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Ernst Bloch
Das Prinzip Hoffnung - Erster Band
Suhrkamp; Frankfurt a.M. 1979
Ernst Bloch (1885-1977), so wird vermeldet, stand in engem Kontakt u.a. mit Simmel, Weber und Adorno. Er veröffentlichte sein >1938-1947 in den USA< geschriebenes Hauptwerk von 1953-1959 in drei Bänden mit insgesamt 1655 Seiten. Das Prinzip reicht von der >Grundlegung< (I - u.a. Attacken gegen Freud) über die >Konstruktion< (II - u.a. Bevorzugungen der früheren Sowjetunion) bis zur >Identität< (III - u.a. Rückgriffe auf den frühen Marx).
Für die moderne Soziologie ist es wichtig dieses Buch zu kennen, denn so ist besser zu verstehen, warum die akademische Soziologie 1953 auf Parsons einschwenkte und eben nicht mehr u.a. eine «idealistische Tradition» mit Weber fortführen konnte.
Wenn der erste Band von Bloch lediglich von außen betrachtet wird, so ist auf dem Front-Cover u.a. der Titel des Werkes zu sehen und auf dem Back-Cover findet sich ein Zitat. Folgendes ist dort zu lesen: >Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfasst und das seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in der Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat<.
Dies sind, um es genau zu sagen, die letzten neun Zeilen des dritten Bandes oder des Gesamtwerks. Nun mag ja sein, das gilt: >das «Träumen nach vorwärts», das in diesem Werk philosophisch demonstriert wird, hat nicht nur das wissenschaftliche Denken ungemein angeregt, sondern ist tief in das Lebensgefühl der heutigen Generation eingedrungen<, aber in welches, in das der Müßiggänger oder in das der Kleinkrämer?
Ich merke an, dass der Begriff >Kindheit< ein wenig viel von Nietzsche verrät, und dass z.B. nach Durkheim, Tönnies, Freud, Arendt, Parsons, Stark, Elias usw. der Begriff >Heimat< soziologisch von den Füßen auf den Kopf gestellt wurde. Außerdem ist zu berichten, dass die neun Zeilen Definition von Weber und die neun Zeilen Schlussakkord von Bloch noch lange keine Soziologie machen: 1) steht bei Weber noch viel danach bzw. bei Bloch noch viel davor, und 2) war Bloch für das >wissenschaftliche Denken< für einige Akademiker nur deshalb gut, weil man|frau sich mit dessen angeblich klaren >Berichten< von der eigenen Arbeit davonschleichen konnte, d.h. wenn Bloch z.B. mit Freud umherspringt, war für einige selbstverständlich, dass Bloch und nicht Freud recht hatte.
Bezüglich Freuds Werk >Neue Folge< (siehe Rezension) wies ich schon auf einige Probleme hin. Peinliches gibt es mehr als genug in Blochs Hauptwerk, weshalb er selbst auch von seinen einstigen eifrigsten Schülern erst gar nicht mehr in ihren aktuellen Literaturlisten erscheint. Das ist schade, denn Bloch war sehr belesen, und trotz so mancher Mängel ist dies Buch ein Meilenstein in Richtung moderner Soziologie. Diese akzeptiert eben das stets unvollkommene Menschliche, bemüht sich zurechtzurücken, wenn es geht und nimmt zur Kenntnis, dass Bloch mit seiner >Entdeckung des Noch-Nicht-Bewussten oder der Dämmerung nach vorwärts< die Wissenschaft vom Menschen entscheidend prägte. Angefügt sei: diese >Entdeckung< übertrug Parsons später mit «Latenz».
Wie ich schon öfters anklingen ließ, wann immer ein enger Kontakt mit Weber vorliegt, gilt der Ratschlag von Parsons: «Ich (Parsons) würde jedem Forscher / jeder Forscherin ernsthaft empfehlen, die angegebene Originalliteratur zu studieren».
Im ersten Band steht für Bloch u.a. eine Auseinandersetzung mit Freud an. Von diesem erwähnt Bloch folgende Schriften: >Neue Folge<, >Das Ich und das Es<, >Vorlesungen 1922 [2. Auflage]<, >Vorlesungen 1935 [in englischer Sprache]<. Es fehlen wenigstens, um sich ein Urteil über Freud zu erlauben: >Die Traumdeutung<, >Totem und Tabu< und >Abriss<; abgesehen davon, ist das Hauptwerk von Freud ein ganz besonderes Buch. Ist dies schon denkwürdig genug, so sei hinzugefügt, dass jeder Hinweis auf Durkheim fehlt, und somit sind Blochs Verweise auf «das soziale Milieu» irreführend. Merkwürdig ist auch die Ignoranz von Tönnies und trotzdem der Rückgriff auf den Begriff >Heimat («Gemeinschaft»)<. Ganz seltsam aber sind die angepriesenen engen Kontakte zu Simmel, Weber und Adorno sowie Blochs Verweise auf Nietzsche. Den nämlich betrachtet er angeblich hier nur über >Geburt der Tragödie<, >Menschliches - Allzumenschliches<, >Über Lüge und Wahrheit< und >Also sprach Zarathustra<. Entweder stimmt etwas mit den >engen Kontakten< nicht oder Bloch machte sich zum Erfüllungsgehilfen des Wahnsinns. Das erste ist wahr, das zweite ist falsch. Bloch wurde als Jude 1933 ein Opfer des Nationalsozialismus und er verarbeitete seine Erkenntnisse im >Prinzip Hoffnung<. Wie Tönnies (siehe Rezension) unterschätzte er die Deutschtümelei und überschätzte deren Wissenschaftlichkeit. Bloch kannte Whitehead (siehe Rezension) wohl, aber er mochte wegen seiner Vorliebe für die frühere Sowjetunion das vulgäre Amerikanisieren nicht und so schrieb er kurzerhand ein paar Ideen von James bzw. Whitehead anderen zu, ausgerechnet er ohne zu ahnen, dass er damit seine Schüler ins Chaos stürzt. So sei denn gar das >Noch-Nicht-Bewusste< von Bloch selbst präzisiert: Der Hintergrund für >Das Prinzip Hoffnung< ist die «spekulative Philosophie» und nicht der zu dulden habende «subjektive Sinn» von Weber.
Worum es Bloch geht, kann verstanden werden, wenn Freuds Buch >Massenpsychologie und Ich-Analyse< bekannt ist, dort steht ja u.a., dass Freud Gegenwart und Vergangenheit verknüpft, demgegenüber Nietzsche Zukunft und Gegenwart verbindet. Vom soziologischen Standpunkt sind bei Blochs >Prinzip Hoffnung< zwei Dinge zu korrigieren: 1) Die fehlenden Werke von Freud und Nietzsche sind aufzunehmen, um den Wert von Blochs Schrift einschätzen zu können; und 2) es ist das Hauptwerk von Marx (>Das Kapital<) zu welchem Bloch einen engen Kontakt hat. Aber ich sagte es schon bezüglich Tönnies, dass die angeblichen Freundschaften in der «Gesellschaft» nicht weit vom Blödsinn entfernt sind.
Bloch lehnt in seinem Werk nach seiner Entwicklung alles rigoros ab, was nicht mit Marx in Einklang gebracht werden kann. Allerdings hat er seine liebe Mühe mit Hegel und Marx. Hegel ist übertragen so etwas wie ein Kopf oder der Geist, Marx hat etwas mit den Füßen oder dem Handeln zu tun. Nun gilt als gesichert, dass ohne Geist (oder Theorie) die Materie (oder Praxis) oder umgekehrt auch nicht weiterhilft. Bloch erkennt zunächst einmal, dass das Denken Schnelleres und Weiteres ermöglicht (z.B. das Ziel) und die Arbeit notwendig und eng ist (z.B. das Mittel). Aus diesem Dilemma befreit sich Bloch nicht mehr, d.h. utopische Ziele lassen sich enorm viele bilden, aber die Möglichkeiten für die >Naturalisierung des Menschen, Humanisierung der Natur< sind begrenzt.
Bloch beschreitet hier nun den Weg vom idealistischen Denken (Hegel) zum praktischen Handeln (Marx), d.h. eine geistige >Genesis< muss über eine revolutionäre >Wurzel< gewollt sein, um das zu erreichen, was mit einer >Kindheit< entstehen könnte. Das wäre für eine grobe Genetik schon eine immense Aufgabe: Skelett von Hegel, Fleisch von Marx, Sinn von Weber und Geist von Bloch. Die visionäre Utopie oder die progressive Eschatologie hat da durchaus andere Vorstellungen, aber auch das konnte Bloch nicht wissen, denn das «Genom» wurde erst im Jahre 2000 veröffentlicht. Nun gut, so weit ist selbst die utopischste Version, Prognose, Progression oder Spekulation der neuesten Genomforschung nicht. Aus wissenschaftlicher Motivation sei erwähnt, dass Freud sein Augenmerk auf «Träume» richtete und Bloch sein >Prinzip Hoffnung< mit Geschichten beginnt, eben mit der Überschrift >kleine Tagträume<.
Bedenkend, dass Bloch dieses Werk ungefähr während des Zweiten Weltkrieges für die Zeit danach in den USA schrieb, wird schon verständlicher, dass es gerade in der BRD dann wie eine «Morgenröte» (Nietzsche) aufgesogen wurde, ähnlich wie ein trockener Schwamm das Wasser aufnimmt. Weit weg vom Stile Webers war es nicht, aber Zukunft zum Besseren versprach es. Der springende Punkt ist z.B. der Satz: >Das Noch-Nicht-Bewusste insgesamt ist die psychische Repräsentierung des Noch-Nicht-Gewordenen in einer Zeit und ihrer Welt, an der Front der Welt<. Es passiert damit das Unvorstellbare, denn dunkel ist nun alles, also sowohl Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Nach Freud käme eine kranke Person zu dessen Psychoanalyse, mithilfe der Übertragung versuchte dieser ihr zu helfen. Nach Bloch wäre wichtig, der Masse zu zeigen, welche positiven Ziele die Menschheit hat, so dass das Endziel (>Alles und Nichts<) >Naturalisierung des Menschen, Humanisierung der Natur< schnellstens über Revolutionen noch in dessen Generation (>Jungbrunnen<) erreichbar wird. Lange Rede, kurzer Sinn: in der Praxis versuchte Freud bei den kranken Personen das Leid zu lindern, in der Theorie hat Bloch schon gefunden, was den gesunden Akademikern Not tut.
Freud beschäftigte sich mit «unbewussten, bewussten und vorbewussten» Phänomenen. Bloch fügte die Kategorie des >Noch-Nicht-Bewussten< hinzu, also jene Variante, die geistig gedacht aber von keinem Menschen überhaupt erlebt werden kann. Denken kann bis zum «big crash» (Folgenatur) vordringen und sogar den Bogen vom «big bang» (Urnatur) bis zur Folgenatur spannen, allerdings verbleibt der lebende Körper stets in seiner Gegenwart mit seinen sozialen Milieus Kindheit, Erwachsenheit, Altheit. Klar, vom utopischen Zustand gilt u.a. seit Tönnies, dass die Antike alt und die Neuzeit jung ist. Um es hier beim >Prinzip Hoffnung - Erster Band< vermerkt zu haben: Quasseleien über Bloch z.B. von Habermas, GmbH und Co. KG, sollten zwei Möglichkeiten nicht ignorieren: 1) jede Nähe zu Simmel, Weber und Adorno schützt vor Dummheiten nicht; und 2) bereits mit Blochs erstem Band lässt sich erkennen, wie riskant es ist, von der «wirtschaftlichen Globalisierung» schon tagsüber zu träumen.
Wenn man|frau in der Lage ist, Ideologien einmal nicht in den Vordergrund zu stellen, und somit Bloch vor allem auf die klassische Soziologie zu spiegeln, dann wird leicht erkennbar, weshalb der erste Band von Blochs Hauptwerk >Das Prinzip Hoffnung< bereits verrät, weshalb es zum Meilenstein in der akademischen Soziologie wurde. Ansonsten gerät man|frau allzu leicht auf einen Pfad, den Prognostiker gegangen sind, eben der >Entfremdung und Verfremdung< zu verfallen.
Nehme man|frau wie es ist, Blochs >Entdeckung< ist ein Mittel aus dem AGIL-Schema von Parsons, wäre es anders, gerät man|frau ins Schattenreich von 1933-1945. Ich erwähne es ungern, aber nach den neuesten Nachrichten über die Welt ist Freud mit seinen zwei Grundtrieben inhaltsreicher als ein mittelalterliches Zerdeppern aufgrund von Idealen oder Idolen oder Illusionen.
Und nicht vergessen: Bloch tut sich schwer mit Platon, lieber schaut er auf Aristoteles, d.h. der Tagtraum von der Erziehung eines Mächtigen gärt auch hier. Um es für die moderne Soziologie auf den Punkt zu bringen: Wer sich erdreistet, über Parsons etwas zu wissen, der sollte diesen ersten Band von Bloch schon kennen und gelesen haben, da sonst gar nicht gewusst sein kann, was Parsons mit seiner «L-Kategorie» meint. Bedacht sei auch, dass dieses Buch im Zweiten Weltkrieg geschrieben wurde, aber erst viel später veröffentlicht wurde, d.h. aus ganz bestimmten Gründen umschiffte Bloch das Grauen.
Zum Schluss bleibe nicht unerwähnt, dass Bloch schon wusste, was Lewin (siehe Rezension) schrieb, aber selbst Adorno hat es nicht begriffen, weil er eigentlich Bloch gar nicht mochte. Also eine Menge Zündstoff findet sich im ersten Band von Bloch, aber um das zu verstehen, müsste er erst einmal gelesen sein. Womit ich auch anrege zu bedenken, dass sich vieles sagen lässt (z.B. im TV usw.), aber nicht unbedingt alles als Lehre gelten kann. Positiv gesprochen: nicht dem Dulden (Weber), dem Redeschwung (Simmel), der Attraktion (Adorno) usw. leichtfertig folgen, sondern durchaus einmal mehr über Nacht- und Tagträume nachdenken.
noz
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