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Leseprobe
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Georg Gerry Tremmel
John Luther Long (1861-1927): "Madame Butterfly" (1898). [S. 35-38] […] Die genannten inhumanen Forderungen des Offiziers dazu zählt auch, dass die Protagonistin den Amerikaner mit ‚Mr. B.F. Pinkerton’ anzusprechen hat erfolgen stets durch anschließende Aktionen wie eben die Überprüfung der Stabilität der Unterkunft und das Anlegen der Schlösser zum Zweck der Distanz zwischen Madame Butterfly und ihrer Familie oder das Verhüllen der Götzendarstellungen zur Verleugnung der japanischen Religionspraxis u.ä. Zweifelhafte Begründungen für die unternommenen Maßnahmen liefert Pinkerton seiner Ehefrau erst auf Nachfrage, die die Protagonistin zu Beginn zwar hinterfragt, aber doch schließlich bedingungslos akzeptiert. Das Unwissen über das ‚Mysteriosum’ Japan bedingt die Rücksichtslosigkeit des Amerikaners auf das ostasiatische Kulturverständnis und bildet somit den Ausgangspunkt für die prinzipielle Inakzeptanz des für ihn befremdlichen Japans[1], was wiederum im Hinblick auf das Eheleben zu einem differenten Kommunikationsniveau der beiden oppositionellen Figuren B.F. Pinkerton und Madame Butterfly geführt hat: „She had acquired a strange liking for Pinkerton“ (LONG 1898: 32). Die Bereitschaft, für seine ‚Mietfrau’ Verständnis aufzubringen, wird aber auch seitens des Offiziers B.F. Pinkerton aus Prinzip willentlich abgelehnt: „He could not understand how important this concession was to her. It must be confessed that he did not try to understand.“ (LONG 1898: 32) Weiter zielen die Maßnahmen des Offiziers zur Isolation der Protagonistin von ihrem sozialen Milieu auf ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen Opfer und Täter: Madame Butterfly hat aufgrund der Trennung ihren amerikanischen Ehemann als einzige Bezugsperson; diese Feststellung kompensiert die Protagonistin auf ihre eigene Art, indem sie ihre augenscheinliche Traurigkeit in Freude invertiert und deklamiert, sie sei die glücklichste Frau in ganz Japan oder sogar auf der ganzen Welt [2]: „>>Nobody speak to me no more they all outcast me aexcep’ jus’ you; tha’ ’s why I ought be sawry.<< She burst into a reckless laugh, and threw herself like a child upon him. >>But tha’ ‘s ezag’ why I am not! […] It is not inside me that sawry. Me? I’m mos’ bes’ happy female woman in Japan mebby in that whole worl’.” (LONG 1898: 35) Und mit dem Wissen um die bestehende Abhängigkeit gebraucht der Amerikaner B.F. Pinkerton eben dieses Faktum für weitere Forderungen, um seinem Plan der ‚Verfeinerung eines japanischen Produktes’ („an American refinement of a Japanese product“; LONG 1898: 36) auf amerikanische Art näher zu kommen der letzte Schritt zur ‚Perfektionierung seiner japanischen Erfindung’ („an American improvement on a Japanese invention“; LONG 1898: 36) muss noch erfolgen. Eine weitere Forderung an die Asiatin ist, Amerikanisch als prinzipielle Kommunikationssprache anzuerkennen, und nicht die eigene Muttersprache Japanisch; würde sie dieser Forderung nicht nachkommen, so werde eine Bestrafung folgen. Es ist offensichtlich, dass B.F. Pinkerton beabsichtigt, die Japanerin Madame Butterfly von ihrem verwurzelten Ich, das sie geprägt hat, auf drastische Weise entfernen zu wollen, um sie letzten Endes zu entpersonifizieren. Damit die Protagonistin aber nicht gänzlich das Selbstbewusstsein verliert, ist der Marineoffizier insbesonders daran interessiert, seine Miefrau zur ‚häuslichen Selbständigkeit’ zu erziehen („but Pinkerton encouraged her pretty domestic autonomy“; LONG 1898: 32). Dass aber diese eigenartige Autorität ungeahnte Ausmaße nehmen wird, kann Madame Butterflys Hausmädchen Suzuki im Verlauf der Handlung konstatieren: „Besides, neither she nor anyone else could resist the spirits of her pretty mistress. And these spirits had grown joyously riotous since her marriage and its unfettering.” (LONG 1898: 38) Durch die bedingungslose Akzeptanz der Forderungen und die praktischen Maßnahmen des Amerikaners entspricht die einst „dainty, vivid, eager, formless“ (LONG 1898:64) Madame Butterfly schließlich den Vorstellungen ihres ‚Erschaffers’ Pinkerton von einem „most wantonly whimsical“ (LONG 1898: 64) Wesen. Es nimmt daher kaum Wunder, dass die Protagonistin eine äußerst eigenartige Beziehung zu ihrem westlichen Mann und zu ihrer eigenen Lebensweise entwickelt hat von der Tatsache einmal ganz zu schweigen, dass die Kommunikation zwischen Madame Butterfly und B.F. Pinkerton generell von Launen geprägt war („all his communications to her were touched with whimsy“; LONG 1898: 33). Ein wesentlicher Teil des ‚Erlösungsplans’ ist auch die vorsätzliche Zeugung des Kindes: es ist offensichtlich, dass der amerikanische Marineoffizier B.F. Pinkerton mit der Protagonistin Madame Butterfly ‚berechnend’ ein Kind zeugt, denn warum gibt er bei seiner Abreise in die Staaten der Japanerin das Versprechen „he go’n’ come when the robins nest again“ (LONG 1898: 63) und schickt bei der Rückkehr nach Japan seine amerikanische Vermählte Adelaide, um das Kind holen zu lassen, weil er selbst dazu nicht imstande ist? Die Antwort liegt im Anspruch auf das Sorgerecht des Kindes begründet, auf den Pinkerton zurückgreift und den der Heiratsvermittler Goro auch bestätigen kann: „If he returns he will probably take the child away with him that is his right“ (LONG 1898: 50). Grundsätzlich kann überhaupt festgestellt werden, dass die Figur B.F. Pinkerton ihre Aktionen nach einem bestimmten Schema ausführt: merkt sie, dass ihre eigene Person Bedrohungen (in Form von Inkompetenzen) ausgesetzt wird, werden Schutzmechanismen (in Form von Verbote und Forderungen) aktiviert, die diese Gefahr von ihr abwenden sollen. […] Die Schutzmechanismen können aber nur dann funktionieren, wenn die erforderlichen Mittel präsent sind: in dieser Hinsicht fungieren für den Amerikaner Pinkerton der Heiratsvermittler Goro und seine ‚Mietfrau’ Madame Butterfly als Mittel zum Zweck. Der Nakodo vermittelt seinem Klienten Pinkerton das ‚Handwerkzeug’ Ehevermittlung, die die Grundlage für den ‚Erlösungsplan’ bildet, für den die Asiatin Madame Butterfly als ‚Versuchsobjekt’ antritt. Dabei verlässt sich der Amerikaner auf seine in moralischer Hinsicht zweifelhafte Lebensdogma „that circumstances always did this for one; it was therefore a saving of energy to permit circumstances to do it“ [3] (LONG 1898: 66). […] [1] Im Rahmen der interkulturellen (Sozial-)Verhaltensfrage, ob zwischen zwei unterschiedlichen Kulturen eine Kooperation möglich ist, sei auf FREUD zu verweisen: „Es ist merkwürdig, dass die Menschen, so wenig sie auch in der Vereinzelung existieren können, doch die Opfer, welche ihnen von der Kultur zugemutet werden, um ein Zusammenleben zu ermöglichen, als schwer drückend empfinden. Die Kultur muß also gegen den einzelnen verteidigt werden, und ihre Einrichtungen, Institutionen und Gebote stellen sich in den Dienst dieser Aufgabe, sie bezwecken nicht nur, eine gewisse Güterverteilung herzustellen, sondern auch diese aufrechtzuerhalten, ja sie müssen gegen die feindseligen Regungen der Menschen all das beschützen, was der Bezwingung der Natur und der Erzeugung von Gütern dient. […] (FREUD, Die Zukunft einer Illusion (III) [1927], in: „Anwendungen der Psychoanalyse“, Bd. 2, 2006: 330) [2] PEKAR spricht in diesem Kontext von so genannten ‚Kontextualisierungskonventionen’, kulturrelevante Kommunikationsakte, die als selbstverständlich geachtet werden: „Kontextualisierungskonventionen […] sind die unhinterfragten, aus der eigenen Kultur stammenden ‚Selbstverständlichkeiten’, in welche die einzelnen Kommunikationsakte eingebettet sind, und die in der interkulturellen Kommunikation oft unbemerkt eine Quelle für Missverständnisse werden. […] Diese Kontextualisierungskonventionen sind die häufigsten Quellen interkultureller Missverständnisse, da sie zu Stereotypisierung führen […]. Es entstand so die paradoxe Kommunikationssituation, dass die dem japanischen Kulturkontext angemessene Vortäuschung der Trauer (das Lachen) diese Täuschungsabsicht zunichte machte, da dem Adressaten dieser Kontext unbekannt war. Kulturelle Unkenntnisse erzeugen hier, wenn man so will, eine ‚wahre’ Kommunikation!“ (2003: 295-296, Fußnote 855) [3] Auch FREUD kann bei der Beobachtung der Lebensführung des einzelnen Kulturteilhabers feststellen, dass „die Kultur […] ihm diese Leistung ab[sc. -nimmt], sie besorgt sie für alle in gleicher Weise, es ist auch bemerkenswert, daß so ziemlich alle Kulturen hierin das gleiche tun. Sie macht nicht etwa Halt in der Erledigung ihrer Aufgabe, den Menschen gegen die Natur zu verteidigen, sie setzt sie nur mit anderen Mitteln fort. Die Aufgabe ist hier eine mehrfache, das schwer bedrohte Selbstgefühl des Menschen verlangt nach Trost, der Welt und dem Leben sollen ihre Schrecken genommen werden, nebenbei will auch die Wissbegierde der Menschen, die freilich von dem stärksten praktischen Interesse angetrieben werden, eine Antwort haben.“ (FREUD, Die Zukunft einer Illusion (III) [1927], in: „Anwendungen der Psychoanalyse“, Bd. 2, 2006: 337) |
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Georg Tremmel John Luther Long (1861-1927): "Madame Butterfly" (1898). Logos-Verlag Berlin, 2007 |
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