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Für eine emanzipierte politische Philosophie, wie überhaupt für gesellschaftsveränderndes Handeln, stellt das Praxis-Denken eine unverzichtbare Referenz und Inspirationsquelle dar. Der Ansatz kam mit Marx in die Welt und artikulierte sich im 20. Jahrhundert in einer bedeutenden europäischen Denkströmung, zu der Denker wie Antonio Gramsci, Herbert Marcuse und Ernst Bloch, in neuerer Zeit auch die Beiträge von Pierre Bourdieu zählen. Die Beiträge des Sammelbandes stoßen die Diskussion dazu neu an.

Das PRAXIS-Konzept zielt auf die Erneuerung des praxisphilosophischen Marxismus und dessen Weiterbildung als Paradigma moderner Wissenschaftlichkeit. Einführende Beiträge knüpfen, mit gründlichen Quellenhinweisen, an die Marxschen Ideen an und erschließen theoretische Vorleistungen. Es wird deutlich, wie unzureichend Marxinterpretationen ohne entsprechenden Fokus sind. Jetzt lautet die Frage, ob und wie die praktisch-materialistische Erkenntnisorientierung mit der Idee der konkreten Utopie verbunden und operativ gemacht werden kann.

Der Ansatz führt folgerichtig weiter zu Themen einer konkreteren Sozialanalytik und Historik unserer Zeit. Untersuchungen zum genuinen Charakter von Geschichtlichkeit und Geschichtsdenken werfen ein Licht auf aktuelle Situationsdeutungen und Sozialbewegungen. Die Marxsche Kritik bezüglich der Prekaritäten und Krisen unserer Produktionsweise, ebenso wie seine geschichtliche Emanzipationsperspektive, scheinen in einem Essay Bourdieus auf. Er wendet sich damit gegen den Neo-Liberalismus, fordert den kollektiven Entwurf einer sozialen Utopie und eine neue Ökonomie.

Als Schritt in diese Richtung verstehen sich Erörterungen zur volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung und zu kapitaltheoretischen Grundbegriffen. Schließlich wird in Überschreitung der Marxschen Prozessanalyse eine neue Reproduktionsordnung modelliert, welche die Umrisse einer System-Alternative zur Kapitalwirtschaft deutlicher machen soll. Das Konzept der Sozialwirtschaft berührt unmittelbar Fragen einer alternativen Wirtschaftspolitik und die Programmatik der modernen Sozialbewegungen.

Das PRAXIS-Konzept aktiviert das beste Erbe der politischen Philosophie. Es stellt Denkmuster der Systemopposition auf den Prüfstand und orientiert darauf, die gesellschaftliche Situation und ihre Zukunftsmöglichkeiten zu erhellen: Verändernde Praxis heute möchte über Angriffspunkte und Wege zu einer real möglichen, zivilisatorisch höher stehenden Wirtschafts-, Gesellschafts- und Lebensform informiert werden. Die Autoren des vorliegenden Sammelbandes laden zur weiterführenden Diskussion der aufgeworfenen Fragen und über ihre Thesen ein.

Das PRAXIS-Konzept im Zentrum gesellschaftskritischer Wissenschaft
Gliederung
INHALT

Einleitung
Zur Selbstverständigung über Kämpfe und Wünsche

7
Horst Müller
Der Bogen Feuerbach, Marx, Bloch, Bourdieu:
Realismus und Modernität des Praxisdenkens

24
Martina Thom
Das Praxis- und Wissenschaftsverständnis von Karl Marx -
Einige Fragen der Interpretation
41
Wolfdietrich Schmied-Kowarzik
Die Kernstruktur der Dialektik der gesellschaftlichen Praxis

85
Georg Quaas
Beiträge zu einer Erkenntnistheorie der Praxis:
G.H. Mead und Peter Ruben

109
Helmut Fleischer
Geschichtlichkeit und Geschichtsdenken

138
Wolfdietrich Schmied-Kowarzik
Marx als Denker im Zeitalter des Post-Kommunismus

156
Helmut Fleischer
Sozialmobilisationen und Krisenprospekte

163
Pierre Bourdieu
Neo-Liberalismus als konservative Restauration

175
Horst Müller
Zur Neuordnung des theoretischen Feldes der politischen Ökonomie

182
Georg Quaas
Wertrechnung und Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung

207
Wolfgang Hoss
Werttheoretische Überlegungen im gesamtgesellschaftlichen Reproduktionszusammenhang

229
Horst Müller
Sozialwirtschaft als Systemalternative

254
Anhang
Angaben zu den Autoren
Abstracts der Beiträge
291


(Hg.) Horst Müller

* Das PRAXIS-Konzept im Zentrum gesellschaftskritischer Wissenschaft

Beiträge und Quellen einer Tagung

BoD-Verlag Norderstedt, Oktober 2005
305 S. / Eur 22,80