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| Leseprobe zu «Im Spiegel der Möglichkeiten»
Kapitel «Neues aus dem Jennseits»
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Ja, das war ganz Wendur, der da dozierte. So wie immer in Ureda. -- Ureda! Gehört der Alte nicht dorthin? Was macht er eigentlich hier? Und sie selbst, wohin gehört sie? Sie ist hier auch fremd, als Iris sogar sich selbst fremd. Nur unkonzentriert hörte sie dem Redner weiter zu.
»So kann man auch die scheinbar fantastische Theorie der Atomphysiker verstehen, wir erzeugten die Zustände in der Welt erst durch unsere Beobachtung. Mathematisch besteht der Möglichkeitsraum aus Wellenfunktionen von Wahrscheinlichkeiten, die aufeinander treffen und interferieren. Im Augenblick bewusster Wahrnehmung bricht die Interferenz zusammen: die Wahrscheinlichkeiten addieren sich im Beobachter zur Realität.«
Das alles ist unreal, kann gar nicht sein: Wendur nicht und nicht das Plakat mit ihrem eigenen Gesicht hinter ihm. Ist auch das umgekehrte Phänomen möglich: dass Realität sich wieder in Interferenzen auflöst?
»Machen wir es uns noch einmal klar: Im Subatomaren existieren keine Teilchen und kein Raum und keine Zeit, nur Wahrscheinlichkeiten. Erst wenn ein Beobachter mit seiner Denkweise von Masse, Raum und Zeit diese subatomare Welt ordnen und verstehen will, erhält sie diese Existenz. Aber es ist die Realität dieses Beobachters und nicht die Wirklichkeit, die ein Beobachter aus einer anderen Welt erkennen würde.«
Als Siri aus einer anderen Welt ist ihr das verständlich, doch hier klingt es absurd, zumindest bedeutungslos für eine Iris und ihr Leben und das all dieser Menschen hier.
»Es ist wie bei der Fledermaus, welche die Welt hört, die wir sehen. Es gibt im Sinn moderner Erkenntnistheorie keine objektive Welt, die Mensch und Tier unterschiedlich wahrnehmen: Es sind zwei wahre Welten. Nur die Verwandtschaft der Beobachter, der gemeinsame Stammbaum bedingt Übereinstimmungen. Daher kann ein Mensch registrieren, dass die Fledermaus einen Falter fängt, auch wenn er weder die Welt kennt, die sich die Fledermaus geschaffen hat, noch diejenige des Falters. Beide Tiere sind nur deswegen Objekte unserer Welt, weil wir vom gleichen Lebensbaum sind.
Sie interferieren weiter als Möglichkeit, addieren sich mit der unseren nicht zu einer gemeinsamen oder gar übereinstimmenden Realität. Denkt, liebe Gäste und Leser, an die Flächenwelt oder das Beispiel vom Treffpunkt ohne Zeitunterscheidung! Realität ist, so paradox es klingt, ebenso relativ wie: hier, jetzt oder ich. Nur durch Abgleich des Individuellen über Kommunikation wird subjektive Realität zur Verbindlichkeit des Kollektivs. Je mehr man sich austauschen kann, je besser man das Spiegelspiel spielt und die Unterschiede zum neuen Ganzen summiert, umso größer ist die Schnittmenge der Welten, die im Unendlichen zur Vereinigungsmenge wird.
Alle Verwandtschaften in der Mittleren Welt sind natürlich -- den Begriff natürlich benutze ich bewusst -- sehr viel enger als die Beziehung zum dem, was wir einerseits den Mikrokosmos oder andererseits den Kosmos nennen. Dennoch sind wir mit beiden Welten natürlich verbunden. Denn mein Körper besteht aus Atomen, die im Kernfeuer längst zerplatzter Sonnen zusammengebacken wurden, meine Gehirnzellen nutzen die Unschärfe der Quanten, und mein Bewusstsein lebt aus der Asymmetrie seit dem ungehörten Knall. Es gibt den Bezug, der mich mit allem verbindet, mich einbettet in das gesamte, volle und lebendige Universum. Doch es sind entfernte Beziehungen, die nicht mehr wahrgenommen, nur mehr gefühlt und geahnt werden können: in der Verkettung allen Seins.
Die Bilder, die wir uns von dieser Beziehung machen, sind metaphysischer Art und bezeichnend für das Selbstverständnis jeder Generation: von der mythischen Schildkröte, welche die Welt trägt, über das harmonische Weltall mit der Erde im Mittelpunkt -- hier, jetzt, ich -- bis zur Relativitätstheorie und langsam zu dem, dass es analog dem Mikrokosmos auch im Weltall weder Körper noch Raum noch Zeit im eigentlichen Sinn gibt, nur Kräfte, die uns so erscheinen. Wir können Wahrheit nicht vom Menschen lösen, erst recht nicht Qualität und Wert.
Unsere Wertordnung ist Ausdruck unserer Weltordnung, und diese ist geprägt von der Größenordnung: Im Mikrokosmos gibt es nur Virtualität, das All ist letztlich ein Ganzes. Beides können wir nicht an sich erkennen, nur in uns ahnen. Mit den Denkkategorien unserer mittleren Erfahrungswelt aber müssen wir überall differenzierte, bewegte Einzelobjekte sehen. Haben wir sie derart erfasst, so ordnen wir sie ein in die Erfahrung unserer eigenen Dimension. Doch aus einer anderen Perspektive kann unsere Mittlere Welt sowohl Mikrokosmos als auch Makrokosmos sein.«
Dem Mädchen war, als sei sein Stichwort in einem Stück gefallen. Es wusste, nun hat es vorzutreten, um mit Beifall auf dem kleinen Podium empfangen zu werden, sich einen Stuhl heranzuziehen und zu Wendur zu sagen: »Aus meiner Sicht ist's Bahnhof, sogar ein spanischer Doppelbahnhof.«
Wendur nahm den Dialog sofort auf: »Ein Bahnhof, der dem sprachlichen Kosmos einer Lebensphase angehört, die du in deiner raschen Entwicklung als Siri überwunden zu haben schienst. Aber lass ihn einen Bahnhof auf der Reise durch den Möglichkeitsraum sein. Und lass mich mit einem Beispiel zu erklären versuchen, wie Mikrokosmos und Makrokosmos zusammenfallen, wenn sie nur Sicht- oder Denkweisen sind: Derzeit, das heißt seit Abertausenden von Jahren, schluckt unsere Milchstraße eine kleine, genannt Sagittarius-Zwerg. Und in vier Milliarden Jahren wird sie sich mit einer weiteren, Andromeda, vereinen. Für uns sind das unvorstellbare zeitliche und räumliche Dimensionen, gewaltige Massen und jede Erfahrung übersteigende Kräfte. Der Beobachter einer anderen Erlebniswelt aber spricht, wenn er den gleichen Vorgang beobachtet, vielleicht von einer raschen chemischen Reaktion in einem Reagenzglas. Aus wieder anderer Sicht schaffen wir vielleicht in unserem Reagenzglas ein Universum, und !
in diesem stellt sich einer die gleichen Fragen und ...«
»... programmiert vielleicht auf seinem Rechner eine virtuelle Welt, und die ist die unsere! Dann erklärt sich der ergrabene Spruch: Das Universum krümmt sich in sich selbst zurück.«
Siris Stimme verriet mehr Begeisterung als Erschrecken, und Wendur erklärte: »Virtuelle, also mögliche, für uns aber nicht reale Welten mit virtuellen Bewohnern existieren schon zu Hauf in unseren Computern. Früher versuchte man, zur Simulation ein System zu durchschauen, berechenbar zu machen und nachzubilden. Heute definiert man Regeln und lässt den Zufall zu, um zu sehen, wie sich Systeme entwickeln. Dabei zeigt sich, dass jedes System viele mögliche Geschichten durchlaufen oder schreiben kann. Jede hat eine gewisse Wahrscheinlichkeit. Zufallsereignisse bewirken Zufallsergebnisse. Wenn diese systematisiert und wie eingefrorene Zufälle wiederholt werden können, ist das Ergebnis scheinbar determiniert. Doch der Gegensatz zum Zufall ist die Regelhaftigkeit, und Regeln sind Vereinbarungen. Bleiben sie erhalten, kann mit hoher Wahrscheinlichkeit die weitere Geschichte vorausgesagt werden; bleibt aber Zufall im Spiel, entstehen trotz einfachster Grundregeln immer komplexere Syste!
me, deren Zustände nicht mehr vorhersagbar sind. Das ist das eine, das alle Jünger des Herrn Laplace ausprobieren sollten, um an die Grenzen der Berechenbarkeit zu stoßen, sie vielleicht zu überwinden und in ein Jenseits ihrer bisherigen Vorstellung zu gelangen.
Das andere ist, dass wir bei solchen Computersimulationen die Möglichkeiten der virtuellen Welt schaffen, diese Welt aber nicht in ihrem wahren Wesen -- und jetzt wird das folgende Wort paradox -- wahr-nehmen können. Was wir wahrnehmen, ist das Bild der virtuellen Welt: es ist unsere Vorstellung, nicht wahre Erkenntnis. Ob wir Zahlenreihen ausdrucken oder Tonsignale erzeugen lassen, ob unsere Registrierung sich im Flackern von Lämpchen oder kleinen Figuren äußert, die auf dem Bildschirm herumlaufen, das alles ist kein Teil jener Welt, lediglich austauschbare Veranschaulichung eines uns verborgenen Geschehens.«
»Ich kapier's: Es ist egal, ob wir die Figuren als blaue Schlümpfe oder nebulöse Schatten durch Wüsten oder Höhlen laufen lassen, wir dürfen die Veranschaulichung nicht mit objektiver Wirklichkeit verwechseln. Ein Bewusstsein im Computer würde sich gewiss nicht als virtuelle Figur wahrnehmen, den Computer aber als Universum.«
»Das Bildschirmgeschehen ist die Abbildung von Prozessen, die jenseits unserer Erfahrungen ablaufen. Und sie laufen auch ohne Bildschirm und Ausgabemedium weiter, solange die Prozessoren arbeiten. Die virtuelle Welt existiert in der ihr eigenen Form auch dann, wenn wir sie nicht beobachten. In dem Moment aber, in dem wir das Prozessgeschehen wahrnehmen wollen -- in unseren Kategorien und mit unseren Mitteln, etwa auf einem Bildschirm oder einem Ausdruck --, wird es für uns Realität.«
»Verstanden: Dann entspringt dem Kosmos der Möglichkeit unsere spezifische Realität, dann erschaffen wir sie, lassen das Virtuelle zur Wirklichkeit werden.«
»So ist es. Jedoch -- auch das ist paradox -- bleibt das virtuelle Geschehen, das wir ermöglicht haben, selbst dann von uns abhängig, wenn wir es nicht verstehen oder nicht einmal registrieren. Beispielsweise könnte es von uns, als Herrn der Soft- und Hardware, unterbrochen und auf einen anderen Rechner -- gleichsam in ein anderes Universum --übertragen werden, ohne dass dies für ein bewusstes Wesen im inneren System registrierbar wäre. Dieses kann nur die Regeln des Programms als Logik und Naturgesetz interpretieren, nicht das, was dahinter oder darüber steht und ihm immer Metaphysik bleibt.«
»Es ist wie bei den Gums, deren Welt und Physik erhalten bleiben, auch wenn ein anderer Mensch oder eine Maschine den Gummi weiterspannt.«
»Ja, die intelligenten Gums müssen ihre Erfahrungswelt wirklich nennen, so wie wir die unsere. Uns aber können sie nicht wahrnehmen. Die Gums, die erkennen, dass sie zu Erkenntnissen fähig sind, werden -- wie wir -- jedem Ding selbstverständlich physische Kräfte zusprechen, die geistigen aber sich selbst oder ihresgleichen vorbehalten. Doch warum soll Geist nicht eine ebenso natürliche Eigenschaft oder Kraft in allen Dingen sein?«
»Warum? Weil alles absurd wird, wenn jedes Ding Geist hat und womöglich denkt.«
»Absurd? Nicht vielleicht verständlicher? -- Ich behaupte nicht, dass es so ist, doch es ist auch nicht beweisbar, dass es nicht so ist, weil wir bestimmte Denkformen besitzen und spezifische, damit aber auch eingeschränkte Formen der Wahrnehmung. Unverständliche Laute werden zu sinnvollen Sätzen, sobald man sich eine fremde Sprache angeeignet hat. Unspürbare Wellen werden zu Fernsehbildern, sobald wir sie dekodieren. Doch sie bleiben völlig unbeobachtet und bedeutungslos, wenn wir es unterlassen.
Entschlüsselt ein zehn Lichtjahre entfernter Außerirdischer die dort eintreffenden Signale eines starken Senders, so sind es die Programme, die hier vor zehn Jahren ausgestrahlt wurden und sich seither immer tiefer in den Weiten des Alls verlieren. In tausend Jahren können sie zur Realität eines unfassbar weit entfernten Sonnensystems werden, sofern dort einer die Technik hat, die schwachen Signale aufzunehmen, umzuwandeln und sich bewusst zu machen. Und was erfährt er von unserem Sonnensystem und unserer Erde? Vielleicht, dass hier ein Androide namens Data auf einem Superraumschiff in nahezu heiler Welt lebt, falls er gerade eine Folge von Star Trek dekodiert. Sind es aber die täglichen Nachrichten, so folgert er, dass der Blaue Planet voller Hunger, Katastrophen und Gewalt ist.«
»Jetzt folgere du nur noch, unser Weltall sei eine vor ein paar Milliarden Jahren ausgestrahlte Sendung von einem Ort, den wir Big Bang getauft haben!«
»Selbst dieses Gedankenspiel könnte uns bei der eigenen Einordnung und zum Verständnis des Ganzen helfen. Nicht zufällig dient bei Star Trek das Holodeck dazu, Fantasien auszuleben und Geschichten zu erfinden, die den Serienhelden oft zur Selbsterkenntnis und zum Durchschauen von Täuschungen verhelfen.
Nahezu alle Fantasien früherer Zeiten sind heute als Realität übertroffen. Die Erfahrungen, die wir aus der Welt des Internet, der Simulation und der virtuellen Welten gewinnen, eröffnen im wahrsten Sinn neue Dimensionen. Tatsächlich vermitteln uns die Massenmediensysteme längst eine vermeintlich gemeinsame Wirklichkeit, bei der jedoch Realität in bestimmter Form abgebildet, ja inszeniert wird, oft Fakt und Wertung ununterscheidbar sind. Individuelle Erfahrung wird durch weltweit gleiche, schablonenartige Muster ersetzt, wie sie die Massenmedien liefern. Immer mehr überzeugen uns die neuen Medien mit ihrer Mischung aus Game, Show und News, mit Aufzeichnungen zum einen, weltumspannender Gleichzeitigkeit zum andern von einer Wirklichkeit, die sich virtuellen Computerwelten nähert.
Computerwelten aber sind mathematischer Realismus. Im modernen Gewand sind sie, was Platon als unkörperliche, doch wahre Welt einführte: eine Ideenwelt, die uns alle zutiefst prägt. Wenn Philosophen, Wissenschaftler und Gläubige Recht haben, dass materielle Objekte von den Sinnen wahrgenommen werden können, Ideen, mathematische Objekte oder Gott aber vom abstrakten Denken oder der Vernunft, dann sind virtuelle Welten wahr. Dann liegt der Unterschied allein in der Illusion eines bestimmten Standpunkts: die materielle Welt ist genau die abstrakte Welt, die uns enthält, und unsere physikalischen Gesetze sind das Regelwerk dieser Simulation. -- Das Jenseits ist immer und überall. Es ist das jeweils für einen bestimmten Erkenntnisstand Unerkannte. Nur der Standpunkt definiert, was Diesseits genannt wird. Zumindest gedanklich aber können wir die Position wechseln. Haben wir den trennenden Rubicon überschritten, wird er zum gewöhnlichen Bächlein.« |
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