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* Rezension

Rezension
Müller, H. (Hrsg.)
Das PRAXIS-Konzept im Zentrum gesellschaftskritischer Wissenschaft
Books on Demand GmbH; Norderstedt 2005

Der Sammelband kann jedem mündigen Bürger und jeder mündigen Bürgerin empfohlen werden. In den 12 Beiträgen einer Tagung geht es sechs Autoren und einer Autorin darum, die kritische Sichtweise auf unsere gesellschaftliche Entwicklung zu vertiefen und ein positives Gegenkonzept zur «katastrophalen» neoliberalen Globalisierung zu entwickeln. Ein Gegenbegriff lautet «paritätische Mondialisierung» und er ist mit der Idee einer «sozialwirtschaftlichen» Transformation verknüpft. Dieser Entwicklungspfad ist, so H. Müller, «real möglich» wie gesellschaftlich letztlich unumgänglich. Eine besondere Arbeit, auch das sei eingangs nicht verschwiegen, stellt der Beitrag der Autorin (M. Thom) dar. Wir lernen hier die Sichtweise der ehemaligen Direktorin des Leipziger Instituts für Philosophie bezüglich «der theoretischen Auffassungen von Karl Marx» kennen.
Doch nun sei das Buch soziologisch näher betrachtet. Dies bietet sich schon deshalb an, weil nach dem ersten wichtigen Vertreter der «klassischen Soziologie», Tönnies («Marx – Leben und Lehre»), die Wissenschaft Soziologie ohne Marx schwerlich denkbar ist. Und Marx spielt zweifellos eine Hauptrolle im «PRAXIS-Konzept».
Das «PRAXIS-Konzept» ist allgemein gesprochen ein gesellschaftswissenschaftlicher Ansatz, dessen Ziel es ist, Materialismus und Utopie in einem aufgeklärten Praxisdenken zu vereinen. Der Ausdruck «Utopistik» weist provokativ darauf hin und lehnt sich, wie angemerkt ist, an ein Konzept des Weltsystemtheoretikers Immanuel Wallerstein an. Dies ist etwas Neues, zumal dabei als «theoretische Grundlage» Feuerbach, Marx, Bloch und Bourdieu (H. Müller) reklamiert werden. Mit dem Neuen, mit «Marx als Vorausdenker» und mit der einhergehenden Dialektik seien auch gleich ein paar Erkenntnisse hinzugefügt.
Der Text des Franzosen P. Bourdieu (175 ñ 180) ist kurz und gewaltig, denn er enthält den Begriff «Anomie», den er dem zweiten wichtigen Vertreter der «klassischen Soziologie», Durkheim («Der Selbstmord»), verdankt. Nicht ohne Grund schreibt Bourdieu: «Es herrscht tiefe Mutlosigkeit ... Widerstand ... kann nur dann ... frei ... sein, wenn er sich auf eine konzertierte Aktion von Intellektuellen ... stützt ... Der Sozialwissenschaftler ... könnte bei dieser Gelegenheit daran erinnern, dass die Soziologie ... eingreifen müsste ...» Im Hinblick auf die zitierten und kritisierten Gesellschaftswissenschaftler sei den Autoren mitgeteilt, dass die Wissenschaft Soziologie weder mit dem Namen Luhmann noch mit dem Namen Habermas oder mit beiden allumfassend beschrieben ist. Sie stellt als Normaltyp eine Assoziation der «klassischen, akademischen und modernen Soziologie» dar. Luhmann und Habermas zählen, falls überhaupt, denn überprüft haben es die wenigsten, zur «akademischen Soziologie». Hauptvertreter dieser «akademischen Soziologie» ist Parsons, Wegbereiter der «modernen Soziologie» sind Stark und Elias. Eine in dieser Hinsicht breiter geführte Diskussion wäre wünschenswert, auch im Sinne der Autoren zur Profilierung ihres Konzepts.
Bourdieu sagt also etwas Wichtiges über den praxiszentrierten Ansatz aus, aber darüber hinaus ist zu unterstreichen, dass eine «gesellschaftskritische Wissenschaft» ohne Marx tatsächlich zum Scheitern verurteilt ist. Dies hat viele Gründe und anhand des Sammelbandes möchte ich dies näher erläutern. Ohne Umschweife kann ich dieses Buch, wenn die polemischen Spitzen bezüglich der Soziologie relativiert sind, als bahnbrechend für eine «Praxisphilosophie» anerkennen. Um dies an einigen Punkten besser zu verstehen, sei ungeübten Personen in Punkto Karl Marx empfohlen, zumindest von diesem die so genannten «Frühschriften» und «Das Kapital» hin und wieder einmal selbst in die Hand zu nehmen.
Der Sammelband gliedert sich in drei Teile: Grundlagen, Aktualität und Alternativen. In der «Einleitung» (H. Müller) wird mit Hinweis auf fehlende Zukunftskonzepte der aktuellen Sozialbewegungen ein Grundgedanke hervorgehoben: «Die Konzeptualisierung einer nicht-kapitalistischen Ökonomik muss an die Marxsche Wert- und Kapitaltheorie als wirtschaftstheoretisch überlegene Vorleistung anknüpfen.»
Die «theoretischen Grundlagen» umfassen fünf Beiträge. Im ersten Beitrag (H. Müller) wird erläutert, dass ausgehend von Feuerbach die «Konkretionsleistungen» von Marx eine herausragende Stellung im Zusammenhang der Entwicklung «zu einem ausgeformteren Typus utopisch-kritischer Wissenschaftlichkeit» besitzen. In der Folge sind dann weiter vor allem Bloch («Das Prinzip Hoffnung») und Marcuse («Kritische Theorie der Gesellschaft») wichtige Denker, um zum «Utopismus» von Bourdieu zu gelangen. Wenn schon Marcuse und Bloch erwähnt sind, dann braucht nicht vergessen zu werden, dass dann auch noch Freud («Das Unbehagen in der Kultur») und Weber («Wirtschaft und Gesellschaft») so unwichtig nicht werden.
Im zweiten Beitrag (M. Thom) geht es u.a. um die «Eigenständigkeit des Denkens von Marx». Hierbei stehen die «Fragen sowohl nach der Entstehung der Entfremdung als auch den Bedingungen ihrer notwendigen Aufhebung in der Zukunft» an. Eine wesentliche Streitfrage in der Diskussion der DDR-Philosophie zum Schlüsselbegriff Praxis war, ob im «Aufsteigen vom Abstrakten zum Konkreten» der «Praxis-Begriff ... analog der ... Zellenform Ware» angesehen werden kann. Thom wendet sich dagegen und gegen jede Dogmatik mit dem Resümee, dass «Marx seine Methode als ein interdisziplinär angelegtes Forschungsprogramm skizziert».
Im dritten Beitrag (W. Schmied-Kowarzik) wird nochmals betont, dass der Ansatz von Marx nicht «als Synthese und Fortführung ... von Hegel und Feuerbach» anzusehen ist. Bei Marx geht es nicht nur um die positiven Seiten der Arbeit, sondern in der Hauptsache um Entfremdung: «Aufdeckung dieses wirklichen Widerspruchs ... Erklärung seiner Entstehung und die Forderung seiner Aufhebung»: Die Marxsche Perspektive einer Gesellschaft «frei assoziierter Individuen» ist demnach weiter maßgeblich.
Im vierten Beitrag (G. Quaas) wird «die Ergänzung des Marxschen Arbeitsmodells» durch kommunikationstheoretische Elemente, die dem amerikanischen Sozialphilosophen G.H. Mead entlehnt sind, in Angriff genommen. Hierbei geht es darum, unterschiedliche Theorien als sich ergänzend und komplementär zu verstehen, um eine im Marxschen Ansatz vermutete erkenntnis- und bewusstseinstheoretische Lücke zu schließen.
Der fünfte Beitrag (H. Fleischer) rückt den «Geschichtsbegriff» ins Zentrum. «Geschichte ist Selbsterzeugung des Menschen» im Vollzug deren wirklicher praktischer Lebensbetätigung, so aber ein Realisationsprozess «ohne übergreifende Teleologie», in dem statt derer eine «situationsspezifische Finalität menschlichen Intendierens und Reagierens» wirkt. Geschichts-Anschauungen entwickeln sich aus einem «durch Teilhabe gewonnenen Vollzugswissen» und hängen entscheidend davon ab, «was man für ein Mensch ist».
Unter dem Leittitel «Aktualität» finden sich drei Beiträge. Im sechsten Beitrag (W. Schmied-Kowarzik) ist zu lesen, dass das «Scheitern des real-existierenden Sozialismus» im Grunde «die Befreiung der Marxschen Theorie aus einer sie beengenden Fesselung» bedeutet.
Im siebten Beitrag (H. Fleischer) wird vermerkt, dass sich die heutigen gesellschaftlichen Probleme und die «soziale Zivilisationsdynamik» nicht mehr unter Veranschlagung traditioneller marxistischer Denkschemata verstehen lassen, sondern sie entstehen u.a. «in der horizontalen und der vertikalen Arbeitsteilung». Eine ähnliche Auffassung, so sei vermerkt, wurde seit 1953 in der Soziologie über Parsons als «cross-cutting-Modell» favorisiert.
Der achte Beitrag (P. Bourdieu) fragt insbesondere nach der «Rolle der Intellektuellen», denn diese wurde von Marx ein wenig in den Hintergrund geschoben. Der Antagonismus zwischen Bourgeoisie und Proletariat lässt dafür wenig Raum, was schon Durkheim auffiel.
Im letzten Themenbereich geht es um die Frage einer wirtschafts- und demokratietheoretisch begründeten, vorerst «prototheoretisch» ausgewiesenen «Systemalternative». Hier finden sich vier Beiträge, deren Quintessenz sich vielleicht auf eine Faustformel bringen lässt: Im bestehenden «kapitalwirtschaftlichen» Zusammenhang dominiert die «industrielle Warenproduktion» den Reproduktionsbereich der jetzt so genannten «sozialwirtschaftlichen Dienste» – ein Verhältnis, das umgekehrt und paritätisch organisiert werden kann, so dass daraus die neue «Wirtschaftsverfassung» einer «Sozialwirtschaft» entsteht.
In diesem Sinne wird im neunten Beitrag (H. Müller) die Hoffnung, «auf eine mögliche ganz andere Organisation der Wirtschaft und Gesellschaft» ausgesprochen. Nach dem Zusammenbruch «der Kommandowirtschaft» (UdSSR) und den «katastrophalen Konsequenzen der neoliberalen Globalisierung» (USA) ist eine utopisch-kritische Gesellschaftstheorie – die entschieden über bisherige «Kritische Theorie» hinausgeht - praktisch angefordert und sind die Folgen nicht einfach zu erdulden. Vielmehr kann und muss die immer schon erhoffte Alternative wissenschaftlich konkretisiert werden.
Im zehnten (G. Quaas) und elften Beitrag (W. Hoss) Beitrag stehen Überlegungen über ökonomischen «Wert» und zum gesamtgesellschaftlichen Reproduktionszusammenhang an, um die Marxsche Grundformel «c+v+m=w» mit gegenwärtigen Zuständen und der volkswirtschaftlichen Statistik abzugleichen. Hierbei zeigt vor allem, dass «die Tätigkeit des Staates bzw. seiner Bediensteten» oder auch die Arbeit im Reproduktionsbereich in der herkömmlichen Kapital-Theorie «als unproduktiv eingeschätzt» wird. Solche Ungereimtheiten erfordern Lösungen, denn «die Arbeiter können nicht leben ohne die Infrastrukturen des gesellschaftlichen und alltäglichen Lebens». In einem Gedankenexperiment wird der Maxsche Mehrwert m durch die steuerlich erhobene Staatsquote st ersetzt und es erscheint konsequenterweise die Formel «Y=c+v+st» als Ausdruck des gesamtgesellschaftlichen Wertehaushalts. Damit lässt sich eine «Non-Profit-Preisbildung» andenken. Allerdings bleibt die große Frage: «Wenn der Gewinn als Maß und Ziel des wirtschaftlichen Erfolges entfällt, was dann?» Der Autor stellt sich auch dafür eine Lösung vor. Zumindest bezüglich Weber kann ich darauf antworten: Da wird Webers («Religionssoziologie I – III) Idealtyp «Ethik» und sein «Geist des Kapitalismus» aber recht verschwommen wirken, um nicht zu sagen pulverisiert sein. Wenn das Marcuse, Bloch und Adorno hören könnten, würde man in der Tat einen großen Bogen um Luhmann und Habermas zu machen haben.
Im zwölften Beitrag empfiehlt H. Müller u.a. einen anderen Arbeitsbegriff: «die praktische Anerkennung jeglicher gesellschaftlich notwendigen, nützlichen und sinnvollen Arbeit als wertbildend» zu begreifen. Damit lassen sich Reproduktion (sozialwirtschaftliche Dienste) und Produktion (industriewirtschaftliche Warenproduktion) gleichgewichten. Diese Umwertung beginne, so die These, bereits in einem latenten ökonomischen Prozess an Kraft zu gewinnen. Sie erkläre nicht nur aktuelle Krisensymptome, sondern es lasse sich exakt daran mit einer alternativen Wirtschaftspolitik anknüpfen. Schade ist dabei nur, dass er die traditionelle «Hausarbeit» nicht erwähnt. Die geforderte Änderung des gesellschaftlichen Bewusstseins und die entsprechenden praktischen Konsequenzen lassen sich als «Konzept der sozialwirtschaftlichen Transformation» umschreiben. «Das PRAXIS-Konzept» ist damit auch auf einen politischen Nenner gebracht: «Es gilt folgerichtige Gegenstrategien zum sozialwidrigen Internationalismus der Kapitalwirtschaft zu entwickeln». Hier wird letztens der mutige Versuch unternommen, über die traditionell negatorische System- und Globalisierungskritik hinauszugehen.
Schwer zu leugnen ist tatsächlich, dass allgemein in Philosophie und Wissenschaft mehrere Darstellungen enthalten sind, die «den Charakter von Fetischbegriffen eines verspannten Epochenbewusstseins aufweisen» (H. Fleischer). Um da noch zur «Aufhebung der Entfremdung» zu gelangen, bedarf es in der Tat einer weitreichenden theoretischen Weiterentwicklung im Sinne «eines Aufsteigens vom Abstrakten zum Konkreten» und wohl auch im Sinne Bourdieus einer «kollektiven Diskussion». Wenn in der «akademischen Soziologie» von Parsons (1966) im zweidimensionalen Modell das Abstrakte oben und das Konkrete unten erscheint, ist das kein Beinbruch. Problematisch wird dies erst, falls einer glaubt, aus einer «Ideenproduktion» (K. Marx) heraus eine Wertbesetzung ins Bewusstsein festpflanzen zu können. In diesem Sinne ist vor allem die Kritik der Autoren an Luhmann («Soziale Systeme») verständlich, denn dieser erhebt wegen einer simplen Anordnung von Parsons das Abstrakte zum Höchsten und predigt dieses Aufsteigen. Die Kritik an Habermas («Theorie des kommunikativen Handelns) ist aus anderen Gründen verstehbarer, denn der bemerkt, dass keine Gesellschaftstheorie ernstgenommen werden kann, die nicht Parsons berücksichtigt. Wir haben hier nur scheinbar mit einer Abkehr von Marx zu tun, in Wahrheit geht es ihm um die Bedeutung der «akademischen Soziologie».
Der Sammelband ist nach langer Zeit der Enthaltung bezüglich Karl Marx eine kreative Anregung, um wieder an Marxens Theorien anknüpfen zu können. Vor allem sollte dabei der Hinweis auf «ein interdisziplinär angelegtes Forschungsprogramm» (M. Thom) ernst genommen werden. Dies gibt auch P. Bourdieu zu Protokoll, da er u.a. recht gut Durkheim («Regel der soziologischen Methode») kannte. Die Stärke vom «PRAXIS-Konzept» erblicke ich somit nicht in den Ausgrenzungen, sondern in der Suche nach wesentlichen «Anschlussmöglichkeiten» (Habermas).
Dabei ist wegen «Marx als Vorausdenker im 21. Jahrhundert» weniger von einer «Theoriekrise» (Luhmann) zu sprechen, sondern mehr ist darauf zu achten, dass die Anwendung im Konkreten nicht verloren geht. Dies wiederum kann nur dann gelingen, wenn die «sozialwirtschaftliche Transformation» nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch vorangetrieben wird.
Versteht man|frau nun noch «Das PRAXIS-Konzept» nicht nur als Sammelband, sondern gar als «Arbeitspapiere» (Working Papers), dann kann der Leser bzw. die Leserin dieses Buch nicht nur einfach lesen und anschließend weglegen, sondern es dient plötzlich darüber hinaus als Diskussionsgrundlage, Entwicklungsprogramm und Aufforderung zur Mitsprache. Die Unabgeschlossenheit des ausgefalteten «theoretischen Feldes» (H. Müller) und zugleich die bewusste Einmischung der gereiften und erfahrenen schreibenden Persönlichkeiten sind es, die dieses kleine Büchlein so interessant und wertvoll machen.

Norbert Zander

(Hg.) Horst Müller

* Das PRAXIS-Konzept im Zentrum gesellschaftskritischer Wissenschaft

Beiträge und Quellen einer Tagung

BoD-Verlag Norderstedt, Oktober 2005
305 S. / Eur 22,80