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* Rezension

Rezension
Georg Gerry Tremmel

John Luther Long (1861-1927): «Madame Butterfly» (1898)
Das literarische Konzept der amerikanischen Kurzgeschichte im historischen Kontext
Logos Verlag; Berlin 2007

Das brillante Buch von Georg Gerry Tremmel stützt sich auf Puccinis Oper >Madama Butterfly< von 1904 und untersucht eine Hauptquelle für die Texte der Opertragödie. Diese Herkunft findet sich bei John Luther Longs Roman >Madame Butterfly<. Der Roman wird hier analysiert und heraus springen erstaunliche Ergebnisse einer modernen Wissenschaft, die zu Recht bisherige wissenschaftliche Arbeiten über Puccini kritisiert, weil sie nur «Sensationshunger» stillen wollen und Quelleninformationen einfach «passend» missbrauchen. Tremmel demgegenüber verdeutlicht, dass der eigentliche Inhalt von Long auf die «Umwertung der Werte» (Nietzsche) deutet, aber der Operntext daraus einen «kontrollierten institutionellen Wandel» (Parsons) macht. Die Brisanz für die Zeit vor 1933 und die Zeit nach 1945 ist somit nur schwer zu übersehen, womit dieses Büchlein (insgesamt 120 Seiten) einen überragenden Stellenwert erhält. Der Verweis auf die moderne Wissenschaft besagt u.a., dass sich bei einem Rückgriff auf die von Tremmel angegebene Primärquelle, eben die Oper von Puccini (z.B. über DVD – 1986 und CD – 1968), die Konsequenzen der Tragweite dieser Schrift enorm erhöhen.
Wie vielleicht bekannt, wurde durchaus die Kunst manchmal als Gegenpol zur Religion verstanden und zur Kunst gehört u.a. über Nietzsche mit seiner anfänglichen stürmischen Freundschaft zu Wagner vor allem die Musik. Die Musik wiederum wurde von vielen Philosophen, Psychologen, Soziologen, Anthropologen usw., kurz von den Humanwissenschaften immer wieder als typisch menschlich betrachtet. Nach langen theoretischen Entwicklungen ist es schließlich dem Soziologen Werner Stark (1987) eingefallen, von der Musik so zu sprechen, als ob diese auf ein «Gefühl der Unrealität» deutet. Dies ist zunächst kein Irrtum, aber Tremmel weist in seinem Buch darauf, dass sich hinter dieser Annahme oft auch Blauäugigkeit («heroische Herausforderung») und Unwissenheit («Sherlock-Holmes-Manier») verbergen, denn zunächst gilt es, sich bei Problemlösungen mit Tatsachen vertraut zu machen.
«Die vorliegende Arbeit soll Anregungen geben für einen richtigen Umgang mit historischen, in diesem Falle juristischen Fakten, die einen Zugang zum Verständnis der hier vorliegenden literarischen Materie ermöglicht.» In der Tat baute Puccini auf ein "Gefühl der Realität" und die Texter von ihm achteten auf geschichtliche Daten. In den Operntexten orientierte man sich, wie Tremmel nachweist, auf die Meiji-Restauration des alten Japans und verknüpfte dies geschickt mit der Weltausstellung 1904 in den USA (St. Louis).
Der Inhalt der Oper sei kurz über die in «außergewöhnlicher Weise bejubelte Aufführung von 1986» besprochen (DVD – Textbeilage). Das Bühnenbild war «ein nur aus Steinen und Sand zu bestehen scheinender Garten und darin das hölzerne Haus». Im ersten Akt steht die Hochzeit des amerikanischen Leutnants Benjamin Franklin Pinkerton und der japanischen Cio-Cio-San (Butterfly) im Vordergrund. Der Text (Cd – Textbeilage) verrät, worum es eigentlich geht: «So heirate ich (=Pinkerton) nach japanischer Art für 999 Jahre, doch mit dem Recht, mich jeden Monat daraus zu befreien!» Der zweite Akt erster Teil dreht sich um das Warten von Frau B.F. Pinkerton (Butterfly). Pinkerton verließ seine "Zerstreuung" kurz nach der japanischen Hochzeit und nun erhofft die Gattin zusammen mit ihrer Dienerin (Suzuki) sowie ihrem Kind (Trouble) die Rückkehr ihres Gemahls. Als der Konsul (Sharpless) eigentlich übermitteln sollte, dass der Leutnant nun mit einer Amerikanerin verheiratet ist, zeigt ihm Butterfly ihr Kind, «mit blauen Augen (und) goldenen Locken». Der Konsul sieht sofort, dass es amerikanisches Blut in sich birgt. Der zweite Akt zweiter Teil steigert sich zum dramatischen Ende. Die amerikanische Frau des Leutnants (Kate) soll mit der Hilfe von Suzuki das Kind zugesprochen bekommen. Der Leutnant zeigt Reue, der Konsul verweist auf seine Prophezeiungen (1.Akt), Butterfly schickt das Kind zum Spielen und verübt dann Selbstmord. Wie von Ferne hört man kurz vorher von B.F. Pinkerton dreimal den Namen Butterfly rufen, also biblische Symbole finden sich nicht wenige in der Oper, dann fällt der Vorhang.
Tremmel stützt sich vornehmlich auf die Kurzgeschichte von Long (1898): «dabei soll die japanische Institution "Zeitehe", die ja das zentrale Thema der Erzählung ist, aus juristischer Sicht kritisch reflektiert werden, um einen Bezug zur formalen und inhaltlichen Struktur des Werkes herstellen zu können.» Der Autor reflektiert dabei die Entstehungsgeschichte der Erzählung und stellt fest, dass Long über Cho-Cho-San (Butterfly) u.a. sagt: «Sie hat alles Menschliche». Tremmel analysiert dann die Handlung und erkennt: «Mittels der Institution "Zeitehe" verfolgt der Offizier von Anfang jedoch nur ein einziges Ziel: nämlich den totalen Identitätsverlust der Japanerin.» Er verweist ferner darauf, dass die amerikanische Ehefrau, Adelaide bei Long bzw. Kate bei Puccini, zum Schluss die Japanerin als «Spielzeug» tituliert.
Der Ehrverlust führt bei Butterfly zur Selbstmordabsicht. Aber bei Long hält das Kind die Japanerin schließlich von der Vollendung ab und am nächsten Tag, als Adelaide wohl wieder über das Kind reden möchte, ist das Haus von Madame Butterfly leer. Tremmel geht jetzt der Spur nach, die sich ergibt «aus dem Prozess der Heiratsvermittlung (über Goro) und deren Konsequenzen aus der Abreise bzw. Rückkehr des amerikanischen Marineoffiziers Benjamin Franklin Pinkerton für die Protagonistin Madame Butterfly.» Bei Long, so stellt Tremmel fest, liegt «der Akzent auf die Phase der Trennung und der Rückkehr des Offiziers.» Bei Puccini wird allerdings auf Amerika gesetzt: «America for ever» (CD – Textbeilage) und die drei Akte zeigen dann folgendes: 1) der Amerikaner dringt in die japanische Tradition ein; 2) Butterfly orientiert sich an amerikanischen Werten; und 3) die Amerikaner wollen nur das Kind abholen.
Tremmel zeigt, dass bei Long von Anfang an Butterfly in einer Übergangsstufe gefangen war. Von der japanischen Tradition wurde sie verstoßen und von den amerikanischen Werten nicht gemocht, sie wurde gar zum Selbstmord getrieben. Der Offizier allerdings sieht sich als naive Erlösung, wobei Tremmel bei ihm auch vom «Deformierungsplan» spricht. Im Anfang sind Pinkerton und Butterfly verheiratet und deshalb betrachtet Tremmel «das japanische Eheschließungsrecht», vor allem aber auch, weil der Hinweis von Long auf die "Zeitehe" eine solche Dramatik nicht erzeugen kann. Puccini ergänzte da mit dem «rechtlichen Rahmen der Eheschließung». Jetzt kann sich die ganze Tragödie entfalten, so Tremmel, weil der Amerikaner sich auf die japanische Tradition verlässt und die Japanerin auf amerikanische Werte hofft.
Was dabei passiert, ist sorgfältig von Tremmel dargelegt, nämlich Madame Butterfly wird «entpersonalisiert». Es ist beeindruckend, wie Tremmel dann auf der Grundlage geschichtlicher Erkenntnisse die Hauptpersonen der Oper >Madama Butterfly< analysiert, zunächst Pinkerton (Linkerton in der deutschen Übersetzung), dann Butterfly und schließlich die Beziehungen von Butterfly zu den anderen hier erwähnten Personen. Letztlich gibt Tremmel gar zu verstehen, dass über Pinkerton seine Gattin Butterfly «zur Mietfrau» des Prinzen Yamadori und sogar zur "Mietmutter" von Kate bzw. Adelaide hätte werden können. Nun, bei Long wird Butterfly oder die Generation im Übergang («Sie hat alles Menschliche») nicht in den Tod getrieben, denn Butterfly verzichtet und ergreift mit ihrem Kind die Flucht. Die Kurzgeschichte von Long, so Tremmel, dokumentiert eine globale Umstrukturierung, die sich «an den westlichen Vorbildern orientieren musste.»
Aber was machte Puccini aus dieser Geschichte? Er lässt am Anfang Linkerton und Goro das «eheliche Nest» begutachten und kurz vor dem Ende hat der amerikanische Offizier zu singen: «Ich fühle fürchterliche Reue (mich plagt mein Gewissen)», womit er auch wieder sympathisch werden kann. Der Schluss hat es dann aber bei Puccini in sich: Butterfly setzt das Kind hin; «sie gibt ihm die amerikanische Flagge und eine Puppe zum Spielen – Dann stirbt sie. Linkerton kniet neben ihr, während Sharpless das Kind aufnimmt» (CD – Textbeilage). Mit der Version von 1986 (DVD) wurde dies entschärft.
Da kann man|frau doch noch Stark (1987) zustimmen, dass letztlich auch in der Oper eine «orgiastische Unterbrechung» gesucht wird, somit ein «Gefühl der Unrealität» nicht von der Hand zu weisen ist. Aber was wissen wir nun über die «operative Arbeitsmethode des italienischen Komponisten und seiner Librettisten»? Ja, die hatten ein feines Gespür für Geschäfte und ließen es 1904 in der Euphorie der Weltausstellung knallen: Am Anfang «America for ever» und am Ende ein amerikanisches Fähnchen schwingen.
Tremmel schreibt in seinem Buch, dass sich ein «Gefühl der Unrealität» durchaus einstellen kann, wenn man|frau sich einfach nur in eine Oper begibt. Wenn sich jedoch mit diesem Sujet eine moderne Forschung auseinander setzt, dann erscheinen Tatsachen, die liebend gern von gewöhnlichen Wissenschaftlern bzw. Wissenschaftlerinnen verschwiegen werden wollen oder müssen.
Der Autor zeigt eindrucksvoll, welche Brutalität eine «Umwertung der Werte» in Kauf nimmt, er weist darauf mit welchen Opfern gar ein «kontrollierter institutioneller Wandel» verbunden ist und er führt den Leser bzw. die Leserin noch weiter, indem er andeutet, wie verlogen eine Ethik der Globalisierung sein kann. Ist Kunst und in diesem Falle die Musik ein Gegenpol zur Religion? Nein, denn hier zeigt sich nur, dass die Musik eine Unterstützung vom Kapital erheischt und somit ist wohl wahr, was Stark (1987) so einfach sagte: «Der kapitalistische Markt ist augenscheinlich nicht in der Lage, alle menschlichen Bedürfnisse vollständig zu befriedigen.»
Tremmel meint aber noch mehr und er sagt in etwa: wenn sich die Forschung nicht langsam mit den Grundlagen und Fakten intensiver zu beschäftigen weiß, dann gereicht u.a. die Musik allenfalls zur Verdummung, was wiederum dem kapitalistischen Markt nicht unangenehm ist. Damit hat Tremmel Brücken zu Grundlagen gelegt und Türen weit aufgestoßen, sich auch bei der Musik durch das "Gefühl der Realität" zu erweitern und zu vertiefen.
>Butterfly< ist nicht nur etwas über Promiskuität und Prostitution, dieses Thema hat einen sehr tiefen Inhalt.
Tremmel, und dies sei nicht verschwiegen, hat eine Schrift veröffentlicht, die es gar wert ist, bereits schon in den Schulen zu besprechen, denn – um es gesagt zu haben – Madame Butterfly ist zu Beginn 15 Jahre alt.
Damit habe ich auch angedeutet, dass das Buch nicht so schnell an den Erwachsenen vorbeigehen sollte. Denn es gibt wohl nichts Schlimmeres bei der Balance zwischen alten und neuen Werten als die Tatsache, dass die Älteren überhaupt nichts mehr über Werte wissen.

Norbert Zander

Georg Tremmel

John Luther Long (1861-1927): "Madame Butterfly" (1898).
Das literarische Konzept der amerikanischen Kurzgeschichte im historischen Kontext

Logos-Verlag Berlin, 2007