Leseprobe
3. Satz:
Valse triste
Repression und Passion
|
Carl Gibson
Symphonie der Freiheit.
Widerstand gegen die Ceausescu-Diktatur,
Dettelbach, 2008
_________________________________________________________
Die Verhaftung - Treulich geführt
Kurz darauf überschlugen sich die Ereignisse. Frühmorgens am vierten April Anno Domini 1979 meldete der Radiosender Freies Europa die Gründung einer Freien Gewerkschaft Rumänischer Werktätiger in Temeschburg.
Diese Meldung habe ich selbst nie vernommen. Es soll in den Folgemeldungen einige Verwirrungen und Verwechslungen gegeben haben. Man sprach, wie erst im späteren Verhör deutlich wurde, irrtümlich von der Temeschburger Gewerkschaft Bega, in Anlehnung an die Flussbezeichnung, dann von der Gewerkschaft Elba, was vermutlich auf einige eigenmächtige Interpretationen der Redakteure oder auf die mangelhafte Kommunikation des japanischen Kuriers mit dem Sender zurückzuführen war. Teil der Erklärung waren die Namen der Gründungsmitglieder; der Name des Präsidenten in voller Länge mit akademischem Grad und Titel sowie unsere Namen mit Kontaktadresse für potentielle Sympathisanten.
Als diese Meldungen von bayerischem Boden aus tief in das rumänische Land hineingestrahlt wurden und dort mit den Menschen am Frühstückstisch auch die professionellen Lauscher der Securitate erreichten, schlief ich noch fest unter Schutzengeln und Schutzheiligen des Hausaltars. Für die Insassen des Terrariums am Leontin-Sàlàjan-Boulevard aber war dies der Casus Belli - und Alarm höchster Dringlichkeitsstufe. Sie bliesen sofort zur Gegenoffensive und schickten ihre Schergen los, um die vielleicht noch dösenden Vaterlandsverräter aus den Träumen zu reißen. Die Feuersbrunst in Bukarest schien gerade gelöscht - und jetzt entflammte das Feuer erneut im Westen des Landes; und dazu ausgerechnet in dem schwer kontrollierbaren, von ketzerischen Minderheiten überlaufenen Temeschburg? Der Gegenschlag musste mächtig sein, damit sich nicht ein weiterer Flammenherd festsetzte, ein Feuer des Aufruhrs, aus dem schnell ein verheerender Flächenbrand erwachsen konnte.
Das quietschende Bremsgeräusch eines vorfahrenden Wagens im Straßenstaub ließ mich aus dem Schlaf aufschrecken. Das Unbewusste nahm bereits wahr, was ich noch gerne verdrängt hätte. Es war so weit - sie waren wieder da, die Ortsgendarmen, diesmal zu zweit, der Dicke und der Lange, beide in dunkelblauer Uniform mit Pistole, Gummiknüppel und Handschellen bewaffnet. Mutter, die bereits in der Wohnküche hantierte, hatte den Vorgang beobachtet und sah die Vollzieher der Staatsgewalt eilig durch den Hof schreiten: „Die Miliz! Die Miliz! Wach auf, komm steh auf, die Miliz ist da!“ hörte ich sie noch im Halbschlaf rufen. Ihre laute Stimme klang viel aufgeregter als sonst. Da ich mich seit Tagen innerlich auf eine Verhaftung eingestellt hatte, ahnte ich schon, was wohl geschehen war. Doch jetzt schon? Nach nur fünf Tagen Vorbereitung? Hormonell beflügelt und sofort hellwach sprang aus ich aus dem Bett hoch und eilte zum Fenster, um selbst festzustellen, wer da kam. Tatsächlich, es waren die beiden Dorfpolizisten, der Lange zwei Schritt voraus und der Dicke träge hinterherwatschelnd wie eine Ente. Beide gehörten zum Dorf. Ihre rumänischen Namen sprach kaum einer aus. Inzwischen hatten sie bereits die Haustür passiert und kamen auf mich zu: „Komm, Carl, mach dich fertig, wir haben Befehl, dich sofort nach Temeschburg zu bringen“, ermahnte mich der Dicke unwirsch, als er merkte, dass ich gerade erst aus den Federn gekrochen kam. Unausgeschlafen und mürrisch wankte ich in die Wohnküche, in jenen Raum, wo in der Regel das halbe Leben abrollte, während andere Räume des Hauses zu musealen Zwecken reduziert worden waren und griff dort nach der dampfenden Schokolade. Ein Schluck von dem braunen Balsam - und schon ging es mir besser. Während die beiden Wachtmeister sich im backsteingepflasterten Korridor unruhig die Beine vertraten, ohne die Hausausgänge aus den Augen zu verlieren, suchte ich nach der Zahnbürste, wusch mir in einem emaillierten Lavor das Gesicht, sprang in die Jeans, schnappte mir die schwarze Lederjacke und machte mich bereit zu gehen.
Bevor ich an der Mutter vorbei schlich, ohne Sentimentalitäten eines Abschieds aufkommen lassen zu wollen, blickte ich noch einmal schnell zum Hausaltar mir der überlebensgroßen Mater dolorosa an der Wand und auf das eherne Kruzifix, so als wollte ich ein letztes Mal um Beistand bitten. Diesmal war es wesentlich ernster als sonst … Antisozialistische Agitation, Anarchismus … Konspiration … Komplott, Umsturz, Hochverrat? Alles war möglich und alles konnte schnell eskalieren! Der Blick zum Himmel ergab sich so, obwohl ich weder besonders gläubig, noch vom Aberglauben bestimmt war; es geschah aus einem Impuls heraus, der den Menschen dann erfasst, wenn er sich auf eine existentielle Grenzsituation zubewegt und wenn er sich für Momente seiner Endlichkeit und seines Ausgeliefertseins bewusst wird. In mir kam ein sonderbares Gefühl auf, das so noch nie empfunden worden war; ein Gefühl, wie es den Seemann beschleicht, wenn er trotz tosendem Sturm nach neuen Meeren strebt; wenn er, durch Meerengen hindurch, auf große Fahrt geht und wagemutig hineinspringt in eine Welt der Ungewissheit, aus der es vielleicht kein Zurück mehr gibt; eine Regung, wie sie der Bergsteiger fühlt, vor der Klippe, wenn sein Tritt wankt oder der junge Husar, wenn ein Krieg ausbricht.
Es war ein lichter Frühlingsmorgen, als ich durch den Hof schritt. Konnte ich ahnen, dass es der letzte Gang durch den vertrauten Hof sein sollte? Und dass ich das heimatliche Haus nie mehr betreten würde? Für immer!?
Die Reben standen im frischen Grün, kurz vor der Blüte. An ihrem Fuß sprossen die Rosen. Einige hatten schon Knospen ausgebildet, die sich gerade öffneten und ihr duftendes Karminrot preisgaben. Im Vorbeigehen griff ich nach einer gut ausgebildeten, weißen Knospe, die gerade dabei war, sich zu öffnen, knickte den Stiel ab und nahm sie mit. Dabei verletzte ich mich leicht an den Dornen. Es schmerzte. Ein ganz besonderer Saft quoll aus dem Finger.
„Bald werde ich zurück sein!“ sagte ich im Vorbeigehen fast beiläufig zur Mutter. Die Lässigkeit war vorgetäuscht. Rührende Szenen wollte ich keine sehen, keine Tränen, kein Lamento und keine Wehmut, nichts Allzumenschliches, was mich belastet und geschwächt hätte. Trotzdem musste ich die Zähne zusammenbeißen, um äußerlich fest und hart zu bleiben. Vorahnungen stiegen auf. Schließlich sprach einiges dafür, dass es diesmal ganz anders sein würde. Auch die Trennung konnte länger ausfallen, sehr lange, für immer …? Was brachte es mir jetzt noch ein, wenn ich die schlimmste aller Möglichkeiten bedachte?
„Geht, wenn ihr von daheim scheidet, nie ohne Abschied weg - denn es könnte für immer sein“, hatte uns die biedere Klassenlehrerin einst eingeschärft. Und ich vermied sie jetzt bewusst - die Verabschiedung.
Auf der Straße wartete der dritte Mann, der unwichtigste, ein gesichtsloser Fahrer, der mir noch nie aufgefallen war. Die kleine Nummer an der Dacia verwies auf ein Securitate-Fahrzeug aus der Schlangengrube, die TM-132. Also hatten sie ihn losgeschickt. Die Büttel, willfährige Handlager des Systems, die nur ihre Pflicht taten, drückten mich in das Fahrzeug. Jeder Widerstand war zwecklos. Wohin hätte ich auch rennen sollen innerhalb eine großen Gefängnisses?
Schicksalsergeben ließ ich mich auf den Rücksitz fallen - que sera, sera. Ungewissheiten umnebelten mich. Und ein unbestimmtes Gefühl kroch hoch, ein irrationales Etwas, das ich nicht definieren konnte, das aber keine Furcht war. „Vielleicht wird es doch nicht ganz so schlimm kommen!“ tröstete ich mich selbst. Es war eine zweckoptimistische Selbstlüge, eine unbewusst gesteuerte Selbsttäuschung, die aus dem Unterbewusstsein hochstieg. Noch konnte ich nicht wissen, dass alles schon aufgeflogen war. Auch ahnte ich nicht, dass die nächste Umarmung der Eltern länger als ein halbes Jahr würde auf sich warten lassen und dass ein Wiedersehen mit der Familie erst tausend Kilometer westwärts auf württembergischen Boden erfolgen sollte.
Als der Wagen dann mit einem filmreifen Kavaliersstart davonschoss, wandte ich ein letztes Mal das Haupt und sah, wie Mutter, in Straßenstaub gehüllt, uns nachstarrte und, sichtbar gerührt, dem schnellen Scheiden folgte, solange bis wir in der grauen Wolke entschwunden waren. Während der Fahrt durch das Dorf besann ich mich der weißen Rose in meiner Hand, deren Zuversicht die Trauer überwog. Nachdenklich sog ich die milde Süße ein, die aufsteigenden ätherischen Öle, dann leckte ich an dem Blut am Finger, das schmeckte wie das Salz der Erde.
Die Diktatur schlägt zurück - Die Erstickung der freien Gewerkschaftsbewegung
Mir ist gefährliche Freiheit lieber als eine ruhige Knechtschaft.
Jean-Jacques Rousseau
Der äußerlich unauffällige Personenkraftwagen holperte zunächst einige hundert Meter über die unbefestigten, mit unzähligen Schlaglöchern durchsetzten Dorfstraßen Sackelhausens, die eigentlich nur befahrbar waren, wenn der Regen sie nicht aufgeweicht und in Schlammbäder verwandelt hatte. Erst nachdem er die gut ausgebaute, asphaltierte Verbindungsstraße zur Stadt erreicht hatte, nahm er richtig Fahrt auf. Es wurde eine Geisterfahrt. Keiner der Insassen sprach ein Wort. Solch eine Verhaftung war keine schöne Angelegenheit. Die beiden rumänischen Dorfpolizisten waren schon lange im Ort und hatten sich inzwischen an die Deutschen gewöhnt. Konflikte gab es kaum. Was hier ablief, war peinlich. Doch es musste sein. Befehl war Befehl.
Während der Wagen an der Allee von Maulbeerbäumen vorübersauste, deren Blätter wir Kinder zum Füttern der Seidenraupen in der Schule sammeln mussten und mein Blick über die weiten Felder schweifte, wo wir so oft, immer zu Schulbeginn für ein paar Wochen, den Mais geerntet und wie in archaischen Zeiten, auf großen Maishaufen sitzend, die reifen Kukuruz-Kolben noch mit den Händen geschält und entkernt hatten, kam ich ins Grübeln. Die Ursache der schnellen Verhaftung beschäftigte mich. Was konnte geschehen sein? Hatte einer nicht dicht gehalten? War sonst etwas passiert? Es gab so viele Möglichkeiten. Doch an die frühzeitige Ausstrahlung der Gründungsbotschaft dachte ich nicht. Nick hatte zwei bis drei Wochen des Abwartens zugesagt. Und an Nicks Wort zu zweifeln lag mir fern. Schließlich war er ein vollendeter Gentleman - und fast schon ein Engländer.
Nach knappen zwanzig Minuten erreichten wir die Außenbezirke Temeschburgs, eine Gegend, die mir aus der Perspektive des Fahrradfahrers vertraut war. Es folgten die endlosen Plattenbauten der Circumvalatiunii; und kurz darauf kam schon die Schlangengrube in Sicht, der in Grau gehüllte Ort des Grauens im Herzen der Stadt, der einem das Blut in den Adern gefrieren ließ, wenn man wusste, was hinter jenen Mauer ablief - und ich wusste es nur zu genau.
Im Innenhof der Zentrale des Geheimdienstes am Leontin-Sàlàjan-Boulevard hielt der Wagen, nachdem er eine Schranke passiert hatte. Beklommenheit kam auf und eine Mixtur von objektorientierter Furcht und irrationaler Angst. Selbst Helden kennen solche Phänomene. Denn auch Helden sind Menschen. Also verwies Angst auf Heldentum und auf das Scheitern dahinter?
Dort unten im Beton versenkt waren die Untersuchungshaftzellen, aus deren Fenster ich schon mehrfach zum Himmel geblickt hatte. Würde ich bald wieder dort landen - unter Mördern und Schwerstverbrechern oder unter anderen Verfolgten? Allein schon der Anblick des gefürchteten Folterareals löste Beklemmung aus und führte zum Aufkommen eines flauen Gefühls im Bauch. Eingeklemmt im vollen Fahrzeug, zudem in die Enge eines Innenhofs versetzt, der wirkte wie eine Schlucht, wie eine Via Mala, die von Unheil kündet, umgeben von hohen Mauern mit vielen kleinen Kammern, in welchen finstere Inquisitoren ihrem Handwerk nachgingen, saß ich da - als Maus unter Nattern. Ein Déja-vu, eine unselige Wiederkehr des schon Erlebten?
Bolero Takte kamen auf, das zunehmende Zischen des Tinnitus, da der Blutdruck anstieg und starkes Klopfen in der Herzgegend. Der Muskel raste. Etwas schnürte mir den Hals zu. Hitzewallungen kamen auf und kalter Schweiß auf der Stirn. Hier winkte nichts Gutes! Was würde folgen? Der übliche Terror? Beschimpfungen? Ohrfeigen, Watschen, Tritte, Schläge, das übliche Martyrium? Oder wollte man mir nur den Pass aushändigen und mich in ein Flugzeug setzen zum Flug in die Freiheit? Körper und Seele sträubten sich in leiser Vorahnung, es werde nichts Angenehmes sein.
Zwei Insassen näherten sich. Einer riss die Wagentür auf: „Raus mit dir!“
Diesmal wurde ich ziemlich unfreundlich aus dem Wagen gezerrt und gleich, von vorwurfsvollen Blicken begleitet, in einen jener sterilen Räume im ersten Stock des Gebäudes gebracht, die zu Verhörzwecken genutzt wurden. Das kleine Zimmer war wie üblich leer und abweisend. Einige Minuten, die mir als Ewigkeit erschienen, ließ man mich darin allein zurück; wohl mit der Absicht, die Situation der Ungewissheit zu einer psychischen Destabilisierung zu nutzen. Während ich so da saß, wie ein kleiner Adler, der aus dem Nest gefallen ist, in einer feindseligen Umgebung und halbfatalistisch abwartete, ohne zu wissen, was draußen vor der Tür vor sich ging, überschlugen sich auch in der Hauptstadt die Ereignisse.
In Bukarest trat zunächst Nick Dascàlu an die Öffentlichkeit und machte über den viel genutzten Sender im Englischen Garten bekannt, dass er - als neuer Sprecher der inzwischen unterdrückten freien Gewerkschaft rumänischer Werktätiger SLOMR - die Arbeit der verhafteten Gründer reorganisiere und fortsetze. Neue Unterzeichner meldete Nick nach Paris weiter. Mit dieser strategischen Offensive heraus aus der Verborgenheit an das Licht, die von einer systematischen und koordinierten Dissidenz zeugt, strebte er die offizielle Anerkennung der Organisation an, um ihr frühes Abwürgen zu vermeiden. Eine Illusion natürlich, aber eine Geste! Kurz darauf wurde Nicks Telefonanschluß gekappt; dann auch die Leitung von Alexander Nagy.
Beide wurden nacheinander verhaftet und viele Stunden verhört.
Jetzt trat Vlad, der Student, der uns vor Tagen durch Bukarest chauffiert hatte, an ihre Stelle. Er machte dort weiter, wo die politischen Freunde abbrechen mussten und führte die Aufrechterhaltung der freien Gewerkschaft fort. Zu ihm stießen weitere Sympathisanten der Freiheitsbewegung, deren Namen ich erst später registrierte: Comsa, Ghita, Mischiu, Onescu, Oblici, Zamfirescu, Vasiliu, Marcu, Neagu - alles Rumänen, die bestimmt nicht ausreisen wollten, sondern vielmehr ihr Land politisch wie gesellschaftlich zu verändern gedachten.
Es folgten weitere Verhaftungen aus Nicks Umfeld. Einzelne Personen wurden in Gefängnisse geworfen oder in psychiatrischen Anstalten mit dubiosen Medikamenten gequält und misshandelt. Die Securitate in Bukarest wütete und schlug wild um sich, weil sie von ihren Dienstherren, der Partei, angewiesen worden war, hart durchzugreifen und auch den leisesten Protest abzuwürgen. Toleriert wurde nichts. Wie sollte sich unter solchen Bedingungen eine geordnete Opposition entwickeln. Doch es ging weiter mit dem Aufbegehren der Bürger im Land. Aus Arad, der zweiten großen Stadt im Banat, verstärkten vierzig Sympathisanten die Bewegung. Überall strömten Menschen zusammen, die nicht bereit waren, die Führungsrolle der Partei anzuerkennen! Und überall im Land gab es vielfache Verhaftungen … Vieles von dem, was damals ablief, ist noch nicht rekonstruiert und dokumentiert worden.
Im Kreuzverhör - oder: die peinliche Befragung im Sozialismus
Die Entwicklungen, auf die ich jetzt keinen Einfluss mehr hatte, nahmen ihren Lauf. Nur blieben mir die Details der meisten Vorkommnisse für lange Zeit verborgen. Denn ich saß, von allem abgeschnitten, in einer Verhörkammer und blickte - wie ein Held des noveau roman auf die eigene Perspektive reduziert - zur weißen Wand hin, auf eine Mauer des Schweigens in unheimlicher Stille. Zugleich wirkte ich angespannt wie die überspannte Saite einer Violine - eher bereit zu zerspringen, als zu erklingen.
Verfluchte Stille - immer noch hörte ich das eigene Herz klopfen, ja schon wieder rasen; und ich fühlte erneut wie kalter Schweiß über die Schläfen rann … War dies mein Ölberg? Mein Golgotha? Das Blutschwitzen, über das ich als Kind gerätselt hatte, wurde jetzt konkret. War dies, was jetzt nahte, das Ende?
War’s das nun? Jugend ohne Alter? Ein rumänisches Märchen hatte einst mein Herz berührt und dies zu einer Zeit, als ich noch nicht einmal lesen konnte; und es hatte Gefühle der Sehnsucht nach ewiger Jugend geweckt (...). Wenn sie mir jetzt den Hals umdrehten, dann war der Zustand erreicht, dann starb ich jung … Helden sterben jung, traurige Helden … Weiter spann sich das Netz der Melancholie nicht mehr.
Die Geißelung - Terror und Gewalt
Plötzlich öffnete sich die Tür mit einem Knall - und gleich fünf Geheimdienstler stürmten lärmend und tobend in den engen Raum, direkt auf mich zu. Jeder von ihnen schrie so laut und wild, wie es ihm möglich war. Alle tobten wirr durcheinander, so als sollte mich der bloße Schall erschlagen. Ein Schock überkam mich - fast gelähmt und unfähig überhaupt zu reagieren, wusste ich nicht, wohin ich hören sollte und wem ich mehr Beachtung schenken sollte. Dem Basilisken? Dem Alligator oder der Ratte? Drei Bestien waren wieder vereint … im Dienst - und im Dienst einer wichtigen Sache.
Die beiden jüngeren der Folterknechte, Nummer vier und Nummer fünf, konnte ich nicht zuordnen. Vermutlich verdienten sie sich erst die Sporen. Es herrschte Chaos, ohrenbetäubender Lärm, der die Seele erschütterte. Trotzdem bemühte ich mich, meine Sinne zusammenzunehmen, um einiges vom dem zu deuten, was da ablief. Einen Krach wie diesen hatte ich in den vielen Verhören der letzten drei Jahre noch nicht erlebt … Vermutlich kam es vorerst nur auf die Lärmkulisse an, auf verbale Schläge, die mich zunächst akustisch klein kriegen sollten. Wie reagierten die Nerven auf diese Reizüberflutung? Und das Kleinhirn? War das Folter nach den neuesten Erkenntnissen moderner Psychologie? Ein Zimbardo-Experiment im Seele negierenden Sozialismus? Die Zeit, um darüber nachzusinnen hatte ich nicht, denn ich parierte Worte, Schimpfworte, Beleidigungen. Was da herausgeschrieen wurde, war sekundär. Oft drangen nur noch Wortfetzen an mein Ohr, darunter viel Obszönes, wahre Perlen rumänischer Sprachkultur, die das besondere Bildungsniveau der Geheimdienstlerkaste attestierten. Doch auf einmal wurden die Vorwürfe kartesischer; deutlichster Klartext war angesagt: „Was soll das mit dieser freien Gewerkschaft Bega oder Elba? Was hast du da wieder ausgeheckt, du Schuft. Eigentlich hätten wir dich gleich totschlagen sollen, denn scheinbar begreift du deine Lektion nie!“ Der Basilisk schien aufgrund der neuen Entwicklungen fast persönlich beleidigt zu sein; offensichtlich suchte er nach triftigen Gründen, weiter auf mich einzudreschen nach dem Lehrplan von NKWD und Gestapo, erst mürbe machen und dann Fragen stellen.
„Warte nur, wir werden es dir schon zeigen … Wir werden es dir diesmal zünftig heimzahlen … Freie Gewerkschaft!? Was glaubst du denn, mit wem du es hier zu tun hast? Du bist hier bei der Securitate und nicht in Jebel, in Narrenhaus!“ mischte sich die Ratte ein.
Die beiden Unbekannten sagten nichts, sie schlugen nur gelegentlich zu, wenn sich eine Lücke auftat, während Istrate, dem die derbe Methode nicht lag oder nicht mehr lag, sich mit physischen Brutalitäten etwas zurückhielt. Immer neue Schimpftiraden prallten auf mich ein, Worte hart wie Hagelkörner in einem Sommergewitter. Und es donnerte und blitzte im Schädel, wenn mich ein Schlag auf den Hinterkopf traf oder eine Watsche auf der Wange - Lichter gingen auf und Sterne.
Das Innenohr wurde heftig durchgerüttelt; und der Reizüberflutung zweiter Teil drohte das Gehirn zum Kollaps zu bringen. Eine Ohnmacht war nicht mehr weit. Einer der Burschen setzte dann den Gummiknüppel ein. Den stechenden Schmerz auf dem Rücken, wo es nicht allzu viele Nerven geben soll, spürte ich doch recht deutlich und zuckte verkrampft zusammen. Neue Fäuste kamen auf mich nieder und neue Ohrfeigen und lockerten die Muskulatur wieder auf. Heute schlug selbst der Gute von Zeit zu Zeit, das sanfte Nilkrokodil, das sich urplötzlich zum aggressiven Alligator gewandelt zu haben schien, vielleicht auch nur aus Dienstbeflissenheit und Solidarität mit den anderen - oder um nicht als schwach aufzufallen. Was konnte ich tun? Halb ohnmächtig und unfähig, klare Entscheidungen zu treffen, hielt ich die Hände intuitiv vors Gesicht, vor die Augen, aus Sorge um ihr Licht und vergrub den Kopf in meinen Armen, um das wertvollste zu schützen, was der Mensch besitzt: sein Gehirn. Es war mein Kontakt zur Innen- und zur Außenwelt. Über mein Gehirn definierte ich mich - für andere war ich auch das Gehirn, das all dies ausgeheckt und zu verantworten hatte. Es war meine Festplatte und mein Selbst. Wenn die Denkzentrale Schaden nahm, wenn die grauen Zellen abstarben, Verstand und Vernunft dahin waren, war ich verloren, für alle Zeiten verloren. Das fühlte der Körper instinktiv, als er sich selbst zu schützen begann - Ursache und Wirkung, sensations and reflections nicht nur beim Tier, auch hier: „Vaterlandsverräter! … Judas … Schwänzchen … Arschloch … Blödmann … Idiot… Kretin und ähnliche Juwelen des rumänischen Vulgärwortschatzes rasselten auf mich nieder. Krach und Lärm überlagerten immer noch alles - und die Verwundungen der Seele. Obwohl es unsinnig war, darauf zu achten, was sie sagten, registrierte ich es trotzdem, auch wenn die meisten Ausdrücke nur üble Parolen waren, Meisterwerke des Sermo humilis, wie ich sie bis dahin nur in der Gosse vernommen hatte.
Und immer wieder im bolerohaften Rondo als simpelstes Thema mit unendlichen Variationen der Name jener kroatischen Stadt aus Istrien, den die Rumänen auf ihrer Landkarte gerne leicht abändern. Kein anderes Wort des Vulgärwortschatzes ist den Rumänen so geläufig und vertraut, wie jene Stadtbezeichnung, so vertraut und eingängig, dass eine Übernahme des edlen Begriffes in das offizielle Wörterbuch überflüssig erschien. Irgendwann hörte ich auch die Ratte giften: „Rotznase - was fällt dir ein! Willst du die Sicherheit des Staates herausfordern?“ Um den Worten etwas Nachdruck zu verleihen, schlug selbst Istrate gleich tapfer hinterher. Wieder fuhr der Basilisk dazwischen. Aufgeregt und schon richtig in Fahrt tobte er weiter, versachlichte dann aber den Ton und ging dazu über, erste konkrete Fragen zu stellen. Seiner ideologischen Sichtweise gemäß, die hinter allem höhere Ordnungen vermutete, Kardinäle aus dem Vatikan oder graue Eminenzen der CIA, suchte er nach den geistigen Vätern der Protestaktion, nach den Dunkelmännern im feindseligen Westen: „Wer, in des Teufelsgroßmutters Namen, hat dich bezahlt, um diese Sache auszuhecken? Die Schurken vom amerikanischen Geheimdienst, vom Bundesnachrichtendienst oder wer? Das ist doch nicht auf deinem Mist gewachsen? Bestimmt steckt das feindliche Ausland dahinter? War es dieser Pattison von der amerikanischen Botschaft, der euch bestochen hat? Wir haben alles mitgehört! Uns legt ihr nicht rein! Ihr Banditen! Uns bleibt nichts verborgen … Und, schreib dir's hinter die Ohren, Bürschchen, hier in Rumänien haben wir das Sagen! Weder die amerikanischen Imperialisten, noch die deutschen Faschisten! Das hier ist ein souveräner Staat, der sich nicht unterwandern lässt wie eine Bananenrepublik! Wir werden es nicht zulassen, dass er von einigen gekauften Verrätern zersetzt und kaputt gemacht wird! Hat Pattison dich gekauft? Was hat er dir versprochen? Wie viele Silberdollars hat er dir, Judas, bezahlt dafür, dein Vaterland zu verraten, dessen Brot du isst? Schämst du dich nicht, diesem Land, dem du alles verdankst, so in den Rücken zu fallen?“
Zu einer präzisen Beantwortung der Fragen kam es in dieser Frühphase des Verhörs noch nicht. Es blieb bei der aufgeblähten Rhetorik. Die Antworten waren längst Gewissheit. Für den einen galt ich als offensichtlicher Agent der Amerikaner, für den anderen war ich ein illoyaler Staatsbürger, ein undankbarer Vaterlandsverräter, der die genossenen Segnungen der sozialistischen Gesellschaft nicht zu würdigen wusste. Vermutlich war ich ein unverbesserlicher Revisionist, ein deutscher Nationalist alten Schlages, einer aus der Schublade der faschistischen Deutschen, ein fremder Patriot, in dessen Kopf noch die Ideologie der blonden Bestie spuckte. Formulierungen wie: Handlager des Kapitalismus, Revanchist, imperialistische Marionette zeugten davon - alles garniert mit unflätigen Schimpfwörtern übelster Art, die in einer gut eingeübten und virtuos praktizierten Fäkalsprache niederster Ebene vorgetragen wurden. Als Sermo humilis von anderen Autoren aus der Region plastisch verwertet, sind sie ein Akzidens der Weltliteratur, dessen Dimension nur dem bewusst wird, der sie naturgetreu erlebt hat.
Diese Art von Befragung durch vorausgehenden verbalen Terror, der die Tiefen der menschlichen Psyche erschüttert, gehörte scheinbar zum Ausbildungsrepertoire eines höher ausgebildeten Geheimdienstlers und wurde systematisch eingesetzt. Das Ganze kulminierte schließlich in individuellen Drohungen von der Sorte: „Wir werden dir den Hals umdrehen und dir das Genick brechen … Deine Knochen werden im Gefängnis verrotten … Wir werden dir das Gehirn zermalmen …. Und wir werden dich solange im Loch halten, bis du um Gnade winselst wie ein Hund oder bis du krepierst wie ein Stück Vieh … “
Obwohl ich bereits mehrfach physisch und psychisch malträtiert worden war, reagierte ich auf die überfallartig auf mich niedergehenden Brutalitäten am laufenden Band zunächst mit Schrecken, wusste ich doch nicht, ob ich die Attacke der fünf Männer überleben würde. Erst nach Minuten des Ausharrens fasste ich mich wieder. Die extrem kurzen Denkpausen aber reichten aus, um den synthetischen Charakter des Zorngeschreis zu durchschauen. Die beiden jüngeren Geheimdienstler schienen wirklich nur zum Schlagen und Schreien abkommandiert. Also viel Lärm um Nichts - oder nur nichtssagendes Getöse? Nichtse, die sich über den Krach definierten, den sie verursachten?
Mir blieb keine Zeit, weiter zu sinnieren, denn einer der Folterknechte stürzte sich schon nach Sekunden der Reflexion erneut auf mich und rüttelte mich so heftig durch, als wollte er auf diese Art meine Gehirnwindungen stimulieren und damit das auskunftsfaule Gedächtnis aktivieren, während mir ein anderer Securitatemann mit der Handfläche weiter ins Gesicht schlug. So heftig und intensiv hatte ich noch kein Verhör erleben müssen. Allmählich fühlte ich mich wie im tiefsten Abgrund der Hölle, gequält von hundert Teufeln mit feurigen Spießen und Stangen, unmittelbar vor dem Ende. Ein Ableben hätte mir nicht mehr viel bedeutet. Der Wille weiter auszuharren, wurde schwächer. Das Bild von Georghe Dosza drängte sich mir auf, wie er, der Freiheitsheld aus der Ahnenreihe kommunistischer Helden, von Henkersknechten auf das Rad gespannt und gerädert wurde, während seine Mitstreiter das Fleisch aufessen mussten, das man ihm gerade mit glühenden Zangen aus der Brust gerissen hatte. Das Schreckensbild, vor fünfhundert Jahren vor den Toren von Temeschburg realistisch in Kupfer geätzt, hatte mich als Kind nie losgelassen. Jetzt war ich, vom gleichen Ideal bestimmt, in derselben Stadt in ähnlicher Situation. Was hatte sich geändert? Die Namen der Opfer und der Henker - sonst nichts!
Die ungezählten, nicht mehr endenwollenden Schläge und Tritte kamen wie aus dem Nichts Da ich mich in intuitiver Abwehrhaltung ständig duckte, Arme und Hände ins Gesicht gepresst, und zusammengeknickt in Kauerhaltung wie ein Knäuel nach unten blickte, konnte ich meine Peiniger nicht genau ausmachen. Doch gewann ich den Eindruck, dass einzelne aus dem Team, namentlich das Krokodil und die Ratte, weitaus seltener zuschlugen als der Basilisk und die jüngeren Henkersknechte, auch weniger grausam. Der gute Inquisitor in ihnen, den es auch in der frühen Christeneinheit einmal gegeben haben soll und vielleicht auch ihr innerstes Wesen, lehnten diese Art der Befragung vielleicht sogar ab!?
Ein Wind
Die Schläge und Tritte schmerzten - doch die Kompensationsmechanismen des Körpers und der einsetzenden Adrenalinausstöße linderten einiges. Ein Mensch im Kampf - und auch ein passiv Erleidender ist ein Kämpfer - kann viel ertragen, aber auch schnell zerbrechen. Entscheidend ist die psychophysische Konstitution. Wieder einmal hatte ich etwas Glück und wahrscheinlich auch die nötige Substanz. Mein Herz hielt durch. Die Nerven ebenso, bis auf einen Moment, als der Körper aus sich heraus rebellierte.
Als einer der professionellen Menschenschinder, von einer treffenden Replik irritiert, plötzlich zu einem Holzstuhl griff, ihn durch die Luft sausen ließ, andeutend, er würde ihn sogleich über meinem Haupt zerschmettern, wich ich mit einem gewaltigen Sprung instinktiv in eine Ecke aus und verbarg mich dort wieder hinter den eigenen Armen, fast schon in der Erwartung des ultimativen Todesschlages. Unter extremer Anspannung schoss der Kreislauf nach oben und mein Herz pulsierte mit höchster Taktfrequenz, so, als wollte es unmittelbar zerspringen. In diesem Augenblick maximalsten Stresses entfuhr mir ein Darmwind, ein kräftig ordinärer und allzumenschlicher Furz, eine stinkende Entladung, die selbst vornehmsten Majestäten nicht fremd ist. Der Körper hatte auf seine Weise reagiert. Die eklige Duftwolke verbreitete sich innerhalb von Sekunden in der Enge des Raumes und erfüllte ihn mit einem derart mächtigen Gestank, dass die Qualität der noch verbliebenen Atemluft schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde. Einer der verblüfften Geheimdienstler, wohl unfähig, den Skunk-Duft länger zu ertragen, sprang mit einem Satz zur Tür und riss diese mit einem kräftigen Ruck auf, um so die Anwesenden der penetranten Ausdünstung zu entziehen. Darüber schmunzeln konnte ich erst viel später. Mein emotional überlastetes, von Hormonen der Selbsterhaltung gesteuertes Gehirn registrierte all dies nur noch wie in einem Traum, nahezu unrealistisch verzerrt und doch luzid. Der Körper hatte dagegengehalten und sich gewehrt, gesteuert von Dimensionen des Unbewussten - nicht der Wille war am Werk, sondern Triebe.
Durch das Aufreißen der Tür wurde die Anonymität der Folterkammer für Augenblicke aufgehoben. Der Zustand des ohnmächtigen Ausgeliefertseins war kurz durchbrochen. Eine gewisse Öffentlichkeit entstand, wenn auch nur für Momente. Es war eine Groteske, die das Leben schrieb: ein Furz, kurz, doch mächtig und effizient, machte die gesamte Plärrstrategie zunichte. Sie brach in sich zusammen wie ein auf Treibsand errichtetes Kartenhaus. Darauf hin sahen sich die Geheimdienstler gezwungen, zur normalen Befragung übergehen zu müssen.
Zu diesem Zeitpunkt konnte ich noch nicht wissen, dass Erwin und andere Unterzeichner auch schon verhaftet und andere Securitatemitarbeiter gerade dabei waren, den Doktor, unseren Präsidenten im Ehrenamt, in seinem Domizil in der Mehala zu verhören. Nachdem sich das Gepolter der Schimpftiraden gelegt hatte, beruhigte sich die Lage etwas. Bis auf die drei altbekannten Untersuchungsrichter, die unmittelbar danach das Verhör aufnahmen, zogen sich die Geheimdienstler zurück. Die Hauptrolle in der Gestaltung des künftigen Verhörablaufs übernahm nun, wie auch sonst üblich, das Scheusal mit dem Medusablick, der Basilisk persönlich, Hauptmann Pele, der es, ehrgeizig wie er war, dank seiner gründlichen Befragungsmethoden in den kommenden Jahren noch bis zum regionalen Geheimdienstchef bringen sollte.
Auch er vollbrachte seine Ringe. Von Häutung zu Häutung trat seine Wesenheit deutlicher hervor: Der Kern des Bluthundes, der kein Pudel war, sondern ein bestialischer Höllenhund, bestand in der schwarzen Seele eines Basilisken, eines Königs aller Schlangen. Zu sehen war sie nicht. Doch sie war zu fühlen. Dem Basilisken assistierten, im wechselnden Turnus, die weicheren Köppe und Istrate, das träge Krokodil und die schlaue Ratte. Diese Konstellation bedeutete aus meiner Sicht fast schon vertraute Normalität. Der Mensch, das Wunder aller Wunder, gewöhnt sich auch an das Schreckliche.
Die Herzfrequenz konnte sinken. Die peinliche Befragung nahm ihren Gang. Was kam noch? Die Feuerprobe? Die Wasserprobe, bevor die ganze Wahrheit am Licht war? Während von Zeit zu Zeit noch die eine oder andere Ohrfeige auf mich niederging, um mir zu vergegenwärtigen, wo ich mich befand und um meiner Erinnerung etwas auf die Sprünge zu helfen, ganz nach dem Motto, gelinde Schläge auf den Hinterkopf steigern das Denkvermögen, wollten die sehr konkreten Quälgeister alles wissen, was sich in der letzten Zeit ereignet hatte.
In meinem Innenohr rauschte es noch stärker - der in den früheren Verhören geborene Tinnitus, eine ernsthafte gesundheitliche Schädigung, die ich nie wieder ausheilen konnte, nahm weiter zu. Es rauschte und pfiff wie neben der Dampflokomotive. Zu viele Schläge! Vielleicht! Zu viel Stress? Der Tinnitus ist nur eine jener Spuren, die auch heute noch stündlich an die Zeit des Kampfes für eine Idee erinnern.
Psychoterror
In einem Parallelzimmer, das hatte ich nach einiger Zeit indirekt mitbekommen, wurde mit den gleichen unzivilisierten Befragungsmethoden mein loyaler Mistreiter Erwin verhört. Andere Aufmüpfige hatten ihre Genossen in Gefangenschaft nach paar Watschen zappeln und fallen lassen. Das war bei Erwin nicht zu erwarten. Er war ein monolithischer Block, der zu widerstehen wusste, obwohl er erst vierundzwanzig Lenze zählte. Die harten Prüfungen während der Militärzeit, wo man bei den unterschiedlichsten Auseinandersetzungen mit Vorgesetzten mehrfach auf ihn eingeschlagen hatte, halfen ihm jetzt, die das Folterwerk zu überstehen.
Gelegentlich wurden die Verhöre für Minuten unterbrochen. Aber nicht etwa, um den Verhörten etwas Flüssigkeit oder Nahrung zukommen zu lassen, sondern um das Herausgequetschte zu vergleichen und nach Diskrepanzen in den Aussagen zu suchen. Als ich kurz darauf, für Momente allein im Raum, von schallenden Schreien beunruhigt die Tür öffnete, um mit schnellem Blick durch den Gang zu spähen, wurde ich, als hätte man genau darauf gewartet, mit einem weiteren Schwall von Schreien bombardiert, die aus irgendwelchen entfernten Räumen zu kommen schienen, in welchen - wie es den Anschein hatte - systematisch gefoltert wurde. Höchstwahrscheinlich sollte ich annehmen, dies sei das Aufschreien anderer Gewerkschaftssympathisanten während der peinlichen Befragung in einem von sozialistischer Ethik geprägten Verhör. In Wirklichkeit war es ein Trick, mieser, schlecht inszenierter Psychoterror. Das früher beim Verprügeln von gemeinen Sträflingen aufgenommene Torturgeschrei, dem ich ausgesetzt war, wirkte nur echt, solange die Zimmertür verschlossen war. Faktisch kamen die Quällaute vom Band und wurden über Lautsprecher in schlechter, diffuser Qualität in den Korridor übertragen. Auch Erwin fiel später auf das akustische Täuschungsmanöver, das wir noch nicht kannten, herein und stürzte einmal irritiert und kopflos aus dem Zimmer in die Arme eines Geheimdienstlers, der ihn sogleich zurückdrängte. Nachdem der erste Effekt jener Sinnestäuschung verrauscht war, wurde uns beiden bewusst, mit welchen zusätzlichen Foltermethoden hier agiert wurde. Galilei hatte man nach guter mittelalterlicher Sitte die Folterwerkzeuge gezeigt, bevor er widerrufen durfte. Wir mussten die Mittel der Inquisitoren erst mühsam herausfinden, um zu reagieren.
Während wir beide und schon Stunden später auch andere Sympathisanten der Bewegung in der von hektischer Betriebsamkeit erfüllten Geheimdienstzentrale befragt und durchgeprügelt wurden, eilten andere Anhänger und potentielle Unterzeichner des Gründungsdokuments zu unseren Wohnorten, um sich der neu formierenden Menschenrechtsbewegung anzuschließen. Die kaum erst bekannt gewordene Aktion sprach sich schell herum und fand breiten Anklang. Von dem Zulauf erfuhren wir erst später. Verschiedene Menschen mit den unterschiedlichsten Beweggründen, die, bisher nur mit sich selbst beschäftigt, in Anonymität ausgeharrt hatten, ohne Ansprechpartner zu finden, mit denen sie ihre Ängste, Sorgen und Befürchtungen hätten teilen können, strömten nun zu uns, wie ich und andere einst zum Polarisationspunkt Goma geströmt waren.
Auf den Tag genau einen Monat zuvor hatten die Initiatoren der Bukarester Freien Gewerkschaft ein ähnliches Phänomen erlebt. Kaum war ein Fixpunkt definiert, der als Brennpunkt der Opposition gelten konnte, formten sich verwandt ausgerichtete Menschen zu einer Gegenbewegung, die gegen den Strom des Systems gerichtet war. Doch wir saßen in Haft und konnten den sich formierenden Oppositionsfluss nicht mehr koordinieren; und auch nicht mehr in Erfahrung bringen, ob er bald vollständig eingedämmt und zum Versiegen gebracht wurde; oder ob er, zumindest in Temeschburg, weiter gewirkt hat und die spätere Revolution von Temeschburg mit vorbereitete. Zukunft braucht Herkunft, auch im revolutionären Umfeld.
Die in Zivil auftretende Securitate, unterstützt durch die blau uniformierte Miliz, hatte, wie ich später erfuhr, große Mühe, die Menschen zurückzudrängen und von unseren Wohnstätten fernzuhalten. Rücksichtslos wurden selbst junge Frauen aus unserem entfernten Bekanntenkreis, die erst später von den Entwicklungen erfahren hatten, übel beschimpft, verprügelt und verjagt. Aus der Sicht des Geheimdienstes war jede Frau, die in irgendeiner Weise mit der Staatsmacht zusammen prallte, grundsätzlich eine Hure. Als solche wurde sie offiziell angesprochen und als solche wurde sie auch behandelt - ganz im Sinne einer sozialistischen Werteauffassung und im Geist von: du bist nichts, dein Volk ist alles. Dabei war die Anrede curva, was Hure bedeutet, immerhin einer der edelsten auf einer langen Skala diffamierender Begriffe, die noch viel Raum nach unten offen ließ, bis hinein in die tiefsten Niederungen des Menschseins. Auch darüber hätten emanzipierte Schriftstellerinnen in Sozialismus schreiben können. Nur von jenen Niederungen, die die Würde des Menschen substantiell tangierten, sprach niemand aus dem linken Spektrum.
Entwürdigungen und seelische Gewalt waren effiziente Mittel der Einschüchterung. Nur so gelang es dem Machtapparat der regierenden Kommunisten im Land, eine Bewegung, die sich gerade formierte, zu stoppen. Wo war Herta Müller, die noch fünf Jahre nach dieser Repression die totalitäre Einheitspartei der Kommunisten als führende politische Kraft im Land anerkannte, damals? Im Tiefschlaf oder im Wolkenkuckucksheim an der Temeschburger Universität, mit dem Kopf in den Wolken und mit quakenden Fröschen im Ohr?!
Freiere Bedingungen, die in der Tschechoslowakei eine jahrelange Kontinuität der Charta 77-Bewegung ermöglichten oder die in Polen bald darauf zur Solidarnosc, der ersten großen wirklich freien Gewerkschaftsbewegung in Osteuropa, führen sollten, hätten auch in Temeschburg ein Massenphänomen auslösen können, das vielleicht schon wesentlich früher die diktatorischen Verhältnisse im Land aufgehoben hätte, vor allem dann, wenn die selbstdeklarierten Eliten nicht feige und opportunistisch gewesen wären. Doch was kümmerte jene ihr Gerede von vorgestern? Integrität und Moral waren Werte, die man am liebsten im Klo hinunter spülte.
Von der Freiheit des Denkens und vom Trost der Philosophie
Das merkte ich deutlich am nächsten Tag, als ich, nachdem der Ritus des Abmarsches der Arbeitszwerge erfolgt war, erneut mit der Einsamkeit der Zelle konfrontiert wurde. Langsam wurden mir einige anthropologische Grundbefindlichkeiten bewusst, die das Leben jedes Menschen durchziehen und es bestimmen.
Der Mensch ist an sich letztendlich immer einsam, allein und auf sich selbst gestellt. Die Zelle - als letzter Kreis des Gefangenseins überhaupt, im Gefängnis, im Land, auf der Welt, im eigenen Körper, in der Endlichkeit und Zeitlichkeit des Seins - verdeutlicht und verstärkt dies nur. Doch zwei Begleiter waren immer da: Sorge und Hoffnung.
Die eine, verursacht und gelenkt durch die objektorientierte Furcht wie durch die undefinierte, aus dem Nichts erscheinende irrationale Angst - das Bangen. Die andere, ein positives Prinzip, das alles Niederziehende zurückdrängen und für Momente aufheben konnte - die Zuversicht.
Während des gesamten Gefängnisaufenthalts wurde ich die Befürchtung nicht los, man werde uns doch noch in eine Falle locken, um uns in einem weiteren Schauprozess auf der Grundlage fiktiver und konstruierter Anschuldigungen zu mehrjähriger Haft zu verurteilen und uns schließlich auf diese Weise körperlich und psychisch zu zerstören. Lebten wir doch in einem totalitären System, in einer Diktatur afrikanischer Prägung, wie es der Dichter Caraion auszudrücken pflegte, in einem Staat des real existierenden Sozialismus, der die Würde des Menschen mit Füßen trat und dem das Schicksal des Einzelnen nichts bedeutete. Was galt schon das Wort eines hohen Geheimdienstoffiziers, eines Provinzgenerals, wenn es von höherer Warte aus, in den eigentlichen Zentralen der Macht in der Hauptstadt, relativiert und aufgehoben wurde. Der Wortbruch der Behörde in der Bukarester Calea Rahovei bei meiner zugesagten Ausreise, der mich erst bewogen hatte, radikal zur Brechstange zu greifen, war ein Beweis dafür.
Jetzt saß ich nach wie vor auf einem Schleudersitz ins Nichts, faktisch aber in einer Mausefalle, aus der es vorerst kein Entkommen gab. Draußen vor der Tür, wo weitere Fallstricke versteckt waren und andere Hinterhalte, saß eine animalische Raubkatze mit menschlichen Körperkonturen, mit einem Schlagstock in den Pfoten, jederzeit bereit, davon Gebrauch zu machen und die Widerstandsfähigkeit meines Rückens und meiner inneren Organe zu testen. Somit lernte ich die Innenperspektive einer Mausefalle kennen, eine Schau, die nur eines generiert: Angst! Reine, nackte Angst!
In dieser exponierten und ausgelieferten Situation wird der Mensch in ein tragisches Sein zurückgeworfen - wie das Lamm auf dem Weg zur Schlachtbank. Dafür hielt die Weltgeschichte manche paradigmatische Konstellation bereit, wozu das eigene Subjekt in einem schwer durchschaubaren Sinnzusammenhang stand. Das Gedächtnis holte nur die mächtigsten der großen Leidensgeschichten hervor - die Passion der Vernichtungslager, archetypische Mythen und mythisierten Beispiele der Weltreligionen, vor allem aber die Passionsgeschichte Christi, über die ich seit den Jahren meiner Kindheit nicht mehr gründlich nachgedacht hatte. Waren die Passionsstationen Christi, sein Ausgeliefertsein, sein Golgotha-Erlebnis, seine Erfahrungen letzter Einsamkeit und endgültiger Verlassenheit am Kreuz nicht archetypische Muster des Menschseins, in welchen sich die eigene Lage wieder fand? In der Reflexion dieser Situationen wurde mir aber auch bewusst, dass ich noch längst nicht gänzlich verlassen war.
Wer von einem geliebten Menschen verlassen wird, auf den er alles gesetzt, auf den er in jeder Lage gebaut hat, dem er vertraut und auf dessen inneren Beistand er zählte, der erfährt ein großes Gefühl des Verlassenseins. Das traf in meinem Fall noch nicht zu. Was konnte ein Jüngling, dessen zwanzigster Geburtstag kaum verstrichen war, schon Bedeutendes verlieren - außer der Unschuld der Jugend und den Ketten, die seine Freiheit verhinderten?
Das absolute Verlassensein von Menschen ist eine existentielle Erfahrung, die mir erspart blieb. Doch auch wenn ich den Schmerz bereits in der Zelle hätte erfahren müssen, wäre mir noch eine Rückzugsmöglichkeit verblieben - die innere Flucht in das metaphysische Dahinter, in die Welt des Göttlichen, die mir noch nicht verbaut war. Das Kreuz bot Heil wie die Rose. Ein Zurückziehen in ethische und ästhetische Strukturen war immer möglich, im Bereich von Religion und Philosophie und in der Rückbesinnung auf die innere Freiheit der Stoiker, die selbst in Ketten nicht verfliegt.
Viele Geister hatten diesen Schritt freiwillig vollzogen, sich selbst isoliert, um aus der Enge der Zelle heraus zu meditieren. Was sprach dagegen, wenn ich Ähnliches versuchte, auch ohne Bücher, ohne intellektuell befruchtende Gesprächspartner, nur so, den gegebenen Bedingungen entsprechend mit den Mitmenschen und im Selbstentwurf? Kopfwelten taten sich auf. Vieles, was ich früher nur gedanklich gestreift hatte, konnte jetzt, in der ruhigen Kontemplationskulisse der Zelle, wieder wachgerufen werden - auch die mir noch ferne Botschaft des Buddha, dass alles Leben Leiden ist. Das Tragische der Situation, das Sein als Leidenszustand, musste mental angenommen werden, ganz im Sinne der stoischen Einsicht, dass der selbstbestimmende, freie Wille des Subjekts nur die abänderlichen Dinge verändern kann, das übergeordnet Unabänderliche jedoch annehmen muss.
Gleichzeitig fühlte ich aber auch, dass ich zu einem endgültigen Amor fati, zu einer apathischen Fügung ins Schicksal, noch längst nicht bereit war. Etwas revoltierte deutlich in mir und weigerte sich, das Ausgeliefertsein fatalistisch hinzunehmen, ohne selbst etwas dagegen zu tun. Mir wurde bewusst, wie sehr mich immer noch das heroische Kämpfertum bestimmte und wie weit ich noch vom Christentum und dem Buddhismus entfernt war. Das Fügen war mein Wesenselement nicht, die Feigheit auch nicht. War es der Kampf, der mich bestimmte, der Vater aller Dinge, des Werdens im Sein?
In mich hineinlauschend, stieß ich immer noch auf ein Lebensgefühl, das meine letzten Jahre bestimmt hatte. Der revoltierende Protest war es, der mich bewegte, gleich dem Homme révolté des Albert Camus, zwischen Erkenntnistreben und Hybris angesiedelt wie ein prometheischer Ikarus oder ein hochfliegender Prometheus. Die Richtung stimmte, das Hinauf, weil es von natürlichen Antrieben diktiert wurde. Einen Jugendlichen schreckt das Scheitern nicht - und hochfliegende Ziele tragen ihn selbst über den Tod hinaus.
Trotzdem! Wenn ich schon scheitern sollte, dann wollte ich heroisch scheitern, als tragischer Held, nicht als sinnlos geopferte, triviale Randfigur. An den eigenen Gedankengängen war nachzuvollziehen, wie ich zunehmend die Oberflächlichkeit des Denkens, die das Leben der Außenwelt bestimmt, verließ und mich den tieferen, gründlicheren Schichten des Nachdenkens zuwandte. Dem spontanen Geistesblitz geht oft die Reife des Denkens voraus. Das lernte ich allmählich, wo ich nun erstmals in meinem Leben die Zeit zum Denken und zum Verdauen des Gedachten hatte. Mit hungrigem Magen denkt man anders als mit einem ewig saturierten. Wer nur noch das reine Denken zur Verfügung hat, entflieht gern der profanen Alltagswelt und begibt sich in andere Sphären, bis hinein in die Welt des Metaphysischen. Unmerklich ändert er von psychologischen Faktoren bestimmt auch seine Denkrichtung und wandelt sich dabei vom modischen Atheisten zum demütigen Homo religiosus.
Er denkt nicht nur über die Phänomene der Freiheit nach. Er reflektiert auch über die damit zusammenhängenden ethischen und existentiellen Kategorien, über das Böse in der Welt, und, wo er doch an der Quelle sitzt und unmittelbare Beobachtungen anstellen kann, über Verbrechertum und über individuelle Verstrickungen in die Schuld.
Einiges davon versuchte ich auch empirisch zu ergründen, um es später vielleicht in irgendeiner Form an andere weiterzugeben, die bestimmte Phänomene in speziellen Situationen nicht erleben konnten. Die konkrete Erfahrung im Milieu der Gefängniszelle war mir wichtig, in existentieller Exponiertheit, unter Druck und Terror, fern der Hirngeburten des akademischen Elfenbeinturms, in dem Heidegger, Jaspers und Hannah Arendt über die gleichen Dinge nachdachten - auch über Freiheit.
Hochgeistige Abstraktionen in vielen Tausend Büchern waren bereits über die Freiheit geschrieben worden. Doch nur die wenigsten davon hatten auch die Menschen erreicht. Der Bolero des Denkens wurde wach mit kreisenden Gedanken, die tosender, mächtiger und übermächtiger wurden und deren Eigendynamik sich kein Skeptiker entziehen konnte. Im welchem Sinnzusammenhang befand sich mein Ich und mein Leiden in der kosmischen Einbettung?
War alles, dem ich ausgesetzt war, eine Folge von Prüfungen, die eine göttliche Allmacht über mich verhängt hatte, um mein Innerstes hervorzukehren, es zu entwickeln und zu stärken? Mich als humanen Menschen zu formen? War ich ein guter Mensch im dunklen Drange auf dem rechten Weg - und sollte auch mein aufrichtiges Bemühen letztendliche Erlösung finden?
Gaben mir die Götter jetzt unerträgliches Leid wie Hiob, um mich segensreich mit späterem Glück zu überhäufen und mich dieses voll auskosten zu lassen? Oder war ich doch nur eine tragische Gestalt von vielen, die ohne Einsicht in den Plan des Fatums für ein Vergehen der Vorväter sühnte? Sophokles und Goethe hatten Wege aufgezeigt, die ich entweder pessimistisch oder auch hoffnungsvoll deuten konnte. Die Tragik anderer Schicksale rollte vor mir ab - in Reflexion und Selbstreflexion. Doch innerlich weigerte ich mich, Teil der Handlung zu sein. Nachdem ich selbst einiges durchlitten und in aufrichtiger Trauer abgearbeitet hatte, formte sich das Gefühl, am tiefsten und dunkelsten Punkt einer Krisis angekommen zu sein, von dem aus es - nach durchstandener Katharsis nur noch ein chancenreiches Hinauf geben konnte.
Phönix aus der Asche - ein Lieblingsmotiv. Aus Flamme und Glut zu Asche werden und dann zu neuem Leben sprießen wie das Samenkorn - und der Basilisk. Oder, wenn es sein muss, für immer zur Asche zerfallen. Zuversicht und Resignation lagen dicht beieinander auf dem künftigen Weg der Freiheit. Das Wohin war noch nicht genau definiert - doch die Richtung stimmte.
Zwischen Melancholie, Euphorie und letzter Verlassenheit
Die Stimmungen wechselten wie die Hochs und Tiefs an der Wetterfront. Mal war ich heiter, Mal überkamen mich erneut traurige Gedanken. Wenn das Euphorisch-Manische verflogen war, breiteten sich die Schatten der Melancholie aus und umhüllten Seele und Gedankenwelt. Schließlich waren wir beide stellvertretend für alle Unterzeichner auf der Liste verurteilt worden, für jene annähernd hundertfünfzig Menschen, die nunmehr ihren Weg in die Freiheit beschreiten durften. Erwin hatte sich in uneingeschränkter Solidarität angeschlossen und volle Mitverantwortung für die Planung und Ausführung der Gewerkschaftsgründung übernommen, ohne eine goldene Brücke zu nutzen, die man ihm vielleicht noch gebaut hätte.
Jetzt saß ich in einem finsteren Loch wie ein mythischer Titan, der, von Zeus besiegt, aus elysischen Feldern vertrieben worden war, ein Leidender, dem Selbstmitleid ausgeliefert. Wer die tragische Weltkonstellation verstehen will, mit waltendem Unheil, mit permanenter Ungerechtigkeit, mit Trauer, Tod und vielfachem Leid, muss die eigene Tragik in das Gesamtgeschehen integrieren und sich mit seinem Los abfinden. Es ist schmerzhaft und schwer wie das Ertragen der Gewissheit, dass man bald sterben muss. Das hatte ich begriffen, weil die großen Vorbilder aus Musik und Poesie viel von dem Schmerz vorweggenommen hatten. Jetzt verstand ich besser, was sie in bestimmten Werken meinten. Schuberts Heine- und Goethe-Vertonungen kamen mir in den Sinn; Musik aus dem Gedächtnis mit Worten, deren Sinn sich erst jetzt erschloss, wo das Leben das Gefühl bereitstellte. Tief im Innern der Vorstellung vernahm ich die schweren Akkorde eines Hammerklaviers und die klare Interpretation eines stimmgewaltigen Tenors; Worte, die jetzt auch mir aus der Seele sprachen: Ich unglückseliger Atlas! eine Welt, /Die ganze Welt der Schmerzen muss ich tragen,/Ich trage Unerträgliches, und brechen /Will mir das Herz im Leibe.//Du stolzes Herz! du hast es ja gewollt!/Du wolltest glücklich sein, unendlich glücklich /Oder unendlich elend, stolzes Herz /Und jetzo bist du elend. Tiefe Melancholie. Was ich erlitt, war hier einfangen, in Poesie und Musik; doch noch weit vom Abgrund entfernt, von letzter Einsamkeit und endgültiger Verlassenheit. Heine hatte verwandt gefühlt und mit ihm Franz Schubert, der für mich die Fortsetzung Beethovens bedeutete. So fühlte nun auch ich. Wo war Prometheus in solchen Augenblicken? Weshalb bäumte er sich nicht auf in Rebellion, in Verachtung? In solchen Augenblicken trotzte ich dem Schicksal nicht mehr, sondern fügte mich in sein Walten. Der höhere, unabänderliche Wille sollte geschehen!
Im Wechsel der Stimmungen, im Auf und Ab von Dur und Moll, verstrichen die äußerlich nahezu ereignislosen Tage. Manchmal erfassten mich Apathie und innere Leere, Zustände, die nur durch Nichtstun überwunden werden konnten. Kreative Gedanken waren in solchen Augenblicken nicht möglich. Der Stumpfsinn regierte und die Langeweile. Um überhaupt etwas zu tun, zählte ich die Schritte oder die zahlreichen Vierecke unter der Pritsche, die ich sah, wenn ich, auf der Holzbank sitzend, den Blick erhob. Dann war da noch die konkrete Welt der Politik hinter der Gegenständlichkeit der Zelle.
Während die anderen Häftlinge damit beschäftigt waren, ihre Träume zu deuten und, ohne je etwas von den Segnungen der Psychoanalyse gehört zu haben, bereits einen ganzen Katalog von Symboldeutungen erarbeitet hatten, die selbst das Interpretationsspektrum eines Freud und Jung erweitert hätten, war ich mehr mit der Auslegung konkreter Ereignisse und Nachrichten beschäftigt.
Nach etwa drei bis vier Wochen Gefängnisaufenthalt in der Zelle in relativer Einsamkeit, also in einem Wechselverhältnis von Stunden des Alleinseins und unfreiwilliger Gesellschaft, geschah ein kleines Wunder. Während eines Ganges in den Duschraum, der alle zwei Woche anstand, stieß ich in der relativ unbeobachteten Warteschlange vor dem Eingang auf einige Pfingstler, Baptisten, die aus religiösen und weltanschaulichen Gründen einsaßen. Diese Baptisten wussten offensichtlich, weswegen ich hier war. Vorsichtig tastete sich einer von ihnen an mich heran und flüsterte mir diskret ein paar Mitteilungen zu, in welchen er sich als religiös Verfolgter zu erkennen gab. Konnte ich ihm vertrauen? Was sprach dagegen, ihm zuzuhören?
Beim Duschen, das keine fünf Minuten dauerte, drängte der fromme Mann gleich unter einen gemeinsam zu nutzenden Duschkopf. Während das heiße Wasser herunterströmend den ganzen Raum in Nebel hüllte und das gute Dutzend munter gewordener Häftlinge tobte und einzelne beim Einseifen ihren derben Späße machten, nutzte er die laute Anonymität der Situation, indem er fortfuhr mir zu berichten. In groben Zügen schilderte er dann einige gesellschaftspolitische Veränderungen innerhalb der vergangenen Wochen. Die freie Gewerkschaftsbewegung im Land sei noch nicht gänzlich zerschlagen. Sie würde teilweise im Untergrund weiter bestehen und überwiegend von Studenten fortgeführt werden, in Temeschburg, im benachbarten Arad, ebenfalls noch im Banat gelegen, und in anderen Gegenden des Landes, obwohl die Securitate alles unternehme, um jeden Einsatz für Freiheit und Demokratie abzuwürgen.
In der französischen Zeitung Libération seien noch andere größere Städte des Landes genannt worden, wo sich Ableger der Freien Gewerkschaft gebildet hätten; in dem petrochemischen Zentrum Ploiesti, im siebenbürgischen Hermannstadt - Sibiu, in Großwardein - Oradea dicht an der ungarischen Grenze, in der Automobilstadt Pitesti, in Mangalia an der Schwarzmeerküste und in zahlreichen kleineren Städten und Gemeinden. Die freie Gewerkschaftsbewegung würde trotz der Repression zum flächendeckenden Phänomen anwachsen. Unterstützung käme von Radio Freies Europa, das weiterhin intensiv über alle oppositionellen Regungen berichte und von der Liga für Menschenrechte aus Paris. Der inzwischen weltbekannte Dramatiker rumänischer Herkunft Eugéne Ionesco würde es an Unterstützung nicht fehlen lassen und aufgrund seines Einflusses als Mitglied der Französischen Akademie dafür sorgen, dass in den französischen Medien nach wie vor berichtet werde. Die Bukarester Gewerkschaft, die es immerhin auf fast 2500 Mitglieder gebracht habe, sei inzwischen abgewürgt worden; ihre Führer seien alle verhaftet.
Innerlich aufgewühlt folgte ich seinen hitzigen Ausführungen, ohne ihn auch nur einmal zu unterbrechen. Das war schon eine ganze Menge, was ich in der knappen Zeit zu hören bekam. Mit negativen Nachrichten hatte ich gerechnet; nicht aber mit den zahlreichen positiven Entwicklungen. Da war mehr Solidarität im Land, als ich es erwartet hatte. Also regten sich die Rumänen doch? Ferner war es sehr wohltuend zu hören, dass andere engagierte Idealisten, selbst im fernen Ausland, sich für unsere Sache begeistern konnten und die Notwendigkeit sahen, uns zu unterstützen. Also waren wir doch nicht von der Welt verlassen? Das gab mir neuen moralischen Auftrieb.
Für jeden Häftling ist es wichtig, ganz egal weswegen er verurteilt ist, nicht in Vergessenheit zu geraten. Er muss wissen und fühlen, dass er nicht verlassen ist; und dass es noch Menschen gibt, die an ihn denken. Denn wer von der Welt verlassen wird, fühlt sich alsbald auch von Gott verlassen. Er resigniert und verfällt in letzte und tiefste Einsamkeit, hinter welcher nur noch eines existiert: das Scheitern. Für einen politischen Häftling, der für ein Ideal einsitzt, ist die äußere Solidarität noch wichtiger, weil er auf das Fortbestehen des Ideals angewiesen ist. Zerfällt das Ideal, indem er daran zu zweifeln beginnt, dann verfällt auch er. Deshalb war ich hell begeistert, solche Botschaft zu vernehmen.
Auch erfreute es mich noch mehr, dass der Hauch der Freiheit wieder einmal von Frankreich aus herüber zu uns wehte. Frankreich war nicht nur die kulturelle Leitnation der Rumänen, Frankreich war auch meine zweite geistige Heimat. Auch ich war von je her ein Frankreichbegeisterter - vielleicht, weil mehr von dem lothringischen Blut der Ahnen durch meine Adern floss, als mir bewusst war. Die tiefe Verwurzelung im deutschen Bildungsgut und mein ernster deutscher Patriotismus hinderten mich nicht daran, vieles aus Frankreichs reicher Geistesgeschichte begierig aufzunehmen; ausgehend von der Klarheit eines Descartes, über die Kompromisslosigkeit und intellektuelle Wahrhaftigkeit eines Montaigne, über die Charaktere eines La Bruyère, die ich gerade in diesem Umfeld konkret studieren durfte, bis hin zum Witz und Stil eines Voltaire, der auch mich literarisch beeinflusste oder zum sozialethischen Pathos eines Hugo, um nur einige zu nennen. Die Franzosen sind Menschen, wie Lenau es einmal trefflich formulierte, die sich aus Begeisterung für eine Idee auch totschlagen lassen, wenn es sein muss. Damit war auch mein idealistisches Grundgefühl umschrieben, nach dem ich leben wollte. Von einem befriedigenden Hochgefühl getragen, trat ich den Rückmarsch in die Zelle an. Das Leben in der Zelle war stets im Fluss - und ich nach wie vor ein kleiner Fisch im großen Strom gegen die Strömung.
Elegie - Abschied für immer
In der Ortsmitte, zwischen Kirche und Schule, stieg ich aus und blickte mich um. Endlich daheim!? Die Kirche des Erzengels mit dem Flammenschwert war noch da. Doch die sonst lebensfrohen Straßen waren menschenentleert. Alles wirkte leergefegt und tot. Das passte zu meiner Stimmung. Denn ich fühlte mich wie ein Odysseus, der nach langer Irrfahrt heimkommt und statt des warmen Herdes ein Ruine vorfindet; einen Haufen kalter Steine, die nichts vom Leben künden, das hier einst pulsierte.
Der Rosengarten war mir schon verwandelt erschienen. Der Heimweg kam mir jetzt noch trauriger vor. Im Ohr regte sich das Trommelfell. Und dann trommelte es wirklich, im Bolerotakt, lauter und lauter werdend!? An dieser Ecke an der Kirche hatte Großvater oft getrommelt, der Kleinrichter, bevor er seine Mitteilungen ausrief. Der Bruder trommelte hier bei Umzügen, Freudenfesten und an Kirchweih. Und selbst ich hatte einst, wenn ein Trommler fehlte, die Gitarre niedergelegt und auf die große Pauke eingeschlagen, ohne rechte Lust, doch der Tradition verpflichtet. Bald hatte es sich ausgetrommelt. Es wurde still, gespenstisch still in einem Dorf, das eigentlich immer lebendig laut gewesen war.
In dieser Welt war ich aufgewachsen und in sie hineingewachsen. In dem Taufbecken hinter der dicken Holztür war ich ungefragt der Christenheit zugeführt worden. Im Kirchhof schritt ich naiv zur Kommunion und zur Firmung und weiter oben im Chorbereich läutete ich als Ministrant vergnügt die Glocken, je nach Anlass, mal die kleine Helle, mal die dunkle Große und gelegentlich auch die ausgewogene der Mitte. Am stimmungsvollsten aber empfand ich ihren Zusammenklang, jene Glockensymphonie, die dann ertönte, wenn die Orgel verstummt war.
Intuitiv schob ich nun die Tür zurück und trat in den vertrauten Raum. Ein halbes Jahr hatte ich ohne Kreuz gelebt - und zwanzig Jahre unter Hammer und Sichel! Jetzt sah ich es vielfach. Unbewusst schritt ich vorwärts an den Passionsdarstellungen entlang, zwölf Stationen, zwölf Bilder - alles erschien mir nunmehr im veränderten Licht. Wer selbst gelitten hat, sieht auch die Darstellung des Leidens mit anderen Augen. Hier, zwischen den Bänken kniend, war mir erstmals das archetypische Leiden bewusst geworden, das Leiden Christi auf Golgotha, über das ich in letzter Zeit so oft nachgedacht hatte. War es der Schlüssel zum Menschsein?
Schon stand ich am Altar, diesmal bewusster hinauf blickend - Vor mir das vertraute Gemälde: Michael mit erhobenem Schwert über die Bestie triumphierend. Bestien, Basilisken, Antichristen? Da konnte ich mitreden.
Links oben über allen frommen Köpfen die Kanzel. Die Kanzelworte des Predigers hatten mich auf Nietzsche gebracht, auf Zarathustra, auf freie Geister und auf die Auseinandersetzung mit dem Kreuz, gegen das Kreuz und um das Kreuz. Wann was für wen zutraf, war schwer zu beantworten.
Wie oft hatte man uns daheim nüchtern hierher gescheucht, in den Beichtstuhl, zur Buße und dann mit geläuterter Seele zur kargen Hostienspeisung noch vor dem Frühstück? Eine Schikane, dachten wir! Wozu Reinigung? Wozu Seelenheil? Wo unser Gewissen doch noch unbefleckt war?
Und doch war es nicht verkehrt gewesen. Denn das wenige, was erhebend gewesen war in jenen Jahren der Kindheit, erlebten wir hier in unserer Kirche - vor allem Musik, höhere Musik, jenseitige Musik! Nachklänge der Harmonien formten sich in den Untiefen der Erinnerung … Ich bete an die Macht der Liebe, sangen die zarten Mädchen mit Inbrunst - und die Alten und die Greisen, die alles schon mehrfach erlebt hatten, Hunger und Not, Krieg und Frieden, Kummer und Tod, fielen, wenn die Situation es erforderte, mit Macht ein, jenes tiefe Lied intonierend, das Felix über alles liebte … Zu dir, zu dir o Vater!
Das Prägende meldete sich zurück und kam wieder und wieder wie die Trommeln im Bolero als Spur unserer Kultur. Einige merkten etwas davon, an anderen ging sie spurlos vorbei, obwohl auch sie Augen und Ohren hatten.
War ich noch daheim? Oder war ich doch schon ein Unbehauster ohne Ziel und Vaterland, ein rastloser Wanderer, dem nur noch der Weg bleibt zum fernen Ziel? Ein Ahasver des Mythos und der Poesie, der heimkommt, aber keine Heimat vorfindet, weil er weder ein irdisches, noch ein himmlisches Zuhause hat?
Die goldenen Lettern auf dem braunen Freibrief in meiner Jackentasche sprachen eine klare Sprache - ich war kein Bürger mehr; nur noch ein Staatenloser, ein Ausgestoßener, ein Tschandala des Sozialismus, den man gerne ziehen ließ - und der nur noch wiederkam, um Abschied zu nehmen, um Liebgewonnenem ein letztes Lebewohl zu sagen, bevor er für immer ging. Es ist aus, wir müssen wandern …
Also verließ ich den Tempel meiner Kindheit und stapfte los. Nach Süden. Bevor ich bei den nahen Verwandten anklopfte, um ihre Gastfreundschaft für wenige Tage in Anspruch zu nehmen, wollte ich noch einen letzten Blick auf das heimatliche Haus werfen, auf das Elternhaus und mich in der mir noch verbliebenen Zeit von vielen kleinen Dingen verabschieden, und fürs erste trennen, denn der endgültige Abschied, der sich im Kopf vollzieht, dauert Jahre.
Auch gefühlsmäßig wollte ich mich lösen von vielen lieben Menschen, von immateriellen Werten, von Sachen mit tieferer Bedeutung; von der alten Großmutter, die nicht mehr ausreisen wollte, von den alten Schulkameraden, die in der Blüte ihres Lebens standen, von anderen Mitmenschen, die Teil des bisherigen Lebens waren. Selbst der natürlichen Landschaft, die ich so nie mehr wieder finden würde, wollte ich ein letztes Adieu sagen. Der Zugwind in den Gassen wehte kalt. Es sollte ein Abschied sein von der Heimat und von der Welt von Gestern, die es schon bald nicht mehr geben würde.
Auch das Dorf erschien mir - wie vorher schon die jüngste Wahlheimat Stadt - beim ersten Anblick der langen, leeren Gassen fremd und verändert. Das halbe Jahr der Abwesenheit war eine Ewigkeit und hatte Spuren hinterlassen, innere und äußere. Wie tausendmal vorher schritt ich über den Backsteinweg die Große Kreuzgasse hinunter und blickte mich nachdenklich um. Was erwartete mich hier? Wie hatten die Menschen hier im Ort unsere Protestaktion aufgenommen? Als verstiegenen Akt, als Hybris oder mit Sympathie? Das konnte ich nicht wissen? Teils, teils vielleicht!
Sackelhausen wirkte eher feindselig als vertraut. Oder täuschten mich die Sinne? Projizierte ich nicht all das in die Welt hinein, um mich besser ihrem Bann entziehen zu können? Der Magie der Heimat? Ihren Bindungen und Netzen?
Die Lieben waren schon davon. War ich nicht auch schon gegangen, zumindest geistig? Und hatte ich mich nicht schon früher distanziert, wegentwickelt, kritiklos und ohne Diskrepanzen? Mit vierzehn? Mit siebzehn, als sich die natürliche Loslösung sich vollzog, ohne scharfe Zäsur? Und hatte sich die Seele bereits davongemacht? Noch nicht ganz! Sie bebte noch beim Schreiten durch die Gassen.
Es war schon spät. Die Dämmerung zog auf als Ankündigung einer schwarzen, sternlosen Nacht. Immer noch ging ich allein durch den Staub und war heilfroh, dass mir niemand begegnete. Das Kruzifix war noch da an der Ecke. Und die Quelle spendete noch das labende Nass. Nur die Erde erschien mir leblos und grau wie die Asche auf dem Feld, wenn das Unkraut verbrannt war. Das Feuer der letzten Jahre hatte viel verzehrt. Die Glut war fast verglommen.
Nur gut, dass ich keinen antraf. Von milder Trauer erfüllt, in mich versunken, wollte ich jetzt mit niemandem reden; keine dummen Fragen beantworten, keine Freundlichkeiten, keine Höflichkeiten austauschen, keine Heuchelei erleben, sondern mich ganz der Stimmung hingeben, die von Lösung und Abschied erfüllt war.
Mit dem Dorf und seinen Menschen, die so waren wie sie waren, schied eine Welt. Bewährte Werte wurden aufgegeben, um ein Experiment zu wagen. Alles Heimatliche und Heimische schien verflogen wie ferner Rauch, der zum Himmel aufstieg. Bevor ich das Haus des Onkels ansteuerte, das mir, dem nun endgültig Heimatlosen, für wenige Tage ein Obdach bot, ging ich, halb gezielt, halb ahnend, ein letztes Mal in die Kleine Kreuzgasse. Dorthin, wo ich einst in der Wiege herumstrampelte; und wo ich später in einem weißen Kinderwagen aus Holz hinter soliden Jalousien versteckt durch den Hof geschaukelt worden war. Einen letzten Blick wollte ich auf das Häuschen werfen, in dem ich einst glücklich lebte und geborgen. Der Urgroßvater hatte den Vorderteil des Hauses, die Stube, noch aus Lehm gestampft und Großvater Ott hatte es dann in Stein ausgebaut. Während der Flucht nach Österreich war es zunächst verlassen worden, um dann wieder aus Kolonistenhand in Besitz genommen zu werden. Es hatte Generationen beherbergt, die Großeltern, die Eltern. Und es hatte, mit einem Blindgänger im Bauch, zwei schlimme Weltkriege überdauert, während das Nachbarhaus von einer Granate getroffen und abgebrannt war. St. Florian hatte geholfen! Nun stand immer noch da, fest gemauert in der Erden und fein säuberlich geweißt, einladend, einen frechen Spruch aufzunehmen, den das erste Kind mit roter Kreide aufzumalen bereit war.
Von Reben umrankt wirkte das Haus hinter dem grüngestrichenen Lattenzaun fast noch so, wie ich es vor einem halben Jahr verlassen hatte. Doch der Schein trog. Es erschien mir leer zu sein und verwaist, obwohl Menschen darin wohnten. Nach meiner Heimat zieht’s mich wieder, Es ist die alte Heimat noch, Dieselbe Luft, dieselben frohen Lieder - Und alles ist ganz anders doch … Wie oft hatten wir an lauen Frühlingsabenden diese alte Weise gesungen, ohne die Stimmung zu kennen, die aus ihr klang. Jetzt war die alte Sehnsucht da - und die Geborgenheit dahin.
Die Farben eines Essigbaums erstrahlten feurig in allen Nuancen von Rot. Ein roter Oktober? Die Eltern waren bereits im Sommer ausgereist, ohne viel von ihrem Hab und Gut retten zu können, bis auf ein paar Fotos und einige Erinnerungen. Sie hatten alles aufgegeben, um der Zukunft willen - wie es manchmal plakativ hieß - und für jene Freiheit, die ich eingefordert hatte. Mit meinen Aspirationen hatte ich sie mit verstrickt in eine Zukunft, die besser sein sollte.
Der Preis dafür, so schien es äußerlich, waren Haus und Hof, weil es der selbstherrliche Staat so wollte! Weshalb sollten die Menschen in Würde ziehen dürfen, wenn man sie auch demütigen konnte?
Doch der eigentliche Verlust war anderer Art und unersetzlicher. Die Menschen verloren mit ihrer Heimat die Einbettung in die vertraute Gesellschaft und damit nicht selten den Frieden ihrer Seele. In alle Winde verstreut verloren sie auch den Halt.
Herumstehen wollte ich hier nicht. Also schlich ich so langsam wie möglich am alten Anwesen vorbei und schielte verstohlen über den Zaun wie ein Dieb, der nach winkender Beute Ausschau hält. Doch da war nichts, was ich noch hätte mitnehmen können, nur flüchtige Erinnerungen aus heilen Tagen der Vergangenheit.
Stationen der Kindheit und Jugend zogen in meiner Imagination vorbei. Bilder rollten ab in geschwinder Folge - wie beim Nahtoderlebnis. Fast alles, was die Gehirnwindungen durchzuckte und Regungen wachrief, war in jener wehmütigen Weise vorweggenommen. Da sah ich die Mutter aus dem Fenster schauen und den Vater im Hof zwischen Rosen und Reben. Archaische, ja archetypische Bilder; Konstellationen im Zeitraffer. Kindheit rollte ab. Eine glückliche Kindheit mit dem Hauch der humanen Welt, die vom menschlichen Menschen bestimmt wird. Dann hielt ich kurz inne, um mich zu fassen und die aufkommende Wehmut zu unterdrücken. Traten Tränen in meine Augen?
Das weiß ich nicht mehr. Das Gefängnis hatte alles ausgetrocknet. Am grünen Lattenzaun vorbeistreifend spähte ich nochmals in den Hof und Garten. Alles war grau und leer. Die Reben hatten ihr fettes Grün abgeworfen und rankten sich nackt am Spalier hoch wie Skelette in der Totenlandschaft. In den späten Netzen der Kreuzspinne verfing sich der perlende Tau. Die Rosen waren längst verblüht und zeigten drohend ihre Dornen. Ihre Farben waren fort wie ihr Leben. Ein steinerner Garten machte sich breit. Dort an jener Stelle, wo ich einst auf Rosenblüten gebettet im Gras lag und den über mich hinwegziehenden Wolken nachblickte, war fahle Asche ausgebreitet worden als Dung für künftiges Leben.
Rumänen wohnten jetzt hier. Der baumlange Briefträger von nebenan, der Mann, der vor Jahren freudig die Ausreisebenachrichtigung überbracht hatte, sein künftiges Glück vielleicht schon erahnend. Es waren höfliche, fromme Leute. Sie passten in unser Haus - und ich gönnte es ihnen, ohne es später, als die Zeiten sich änderten, je zurückzufordern. Was zählte schon die Materie auf der Welt?
Also verließ ich die heimische Gasse, die Welt meiner Kindheit und ging schnellen Schritts zwei Strassen hinauf in die Neugasse, wo meine steinalte Großmutter daheim war, eine Frau, die ich nie habe lachen sehen. In ihrem Haus verschanzt fristete sie unauffällig ihren Lebensabend in stiller Kontemplation.
Ob sie sann? Ob sie dachte? Ich glaube, sie beherrschte auch das Nichtdenken.
Als ich das Haus betrat, saß sie in ihrer halbdunklen Kammer, friedfertig und einsam; und wie immer ohne Licht. Sie starrte ins Leere, einem Melancholiker gleich, der jenseits von Sinn und Zeit lebt. Ihr versteinertes, von Furchen durchzogenes Gesicht ließ keine besondere Regung erkennen, als sie mich nach der langen Abwesenheit zur Tür hereinkommen sah.
Hatte sie mich erwartet? Vermutlich nicht. Sie erwartete überhaupt nichts mehr, obwohl sie noch Jahre lebte. Ihre Welt stand schon lange still. Wir redeten, ohne etwas zu sagen. Dann ging ich irgendwann wieder und ließ sie regungslos zurück, ohne zu wissen, ob sich in ihrem Inneren noch etwas bewegte oder ob auch ihre Seele schon zu Stein erstarrt war.
Initiation - Daheim in Europa
Was sollte ich nun mit dem Rest des Tages anfangen? Die Verlockung, bei Ionesco zu klingeln oder zu Cioran hochzusteigen und anzuklopfen, war groß. Doch in diesem Punkt war ich auch bescheiden und verzichtete wie schon am Place Pigalle. Nicht jede erreichbare Kirsche musste gepflückt und gierig vereinnahmt werden; auch nicht jede Rose oder weibliche Schönheit.
Die Malerei wartete mit Gemälden, die ich als Kind im Schuhkasten des Pictors bestaunt hatte. Der Mythos des Lächelns der holden Gioconda Leonardos hatte mich schon damals fasziniert, der Mythos der Schönen noch mehr als ihr Lächeln. Jetzt war die viel bewunderte und oft besungene Grazie in Reichweite, die Mona Lisa war greifbar nahe. Also steuerte ich den Louvre an, wo Sammler wie Napoleon viel Kunst der Welt auf engstem Raum konzentriert hatten. Doch die Schlange am Eingang schreckte mich ab. Wieder Schlange stehen - das ganze Leben in der Schlange warten? War mir nicht alles zuwider, was etwas mit Schlangen zu tun hatte? Beginnend mit der alten Schlange der Bibel, die das Unheil in die Welt gebracht hatte, über das Natterngezücht in Temeschburg bis zu dieser hier, in der man sich fühlte wie im Würgegriff eines Python? Sollte ich auch heute weiter kämpfen, für die Kunst und den Kunstgenuss? Die Zeit schien mir zu kostbar. Und doch harrte ich aus, um das eine Bild zu sehen, das Leonardo auf seinen Reisen immer mit sich führte und an dem er dann und wann einen Pinselstrich tat, um es der Vollendung zuzuführen.
Trotzdem blieb es unvollendet wie die eine Symphonie Schuberts und das Requiem Mozarts und wie meine bescheidenen Frühwerke, die allesamt in die Glut gewandert waren. Eine halbe Stunde später stand ich endlich vor dem Bild, hinter einer Traube von Kunstfreunden aus Fernost und bestaunte die Magie im braunen Rahmen. Viel hatte das Menschheitsgenie Leonardo nicht gemalt; doch schon das wenige, was er hinterließ, reichte, um auch seinen malerischen Genius über den anderer Meister der Renaissance zu stellen. Menschen strömten zu dem Bild. Genaueres Betrachten und tieferes Nachdenken über das Ausnahmekunstwerk war nicht möglich. Wie von Misanthropie erfasst, floh ich bald wieder aus dem Tempel und fuhr zum Montmartre hin, wo - wie am Ufer der Seine - Kunst etwas ungezwungener erlebt werden konnte. Die Basilika Sacré-Coeur vor Augen, sprang ich die lange Treppe hoch, den drei aufgetürmten Kreuzen entgegen.
Hatte nicht Eliade genau auf diesem Pfad, ohne ihn beschritten zu haben, über den tieferen Sinn von Exil nachgedacht? Über die Lamentationen des Ovid am Pontus und über das Exil des römischen Nachfahren Dante, um dann die Eingebung zu erhalten, dass der Sinn des Exils die Initiation ist, nach einer langen Folge von Prüfungen auf einer langen Wanderung? Dem stimmte ich gerne zu! Alles hing irgendwie zusammen und war sinnvoll miteinander vernetzt. Also war auch ich auf dem Weg zur Initiation nach Katharsis und Purgatorium und bald ein Eingeweihter? Das war mir vielleicht doch eine Spur zu tief, zu metaphysisch, zu esoterisch! Noch sah ich die Dinge weniger heilig und mehr profan, ja gar oberflächlicher und sorgloser als früher im Osten. Denn eine drückende Last des Exils, das nur bedingt eines war, fühlte ich kaum.
Als Deutscher in Deutschland war ich eigentlich schon daheim, angekommen im Dasein, in der Eigentlichkeit, im Schoß der deutschen Kultur wie der französischen, daheim in Europa, dessen vielfältige Kulturen mir allesamt sympathisch waren.
Oben vor der Kirche blickte ich mich um. Alles war leergefegt wie nach einem schweren Sturm. Wo waren die Künstler? Alle weg, auf und davon nach Süden wie die Zugvögel, in die Provence? Oder hockten sie in irgendeiner warmen Mansarde im Atelier, am Feuer des Eisenofens bei knisternden Kastanien und Anisschnaps? Wo waren die Nachfahren von Toulouse-Lautrec, von Vincent van Gogh, Gauguin, Renoir, Matisse?
Wo waren die Komponisten und Poeten? Wo waren die Genies und Narren? Die Bekannten und die Unbekannten? Wo war Maurice Mourlout? Malte er an einem Gorilla? Und wo waren alte Freunde wie Jean-Pierre Hammer? Der geigende Maler und malende Geiger? Der Freigeist und Literat? Fiedelte er gerade den Mephistowalzer oder schrieb er an seinem Lenau-Essay Poete rebelle et libertaire? Jean-Pierre, der Lebenskünstler, hatte mit viel Fortune eine KZ-Internierung als Kind überlebt und war, wie einst Celan, trotzdem ein Freund der deutschen Literatur und Kultur geblieben. Er hatte lange in Madagaskar gelebt, in einem Land, wo die Chamäleons noch in den Urwäldern hausten, nicht im Verein und war ein Mensch geblieben, obwohl er sah, wie die Menschen um ihn herum verfielen wie das Bildnis des Dorian Gray und mit schwindender Moral und zunehmender Heuchelei kontinuierlich zu Chamäleons mutierten! Jean-Pierre hatte den Franzosen nicht nur den liberalen Lenau sondern auch den freiheitlichen Wolf Biermann vermittelt und als Linker seinem linken französischen Umfeld klargemacht, dass der Geist des Widerstands in der DDR doch noch nicht ganz erloschen war - immer ein engagierter Freund der Freiheit und der Dissidenz - ohne seine eigenen Leiden selbst zu inszenieren! Er war einer der exponiertesten Charaktere aus der Schar von vielen netten Linken, die mir begegnet waren, ein Mensch, der wie Biermann, Heine und Lenau das Ideal des Humanum über die Ideologie der Marxisten aller Couleur ansiedelte.
Doch heute fand ich weder Maler noch Kunst, nur leere Gassen, durch die ein kalter Zugwind wehte - und ein eisiger Hauch von Einsamkeit. Nach einem Blick auf das Kreuz, floh ich die Verzweiflung der kalten Leere und eilte die Stiegen hinab zurück in die Hektik der Weltmetropole, ohne das Gotteshaus betreten zu haben. Die Zeit raste und ich mit ihr, ohne zu bemerken, dass die Seele nicht mehr folgen konnte.
Ein Anders-Denkender am Höllentor - Rodin und die Trias als Humanum
Wohin jetzt noch? Also doch zu Rodin? Das nur seinem künstlerischen Schaffen gewidmete Museum stand auf meiner Wunschliste ganz oben. Dort lockten das Höllentor - lange nach Dante - und einige weitere monolithische Blöcke, aus denen Idee erwuchsen in eigener Genialität wie sonst nur noch bei Michelangelo!
Ein Denker erwartete mich dort! Ein Seelenverwandter? Ein sinnender Melancholiker wie am Grabmal der Medici? Ein Urbild und Ebenbild des Denkprozesses und Erleidens, in welchem alle Dichter und Philosophen des Alten Kontinents zusammenfielen wie die Töne in der gewaltigen Symphonie, alle großen Geister der Franzosen, der Rumänen, der Deutschen, Shakespeare und Cervantes, Dostojewskis und Tolstoi, Ravel und Sibelius!? Der Weg dahin war schnell gefunden. Und - welch ein Wunder: keine Schlange! In dem kleinen Palast war ich fast der einzige Gast. Ein Museum nur für mich! Das war gelebter Luxus.
Endlich allein - mitten unter Millionen an der Schlagader der Welt. Es fiel mir nicht leicht, aus dem Rasen zur Ruhe zu finden und in kontemplative Betrachtung zu versinken. Und doch. Rodins Werke waren die Ruhe selbst. Beeindruckt ging ich durch die Räume und besah andächtig alles, was hier ausgestellt war mit der Gier des Hungernden, der einen Laib Brot findet.
Balzac blickte mich an. Hatte ich nicht jüngst eine Posse von ihm gesehen, Das Finanzgenie, in der Hauptrolle der deutsche Fernsehkommissar? Auch ein Essay aus der Feder von Stefan Zweig über den großen Franzosen, der wie Mozart und Wagner immer nur Schulden hatte und vor Gläubigern floh, spukte mir durchs Gehirn - Und hier die Sicht von Rodin: die Wucht des Geistes als Kopf des Romanciers! Er schlug mich in Bann!
Und dann: Der Denker! Da war er! Eine Plastik in Bronze, mit der ich mich nur zu gern identifizierte. Das Denken selbst, die gesamte Weisheit der Welt schien aus ihr hervor - das Abendland, Echnaton und Buddha, Konfuzius und Zarathustra!
Den Geist und die ewigen Ideen galt es zu erfühlen - und es kam darauf an, die ewige Idee, den Zusammenfall des Gegensätze, des Bewussten und des Unbewussten, der Welt und Gegenwelt, mit dem Herzen sehen und erfassen, wie bei Exupery!
Trotzdem: Die Franzosen waren Rationalisten. Und das Primat des Geistes hatte Priorität, selbst vor Descartes. Alles, was den Menschen vom Tier unterscheidet, wurzelt im Denken. Das gesamte Menschsein ging darauf zurück. Und dabei wird es nicht einmal in den Schulen vermittelt - wie andere lebenswichtige Dinge auch.
Ein paar Schritte weiter noch - dann stand es vor mir: das Port d’ Ènfer - unvollendet, mit einer Vielfalt von Symbolen, die tagelanges Meditieren erfordert hätten. Eine Allegorie der Hölle - die viel bewunderten heiteren Heiden zappelten darin, die edlen Templer jenseits von Sodom und alle Abgründe der menschlichen Seele einem humanistischen Gehirn entsprungen und bildhauerisch in Erz gebannt. Die Unterwelt?
Das Purgatorium? Die Teufel mit den Mistgabeln, Jammern und Zähneklappern! Katharsis? Selbst die schuldlos Schuldigen mussten leiden, nicht anders als die ungeziefergeplagten Lauen. Kindheitsvisionen wurden wach, Vorstellungen, was die Hölle sei. Mehrfach hatte ich Höllentore passieren müssen. Hinein ins Gefängnis und hinaus. Und hinaus aus der Hölle des Kommunismus, die ein Dante noch nicht kannte.
Dieses hier wollte ich nur bestaunen, hoffend, dass es nicht zu tiefe Erinnerungen wachrief an Höllen und Vorhöllen, die ich schon überwunden glaubte. War die Hölle in uns selbst?
Oder traf Sartres Wort zu: Die Hölle, das sind die anderen?
Fasziniert und etwas verwirrt riss ich mich wieder los. In einem anderen Raum fand ich sie dann, jene Gruppe, die mich so sehr an verehrte Idealisten erinnerte: Die Bürger von Calais - ein weiterer Höhepunkt meines Besuches.
Sechs Menschen standen vor mir, ein jeder anders, mutig, aufopferungsvoll, leidend, eine Gruppe von Charakteren gebündelt um den ideellen Komplex: Widerstand - Freiheit - Humanum: die Trias fand hier zur Einheit, zum Apogäum, - wie die drei Basilikatürme des Sacré-Coeur. Und mit dieser Dreieinigkeit ging mir noch mehr auf. Mein Tun. Meine Welt - das Tun meiner Umwelt schien hier zusammenzufließen. Das menschliche Tun überhaupt schien auf einer Ebene zusammenzufließen, die in einer Idee eingefangen wird. In diesem Raum des Lichtes und der Kunst durchlebte ich einige subjektive Eindrücke, die sich von selbst objektivierten und alles, was bisher abgelaufen war, in einen großen Sinnzusammenhang stellten. Der gelegentlich aufkommende Pessimismus wurde durch diese Konstellation aufgelöst.
Als ich das Museum verließ, um bald darauf auch Paris zu verlassen, umgab mich eine Aura von Zuversicht.
Am Tag danach stand meine Rückreise nach Deutschland an. Der Zufall, der so viel Symbolisches und Symbolträchtiges in meinem Leben zusammengewürfelt hatte, wollte es auch, dass es eine Winterreise wurde. Es war immer noch November, ein trauriger Sonntag. Schnee lag in der Luft, als ich zum Ostbahnhof schritt und ein Hauch von Melancholie, die sich einstellt, wenn ein lange erstrebtes Ziel erreicht und das Glück des erfüllten Augenblicks verflogen ist.
Der Zug nach Straßburg wartete. Halb euphorisch, halb depressiv stieg ich ein. Im Koffer waren einige Andenken an die gerettete Architektur der Stadt - und im Kopf war diesmal keine Konterbande, sondern das Gedenken an Menschen, an Idealisten, die ich in Fleisch und Blut erlebt hatte. Es zeichnete sich bereits ab, dass ich noch öfters nach Paris kommen würde, um das Engagement eben dieser Menschen für Freiheit und Bürgerrechte weiter zu unterstützen.
Kurzer Abriss vorrevolutionärer Opposition seit 1979
Das Wort Freiheit darf nur selten verwendet werden.
Rolf Bossert über die Praktiken der inoffiziellen Zensur
„Wenn du nicht schweigst, kommst du nach Dachau“ - das war schon zu Beginn der 30er Jahre in Bayern zu hören, lange bevor die Nationalsozialisten die Macht in Berlin übernommen hatten. Auch im Stalinismus behielt die Aussage ihre Gültigkeit. Wer aufmuckte, wurde weggesperrt und für lange Zeit mundtot gemacht. Dichter und Schriftsteller waren genauso betroffen wie einfache Menschen, die nur ihre Meinung kundtaten.
Bis zum Zusammenbruch der Diktatur im Winter 1989 war das kommunistische Regime Rumäniens bestrebt, die eigene Bevölkerung von den politischen Entwicklungen in Osteuropa seit Gorbatschows Machtantritt abzuschneiden. Rumänien befand sich auf einem extremen Weg der Selbstisolation in die so genannte Albanisierung. Trotzdem ging der Protest im Land weiter und erfasste immer breitere Kreise der Gesellschaft bis hinein in die Reihen der Nomenklatur.
Die Formen des Widerstands und der Auflehnung waren vielfältig. Sie reichten vom stillen Protest bis zur inszenierten Verzweiflungstat. Antikommunistische Parolen heraus schreiend, soll sich Liviu Babes auf einer Skipiste bei Kronstadt - gleich Jan Palach in Prag - angezündet und als leuchtende Fackel ins Tal gestürzt haben. Es war, wie erst später bekannt wurde, ein individueller Akt der Rebellion, die Tat eines Menschen, der an der Feigheit, der Lethargie und der politischen Apathie seines Umfelds verzweifelte, nachdem sich seine Hoffnung, über den Glauben dem Labyrinth entrinnen zu können, zerschlagen hatte. Sein spektakulärer Protest verhallte. Kaum jemand vernahm etwas davon im Westen.
Intellektuelle wie Ana Blandiana, Doina Cornea, Mircea Dinescu und auch andere, weniger bekannte Dichter und Schriftsteller wie Bujor Nedelcovici versuchten weiterhin, an der Zensur vorbei ihre Werke zu veröffentlichen; sie wurden aber eben von dieser Zensur massiv ausgebremst. Statt sich der Auseinandersetzung mit der realen Gegenwart zu stellen und diese anzuerkennen, wie sie war, versuchten die Zensoren, die Schriftsteller zur Abänderung ihrer Sujets zu veranlassen und diese so weit zu entschärfen, bis jede Ähnlichkeit mit der tatsächlichen Realität verwischt war. Ion Caraion, der die meisten kritischen Dichter persönlich gut kannte, hatte mir selbst Fälle geschildert, wo Romanciers von Zensoren gezwungen worden waren, ihre Werke mehrfach zu überarbeiten, solange, bis von den ursprünglichen Konzeptionen und Ideen nicht mehr viel übrig blieb.
Freiheit und künstlerische Selbstbehauptung: Ana Blandiana und Doina Cornea
Dissidenz und literarische Produktion waren kaum noch von einander zu trennen. Bis in den Westen drangen jedoch nur wenige Namen durch; Ana Blandiana ist einer von ihnen.
Die 1982 mit dem Herder-Preis geehrte Dichterin wurde einem größeren Publikum bekannt, als eines ihrer satirischen Poeme, das Ceausescu als Kater Arpagic karikiert, nahezu in alle großen Sprachen des Westens übersetzt wurde. Mit ihren pamphletartigen Travestien wagte sie es als eine der wenigen, den Diktator persönlich herauszufordern und seinen Schergen vom allmächtigen Sicherheitsdienst zu trotzen.
Ana Blandiana, die Tochter eines so genannten Volksfeindes, den man für viele Jahre in stalinistische Kerker geworfen hatte, wurde unter dem bürgerlichen Namen Otilia Valeria Coman in Temeschburg geboren. Ihr Pseudonym geht auf den Ort Blandiana zurück, wo ihre Mutter herstammte. Von sich selbst sagte die Dichterin, der es trotz massiver Diskriminierung gelang, ein bedeutendes poetisches Oeuvre zu schaffen, sie sei bereits als verbotene Dichterin bekannt gewesen, noch bevor man sie als eigentliche Dichterin kannte.
Nachdem sie 1988 mit einem Publikationsverbot belegt worden war, gelang es ihr erst nach der Revolution auch als Bürgerrechtlerin zu wirken. Sie übernahm die Präsidentschaft der Akademie für bürgerliche Freiheiten und leitet auch heute noch das Memorial Sighet - eine Gedenkstätte, die als ehemaliges Gefängnis für Gesinnungshäftlinge an die Opfer des Stalinismus und Kommunismus in Rumänien erinnert und heute als Ort der Begegnung und politischen Bildung dient.
Bei Doina Cornea, einer Philologieassistentin an der Universität Klausenburg, standen von Anfang an Dissidenz und antikommunistische Opposition im Vordergrund. Ihre gesellschaftskritischen Schriften verbreitete sie ab 1980 als Samisdat, als kleine, selbst gefertigte Heftchen und Büchlein mit originellen Ideen und ethischen Anregungen, die sie unter Freunden verteilte und die dann weiter kursierten - bis in die Finger der Sicherheit. Als Radio Freies Europa 1982 beim Ausstrahlen einer ihrer kritischen Stellungnahmen versehentlich ihren richtigen Namen nannte, in der Annahme es sei ein Pseudonym, begann für die damals Fünfzigjährige ein Leben der Verfolgung, Stigmatisierung und vielfacher Leiden.
Während unsere Klage gegen das totalitäre Regime in Bukarest gerade ihren Lauf nahm und in der Hauptstadt minutiös analysiert wurde, um dann zynisch beantwortet zu werden, wurde Doina Cornea systematisch verfolgt, arg schikaniert und praktisch bis zum Sturz des Diktators unter Hausarrest gestellt. Nur gelegentlich gelang es ihr die Isolation zu durchbrechen, um sich dann, wie 1987 beim Aufruhr von Kronstadt, zusammen mit ihrem Sohn auch physisch in die Schlacht zu werfen. Als in den Tagen revolutionärer Auseinandersetzung in Klausenburg die Kugeln auf die Straßen prasselten, war sie ebenfalls mittendrin. Während ihrer strammen Dissidenz wurde die Französischassistentin, die de Gaulle bewunderte und Frankreich sehr verbunden war, von der Französischen Botschaft in Bukarest, mit der sie wöchentlich kommunizierte, förmlich beschützt. Der heute noch im Internet abrufbare Bericht Rumänien: Dossier 666, den Mirel Bran in Le Monde veröffentlichte, fängt ihre Odyssee, deren Dimension erst nach der Öffnung der Akte deutlich wurde, treffend ein.
Doina Corneas Fall ist symptomatisch. Er ist ein gutes Beispiel dafür, wie aus einem bewussten Staatsbürger, der sich kritisch mit seinem Umfeld und dem politischen Regime auseinander setzt und an dieser Haltung konsequent Jahre hindurch festhält, ein Dissident und Bürgerrechtler wird.
Dank ihrer Initiativen entstand nach der Revolution das Antitotalitäre Demokratische Forum und andere Organisationen der Kultur und des sozialen Dialogs, die einzelne Strömungen der Opposition zur Demokratischen Konvention Rumäniens zusammen führten. Doina Cornea legte neben unzähligen journalistischen Beiträgen auch einige Buchveröffentlichungen vor, unter anderen das 1990 in Paris und Bukarest edierte Werk Freiheit?
Intellektuelle Distanzierung - Tudoran und Tismàneanu
Vieles an politischem Machtmissbrauch vollzog sich über den uneingeschränkt agierenden Sicherheitsdienst im Verborgenen. Nur die Opfer nahmen Kenntnis davon. Von der Dissidenz junger Dichter um Dan Petrescu in Iasi, von Dorin Tudoran, Norman Manea und von dem Wirken des lange verfolgten Philosophen Constantin Noica, der ebenfalls viele Jahre seines Lebens in Kerkern verbracht hatte, erfuhr kaum jemand etwas.
Dorin Tudoran, gleich Blandiana in Temeschburg geboren, Jahrgang 1945, war ein leiser Dissident, ein sanfter Lyriker, der im stillen Kämmerlein seine Verse zimmerte und auf eigene Weise an der heuchlerischen Umgebung litt. Als er die Diskrepanz zwischen Schein und Wirklichkeit nicht mehr ertragen konnte, entschloss er sich wie viele andere geistige Menschen zur Ausreise und versuchte dann, vom Gefühl des leisen Verzweifelns geleitet, mit der minderjährigen Tochter diesen Ausbruch in die Freiheit zu forcieren. In seinem Sendschreiben an Staatschef Ceausescu schrieb Tudoran: Als Schriftsteller, Bürger und Vater bin ich endgültig überzeugt davon, dass zwischen meinem tiefsten Glauben an den Menschen und an seine unverzichtbaren Rechte, an Freiheit und Demokratie, an Dialog und Meinung, an Ehrlichkeit und Ethos, an Patriotismus und Opfergeist usw. und den rumänischen Wirklichkeiten von heute eine unüberwindbare Kluft besteht.
Ähnliches hatte ich über Jahre selbst durchgemacht, von den gleichen Beweggründen getrieben. Und viele Intellektuelle und weniger intellektuelle Aufrichtige und wahrhaftig Fühlende sollten noch folgen. Nachdem ihm ein Strafprozess angedroht wurde, trat der Poet, der immerhin bereits mehrere Gedichtbände vorgelegt hatte, in einen Hungerstreik und erzwang über diesen Protestakt die Ausreise in die Vereinigten Staaten.
Im amerikanischen Exil traf er auf den bereits 1981 geflohenen Vladimir Tismàneanu, der dem Regime um Ceausescu bewusst den Rücken gekehrt hatte, obwohl er zu jener Gruppe Privilegierter im Land gehört hatte, zur Nomenklatur. Als Sohn jüdischer Linksintellektueller, die im Spanienkrieg auf der Seite der Antifaschisten gekämpft hatten, hätte Vladimir Tisma˘neanu, der spätere Koordinator der Präsidentenkommission zur Analyse der kommunistischen Diktatur in Rumänien, durchaus in Ceausescus Diktatur überleben können, wenn nicht auch er von ideellen Wertvorstellungen geleitet worden wäre, die ihn gezielt auf Distanz gehen ließen. Das Fehlen der Freiheit gerade im Denken wurde ihm, dem gleich nach dem Studium Kaltgestellten, irgendwann unerträglich: Ich konnte die permanente Aggression gegen den freien Geist einfach nicht mehr aushalten. Gleich anderen Kollegen und Freunden, hatte im Bezug auf den grotesken Personenkult, auf die öffentliche und tatsächliche Lüge, in der wir lebten, ich die Grenzen der Geduld erreicht. Wie ich in meinem späteren Büchern festhielt, fragte ich mich immer wieder, weshalb nicht auch wir einen Michnik, einen Havel oder einen Sacharow haben. Grenzenlos bewunderte ich jene, die sich dem System widersetzten - und ich bewundere sie immer noch; und ich kann es nur beklagen, dass es in Rumänien keine kollektive Dissidentenbewegung gab. Es gab allerdings Einzeldissidenten - und sie sollten ihrem Wert entsprechend geschätzt werden, sagte er in einem Gespräch, im welchem er auf die Beweggründe seiner Flucht nach Amerika einging.
Die These Tismàneanus von einer fehlenden Dissidentenbewegung, der ich als drei Jahre lang aktiver Dissident in Rumänien schon aufgrund eigener Erfahrungen widersprechen muss, verweist darauf, dass die dissidenten Bewegungen im Land, allen voran die SLOMR-Bewegung noch nicht wirklich wissenschaftlich aufgearbeitet und analysiert wurden.
Die Freie Gewerkschaft war keine reine Arbeiterbewegung, wie oft angenommen, und wurde auch nicht, wie ebenfalls von Analytikern betont, von Intellektuellen für die Arbeiterschaft konzipiert, sondern sie ist darüber hinausgehend ein freier Zusammenschluss von Werktätigen aller Berufe und Arbeitsverhältnisse - und als freie Überorganisation verkörperte sie ein Sammelbecken für dissidente Strömungen aller Art, die einen Fokus suchten. Das Fehlen einer prominenten Führungspersönlichkeit war nur ein kleiner Nachteil, wie das Beispiel in der Danziger Werft beweist - Walesa war kein Intellektueller! Die SLOMR-Bewegung, die eindeutig organisierte und somit kollektive Dissidenz verkörpert, scheiterte an den äußerst repressiven Bedingungen der Diktatur in Rumänien. Im späteren Dialog mit Tisma˘neanu, der geführt wurde, als die erste Fassung der Analyse bereits veröffentlicht war, habe ich mehrfach darauf hingewiesen und Wert darauf gelegt, diese Argumente in die Forschung einfließen zu lassen. Was davon noch in den Endbericht zur Analyse der kommunistischen Diktatur in Rumänien an präsentierten Fakten und Interpretationen eingeflossen ist, in ein enges Kompendium, das keine differenzierte Diskussion erlaubt, entzieht sich meiner Kenntnis.
Norman Manea, ein anderer Schriftsteller jüdischer Herkunft, der sich dem Emigrationsdruck, dem die Juden wie die Deutschen im Land ausgesetzt waren, nicht entziehen konnte, fand erst Gehör, als seine Bücher in den Vereinigten Staaten veröffentlicht wurden. Der Philosoph Noica hingegen, der unbequeme Literat Caraion und andere wurden als ehemalige und künftige Zuchthäusler diffamiert und geschnitten.
Auch manche der nicht gerade linientreuen Dichter und Schriftsteller, die in deutscher Sprache veröffentlichten, konnten sich den Schikanen des Geheimdienstes nicht entziehen und wurden als unbequeme Zeitzeugen zum Teil gegen ihren Willen aus dem Land gedrängt selbst auch diejenigen, die nur loyale Kritik üben und keine Dissidenten sein wollten!
Der Tod geht um - Marin Preda, prominentestes Securitate-Opfer?
Ab 1980, zu einem Zeitpunkt, als ich kaum erst den Westen erreicht hatte, kam es in rumänischen Schriftstellerkreisen zu rätselhaften Todesfällen. Dan Desliu, ein ehemaliger Systemlobhudler, dessen Lobeshymnen auf die Partei ich noch in meinen Schulbüchern ertragen musste, ein eindeutiger Profiteur der kommunistischen Verhältnisse, durchlief in seiner letzten Lebensphase ein Saulus-Paulus-Erlebnis und wandelte sich zu einem Kritiker der einst verherrlichten Ideologie. Noch bevor er seine Glaubwürdigkeit als Dissident begründen konnte, verstarb er nach einem Verkehrsunfall. Ein Zufall? Man weiß es nicht genau.
Doch Marin Preda, ein über die Grenzen seines Landes hinaus bekannter Romancier, war das wohl prominenteste Opfer. Er starb, vermutlich mit einem Kissen erstickt, in einem Dichterrefugium im Palais Mogosoia - wahrscheinlich von Geheimdienstschergen ermordet, weil er ein Werk verfasst hatte, das nicht mehr so ganz in die Welt des sozialistischen Realismus passen wollte: Der geliebteste der Irdischen. War doch in diesem Werk eine bewusste Absetzung vom Titan der Titanen, vom allerliebsten Sohn des Vaterlandes, nicht zu verkennen. Schon der mutige Umgang mit einer Apposition, die nur dem Conducator - dem Führer vorbehalten war, konnte selbst einem etablierten Schriftsteller zum Verhängnis werden. Nach außen hin war Predas Abgang ein frei gewählter Tod, bedingt durch Drogen und Alkohol. Ion Caraion, der selbst befürchtete, der nächste auf der Exterminierungsliste zu sein, berichtete mir in Lausanne von der Genese des Werks und verwies darauf, dass Preda, mit dem er lange befreundet war, zahlreiche Passagen aus Caraions Gefängnisaufenthalten in das Mammutwerk von weit über tausend Seiten eingearbeitet hatte. Hatte nun Preda, der es in Delirium schon gewagt hatte, ein Tabu zu berühren, seiner Unantastbarkeit vertrauend wiederum unvorsichtig agiert? Oder handelte er nach langem Überdruss und in innerer Dissidenz gleich Caraion und anderen - letztendlich doch noch mutig? Die indirekte Rehabilitation von Marschall Antonescu in dem Werk Delirium hatte seinerzeit Moskau provoziert und auf den Plan gerufen. Mit welcher Konsequenz? Viele Fragen sind nach wie vor unbeantwortet. Preda, ein großes Talent unter den Romanciers der Gegenwart, nahm sein Geheimnis mit ins Grab. Intellektuelle Courage war nicht immer erfolgreich.
Der Mord an Gheorghe Ursu
Es gab manche Opfer. Darunter viele unbekannte Namen. Im Jahr 1985, als die Gesamtsituation in Rumänien zunehmend spürbar verfiel und das Leiden weite Teile der Bevölkerung erfasste, wurde der rumänische Ingenieur und Dichter Gheorghe Ursu in Securitate-Haft ermordet. Wer wusste etwas davon?
Ursu, der auch literarisch tätig war, hatte bis dahin kaum etwas veröffentlichen können - bis auf den Band Immer zu zweit, der von seiner Freundin Nina Cassian, einer Dichterin jüdischer Herkunft, die zunächst als Proletkultistin debütiert hatte, eingeleitet worden war. Nach der Verfolgung und letztendlichen Ermordung ihres guten Bekannten im Gefängnis zog es Nina Cassian, die auch als Komponistin hervorgetreten war, vor, von einer Reise in die Vereinigten Staaten nicht mehr zurückzukehren.
Ursu, der Verfasser eines bis heute unauffindbaren intimen Journals, war von einem systemloyalen Arbeitskollegen, der von seinem kritischen Projekt wusste, verraten und an die Securitate ausgeliefert worden. Der Schriftsteller Gheorghe Ursu starb schließlich an den Folgen einer brutalen Tätlichkeit eines Mithäftlings, eines kriminell geworden Securitate-Offiziers, die in der Calea Rahovei durchgeführt worden war - genau an jenem Ort, wo ich einst die Konfrontation mit dem inkarnierten Bösen hatte erleben müssen, ohne zu wissen, dass sich unter mir auch noch Folterverliese befanden, wo Menschen zu Tode gemartert wurden.
Ausgleichende Gerechtigkeit, die den toten Dichter aber nicht mehr wiedererwecken konnte, kam erst spät - und dann nur halbherzig als letztendlich verhöhnende Farce. Zwar wurden nach den vielfältigen Bemühungen der Familie in den Jahren 1999 bis 2003 Gheorghe Ursus Mörder formal zu zwanzig Jahren Gefängnishaft verurteilt. Doch diese Verurteilung, die schon nach wenigen Jahren erledigt sein sollte, traf nur einen gemeinen Verbrecher, den als Spitzel eingesetzten Mithäftling, der Ursu getreten und tödlich verletzt hatte. Die eigentlichen Auftraggeber, mehrere bekannte Securitate-Offiziere höheren Rangs, kamen ungeschoren davon genau wie diejenigen, die später die Öffentlichkeit auf das angebliche moralische Versagen eines Ion Caraion, eines toten Dichters, lenkten.
Gegen die vielen Schreibtischtäter aus den hohen Etagen der Securitate, die in Ursu nur einen Routinefall sahen, an den sie sich nicht mehr erinnern wollten, wurde nicht einmal Anklage erhoben. Das war Vergangenheitsbewältigung neuester Art. Auch eine Petition führender Intellektuellen im Land, die einem moralischen Aufschrei gleichkommt, brachte keine Veränderung.
Die Weiße Rose von Bukarest - individuelle und kollektive Protestaktionen
Nach Ursus Tod ging der Protest weiter. Je mutiger die Menschen wurden und je deutlicher sich die Lebensbedingungen der Menschen verschlechterten, desto brutaler wurde die Vorgehensweise der Geheimpolizei und der Justiz.
Als der junge Ingenieur Radu Filipescu - vielleicht nach dem Vorbild der Geschwister Scholl und der Weißen Rose - Anti-Ceausescu-Flugblätter in die Briefkästen seiner Bukarester Landsleute steckte und zum offenen Protest gegen die Diktatur aufrief, wurde er dafür kurz darauf zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt. Die Diktatur wehrte sich nun immer massiver und ließ radikal durchgreifen. Jede auch noch so kleine oppositionelle Bewegung war mit drakonischen Maßnahmen zu stoppen. Der Befehl dazu, der in unserem etwas delikateren Fall noch die Empfehlung von Samthandschuhen nahe legte, kam vermutlich von ganz oben.
Im Jahr 1983, also zu einem Zeitpunkt, als das Regime in Bukarest sich bereits gegen die in Genf auf den Weg gebrachte Klage öffentlich zur Wehr setzen musste, gründete der Fernsehtechniker Dumitru Iuga zusammen mit sechs weiteren Jugendlichen die Organisation Bewegung für Freiheit und soziale Gerechtigkeit. Im Verhältnis zur Freien Gewerkschaft rumänischer Werktätiger SLMOR, die in weiten Teilen des Landes Verbreitung fand, war diese Bewegung für Freiheit sicher nur eine kleine Gruppierung. Das Regime jedoch ahndete dieses erneute Aufbegehren gleich mit dem zwanzigfachen unseres Strafmaßes, nämlich mit zehn Jahren Haft.
Jeder Widerstand musste um jeden Preis vermieden werden. Die Repression verschärfte sich zunehmend. Während einzelne regimekritische Intellektuelle das Land für immer verlassen mussten und Kunstschaffende wie Doina Cornea, Ana Blandiana und Mircea Dinescu mundtot gemacht wurden, griff der Protest allmählich auf die breite Arbeiterschaft über.
Im Jahr 1987 kam es anlässlich einer Lokalwahl zu einer großen Arbeiterkundgebung in dem Kronstädter Werk Steagul Rosu. Bevor viele Dutzend Arbeiter verhaftet und die Rebellion niedergeschlagen wurde, war es zu verheerenden Übergriffen auf Einrichtungen der Partei gekommen - als Spontanreaktion der jahrelang Hungernden und Darbenden und inzwischen zu Lumpenproletariern reduzierten Menschen. Was daraufhin folgte, konnte selbst im Westen nicht mehr ignoriert werden: die Revolution von Temeschburg, die den Anfang vom Ende der Diktatur einleitete.
|