Utopie mit dem Endziel >Naturalisierung des Menschen, Humanisierung der Natur<, und damit der Sprung in Richtung Zukunft schon in der Gegenwart gelingt, so Bloch, mit Marx, gilt es die >Allmacht der Produktion< zu stoppen.
Mit diesen tiefgründigen Hintergedanken zeichnet nun Bloch die Entwicklungen der visionären Theorien nach. Dies wiederum geschieht im Rahmen von Platons >Der Staat< und >Das Gastmahl<. Vor diesem Rahmen beschäftigt er sich mit >Gesundheit< und nach diesem Rahmen betrachtet er den >Alltag<. Aufgrund der Bedeutung von Bloch geziemt es sich, Kritik nicht zu verschweigen. Der erste Punkt ist, dass er die Reihenfolge von Platon umkehrt, also entgegen der Chronologie von Platon bedenkt Bloch zunächst den >idealen Staat< und dann erst die >Lobreden auf den Eros<. Dazwischen erstreckt sich dann die Genealogie des >Idealismus<. Davor allerdings wird u.a. Thomas Robert Malthus (17661834) abserviert und danach wird Karl Heinrich Marx (18181883) bejubelt.
Dieser zweite Band ist auch mit seinen Werturteilen recht lehrreich, kann so doch auch nachvollzogen werden, in welchem Niveau die >Kinder und Kindeskinder< der «Leitfiguren» herumflattern. Die Entwicklung des >Idealismus< stellt an den Anfang die ganz alten Denker (z.B. Thales [625 v.Chr.546 v.Chr.], Anaximander [611 v.Chr.547 v.Chr.] usw.). Fehlen durften da auch nicht Heraklit (550 v.Chr.480 v.Chr.), Pythagoras (570 v.Chr.500 v.Chr.), selbstverständlich auch nicht Lao-Tse (570 v.Chr.490 v.Chr.) usw. Zum Ende hin erscheint noch Georg Simmel (18581918) und letztlich >Thomas Münzer< (Bloch 1930).
Dazwischen gibt es Augustinus (354430), dann ca. 700 Jahre wenig, schließlich Joachim di Fiore (ca. 11351202), Thomas von Aquin (12251274), Dante Alighieri (12651321), Thomas Morus (14781535), Tommaso Campanella (15681639), Freiherr Gottfried Friedrich von Leibniz (16461716), Immanuel Kant (17241804), Claude Henry de Rouvroy Graf von Saint Simon (17601825), Georg Wilhelm Friedrich Hegel (17701831) u.v.m.
Drei Frage drängen sich wenigstens auf: 1) Was erscheint zwischen Aristoteles und Augustinus? Klar, das Neue Testament; 2) Was gibt es zwischen Augustinus und Joachim di Fiore zu vermerken? Klar, Koran und Buddhismus; 3) Was ist vor den Vorsokratikern? Klar, das Alte Testament und die Rigveda. Die Religionsaufsätze von Weber lassen grüßen, sogar die Ausklammerung des >Koran> ist nicht vergessen worden. Aber das ist für die «Leitfiguren» nichts Besonderes. Allerdings erscheint es in der Neuzeit erforderlich, im Sinne Webers und mit Analysen der Schriften von Marx nicht so einfach darüber hinwegzufliegen. Ein leichtes ist es ja herauszufinden, dass Marx den Kampf gegen das Unproletariat predigte und seine Gläubigen nicht dazu aufrief, einen Salto rückwärts auf den Schoß von Hegel zu probieren.
Die bestechende Logik eines derartigen Saltos ist wohl, wenn alle anderen auf den Kopf gestellt sind, z.B. wenn die >Heimat< von Tönnies von der Urnatur zur Folgenatur gemacht wird, dann müsste doch Hegel auf den Füßen stehen. Also: eine so einfache Entwicklung z.B. von Augustinus zu Marx gibt es nicht. Dies lässt sich schon daran erkennen, dass im kleinsten Staat der Welt, der Vatikan, lateinisch gesprochen wird, u.a. um zu gewährleisten, dass der Kirchenvater Augustinus im Original gelesen werden kann. Der normale Alltagsverstand begreift da schon, dass es dem Staat, wo der Papst regiert, ganz bestimmt nicht darum geht, nachzuweisen, dass der >Wunsch-Inhalt< des Kirchenvaters der Kommunismus oder >wissenschaftliche Sozialismus< war, der gar noch jede Religion verdammt.
>Nichts darf aus einem Philosophen, gar aus einem frühen, herausgehört werden, was in ihm selber nicht ausgelegt ist, auf belegbarer Weise; es gibt keine Hermeneutik, außer einer frechen und dekadenten, also außer ihrem Gegenteil, ohne die solide Lesekunst, die im engeren Philologie heißt<. Nietzsche lässt grüßen, zur Erinnerung: er war zuerst Philologe, dann wechselte er zur Philosophie.
Ich empfehle hier, nicht nur Teile des zweiten Bandes ins Visier zu nehmen, sondern vor allem diesen Band >solide< ganz zu lesen. Dies dauert etwas länger, aber es beschleunigt die Philosophie ungemein. Abgesehen davon, dass die denkwürdigen Ergebnisse von Bloch über >Jugendbewegung, Emanzipation und Zionismus< sowie seine Bemerkungen über >Erfinden und Entdecken< nicht zeigen, dass er zur Kenntnis nahm, was Hannah Arendt (siehe Rezension) über «Das Herstellen» 1958 schrieb, sei bemerkt, dass Blochs offene ANTI-Amerika Haltung früher eventuell «die Studentenbewegung» aus vielerlei Gründen erfassen konnte (u.a. wegen des Vietnam-Kriegs), heute aber jedenfalls für die entfremdete akademische Soziologie wenig wert ist.
Wenn dieser zweite Band, der ja immerhin die >Grundrisse einer besseren Welt< beschreibt, gelesen ist, warum auch nicht, geht es in der heutigen Zeit doch fast nur noch um >Ziele<, und irgendwie müsste dann auch verstanden werden, wie so etwas geschieht, so seien den Lesern und Leserinnen noch ein paar Hinweise gegeben. Bloch thematisiert >den radikalen Inhalt des gesamten menschlichen Befreiungskampfes<. Ein immenses Vorhaben, denn immerhin wird gesagt: >Ein solcher Wertbegriff ist dann nicht bloß von fertigen Tatsachen abstrahiert, sondern von Tendenzen; infolgedessen kann er auch nicht ohne weiteres widerlegt oder bestätigt werden, sondern sozusagen nur von ihrer tendenztaften Längsstreckung, das heißt, von der im Geschehen befindlichen Wirklichkeit des Heraufkommenden, zum Sieg Fähigen<.
Ich beschränke mich auf vier Anmerkungen, um nicht gleich wieder blindlings in die Arme einer >deutschen Ideologie< oder nunmehr einer >deutschen Utopie> landen zu lassen.
1) Simmel, die >expressionistische< Theorie, spricht vom «Pathos der Distanz». Bloch benötigt aber für den >Befreiungskampf< zunächst einmal das Pathos der Nähe zum Proletariat. Die Nähe war für die «Leitfiguren» zwar theoretisch, aber nicht praktisch wichtig, d.h. in der Praxis hielten sie Distanz.
2) Im Abschnitt >Spätbürgerliche Drosselung der Technik, abgesehen von der militärischen< ist folgendes zu lesen: >die Atomenergie, sicher umwälzender als Dampfkraft und Elektrizität zusammen, wurde außerhalb der Atombombe von amerikanischen technischen Zeitschriften lediglich als «the next centery&Mac226;s power» bezeichnet. Da zur Zeit dieser Prophezeiung das jetzige Jahrhundert nicht zur Hälfte abgelaufen war, wird die Revolution durch die neue Produktivkraft nicht einmal auf die Kinder, sondern auf die Urenkel geschoben: die Sowjetunion hat dagegen das erste Atomkraftwerk errichtet<. Die Urenkel wurden getroffen, die >Längsstreckung< liefert folgendes: Am 26. April 1986 ereignete sich in Tschernobyl (UdSSR, heute Ukraine) der folgenschwerste Reaktorunfall. 1971 wurde mit der Gründung von Greenpeace in Kanada (1981 in der BRD) selbst bei Kindern der «Leitfiguren» schon deutlich, dass mit Utopien nicht leichtfertig umgegangen werden sollte, auch dann nicht, wenn diese nur noch von >Ethik< redeten.
3) Bloch bespricht Platons Buch >Der Staat< und macht aus dessen «Gewerbestand, Gehilfenstand, Herrscherstand» kurzerhand >Nährstand, Wehrstand, Lehrstand<, reimen tut es sich nun. Nach der Besprechung des 1. und 2. Buches von Platon bricht Bloch ab und vermerkt noch >die Weiber- und andere Gemeinschaft (der oberen Kasten)<. Wie nicht unschwer bei Platon (siehe Rezension) zu finden, bespricht dieser im fünften bis siebten Buch die «Frauen- und Kindergemeinschaft der Wächter». Dies war z.B. weder für Rousseau noch für Marx sowohl unwichtig als auch sinnlos.
4) Warum aber nun ausgerechnet Bloch das Buch >Das Gastmahl< oder wenn man|frau es lieber mag >Symposion< von Platon am Ende seiner Entwicklungsbetrachtung setzte, lässt ein wenig genauer auf Nietzsche schauen. Wenn man|frau den zweiten Band von Bloch aufschlägt, ist zu erkennen, dass es mit einem Zitat aus dem ersten Band beginnt, und auch der dritte Band beginnt mit einem solche Zitat. Da braucht es nicht viel Utopie, sondern zunächst einmal etwas Regression, um festzustellen, dass in Nietzsches >Also sprach Zarathustra< der zweite und dritte Teil auch mit Zitaten aus dessen ersten Teil eingeleitet wurden. Die Bemerkung über die >zum Sieg Fähigen<, auch wenn die UdSSR nicht mehr existiert, ist mit Vorsicht zu genießen.
Die >Schlaflehre Freuds< sollten auch «Leitfiguren» nicht unterschätzen, was ich schon mit der einführenden Frage andeutete. Warum aber hat Bloch etwas bei Platons >Der Staat< verändert? Nun darauf gibt es auch eine Antwort: >Sind der Staat und jede Regierung über Menschen verschwunden, dann werden die Regierung und Leitung durch die Lehrer auch genug Freiheit und Muße antreffen, um nach den totalen Inhalten der Freiheit begierig zu machen<.
Utopisch sei darauf erwidert: Es werden weder schöne noch erhabene Lehrer sein, die über >die klassenlose Gesellschaft< oder wenigstens über eine >bessere Welt< reden und verschweigen müssen, dass Weber (>Zur Psychophysik der industriellen Arbeit<) «über Auslese und Anpassung der Arbeiterschaft der geschlossenen Großindustrie» forschte.
Irgendwann ist einmal die Zeit gekommen, dass man|frau sich auch fragen könnte, was eigentlich >Abrisse< über andere oder Schnellschüsse über Theorien bewirken sollen. In der Soziologie habe ich jedenfalls festgestellt, dass solche Autoren damit schnell ihre eigenen schleichenden Probleme übertünchen wollen.
noz
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